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Der Nussknacker

Ballett von Ben Van Cauwenbergh
Musik von Peter Tschaikowsky

Aufführungsdauer: ca. 2h 10' (eine Pause)

Premiere im Aalto-Theater Essen am 24. Oktober 2014




Theater Essen
(Homepage)
Wozu noch tanzen, wenn man den Märchenprinzen längst erobert hat?

Von Stefan Schmöe / Fotos von Bettina Stöß

Nussknacker zum Zweiten: Eine Woche nach der benachbarten Dortmunder Konkurrenz zieht das Aalto-Ballett Essen nach undpräsentiert eine eigene Choreographie. Solche Programmplanung - oder Programmnichtplanung - ist vielleicht nicht wahnsinnig originell, aber im direkten Vergleich auch nicht ohne Reiz. Den künstlerischen Anspruch, das Stück völlig neu zu erfinden, meldet man hier wie dort nicht an, und dort wie hier zielt man auf das breite Publikum. Hat man in Dortmund die Fassung eines prominenten Gasts, nämlich Benjamin Millepied, nachgespielt, so stellt am Aalto-Theater in Essen Ballett-Hausherr Ben van Cauwenbergh seine eigene Fassung vor.

Vergrößerung in neuem Fenster Passt ja irgendwie nach Essen: Weihnachten bei den Stahlbaums.

Bei Millepied in Dortmund sieht man eine Welt aus Bauklötzen, bei van Cauwenbergh in Essen blickt man ins Universum. Das sagt ja schon einiges: Wo Millepied den Stoff ironisch verkleinert (leider auch verharmlost), zielt Cauwenbergh auf das ganz Große. Bühnenbildner Bill Krog setzt eine tunnelartige "Villa Stahlbaum" in den ziemlich planetenreichen Weltraum, und der Name ist der literarischen Vorlage von E. T. A. Hoffmann entnommen (während das protzige Haus, warum auch immer, auf die 1910er-Jahre anspielt). Van Cauwenberg erzählt eine tolle Geschichte, in der die Eltern Stahlbaum (in weiß) die große Tochter Louise mit dem Sohn der dämonischen Rattensteins (in schwarz) verbändeln wollen, Louise aber verliebt sich in Karl, Sohn des Paten Drosselmeier und ein wahrer Märchenprinz. Die Rattensteins ziehen alsbald beleidigt ab, kehren aber im Traum von Louise und der kleinen Schwester Clara als Mäuse wieder - und Nussknacker-Karl führt eine Armee von Zinnsoldaten an gegen diese Bedrohung. Van Cauwenbergh choreographiert das als Schlacht von Gut und Böse ganz nach Fantasy-Manier , ganz großes Theater für ein gerne auch jugendliches Publikum, dass filmisch vom Herrn der Ringe sozialisiert ist und Action fordert. Und dann öffnet sich für Louise und ihren Märchenprinz-Karl das Universum in eine ganz wunderbar kitschige Wintermärchenlandschaft und die beiden tanzen einen zuckersüßen Pas de deux zum Weinen schön, wenn man sich darauf einlassen will. (Und sie tanzen wirklich ganz hinreißend, die bezaubernde Yanelis Rodriguez und ihr nicht minder attraktiver Lover Breno Bittencourt). Ach, kann Ballett doch schön sein.

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Nussknacker und Zinnsoldaten

Dann ist Pause. Das vielleicht beste, was man in der Pause machen kann, ist - nach Hause gehen. In Dortmund hatte sich Dramaturg Christian Baier in Programmheft und Einführung genüsslich darüber ausgelassen, wie schwach der als Stück doch sei, wie sehr selbst Tschaikowsky an diesem Unsinn verzweifelte, einem Stück, dem nach der Pause die Handlung ausgeht (was Benjamin Millepied mit seiner strengen Ästhetik aber recht gut in den Griff bekam). In Essen lässt Dramaturg Markus Tatzig nichts dergleichen verlauten, schwärmt von dem Stück - und Van Cauwenbergh fällt nach der Pause nichts mehr ein. Dieser zweite Teil gerät zur bunten Revue im Stil des guten alten Fernsehballetts, in dem Artistik und Akrobatik eifrig beklatscht werden (nach der fünften Pirouette auch gnadenlos in die Musik hinein). Die kleine träumende Clara bekommt einen Ehrenplatz in einer Muschel wie einst Boticellis Venus, aber kein Wunder, dass sie da schnell einschläft. Der Pas de Deux - sinnfrei. Man bestaunt das recht ordentliche tänzerische Niveau des Aalto-Ballets. Der chinesische Tanz mit Drachen und sechs Kindern des Ballett-Studio Roehm ist ein drolliges Intermezzo, ansonsten zeigt Van Cauwenbergh ziemlich viel Konvention. Das wäre ja gut und schön, wenn er am Ende den Bogen zum ersten Teil schlagen könnte - aber dass in allerletzter Sekunde die Villa Stahlbaum wieder vom Schnürboden herab fährt und die beiden Kinder Louise und Clara aus ihrem Traum erwachen, als sei nichts geschehen, ist eine denkbar dünne Verbindung.

