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Iwan Sussanin

Oper in vier Akten mit Epilog
Text von
Jegori Fjodorowitsch Baron von Rosen, Sergej M. Gorodeckij, Epilog von Wassili Andrejewitsch Schukowski
Frankfurter Bearbeitung von Norbert Abels und Harry Kupfer
Musik von Michail Iwanowitsch Glinka

in russischer und deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 30' (eine Pause)

Premiere an der Oper Frankfurt am 25.10.2015
(rezensierte Aufführung: 30.10.2015)



Oper Frankfurt
(Homepage)
Ein Leben für die Partisanen

Von Thomas Molke / Fotos von Barbara Aumüller


Obwohl Michail Iwanowitsch Glinka als Begründer der russischen Oper gilt, der in Russland den Stil einer durchkomponierten Oper prägte, die ohne Dialoge auskommt, sind seine Werke äußerst selten auf den deutschen Bühnen zu erleben und haben sich im Gegensatz zu den Opern von Tschaikowsky, Prokofjew und Mussorgsky hierzulande keinen Platz im Standardrepertoire bewahren können. Die Oper Frankfurt, die erneut in einer internationalen Kritikerumfrage der Fachzeitschrift Opernwelt zum "Opernhaus des Jahres 2015" gekürt worden ist und der bei einer Autorenumfrage des Theatermagazins Die Deutsche Bühne mit Blick auf die abwechslungsreiche Spielplangestaltung das "Beste Theater-Gesamtprogramm der Saison 2014/2015" bescheinigt wird, präsentiert nun als zweite Premiere der Spielzeit Glinkas erste Oper Iwan Sussanin, die unter dem Titel Ein Leben für den Zaren am 9. Dezember 1836 in St. Petersburg zur Uraufführung gelangte. Glinka hatte zunächst geplant, das Werk unter dem Titel Iwan Sussanin herauszubringen, da ihn eine gleichnamige Oper von Catterino Cavos, die 21 Jahre vorher in St. Petersburg uraufgeführt worden war, inspiriert hatte. Auf Wunsch des Zaren Nikolaus I. wurde der Titel allerdings noch vor der Uraufführung in Ein Leben für den Zaren abgeändert. Erst die 1939 veränderte Fassung von Sergej Gorodeckij, in der die zarentreuen Bezüge entfernt wurden, führte das Werk wieder unter dem ursprünglichen Titel.

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Iwan Sussanin (John Tomlinson, 2. von rechts) ist bereit, seine Tochter Antonida (Kateryna Kasper) dem Partisanen Sobinin (Anton Rositskiy, rechts) zur Frau zu geben (links: Wanja (Katharina Magiera)).

Die Oper basiert auf einer historischen Begebenheit zu Beginn des 17. Jahrhunderts in Russland kurz vor dem Beginn der Romanow-Dynastie mit Michail I. Der Bauer Iwan Sussanin opferte sich für den neuen Zaren, indem er die feindlichen polnischen Truppen in den Wäldern in die Irre leitete, so dass Michail I. entfliehen und anschließend die Polen besiegen konnte. Neben dem Titelhelden stehen sein Stiefsohn Wanja, seine Tochter Antonida und deren Geliebter Sobinin in Zentrum der Oper. Sobinin kehrt zu Beginn der Oper in Sussanins Dorf mit der Nachricht zurück, dass die polnischen Truppen erfolgreich zurückgeschlagen worden seien und er der neue Anführer der Partisanen werden solle. Bevor er erneut in den Kampf zieht, möchte er allerdings Antonida heiraten. Sussanin ist von diesem Ansinnen mit Blick auf die unsichere politische Situation zwar nicht begeistert, willigt allerdings schließlich ein und bereitet die Hochzeit vor. Während der Hochzeitsvorbereitungen fallen jedoch die feindlichen Polen im Dorf ein und zwingen Sussanin, ihnen den Weg zum neuen Zaren zu zeigen. Sussanin gelingt es, seinen Stiefsohn heimlich loszuschicken, um dem Zaren eine Warnung zukommen zu lassen, und gibt anschließend vor, die Polen zum Versteck zu führen. Während er sie in die Irre leitet, gelingt es Wanja, den Zaren und seine Truppen über den Anmarsch der polnischen Truppen zu informieren und somit zu retten. Die Polen erkennen, dass Sussanin sie betrogen hat und töten ihn, bevor sie selbst in den Wäldern sterben. Sussanin wird vom russischen Volk als Held gefeiert.

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Die Deutschen (Polen) feiern ihren vermeintlichen Sieg (Chor und Extrachor mit Thomas Faulkner (vorne rechts) als Hauptmann).

