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Musiktheater
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Next to Normal (Fast normal)

Rock-Musical in zwei Akten
Buch und Gesangstexte von Brian Yorkey, Deutsch von Titus Hoffmann
Musik von Tom Kitt

in deutscher Sprache

Aufführungsdauer: ca. 2h 35' (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Dortmund am 5. März 2016




Theater Dortmund
(Homepage)
Es gibt ein Licht...

Von Thomas Molke / Fotos von Björn Hickmann (Stage Picture)

Als der amerikanische Komponist Tom Kitt und Brian Yorkey bei einem Autoren-Workshop ein zehnminütiges Kurzmusical unter dem Titel Feeling Electric präsentierten, hatten sie bestimmt noch nicht damit gerechnet, dass sich daraus zehn Jahre später ein abendfüllendes Stück entwickelt würde, dass nicht nur 2009 mit drei Tony Awards in den Kategorien "Best Original Score", "Best Orchestration" und "Best Performance by a Leading Actress in a Musical" ausgezeichnet wurde, sondern ein Jahr später auch noch den "Pulitzer Prize for Drama" erhielt. Inspiriert von einer Dokumentation über Elektrokonvulsionstherapie schmückten sie die Geschichte über eine Frau mit einer bipolaren Störung und der daraus resultierenden Auswirkungen auf ihre Umwelt immer weiter aus. Doch die erste Fassung, die 2005 bei einem Festival in New York präsentiert wurde, fiel zunächst einmal durch. Grund dafür mag die Konzentration auf die medizinischen Fachtermini gewesen sein, die das Stück in seinem dramatischen Ablauf hemmten. Erst als die Auswirkungen auf die Familie der erkrankten Frau in den Mittelpunkt der Handlung gestellt wurden und das Musical mit Next to Normal einen neuen Titel erhielt, stellte sich der Erfolg allmählich ein. Von der ersten Off-Broadway-Produktion im Jahr 2008 schaffte das Stück bereits ein Jahr später den Sprung ans Broadway und erlebte 2013 seine deutschsprachige Erstaufführung im Theater Fürth. Die Oper Dortmund ist nun nach Berlin die dritte deutsche Bühne, die sich diesem Musical widmet.

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Dan (Rob Fowler, vorne Mitte) bremst seine Frau Diana (Maya Hakvoort), als sie auf dem Fußboden Sandwichs auf Vorrat zubereitet (im Hintergrund links: Gabe (Johannes Huth)).

Am Anfang hat man als Zuschauer noch das Gefühl, dass die Goodmans eine fast normale Mittelstands-Familie in der Vorstadt sind, was durch die relativ gleichförmige und harmonisch klingende erste Musiknummer "Wie an jedem Tag" ("Just Another Day") unterstützt wird. Einigen im Publikum mag es sicherlich auch bekannt vorkommen, wenn die Mutter Diana morgens um halb vier noch in der Küche sitzt, um den Sohn zur Rede zu stellen, der gerade jetzt erst nach Hause kommt. Wenn sie anschließend allerdings ihre Tochter Natalie zu beruhigen versucht, die morgens um vier noch jede Menge Hausaufgaben für die Schule erledigen will, und ihr anschließend erzählt, dass sie nun mit ihrem Mann Dan Sex haben werde, merkt man allmählich, dass etwas mit Diana nicht stimmt. Ganz offensichtlich wird es dann am nächsten Morgen, wenn sie Sandwichs auf Vorrat auf dem Fußboden für die Familie vorbereitet. Doch Dan ist für seine Frau da und bringt sie zu ihrem Arzt, Dr. Fine, der Dianas Störung mit Tabletten behandeln will. Die Szene, in der Jörg Neubauer als Dr. Fine im weißen Kittel mit monotoner Stimme erklärt, welche Tabletten sich nicht mit anderen Psychopharmaka vertragen, wird nicht nur durch Neubauers lethargischen Auftritt absolut zynisch dargestellt, sondern erhält auch durch Dianas Song "Wer spinnt hier? / Mein Arzt, die Psychopharmaka und ich" ("Who's Crazy? / My Psychopharmalogist and I") bei aller Ernsthaftigkeit eine komische Note, da Maya Hakvoort als Diana bei dem Lied auch noch mit Neubauer über die Bühne tänzelt.