Vergrößerung in neuem Fenster Alles nur geträumt - Louise und Märchenprinz Karl

Die zweite Halbzeit, könnte man sagen, gehört also den Dortmundern, die erste dafür den Essenern. Da tanzt Moisés León Noriega mitreißend einen geheimnisvoller Zauberer Drosselmeier (für den Kostümbilder Dorin Gal einen phantastischen Mantel entworfen hat), da verleihen Maria Lucia Segalin und Nour Eldesouki dem Ehepaar Rattenstein gefährliches Profil, da sind überhaupt die Personen sehr genau gezeichnet. Ob Tomáš Ottych den Hausdiener als Zitat des angetrunkenen Butlers aus Dinner for One anlegen muss - Geschmackssache wie so manche Pointe. Van Cauwenbergh setzt natürlich auch auf den Niedlichkeitsfaktor, wenn er Clara von einem sehr kleinen Mädchen darstellen lässt - aber das ist recht geschickt choreographiert, und Laura Kubicko tanzt das eindrucksvoll mit unbekümmertem Selbstbewusstsein.

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Chinesischer Tanz

Musikalisch verbreiten die Essener Philharmoniker zwar nicht den ganz großen Glanz, sind im Ton schlanker (in gewisser Hinsicht auch konturloser, da könnte Dirigent Yannis Pouspourikas Tschaikowskys Raffinesse durchaus stärker herausarbeiten) als die Dortmunder Kollegen, allerdings um ein Vielfaches genauer. Der Kinderchor, in beiden Produktionen rechts und links der Bühne postiert, singt seine Vokalisen samtweich.


FAZIT

Ambivalente Eindrücke: Eine spannende Geschichte mit großen Gefühlen, nicht immer kitschfrei, im ersten Teil, eine eher banale Revue im zweiten. Jetzt hat man im Ruhrgebiet die Wahl zwischen zwei nicht ganz gelungenen, aber auch nicht schlechten Nussknacker-Produktionen.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Yannis Pouspourikas

Choreographie
Ben Van Cauwenbergh

Bühne
Bill Krog

Kostüme
Dorin Gal

Filmprojektion
Aldo Gugolz

Ballettmeister
Alicia Olleta
Michel Béjar

Dramaturgie
Markus Tatzig



Aalto-Ballett Essen

Kinder des Ballett-Studio Roehm

Tänzerinnen und Tänzer des
Gymnasiums Essen-Werden,
Fachbereich Tanz

Kinder des Aalto-Kinderchors

Damen des Aalto-Jugendchors und Extrachors

Essener Philharmoniker


Tänzerinnen und Tänzer

Louise
Yanelis Rodriguez

Karl
Breno Bittencourt

Drosselmeier
Moises León Noriega

Fritz
Viacheslav Tyutyukin

Clara
Laura Kubicko

Frau Rattenstein
Maria Lucia Segalin

Herr Rattenstein
Nour Eldesouki

Herrmann
Wataru Shimizu

Frau Stahlbaum
Yulia Tsoi

Herr Stahlbaum
Denis Untila

Hausdiener
Tomáš Ottych

Schneekönigin
Mariya Tyurina

Spanischer Tanz
Carolina Boscán

Arabscher Tanz
Xiyuan Bai
Nour Eldesouki

Chinesischer Tanz
Kinder des Ballett-Studio Roehm

Tanz der Mirlitons
Elisa Fraschetti
Yuki Kishimoto
Maryia Tyurina

Russischer Tanz
Wataru Shimizu






Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Essen
(Homepage)




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