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Musiktheater
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Young Moves
Choreographien von Tänzerinnen und Tänzern
des Ballett am Rhein

Odnalro

Choreographie von Alban Pinet
Musik: "Girl of My Dreams" von Kenny Sargent & Blue Steele Orchestra, "Me and the Man in the Moon" von Ambassadors & Frank Salvano," Leven Thirty Saturday Night" von Sam Brown & Ambrose Orchestra sowie "Aether" von Hildur Guðnadóttir

It is passing by

Choreographie von Wun Sze Chan
Musik von Moondog (Lullaby)

FIELDWORK \ˈFĒLD-ˌWƏRK\

Choreographie von Louisa Rachedi
Musik von Cliff Martinez ("The Knick")

Mindrift

Choreographie von Boris Randzio
Musik von György Kurtág (Signs, Games and Messages Nr. 1 bis 6 für Viola solo)

Zahir

Choreographie von So-Yeon Kim
Musik von J. S. Bach (aus den Suiten für Violoncello: Prélude aus der Suite Nr. 1 G-Dur BWV 1007, Courant und Sarabande aus der Suite Nr. 2 d-Moll BWV 1008 und Prélude aus der Suite Nr. 3 C-Dur BWV 1009)

Rapture

Choreographie von Michael Foster
Musik von Michael Torke (Drums and Woods aus Rapture Konzert für Schlagzeug und Orchester)

Aufführungsdauer: ca. 2h (eine Pause)

Uraufführung am 18. Juli 2016 im Opernhaus Düsseldorf
(rezensierte Aufführung: 25. Juni 2016)


Homepage

Ballett am Rhein / Rheinoper
(Homepage)
Sechs Variationen über die Möglichkeit von Tanz

Von Stefan Schmöe / Fotos von Gert Weigelt

Eine "Plattform Choreographie" für den Nachwuchs: Mit Young Moves möchte Ballettdirektor Martin Schläpfer im Spielplan ein Format etablieren, bei dem ausgewählte Tänzerinnen und Tänzer seiner Compagnie unter einigermaßen authentischen Stadttheater-Bedingungen (was bedeutet: Budget, Produktionszeit in den Werkstätten und dergleichen, natürlich auch Aufführungen auf der großen Bühne) eigene Choreographien zu entwickeln. Noch fehlt, auch das erwähnt er im Programmheft, ein angemessener Etat für das jährlich vorgesehene Projekt, aber ein Anfang ist gemacht: Sechs jeweils rund viertelstündige Arbeiten werden im Stadttheater Duisburg präsentiert.

Vergrößerung Albin Pinet: Odnalro, Ensemble

Den Auftakt macht der Franzose Albin Pinet, seit 2013 im Ensemble und zuvor Tänzer bei John Neumeier in Hamburg. 10 Tänzerinnen und Tänzer posieren in individuell gehaltener Unterwäsche auf der Bühne, rechts und links Kleiderständer, an denen sie sich bedienen werden, wobei auch schon mal eine Frau zur Latzhose und ein Mann zum Kleid greift. Dazu Unterhaltungsmusik der 1920er-Jahre - man fühlt sich in ein Stück von Pina Bausch versetzt, nicht zuletzt wegen der Geschlechterrollen-Problematik, die das Werk bestimmt. Pinet gibt dem eine eigene Note, wobei er an die Eleganz und Lässigkeit der Wuppertaler Choreographin nicht heranreicht. Dann gibt es einen Bruch: Zur zarten elektronischen Musik der Isländerin Hildur Guðnadóttir ertastet ein junges Paar ganz vorsichtig den Körper des anderen - ein Alternativentwurf der Geschlechtsfindung. Am Ende überlagert Pinet, das ist nicht ganz geglückt, beide Welten. Der Titel Odnalro spielt, rückwärts gelesen, auf den Roman Orlando von Virginia Woolf an, der um eben das Geschlechterrollenthema kreist. Damit lädt sich Pinet unnötig viel intellektuellen Ballast auf, den sein Stück gar nicht nötig hat, denn es trägt genug eigene, unmittelbar tänzerische Impulse in sich. Es mag nicht alles gelungen sein, aber mit der Akzentverschiebung vom Ballett zum Tanztheater, das sich um klassisches Bewegungsrepertoire nicht allzu sehr kümmert und seine eigenen Geschichten erzählt, hinterlässt Pinet einen starken Eindruck.

