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Vec Makropulos
(Die Sache Makropulos)


Oper in drei Akten
Musik von Leoš Janáček
Text vom Komponisten nach der gleichnamigen Komödie von Karel Čapek


in tschechischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 30' (eine Pause)

Premiere der Deutschen Oper Berlin am 19. Februar 2016


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Deutsche Oper Berlin
(Homepage)
Die Zeit ist aus den Fugen

Von Roberto Becker / Fotos: © Bernd Uhlig

Am Ende flieht diese Frau in den Tod. Der ist hier die Erinnerung an eines ihrer früheren Leben. Oder an die Bühne, auf der sie seit über dreihundert Jahren zu Hause ist. Wenn auch Karel ?apeks Vorlage für Leoš Janáčeks Oper Die Sache Makropulos eine Komödie gewesen sein mag, auf der Opernbühne gibt es so gut wie nichts zu lachen. Vor allem nicht für Emilia Marty. Dass sie versucht, aus einem uralten und von ganzen Generationen von Anwälten am Leben gehaltenen Erbschaftsstreit ein Dokument loszueisen, das sie für sich reklamiert und von dem sie bis auf die Schublade genau weiß, wo es verwahrt wird, ist da noch das geringere Problem. Sie jedenfalls blickt durch in all dem Wer, Warum und Wo. Darum kann man sie beneiden. Und es dabei bewenden lassen. Das eigentliche Problem liegt dahinter.

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Die müde Diva

Und es bricht auf, wenn sie Erfolg mit ihren Bemühungen hat und wieder in den Besitz jenes Dokumentes gelangt, in dem ihr Vater einst die Rezeptur für das Elixier niedergeschrieben hat, das er für seinen Dienstherrn Kaiser Rudolf II. erfunden hatte, dann aber an seiner Tochter ausprobieren musste. Der Kaiser hatte diesen - wie die Dinge liegen ziemlich unlogischen - Versuch angeordnet und seinen Ausgang - in diesem Fall logischerweise - nicht erlebt. Dafür trieb es nun die nur sehr, sehr langsam alternde Elena durch die Jahrhunderte, die Betten diverser Männer und über die Bühnenbretter, die die Welt bedeuten. Sie hat sich mit ihrer Unsterblichkeit arrangiert, wenn es Zeit war, die Identität gewechselt, dabei aber stets die Initialen ihres Namens beibehalten. So stand das E ihres Vornamens für Elena, Ellian, Eugenia, Ekaterina oder Elsa bis Emilia. Und das M des Nachnamens für Makropulos, MacGregor, Montez, Mysink, Müller bis Marty.

Regisseur David Herrmann lässt diese und unzählige andere Buchstaben- und Namenskombinationen rasend schnell in einer Projektion auf dem Vorhang ablaufen. Irgendwann halten sie an und verwandeln sich in die Formel, auf die man dieses Leben bringen könnte: "E.M. = me". E.M. bin ich. Doch diese E.M. ist müde. Sie kennt die Schattenseiten der von vielen erwünschten Unsterblichkeit. Die bedeutet unter lauter Sterblichen nämlich vor allem Verluste. Abschiede. Einsamkeit. Am Ende innere Kälte.

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Die Männer umschwirren sie nicht, sie bedrängen sie.

