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Sitten und Unsitten am Theater - Da muss Mutti ran!
(Le convenienze ed inconveniente teatrali)


Opera buffa in zwei Akten
Libretto von Domenico Gilardoni
Musik von Gaetano Donizetti


zusätzlich eingeschobene Musiknummern:
Arie "En prole à la tristesse" aus Le Comte Ory von Gioacchino Rossini
Arie "Piangeró la sorte mia" aus Giulio Cesare von Georg Friedrich Händel
Cavatina "Una voce poco fa" aus Il Barbiere di Siviglia von Gioacchino Rossini
sowie der "Holzschuhtanz" aus La fille mal gardée von Ferdinand Hérold

in deutscher und italienischer Sprache ohne Übertitel

Aufführungsdauer: ca. 2h 30' (eine Pause)

Premiere im Anhaltinischen Theater Dessau am 25. September 2015


Logo: Anhaltisches Theater Dessau

Anhaltisches Theater Dessau
(Homepage)

Ein bisschen Spaß muss sein ...

Von Roberto Becker / Fotos von Claudia Heysel

Da muss Mutti ran! Das denken heutzutage viele. Meinen dann aber nicht die eigene Mutter, sondern die, die man täglich im Fernsehen sieht, von wo aus sie uns dann zuruft: Wir schaffen das! Dass Mutti ran muss, hat es sogar in den Titel der Eröffnungspremiere am Anhaltischen Theater geschafft. Damit beginnt in Dessau zugleich die erste Spielzeit des neuen Intendanten Johannes Weigand. Vorgänger Andre Bücker hatte sich mit seiner kämpferischen Haltung gegen die rabiate Magdeburger Sparpolitik nicht nur Freunde gemacht und war bekanntlich trotz aller künstlerischen Erfolge aus dem Amt komplimentiert worden. Da wundert es nicht, dass im neuen Spielzeitprogramm der Wagemut zu fehlen schein. In der Oper gibt's mit Verdis Troubadour lediglich eine "richtige" und dann auch noch todsicher Oper, zum Weill-Fest zwei Einakter, dazu ein Musical und etwas Konzertantes. Wenn dann der Auftakt "nur" ein flotter Donizetti ist, beginnen die "guten" alten Zeiten jetzt schon, alles zu überstrahlen…


Vergrößerung Die Primadonna macht dem Intendanten, dem Dirigenten und dem Dichter klar, was sie will

Da überrascht es umso mehr, wenn es ausgerechnet mit einer wirklich Komischen Oper gelingt, sich sozusagen selbst an den Haaren aus dem Sumpf zu ziehen. In einer bunten Operntruppe ist jeder damit beschäftigt, seinen eigenen Auftritt an der Rampe zu proben und sich damit ins rechte Licht zu setzen. Wenn plötzlich Agata, die Mutter der Seconda Donna, auftaucht und den ganzen Laden aufmischt, wird das zum Treibsatz für ein Komödienfeuerwerk. Sie versucht mit allen Mitteln, ihre Tochter zur Primadonna zu machen. Das zündet vor allem aber, weil da ein Mann in Frauenkleidern seinem Affen Zucker geben kann. In Dessau ist das der auch von der puren Körpergröße her alle überragende Ulf Paulsen. Er ist per se der stimmlich und darstellerisch der Mittelpunkt. Seine hingestöckelten, rausgedonnerten, gebrummten, ja sogar gejodelten Auftritte (u.a. bei einer bejubelten Rossini-Parodie) lohnen allein schon den Abend. Wenn da nicht die ganze Truppe zur Hochform auflaufen und das Updating in die deutsche, respektive Dessauer Gegenwart so fabelhaft funktionieren würde. Update gehört nämlich zum Sprachgebrauch des smart schnöseligen Olaf Haye, dem Intendanten im Stück.

Vergrößerung

Die Seconda Donna hört dem Agenten der Primadonna zu

Der gibt zu Beginn dem Provinzkanal namens MRD (wirklich in der Kombination, ein bissl Verfremdung muss schon sein, so wie die angebissene Birne auf dem Laptop des Dramaturgen) ein Interview. Zu seinen hochfliegenden Plänen für einen Restart des Theaters mit weniger Geld und ohne festes Ensemble, dafür mit Billigausstattungen aus China und Kostümen aus Sri Lanka, einem dazu gebuchtem Laienchor (den der Dessauer Profi-Chor mit Lust nachspielt!) und ein bis zwei Technikern. Die Chinesen schicken dann zwar einen Kaiserpalast, aber eben nicht den bestellten "lömischen", sondern ihren eigenen … aber wer merkt das schon noch.