Vergrößerung

Wun Sze Chan: It is passing by; Ensemble

Am etwas bemühten Überbau kranken auch die nächsten beiden Arbeiten, vor allem It is passing by der aus Hong Kong stammenden Wun Sze Chan, die mit einer Videosequenz (Michael Maurissens) einen erzählerischen Einstieg schafft: Gefilmt werden Menschen auf dem Weg zur Arbeit - beim Verlassen des Hauses, in der Straßenbahn, in kleinen Bildern auf große Leinwand eingeblendet. Das wirkt ein wenig kleinkariert und nimmt allzu viel (Zeit-)Raum ein, ohne entscheidende Impulse zu geben. Das 16-köpfige Ensemble steht in Business-Anzügen auf der Bühne, zur Gruppe formiert, nur eine Tänzerin ist ausgeschlossen. "Lasst mich durch", ruft sie ohne Erfolg, öffnet dann ihren Aktenkoffer, und heraus fallen, ganz genau ist das nicht zu erkennen, einige Stoff-Hasen. Es bleibt eine rätselhafte Geschichte, die da erzählt wird und die tänzerischen Elemente ziemlich erdrückt. Ohne Musik entwickeln sich verschiedene Formationen, während im Hintergrund blütenlose Grünpflanzen, wie man sie in Großraumbüros antrifft, aufgebaut werden. Den Abschluss bildet eine asiatische Musiknummer, zu der eine Tänzerin und ein Tänzer in überdrehter Kindlichkeit und Fröhlichkeit an der Rampe tanzen, Blick ins Publikum. Letzteres bleibt irritiert und ziemlich ratlos - It is passing by, am ehesten als Konfrontation von Privatheit und Gruppenzwang zu verstehen (was an den tänzerischen Ausdrucksmitteln kaum erkenntlich wird), hat allzu viele Ansatzpunkte außerhalb der Tanz- und Körpersprache und vielleicht auch kulturell bedingte Chiffren, die sich nicht so leicht erschließen.

Vergrößerung Louisa Rachedi: Fieldwork \ˈFĒLD-ˌWƏRK\; Yuko Kato

Thematisch schließt sich da FIELDWORK \ˈFĒLD-ˌWƏRK\ der Französin Louisa Rachedi an, die bereits unter Schläpfers Vorgänger Youri Vamos in Düsseldorf und Duisburg engagiert war. Es geht um das Spannungsverhältnis von Individuum und Gruppe, um Mechanismen eines Kollektivs mit starkem Bezug zum Begriff "Großstadt" - so steht's zumindest im Programmheft. Auf der Bühne habe ich das nicht wiedererkannt, was vielleicht auch daran liegt, dass nach den assoziationsreichen Choreographien zuvor eine gewisse Erschöpfung einsetzt - und man dieses Stück mit sehr poetischen Bildern und Bewegungsfolgen, die aus sich selbst heraus zu entstehen scheinen, als Tanz an sich wahrnehmen kann. Die elektronische Musik von Cliff Martinez schafft wechselnde Stimmungen, die raffiniert ausgeleuchtete Bühne (überhaupt gebührt dem Licht-Designer Franz-Xaver Schaffer für alle sechs lichttechnisch hervorragend gestalteten Choreographien höchstes Lob) mit viel Nebel erzeugt eine faszinierende Atmosphäre, in der Louisa Rachedi in fließendem Wechsel zwischen Gruppen- und Soloszenen beeindruckende Momente gelingen. Die Fantasie-Kostüme (asiatisches Design mit einem anarchischen Hauch von Pippi Langstrumpf) rücken den Tanz, der wenig narrative Struktur erkennen lässt, in eine eigene, etwas fremde, aber in ihrer Rätselhaftigkeit berührende Welt. Am Ende gerät das leider etwas kleinteilig. In seiner ästhetischen Konzeption aber gelingt Louisa Rachedi (die auch für Kostüme und Bühne verantwortlich ist) ein insgesamt sehr spannendes Stück Tanztheater.

Vergrößerung

Boris Randzio: Mindrift; Anne Marchand, Christine Jaroszewski, Virginia Segarra Vidal

Mindrift ist eine Kombination der Wörter mind und drift, also ein Wandern oder Schweifen von Gedanken. Drei Tänzerinnen bilden zunächst eine fast skulpturale Einheit, entfernen sich voneinander, bewegen sich noch synchron, dann zunehmend individuell, und aus der Gruppe erwachsen drei Soli. Die Choreographie von Boris Randzio wirkt sehr konzentriert, mitunter in den synchronen Bewegungsfolgen allerdings auch ein wenig banal. Als musikalische Basis wählt Randzio Miniaturen des ungarischen Komponisten György Kurtág für Solo-Bratsche aus, eigentümliche, verinnerlichte Epigramme. Die Kostüme (Monika Gebauer-Randzio) - lockere Oberteile, kurze Hosen, in den Farben gelb-rot-blau sorgfältig gegeneinander abgestuft - sind souverän durchgestylte Sommermode, durchaus geeignet für Düsseldorfs Flaniermeile, die Königsallee, bewähren sich aber nicht so recht im Tanz. Da zeigen sie zu viel Bein (was bei Odnalro passt, aber hier nicht), liegen im Charakter zu nahe bei gehobener Alltagskleidung, wo der Tanz sich doch viel stärker auf abstrakte Prozesse bezieht und auch auf der Ebene der Kostüme diese Abstraktion benötigte. Es haftet der nicht uninteressanten Choreographie etwas Uneinheitliches an, eine fehlende Abstimmung der verschiedenen Dimensionen.