In Herrmanns Inszenierung gibt der Vorhang bald den Blick auf die Bühne dieses Lebens frei. Zunächst auf die zweigeteilte Anwalts-Kanzlei von Dr. Kolenatý. Links die im Ambiente des Einst ihrer Erinnerung. Rechts die im Hier und Jetzt, also den 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts. Hermann lässt uns auch sonst sehen, was E.M. sieht. Ihre vielen alter egos aus der Vergangenheit etwa. Frauen in der entsprechenden Mode der Zeit. Sie umgeben E.M. wie ein Chor und bewegen sich wie sie selbst. Am Ende liegt jede von ihnen auf einer Liege an der Rampe - wie bei einem noblen Sonnendeck. Die Männer und die junge Kristin sitzen jeweils an den Kopfenden und die Frauen schlucken alle jenes Papier mit dem Rezept für die ewige Jugend herunter. Man versteht, was Hermann meint, auch wenn die Zuordnungen in dieser Szene nicht zwingend sind. Ein hübscher Effekt, der so ungefähr stimmt, ist das allemal. In diese Kategorie gehören auch die Videoeinspielungen, mit denen Martin Eidenberger die Umrisse der Bühnenräume nachzeichnet und manchmal verwackeln lässt. Das sind die Wahrnehmungsirritationen, wenn die Zeit aus den Fugen ist.

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Emila und ihr alter Freund Hauk-Sendorf

Insgesamt versucht die Regie mit Erfolg, die Geschichte von der bloßen Nacherzählung in die psychischen Abgründe zu weiten, sie mit den Augen der Heldin zu sehen. Diese Abgründe sind dann eben nicht nur ihre Erinnerung an sich selbst und ihre Männer präsent, sondern ihr erscheint dann auch der einzige, der aus ihrer Vergangenheit noch übrig ist, nämlich der sichtbar und ordnungsgemäß gealterte Hauk-Sendorf, als ein alter Clown des Lebens.

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EM und ihre Alter Egos

Für eine so psychologisierende Sicht auf das Stück ist eine charismatische Sängerdarstellerin wie Evelyn Herzlitzius genau die Richtige. Mag sein, dass ihr manchmal flackerndes Timbre Geschmacksache ist, aber die großen Strauss-Partien vermag sie sich genauso anzuverwandeln wie Janáčeks Emilia Marty. Sich rückhaltlos wie immer in diese Rolle werfend, ist Helitzius das Zentrum der Aufführung. Ohne freilich das Ensemble um sie herum an die Wand zu drängen. Was auch schwer wäre, bei einem so markanten Albert Gregor wie Ladislav Elgr oder einem so präsenten Jaroslav Prus wie Derek Welton. Doch auch Gideon Poppe als sein tapsiger und sich umbringender Sohn Janek und natürlich der Wagner-Recke Robert Gambill als Hauk-Sendorf oder die phänomenale junge Altistin Rebecca Raffell als Aufräumfrau profilieren sich ebenso wie Seth Carivo als Anwalt Dr. Kolenaty, Paul Kaufmann als Vitek und Jana Kurucová als Krista. Aus dem Graben setzten Donald Runnicles und das Orchester der Deutschen Oper eher auf das Schwelgen im großen spätromantischen Ton und nicht so sehr auf die zugespitzte Eloquenz eines Janáček-Sound, der mit seiner Gesang gewordenen Sprachmelodie fasziniert.


FAZIT

Der Deutsche Oper ist mit dieser Sache Makropulos eine überzeugende Fortsetzung ihres Janáček-Zyklus gelungen.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Donald Runnicles

Inszenierung
David Hermann

Bühne und Kostüme
Christof Hetzer

Licht
Ulrich Niepel

Video
Martin Eidenberger

Chöre
William Spaulding

Dramaturgie
Anne Oppermann
Yvonne Gebauer



Opernballett der Deutschen Oper Berlin

Chor der Deutschen Oper Berlin

Das Orchester der
Deutschen Oper Berlin


Solisten

Emilia Marty
Evelyn Herlitzius

Albert Gregor
Ladislav Elgr

Dr. Kolenatý
Seth Carico

Vítek
Paul Kaufmann

Krista
Jana Kurucová

Jaroslav Prus
Derek Welton

Janek
Gideon Poppe

Hauk-Sendorf
Robert Gambill

Ein Theatermaschinist
Andrew Harris

Eine Aufräumefrau
Rebecca Raffell

Kammerzofe
Adriana Ferfezka







Weitere
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Deutschen Oper Berlin
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