Auch wenn dieser Neuintendant hier die kulturelle Schwindsucht mit einer halbgewalkten Melange aus neoliberalen Phrasen und Dramaturgenesotherik in Business-Denglisch verkauft, weiß natürlich jeder, woher es kommt. Die Wiedererkennbarkeit wallt nur so von der Bühne - und zwar nicht erst wenn Namen aufblitzen, die mit Hase… beginnen und …erlo aufhören. (Der Ministerpräsident von Sachsen Anhalt heisst Haseloff, der Kultusminster Dorgerloh.)


Vergrößerung Die Primadonna in der römischen Kulisse aus China

Man wundert sich nicht, dass sich dieses Stück schon seit 1827 auf den Bühnen hält. Denn der Protagonist des Belcanto, Gaetano Donizetti (1797-1848), hat eben nicht nur eine gekonnte Selbstparodie der Macken und Klischees der Oper aus dem Ärmel geschüttelt, über die man sich auch heute noch köstlich amüsieren kann. Da darf sich die wunderbare Angelina Ruzzafante auf eine bewegungsgebremste Divenzicke runter dimmen, die am liebsten ihren aufgeblasenen Ehemann (André Eckert) für sich sprechen lässt. Da kann Cornelia Marschall als Seconda brav auf Mutti hören und mit dem hüftschwingenden, deutsch radebrechenden Tenor Willibald (Alexander Nikolic) flirten, bis der genauso beleidigt abreist, wie sein affiger (aber wohlklingender) Counter-Kollege Pippetto (Silvio Wiesner). Da können Adam Fenger als dirigierender Komponist und Pawel Tomczak als dichtender Dramaturg, die Katja Schröpfer als Doppelgänger kostümiert hat, ihre Scharmützel mit dem Impresario austragen, dass es eine Lust ist. Ebenso lustvoll spielen an diesem Abend auch die Musiker der Anhaltischen Philharmonie unter Daniel Carlberg auf.

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Der Impresario - und Mutti!

Wenn man so souverän nach dem doppelten Boden sucht und mitten in der Gegenwart landet, wie es in Dessau dem Regisseur Holger Potocki und seinem Bühnenbildner Markus Pysall gelungen ist, dann blitzt im Lachen eben auch jener Ernst der Stunde auf, der noch auf dem Grund jeder Komödie schlummert. Und im gebeutelten Dessau als kulturelles Abbau- und Schrumpfungsmenetekel vorm geistigen Auge über dem Theaterportal aufscheint. Das hat genauso den Beigeschmack von Wahrheit, wie der Selbstbehauptungswille und der Einsatz der Künstler für ihr Publikum. Auch wenn das an das sprichwörtliche Pfeifen im dunklen Wald erinnert.


FAZIT

Man kann eine Spielzeit (und Intendanz) auch anders eröffnen. Schwergewichtiger. Programmatischer. Mehr mit Blick auf den überregionalen Hingucker. Aber was soll man nach dem Bauhaus-Ring schon bieten. Manchmal hilft das befreiende Lachen weiter, als die große Ergriffenheit. Darin war man sich bei dieser Premiere auf der Bühne und im Saal einig. Viel Beifall!




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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Daniel Carlberg

Inszenierung
Holger Potocki

Bühne
Markus Pysall

Kostüme
Katja Schröpfer

Choreographie
Tomasz Kajdanksi

Chor
Sebastian Kennerknecht

Dramaturgie
Felix Losert



Damenballett des Anhaltischen Theaters

Chor des Anhaltischen Theaters

Anhaltische Philharmonie


Solisten

Daria, Primadonna
Angelina Ruzzafante

Procolo, ihr Ehemann
André Eckert

Biscroma Strapaviscere, Maestro
Adam Fenger

Agata, Mutter von Luigia
Ulf Paulsen

Luigia, Seconda Donna
Cornelia Marschall

Willibald, Tenor
Alexander Nicolic

Pipetto, Countertenor
Silvio Wiesner

Cesare Salzapariglia, Dichter
Pawel Tomczak

Impresario
Olaf Haye

Ispettore
Filippo Deledda


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Anhaltischen Theater Dessau
(Homepage)




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