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Aida

Opera lirica in vier Akten
Libretto von Antonio Ghislanzoni nach einem Entwurf von Auguste Mariette
ausgearbeitet von Camille Du Locle in Zusammenarbeit mit Giuseppe Verdi
Musik von Giuseppe Verdi

in italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h 15' (eine Pause)

Premiere der Deutschen Oper Berlin am 22. November 2015


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Deutsche Oper Berlin
(Homepage)
Ein Wurstbrot für Radames

Von Roberto Becker / Fotos: © Marcus Lieberenz

Wenn Benedikt von Peter Regie führt, dann kann man im Vorfeld darauf wetten, dass er einige der Hauptakteure des betreffenden Stückes verschwinden lässt. Bei seiner Traviata in Hannover beließ er alle Figuren um Violetta herum im Dunkeln. Beim Don Giovanni am selben Haus war sogar der Titelheld selbst unsichtbar. Da hatte uns der Regisseur kurzerhand allesamt in den Kopf des Verführers verfrachtet und die Frauen und die Welt mit seinen Augen sehen lassen. So abenteuerlich das auch klingt - es hat in beiden Fällen fabelhaft funktioniert. Von Peter ist ein Regisseur, der mit radikalem Perspektivenwechsel verblüffen kann. Manchmal bringt er damit natürlich auch einen Teil der Zuschauer in Rage.

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Triumph? Fragt sich nur, für wen.

Bei seiner jüngsten Aida an der Deutschen Oper Berlin ist ihm beides gelungen. Ob Aida selbst mitspielt ist dabei nicht einmal eindeutig auszumachen. Sie ist zwar für uns und damit wohl auch für Radames und Amneris, um deren Beziehung es diesmal vor allem geht, zu sehen. Aber man ist sich nicht sicher als was. Vielleicht nur als Imagination, als ein Traumbild von einem anderen Leben? In seinen Händen hält Radames immer nur das rüschige weisse (Braut-?)Kleid, in dem Aida durchs Bild schreitet. Das ist auch am Ende so, wenn die beiden eigentlich in der verschlossenen Gruft ihren makabren Liebestod sterben, den die priesterlichen Betonköpfe über den in ihren Augen zum Verräter gewordenen Helden verhängt haben. Aida schließt sich ihm an - und Verdis Musik steigert sich in einen Traum von einer anderen Welt. Bei Peter Konwitschny (nach Hans Neuenfels' legendärer Neudeutung dieser späten Verdi-Oper 1981) Mitte der Neunziger in Graz die zweite radikale Neudeutung lieferte, öffnet sich zu dieser Musik nicht nur die Gruft sondern gleich das ganze Theater. Beide gehen da gemeinsam in eine andere Welt und Zeit. Hier sah man auf einmal, was man hört, wenn man die Augen schließt. So pathetisch wird es in Berlin nicht. Oder auf andere Weise. Aida sieht man aus der Ferne, hoch oben im Rang. Radames drückt unten auf der Bühne nur ihr Kleid an sich. Und eine verzweifelte Amneris legt dazu einen Selbstmordversuch mit dem Küchenmesser hin, der wie der letzte Verzweiflungsschrei einer Frau wirkt, die den Kampf und den geliebten Mann endgültig verloren hat. Da wir vorher vor allem Zeugen von Szenen einer Ehe waren, die eigentlich aus seiner Sicht keine ist, hat das eine gewisse Konsequenz. Doch dieses Beziehungspathos wird als Geste sogleich wieder entlarvt, also gebrochen: Noch bevor das Licht im Saal verlischt steht Amneris einfach wieder auf.

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Amneris schmiert für Radames die Wurstbrote.

Natürlich ist Aida immer auch ein solches Beziehungs-Kammerspiel. Aber hinzu kommt eben die große Haupt- und Staatsaktion. Die Nominierung von Radames zum Heerführer im bevorstehenden Krieg, der Triumph des heimkehrenden Helden nach dem Sieg, seine Ehrung durch den König und die Bitte um Begnadigung der Gefangenen. Schließlich hat es der bombastische Triumphmarsch in sich. Eigens konstruierte Trompeten, wüste Rachewünsche und Todesdrohungen der Sieger gegen die Gefangenen und dazu ein Ballett, das man szenisch irgendwie über die Runden bringen muss…. Das ist eine Steilvorlage für Ausstattungsexzesse a la Franco Zeffirelli oder die Arena von Verona.

