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Musiktheater
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Elektra

Tragödie in einem Akt
Libretto von Hugo von Hofmannsthal
Musik von Richard Strauss


in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 1h 50' (keine Pause)

Premiere im Theater Detmold am 12. Februar 2016


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Landestheater Detmold
(Homepage)
Am Abgrund

Von Stefan Schmöe / Fotos von Klaus Lefebvre / Landestheater Detmold


Eine Landpartie auf akkurat geschnittenem grünem Rasen: Christian von Götz, Regisseur und Ausstatter in Personalunion, lässt diese Elektra im Park eines großbürgerlichen Hauses spielen, das sich irgendwo in England oder auch, nahe liegender, im Westfälischen befinden könnte. Die Wiese steigt leicht an, der gemalte Prospekt vermittelt im dezent wabernden Bühnennebel raffiniert den Eindruck perspektivischer Tiefe. Hin und wieder macht die Beleuchtung kurz deutlich, dass dies bei allem Naturalismus doch nur Kulisse ist. Die Mägde hängen Wäsche auf, Chrysothemis kommt mit Picknick-Decke, später gibt es dann auch noch (immer noch auf dem Rasen) einen großbürgerlichen Tisch. Wir befinden uns zeitlich ganz offensichtlich in der Epoche der Uraufführung (die im Jahr 1909 stattfand).

Szenenfoto Begegnung auf der grünen Wiese: Elektra (rechts) und ihre Mutter Klytämnestra

Man kann Hugo von Hofmannsthals Version der Elektra durchaus lesen als Ausdruck einer Endzeitstimmung am Beginn des 20. Jahrhunderts, in der die Vergangenheit nicht enden will und schließlich radikal abgeschnitten wird, symbolisiert durch den Muttermord. Christian von Götz folgt dieser Linie, bleibt aber, wenn er Elektra im zerschlissenen Bürger-Kleid als aus dem Haus verstoßene zeigt, trotzdem nahe am Libretto. Allerdings verläuft sich die Inszenierung zwischenzeitlich zur Diskursoper an der Rampe, weil einerseits schlüssige Bildmotive fehlen, andererseits die Personenregie wenig Impulse gibt. Und leider gibt es dazu keine Übertitelung - und die Textverständlichkeit, die Strauss so gerne eingefordert hat, ist in vielen Passagen von den Frauenstimmen eben kaum zu leisten.

Szenenfoto

Konflikt beim Essen: Elektra (rechts) und ihre Mutter Klytämnestr

Man merkt Sabine Hogrefe in der Titelpartie ihre Wagner-Erfahrung nicht nur in den mit dramatischer Attacke, aber (fast) immer sehr kontrolliert gesungenen Spitzentönen an. Ein volles, tragfähiges Piano gibt der Stimme Größe, allein die Mittellage ist bei den Mezzo-Lautstärken eher flach. In der ersten Hälfte merkt man mitunter, wie sie sich die Riesenpartei einteilt; gegen Ende steigert sie sich immer intensiver und expressiver in die Rolle hinein, bleibt aber klangschön. Eine große Schauspielerin ist sie dabei nicht (und mindestens bei den recht unbeholfenen Tanzeinlagen hätte der Regisseur nach anderen Lösungen suchen müssen).

Szenenfoto Nach dem Morden: Orest und Chrysothemis

Mit Susanne Serfling als jugendlich-dramatischer, stimmlich keineswegs leichtgewichtiger Chrysothemis und Gritt Gnauck als mit vollem Klang sehr differenziert gestaltender Klytemnästra, eine gefährliche Mischung aus vordergründiger Gebrechlichkeit und eisernem Machtwillen, sind auch die beiden anderen großen Frauenpartien sehr gut besetzt. Sehr engagiert geben sich die Mägde. Das ordentlich spielende Orchester steuert unter der Leitung von Lutz Rademacher schöne Klangfarben bei, bleibt aber ein insgesamt zu unentschlossen zwischen einer kammermusikalisch genauen Durchgestaltung und dem heroischen "großen" Klang - dem es, in generelles Problem an räumlich kleinen Theatern, schlichtweg an Masse für diese Oper (Straus sah deutlich über 100 Musiker vor, für die es einen entsprechend großen Orchestergraben braucht) fehlt.

Szenenfoto

Totentanz: Elektra und Orest

So richtig Fahrt nimmt die Aufführung auf, wenn Elektras Bruder Orest die Bühne betritt. Michael Zehe verleiht ihm stimmlich erhebliches Gewicht, sonor und wuchtig, dabei punktgenau. Im schneidigem Outfit mit Stiefeln strahlt er eine Gefährlichkeit aus, die weniger den Rächer des von der Mutter getöteten Vaters, sondern den sich andeutenden Faschismus assoziieren lässt. Er geriert sich regelrecht als Schlächter, der seine Mutter kaltblütig absticht und deren Liebhaber Orest ebenso emotionslos die Kehle durchschneidet. Sein Erscheinen ist die Scharnierstelle der Inszenierung, und von da an kann man den zwischenzeitlichen Stillstand zuvor auch als Prinzip auffassen: Hier bricht die stagnierende Epoche in sich zusammen. Von Götz inszeniert dieses Finale sehr hart, und er vermittelt durchaus etwas von dem Schockeffekt, den die Oper bei der Uraufführung gehabt haben muss. Aber mag die Regie dem Publikum auch Schrecken einjagen, Chrysothemis, die doch einfach nur Frau und Mutter sein möchte, bleibt oberflächlich unbeeindruckt und setzt ihre Mahlzeit fort, obwohl das Gartenidyll und damit die scheinbar heile Welt längst ganz konkret in sich zusammengefallen ist. Das Bürgertum, so scheint's, nimmt die Katastrophe nicht zur Kenntnis (und wird, ohne dass sich konkrete Anspielungen in der Regie darauf finden, ein paar Jahre nach der Uraufführung in den Weltkrieg stürzen). Ein starker Schluss einer starken Aufführung.


FAZIT

Christian von Götz' nicht in jedem Detail überzeugende, aber vom Ende her betrachtet schlüssige Regie braucht einen langen Anlauf bis zum furiosen Finale, das unter die Haut geht. Musikalisch schlägt sich das Detmolder Thater mehr als ordentlich.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Lutz Rademacher

Inszenierung und Ausstattung
Christian von Götz

Choreinstudierung
Marbod Kaiser

Dramaturgie
Elisabeth Wirtz



Statisterie und Chor des des
Landestheater Detmold
Symphonisches Orchester des
Landestheater Detmold


Solisten

* Besetzung der Premiere

Klytämnestra
Gritt Gnauck

Elektra
Sabine Hogrefe

Chrysothemis
Megan Marie Hart / Susanne Serfling

Aegisth
Markus Gruber / Ewandro Stenzowski

Orest
Michael Zehe

Der Pfleger des Orest
Insu Hwang

Die Vertraute
Anneke van der Velden-Niggemann

Die Schleppträgerin
Christine Friedek-Dwornik

Ein junger Diener
Bonghan Kim

Ein alter Diener
Kyung-Won Yu

Die Aufseherin
Brigitte Bauma

1. Magd
Sarah Alexandra Hudarew

2. Magd
Rita Gmeiner

3. Magd
Martina Borst

4. Magd
Annette Blazyczek

5. Magd
Katharina Ajyba



Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Landestheater Detmold
(Homepage)



Da capo al Fine

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