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Musiktheater
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La scala di seta
(Die seidene Leiter)

Farsa comica in einem Akt
Libretto von Giuseppe Foppa nach L'échelle de soie von François Antoine Eugène de Planard
Musik von Gioachino Rossini


In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 1 h 40' (keine Pause)

Premiere im Stadttheater Bielefeld am 28. November 2015


 

Logo: Theater Bielefeld

Theater Bielefeld
(Homepage)

Willkommen in der Kneipe

 Von Thomas Molke / Fotos von Paul Leclaire

Als Gioachino Rossini im Teatro San Moisè in Venedig seine zweite Farsa L'inganno felice zur Uraufführung brachte, war der Erfolg so überwältigend, dass der dortige Impresario Antonio Cera in sofort für drei weitere Farse verpflichtete. Diese Gattung war im opernbegeisterten Venedig zur damaligen Zeit ein absoluter Renner, da die Werke ohne großen Etat auf die Bühne gebracht werden konnten. So gab es ein Kosten sparendes Einheitsbühnenbild, und das Personal war auf wenige Charaktere begrenzt. Auf einen Chor wurde vollständig verzichtet, und auch das Orchester wurde reduziert. Bei den anspruchsvollen Venezianern waren die Farse aufgrund der immer neuen Stoffe und des virtuosen Gesangs sehr beliebt. Dass Rossini mit La scala di seta allerdings nicht an den Erfolg von L'inganno felice anschließen konnte, mag unter anderem daran gelegen haben, dass er im Jahr der Uraufführung insgesamt fünf Opern komponierte. So ließ er aus Zeitgründen seinen Librettisten Giuseppe Foppa einfach die vier Jahre vorher in Paris uraufgeführte Opéra comique L'échelle de soie von Pierre Gaveaux ins Italienische übersetzen. Ein Großteil des Publikums dürfte zwar die französische Oper nicht gekannt haben, sah allerdings in dem Stück bloß eine fantasielose Abänderung der damals auch in Venedig viel gespielten Oper Il matrimonio segreto von Domenico Cimarosa.

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Giulia (Cornelie Isenbürger) bittet Germano (Caio Monteiro) um Hilfe.

Dabei ist die Grundidee auch bei Cimarosa nicht neu und geht zurück auf eine 1766 in London unter dem Titel The Clandestine Marriage aufgeführte Komödie von David Garrick und George Colman. Die Waise Giulia hat heimlich ihren Geliebten Dorvil geheiratet und empfängt ihn jede Nacht in ihrer Kammer. Doch ihr Onkel und Vormund Dormont plant, sie mit dem vermögenden Blansac zu verheiraten, in den Dormonts Tochter und Giulias Cousine Lucilla verliebt ist. Giulia will Blansac mit ihrer Cousine verkuppeln und spannt Germano, den Diener ihres Onkels, als Komplizen ein. Dieser wiederum weiß nicht, dass Giulia bereits verheiratet ist, und redet sich ein, dass Giulia seine Gefühle für sie erwidert und deshalb Blansac nicht heiraten will. Blansac hingegen betrachtet Giulias Weigerung als Herausforderung und beabsichtigt nun erst recht, sie zu erobern. So kommt es zu zahlreichen Verwicklungen, an deren Ende es dann dennoch mit Giulia und Dorvil beziehungsweise Lucilla und Blansac zwei glückliche Paare gibt.

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Dorvil (Lianghua Gong, unter dem Tisch) beobachtet eifersüchtig, wie Blansac (Yoshiaki Kimura, Mitte) Giulia (Cornelie Isenbürger) umwirbt (im Hintergrund von links: Germano (Caio Monteiro) und Jörg Lemm als Stammgast).

Das Regie-Team um Nina Kühner greift in der Inszenierung die turbulente und verdrehte Musik Rossinis wunderbar auf und präsentiert eine temporeiche Slapstick-Komödie, die dem Publikum beste Unterhaltung bietet. Der Titel der Oper steht dabei für eine leicht heruntergewirtschaftete Eckkneipe, die kurz vor dem Abriss steht, wie ein flackernder Buchstabe an der Außenfassade schon zu Beginn andeutet. Kneipenbesitzer Dormont, der optisch an einen Mafioso erinnert, will dieses Objekt an den "Immobilienmogul" Blansac verkaufen und sieht in der Ehe seinem Mündel Giulia eine wunderbare Grundlage für diesen Vertrag. Mit großer Detailfreude hat Hanna Zimmermann die Kneipe ausgestattet. Da darf natürlich der Flipper neben dem Tresen genauso wenig fehlen wie die zahlreichen Bilder und die kleine kitschige Madonnenfigur an der Wand. Durch Einsatz der Drehbühne wird auch ein Blick auf die Außenfassade ermöglicht. In diesem Ambiente entfachen die Solisten musikalisch und darstellerisch ein Feuerwerk der Komik.

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Lucilla (Nohad Becker, unter dem Tisch) und Germano (Caio Monteiro) belauschen Giulia (Cornelie Isenbürger).