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Aida - reale Geliebte oder ein Traumbild?

Die szenische Komplett-Verweigerung dieses Aufmarsches und der Sklavenfolklore ist dann natürlich auch ein Statement. Eins, über das sich ein Teil des Publikums mit Lust aufregen kann. Das war bei Konwitschny so, der das Spektakel sozusagen aus der VIP-Lounge der Kriegsherren verfolgte, die mit Sektflöten und Narrenhütchen ausgestattet waren. So ähnlich ist es auch hier, wo es zum Triumphmarsch nur die gigantische Musik samt sichtbar aufgestellter Aida-Trompeten und einen ziemlich bedrückt wirkenden Radames gibt, dem Amneris lauter herausgerissene Kriegs- und Flüchtlingselendsbilder aus einer Tageszeitung von heute auf den Oberkörper klebt. Dieses ganz nüchterne Konterkarieren der Musik sitzt. Zumindest, wenn man sie nicht an den Klischee-Erwartungen misst, die manch einer so hat.

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Radames ist allein.

Wobei die Fantasie der Zuschauer an diesem Abend schon gefragt ist. Auf der Spielfläche über dem geschlossenen Graben gibt es nur einen Frühstückstisch. Mit Nil-Landkarte, Pyramidenfoto und Tageszeitung neben der Kaffeetasse und dem Wurstbrot, das Amneris ziemlich ruppig für Radames schmiert. Darüber eine Leinwand, die den Blick auf diesen Tisch zum bewegten Stilleben macht. Das Orchester und der vor ihm wild rudernde und hüpfende, dabei den Klang aufschäumende Dirigent Andrea Battistoni befinden sich auf der Hinterbühne. Sie sind durch die transparente Gaze immer zu sehen. Der eigentliche musikalische Clou dieser Produktion ist aber die Positionierung der Chormasse in den Zuschauerreihen. Dadurch kommt eine Nähe zustande, die unmittelbar trifft und hineinzieht. Es treibt die Sänger aus den Sitzen und zu Gesten, wenn sie im Halbdunkel singen. Dann verschwinden sie wieder in der Masse. Vor dem Schlussapplaus bekommt man weder den Oberpriester Ramfis (Simon Lim), noch den König (Ante Jerkunica) oder den gefangenen Amonasro (Markus Brück) zu sehen. Sie alle sind nur machtvoll aus der Dunkelheit des Ranges zu hören. Szenisch ist das die Konsequenz der Konzentration aufs Beziehungs-Kammerspiel. Das lebt von Alfred Kims strahlkräftigem Radames, Anna Smirnovas fulminanter Amneris und Tatjana Serjnas exzellent aufleuchtender Aida. Das Publikum steuerte nach dem letzen Ton seine eigenen Pro- und Contra-Chöre für die Inszenierung bei.


FAZIT

Dise neue Aida begeistert musikalisch, die Inszenierung von Benedikt von Peter spaltete das Publikum. Das nahm die akustischen Perspektivveränderung weit neugieriger auf als die der Regie. Ein überraschender spannender Abend, bei dem man versuchen sollte, einen Platz im Parkett zu ergattern.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Andrea Battistoni

Inszenierung
Benedikt von Peter

Bühne
Katrin Wittig

Kostüme
Lene Schwind

Video
Bert Zander

Chöre
William Spaulding

Dramaturgie
Dorothea Hartmann



Chor der Deutschen Oper Berlin

Das Orchester der
Deutschen Oper Berlin


Solisten

Der König
Ante Jerkunica

Amneris
Anna Smirnova

Aida
Tatiana Serjan

Radames
Alfred Kim

Ramfis
Simon Lim

Amonasro
Markus Brück

Ein Bote
Attilio Glaser

Eine Priesterin
Adriana Ferfezka







Weitere
Informationen

erhalten Sie von der
Deutschen Oper Berlin
(Homepage)



Da capo al Fine

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