Vergrößerung So-Yeon Kim: Zahir; Ann-Kathrin Adam, Chidozie Nzerem

Die souveränste, stilsicherste, auch konventionellste Arbeit an diesem Abend ist Zahir der Koreanerin So-Yeon Kim, die sich offen zum traditionellen Ballett und dem danse d'ecole bekennt. Als Musik dienen einzelne Sätze aus Bachs Suiten für Solo-Cello, und es geht zunächst darum, diese Musik tänzerisch umzusetzen (So-Yeon Kim beginnt mit einer hinreißenden Linie aus fünf Tänzern, schwarze Hosen und unbekleideter Oberkörper, die mit weiten Armbewegungen den Puls der Musik aufgreifen), später folgt eine klassische menage a trois: Eine Frau auf Spitze zwischen zwei Männern. Dazu senken sich drei goldfarben lackierte, gestaffelte Rechtecke vom Schnürboden herab - ein Verweis auf Gustav Klimt und dessen Gemälde Der Kuss, und die Grüntöne daraus werden im Kleid von Tänzerin Ann-Kathrin Adam aufgegriffen. Damit schafft die Choreographin behutsam und unaufdringlich Assoziationen, ordnet sich und ihr Werk gleichzeitig im gutbildungsbürgerlichen Kanon ein. Nicht unbedingt besonders innovativ, aber choreographisch wie ästhetisch von großer Geschlossenheit (nur der Schluss kommt recht plötzlich), kann Zahir sofort ins Repertoire übernommen werden.

Vergrößerung

Michael Foster: Rapture; Ensemble

Eine Verbindungslinie zurWest Side Story zieht Rapture des Amerikaners Michael Foster. Das betrifft die rhythmusbetonte Musik, ein Ausschnitt aus dem Konzert für Schlagzeug und Orchester von Michael Torke (*1961), aber auch die dynamische, ja geradezu sportliche Choreographie von spektakulären Sprüngen mit manchem Showelement. Vor einem meist rotorange ausgeleuchteten Rechteck erscheinen oft nur sie Silhouetten der neun Tänzerinnen und Tänzer, die dann aber in den auch hier mit verblüffenden Wirkungen ausgeleuchteten Bereich geradezu eintauchen. Der Wechsel von Ensemble, verschiedenen Gruppen und Soli gelingt fließend, und so hat die Choreographie, die den Tanz als solchen feiert, großen Schwung und zupackende Dynamik.


FAZIT

Young Moves bewährt sich als sehr interessantes Format und zeigt mit sechs sehr unterschiedlichen Choreographien eine enorme Bandbreite an tänzerischen Ausdrucksformen.


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Produktionsteam

Odnalro

Choreographie, Bühne
Alban Pinet

Licht
Franz-Xaver Schaffer

Tänzerinnen und Tänzer

Camille Andriot
Sonia Dvorak
Norma Magalhães
Virginia Segarra Vidal
Rashaen Arts
Brice Asnar
Vincent Hoffman
Marcos Menha
Friedrich Pohl
Eric White


It is passsing by

Choreographie,
Bühne und Kostüme
Wun Sze Chan

Licht
Franz-Xaver Schaffer

Video
Michael Maurissens


Tänzerinnen und Tänzer

Ann-Kathrin Adam
Doris Becker
Sabrina Delafield
Feline van Dijken
Nathalie Guth
Christine Jaroszewski
Anne Marchand
Asuka Morgenstern
Aryanne Raymundo
Irene Vaqueiro
Andriy Boyetskyy
Filipe Frederico
Richard Jones
Sonny Locsin
Tomoaki Nakanome
Bruno Narnhammer


fieldwork

Choreographie,
Bühne, Kostüme
Louisa Rachedi

Visuelle Assistenz
Tillmann Franzen

Licht
Franz-Xaver Schaffer


Tänzerinnen und Tänzer

Sonia Dvorak
Yuko Kato
Virginia Segarra Vidal
Philip Handschin
Rashaen Arts
Friedrich Pohl
Alexandre Simões
Eric White

Mindrift

Choreographie
Boris Randzio

Bühne
Gerrit Frohne-Brinkmann

Kostüme
Monika Gebauer-Randzio

Licht
Franz-Xaver Schaffer

Tänzerinnen und Tänzer

Christine Jaroszewski
Anne Marchand
Virginia Segarra Vidal


Zahir

Choreographie, Bühne und Kostüme
So-Yeon Kim

Kostüme
Kevin Gamez

Licht
Franz-Xaver Schaffer

Video
Michael Maurissens


Tänzerinnen und Tänzer

Ann-Kathrin Adam
Brice Asnar
Vincent Hoffman
Sonny Locsin
Chidozie Nzerem
Eric White


Rapture

Choreographie und Bühne
Michael Foster

Licht
Franz-Xaver Schaffer


Tänzerinnen und Tänzer

Camille Andriot
Doris Becker
Feline van Dijken
Sonia Dvorak
Nathalie Guth
Rashaen Arts
Philip Handschin
Bruno Narnhammer



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Da capo al Fine

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