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Diana (Maya Hakvoort) trifft auf ihren neuen Arzt Dr. Madden (Jörg Neubauer).

So wirkt es auch für das Publikum wie eine logische Konsequenz, dass Diana auf Anraten ihres Sohnes die Medikamente in der Toilette entsorgt, weil sie sich davon keine Hilfe verspricht. Doch dann folgt der eigentliche Schockmoment für das Publikum. Als Dan Natalies Freund zum Abendesse einlädt, tritt Diana plötzlich mit einem Geburtstagskuchen für ihren Sohn auf, und man erfährt, dass dieser schon seit vielen Jahren tot ist. Johannes Huth, der sich als Sohn in zahlreichen Szenen auf der Bühne befindet, existiert also nur noch in Dianas Fantasie. Erst jetzt fällt auf, dass er die ganze Zeit auch nur mit Diana kommuniziert hat und weder von Natalie noch von Dan zur Kenntnis genommen worden ist, und man versteht, dass Dianas Krankheit aus dem nicht verarbeiteten Verlust ihres Sohnes resultiert und wieso Tabletten keine Lösung für das Problem sind. Doch Dan gibt nicht auf. Ein weiterer Arzt wird aufgesucht, Dr. Madden, der ebenfalls von Jörg Neubauer dargestellt wird. Hier werden Dianas Wahnvorstellungen musikalisch amüsant umgesetzt. Ihr Sohn hat ihr vor dem Besuch eingeredet, dass der neue Arzt ein Rockstar sei, und so wird das Gespräch zwischen Diana und Dr. Madden immer von Rock-Sequenzen des Doktors unterbrochen, die Diana mit einem Schmunzeln zur Kenntnis nimmt und vom Publikum mit Lachern kommentiert werden.

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Während sich Diana einer Elektroschocktherapie unterzieht (unten mit Jörg Neubauer als Dr. Madden) versucht Natalie (Eva Rades, oben mit Henry (Dustin Smailes)), sich mit Partys und Drogen abzulenken

Die vorgeschlagene Therapie hingegen ist dann gar nicht mehr so lustig. Nachdem die Behandlung mit Hypnose zunächst in einem Suizidversuch Dianas mündet, rät Dr. Madden anschließend zur Elektrokonvulsionstherapie. So werden Dianas Erinnerungen der letzten Jahre komplett gelöscht, und sie vergisst zunächst auch, dass sie einen Sohn hatte. Dan versucht nun, die Vergangenheit seiner Frau zu manipulieren, indem er nur die positiven Erinnerungen wieder wachruft. Doch auch dieser Versuch ist zum Scheitern verurteilt. Als Henry bei den Goodmans auftaucht, erinnert sich Diana an ihren Sohn. Dan und Dr. Madden schlagen eine erneute Elektroschocktherapie vor, doch Diana will einen neuen Weg gehen. Sie verlässt ihren Mann, um in einer anderen Umgebung ein neues Leben zu beginnen. Zwischen ihr und ihrer Tochter Natalie kommt es zu einer Annäherung. Es ist fraglich, ob die Mutter-Tochter-Beziehung, die die ganzen Jahre unter dem Verlust des Sohnes gelitten hat, eine neue Chance bekommt. Aber Natalie, die zuvor Zuflucht in Drogen gesucht hat und jedwedes Bemühen ihres Freundes Henry von sich gewiesen hat, wahrscheinlich weil es sie zu sehr an die Beziehung ihrer Eltern erinnert hat, geht mit Henry zum Ball und gesteht ihm, dass er von ihren Problemen ihr "Lieblingsproblem" sei. Nun bleibt nur Dan enttäuscht zurück. Sein Sohn tritt auf und versucht, nachdem die Mutter fort ist, von ihm Besitz zu ergreifen. Zunächst wehrt sich Dan, doch dann ist er bereit, seinen Sohn beim Namen zu nennen: Gabe. Und jetzt ist es Gabe, der dem Stück am Ende einen Hoffnungsschimmer gibt. Er öffnet eine Klappe im Boden und beginnt die letzte Nummer "Licht", in die die anderen einstimmen. So hat das Stück am Ende doch noch eine positive Botschaft: Nicht verarbeitete Trauer ist keine Krankheit, auch wenn sie länger als vier Monate dauert. Es gibt ein Licht...