Das beginnt bereits vor der Ouvertüre. Während die Zuschauer noch in den Saal strömen, herrscht auch in der Eckkneipe regelrechter Trubel. Wenn die Kneipe dann geschlossen wird, richtet sich Giulia mit drei umgekippten Tischen als Rückwand, einem Kissen, einer Decke und mehreren Kerzen ein Schlafzimmer ein. Der Geheimweg in dieses Zimmer führt hierbei nicht über eine seidene Leiter sondern durch einen Lüftungsschacht, durch den Dorvil zu den ersten Takten der Ouvertüre erscheint. Die Komik wird am Premierenabend noch dadurch unterstrichen, dass die beiden kleinen Kinder des Tenors Lianghua Gong im Publikum sitzen, und ein Kind den "Papa" lautstark begrüßt, als er durch den Lüftungsschacht auftritt. Dann wird erst einmal der Vorhang geschlossen, und Cornelie Isenbürger macht als Giulia dabei dem Publikum klar, dass sie für die nächsten Szene mit ihrem Geliebten Dorvil im Bett keine Zuschauer haben möchte. Nun tritt Caio Monteiro als verschlafener Diener Germano vor dem Vorhang auf, der nun im Takt zur Ouvertüre mehr oder weniger eifrig seinen Dienstpflichten nachkommt. Monteiro beweist dabei großes tänzerisches und komödiantisches Potenzial. Der weitere Verlauf des Abends hält das Tempo, das Kühner in ihrer Personenregie bereits für die Ouvertüre vorgegeben hat. So gibt es ein munteres Versteckspiel unter den Tischen, hinter irgendwelchen Blumenkübeln, die dabei verrückt werden, oder sogar Bilderrahmen. Da wird eine Tür aus den Angeln gehoben und über die Bühne gefahren, und Giulia und Germano treten in witzigem Agenten-Outfit auf, wenn sie Blansac und den Vormund belauschen wollen. 

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Glückliches Finale: von links: Dormont (Vladimir Lortkipanidze), Germano (Caio Monteiro), Dorvil (Lianghua Gong), Giulia (Cornelie Isenbürger), Lucilla (Nohad Becker) und Blansac (Yoshiaki Kimura)

Musikalisch überzeugen die Solisten an diesem Abend auf ganzer Linie. Cornelie Isenbürger begeistert als Giulia mit strahlenden Höhen und beweglichen Koloraturen. Darstellerisch beweist sie großes komisches Talent, wenn sie verzweifelt versucht, Herrin der Lage zu bleiben und jeden vor jedem zu verstecken, oder als betont graue Maus Blansac zum ersten Mal gegenübertritt, um ihn von seinen Heiratsabsichten abzubringen. Lianghua Gong stattet den Dorvil mit geschmeidigem Tenor aus, dem auch die Spitzentöne sauber gelingen. Yoshiaki Kimura überzeugt als Blansac mit einem profunden Bass und machohaftem Spiel. Nohad Becker legt die Partie der Lucilla im pinkfarbenen Kleid mit rosa Blumen im Haar und Dauerlutscher im Mund wie eine Lolita an und gefällt durch voluminösen Mezzo.  Caio Monteiro begeistert als Germano stimmlich mit beweglichem Buffo und macht den leicht tölpelhaften Diener zum absoluten Publikumsliebling. Vladimir Lortkipanidze gefällt in der recht kleinen Partie des Dormont mit humorvollem Spiel. Besonders komisch gelingt ihm der Moment, wenn er den Geheimweg durch den Luftschacht entdeckt hat, es ihm aber klar wird, dass er nicht durch diesen Schacht in die Kneipe steigen will oder kann. Pawel Poplawski findet mit den Bielefelder Philharmonikern einen guten Zugang zu der leichtfüßigen Musik Rossinis und rundet den Abend wunderbar ab, so dass es am Ende für alle Beteiligten frenetischen Applaus gibt.

FAZIT

Das Theater Bielefeld stellt mit einem spielfreudigen Ensemble in einer punktgenauen Inszenierung von Nina Kühner unter Beweis, welches Potenzial in Rossinis relativ selten gespielten dritten Farsa liegt.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Pawel Poplawski   

Inszenierung
Nina Kühner   

Bühne und Kostüme
Hanna Zimmermann

Licht
Martin Quade

Dramaturgie
Larissa Wieczorek

 

Statisterie des Theaters Bielefeld

Bielefelder Philharmoniker


Solisten

*Premierenbesetzung

Dormont, Julias Onkel und Vormund
sowie Lucillas Vater

Vladimir Lortkipanidze

Giulia
*Cornelie Isenbürger /
Nienke Otten

Lucilla, ihre Cousine
*Nohad Becker /
Hasti Molavian

Dorvil, Giulias heimlicher Ehemann
Lianghua Gong

Blansac, von Dormont als Ehemann
Giulias vorgesehen

Yoshiaki Kimura

Germano, Angestellter von Dormont
Caio Monteiro

Ein Stammgast
*Jörg Lemm /
Friedrich Spratte

Nonna
*Gea Bernard /
Ursula Krecké

 

Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Bielefeld
(Homepage)




Da capo al Fine

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