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Versöhnliches Ende: Es gibt ein Licht: von links: Henry (Dustin Smailes), Natalie (Eva Rades), Gabe (Johannes Huth), Diana (Maya Hakvoort), Dan (Rob Fowler) und Dr. Madden (Jörg Neubauer)

Die Musik von Tom Kitt nähert sich diesem aktuellen und eigentlich eher bedrückenden Thema vielschichtig und sorgt somit dafür, dass sich das Publikum trotz des ernsten Themas gut unterhalten fühlt. Kai Tietje setzt mit der Band, die hinter dem Bühnenbild positioniert ist, die rockigen Klänge emotional um. Bisweilen leidet nur die Textverständlichkeit der Protagonisten ein wenig darunter. Timo Dentler und Okarina Peter haben das Haus der Goodmans auf zwei Ebenen konzipiert, wobei die weißen Möbelstücke an eine Klinik erinnern. In der oberen Ebene lässt sich der hintere Bühnenteil verschieben, so dass schnell weitere Räume geschaffen werden können, in denen beispielsweise Natalie beim Klavierspiel auf Henry trifft. Stefan Huber bleibt in seiner Personenregie der Vorlage absolut treu und verfügt über ein Ensemble, das aus den Figuren darstellerisch alles herausholt. Jörg Neubauer glänzt in den beiden unterschiedlichen Partien als Karikatur eines Arztes (Dr. Fine) und als Doktor mit diskutablen Methoden (Dr. Madden). Dustin Smailes überzeugt als Henry, der zunächst der Auslöser dafür zu sein scheint, dass Natalie überhaupt mit Drogen in Kontakt kommt, dann allerdings trotz ihrer Zurückweisungen nicht von ihrer Seite weicht. Eva Rades arbeitet als aufmüpfige und leicht vernachlässigte Tochter Natalie die Parallelen zu ihrer Mutter wunderbar heraus, was auch vor allem musikalisch in einem Quartett deutlich wird, wenn Mutter und Tochter Dan bzw. Henry zeitgleich klar machen, dass sie ihnen nicht helfen können. Johannes Huth geistert als "Gespenst" Gabe äußerst real durch die Szene und begeistert durch intensives Spiel. Rob Fowler gibt den Dan sehr ruhig. Von daher hat man mit ihm am Ende großes Mitleid, wenn seine Frau ihn verlässt.

Die anspruchsvollste Partie kommt Maya Hakvoort zu, die als Diana die unterschiedlichen Facetten der Figur mit großer Intensität ausleuchtet. Wie bruchlos sie von einer Stimmung in eine andere verfällt, geht unter die Haut. So gibt es am Ende sofort stehende Ovationen für alle Beteiligten, in die sich auch die Musiker und das Regie-Team einreihen.

FAZIT

Tom Kitt und Brian Yorkey gelingt es, mit diesem Musical eine aktuelle Problematik nicht nur anzusprechen, sondern auch Mut zu machen, mit großen Verlusten und Ängsten umgehen zu können.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung und Keyboard
Kai Tietje

Regie
Stefan Huber

Bühne
Timo Dentler
Okarina Peter

Kostüme
Susanne Hubrich

Choreographie
Danny Costello

Sound-Design
Marc Schneider-Handrup

Licht
Florian Franzen

Dramaturgie
Wiebke Hetmanek

 

Band

Gitarre
*Christian Kiefer /
Markus Segschneider

Bass
Bernd Zinsius

Schlagzeug
Stephan Schott

Violine
Oleguer Beltran Pallarés /
*Yang Li

Violoncello
*Markus Beul /
Marnix Möhring /
Florian Sebald /
Vera Milicevic

 

Solisten

Diana
Maya Hakvoort

Dan, ihr Mann
Rob Fowler

Gabe, ihr Sohn
Johannes Huth

Natalie, ihre Tochter
Eva Rades

Henry
Dustin Smailes

Dr. Fine / Dr. Madden
Jörg Neubauer


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