Da man nach der Oktoberrevolution in Russland der Meinung war, dass ein Stück mit einer derartigen Verherrlichung der Romanow-Dynastie nicht mehr auf dem Spielplan stehen dürfe, die Musik sich aber auch als Propaganda für das stalinistische Regime eignete - so gehört selbst heute noch der pathetische Schlusschor am Ende der Oper zum Standardrepertoire der Siegesparade auf dem Roten Platz in Moskau -, beschloss man, die Handlung so weit zu entstellen, dass kein Bezug mehr zu den Romanows hergestellt werden konnte. Gorodeckijs Fassung aus dem Jahr 1939 verlagerte die Geschichte in der Zeit des polnischen Königs Sigismund III. so weit zurück, dass man sie eigentlich kaum noch verstehen konnte. Das Regie-Team um Harry Kupfer, das sich entschließt, die Gorodeckij-Fassung zu spielen, wählt allerdings einen anderen Ansatz und setzt die Handlung im Zweiten Weltkrieg an, also kurz nach der Entstehung der zugrunde gelegten Fassung. Die Polen sind hierbei die Deutschen, die ihr Herrschaftsgebiet auf Russland ausdehnen wollen. Dafür hat Kupfer gemeinsam mit seinem Dramaturgen Norbert Abels die Textpassagen der Polen ins Deutsche übersetzt. Sieht man von einigen "Sieg Heil"-Rufen im gesungenen Text ab, verzichtet Kupfer zumindest optisch darauf, Nationalsozialisten mit Hakenkreuzfahne auf die Bühne zu stellen.

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Iwan Sussanin (John Tomlinson, Mitte) hat die Soldaten (Chor, Extrachor und Statisterie) in die Irre geführt.

Leider geht diese Übertragung inhaltlich überhaupt nicht auf. Kupfer muss dabei nämlich offen lassen, wem das geplante Attentat eigentlich gelten soll. Der erste Akt suggeriert, dass Sobinin als neuer Anführer der Partisanen die Zielscheibe der deutschen Soldaten ist, zumal sie, wenn sie im dritten Akt in Sussanins Dorf einfallen, gemäß den Übertiteln auch auf der Suche nach Sobinin sind, der zuvor das Dorf verlassen hat, um die Partisanen in ihrem Versteck aufzusuchen. Sussanin schickt nun auch seinen Stiefsohn los, um Sobinin zu warnen. Dort kommt er allerdings nicht an. Stattdessen taucht Sobinin nach der Entführung Sussanins im Dorf wieder auf und beschließt, mit seinen Partisanen den zukünftigen Schwiegervater zu retten. Wenn Wanja dann im vierten Akt die Soldaten vor den aufmarschierenden Deutschen warnt und ganz allgemein von einem Anführer spricht, der in Sicherheit gebracht werden müsse, erschließt sich der Regie-Ansatz überhaupt nicht mehr. Ob man beim Epilog russische Generäle vor dem auf einem Prospekt angedeuteten Kreml gemeinsam mit dem einfachen Volk davor den Schlusschor unkommentiert schmettern lassen sollte, ist ebenfalls Geschmacksache und spaltet das Publikum genauso wie die lieblich tanzenden Krakowiak-Soldaten im zweiten Akt im Lager der Deutschen.

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Epilog: vorne links: Sobinin (Anton Rositskiy), Antonida (Kateryna Kasper) und Wanja (Katharina Magiera), um sie herum: Chor, Extrachor und Statisterie

Hans Schavernoch hat mit der Kirchenruine, die auf der linken Seite eine riesige zerbrochene Kirchenglocke zeigt, ein beeindruckendes Bühnenbild für den ersten und dritten Akt geschaffen, das die Auswirkungen des Krieges mehr als deutlich macht. Im zweiten Akt wird die Glocke geschickt mit Tüchern bedeckt, so dass die gewaltigen Bühnenelemente hierbei nicht weiter stören, zumal die Konzentration eh auf den riesigen Panzer gelenkt wird, der durch die Ruine in die Party-Gesellschaft der Generäle und feinen Damen gefahren wird. Nach der Pause hätte man für den vierten Akt allerdings zumindest die Glocke entfernen sollen, da sie in den Wäldern, durch die hier die Soldaten irren, störend wirkt. Leider schimmert auch die Ruine je nach Lichteinfall durch die Prospekte durch, die mit der Videoprojektion von Thomas Reimer, ansonsten einen guten Eindruck von den im Schneetreiben durch die dichten Wälder irrenden Soldaten vermittelt. Musikalisch lässt sich nicht überhören, dass Glinka auf seinen Reisen mit den Werken von Weber und Bellini in Berührung gekommen ist, da er Teile davon in seine Musiksprache übernimmt und sie um zahlreiche volkstümliche russische Elemente erweitert. Bewegen können vor allem die großen Arien von Antonida im ersten Akt und Wanja und Sussanin im vierten Akt, während die zahlreichen Chorpassagen zwar gewaltig klingen, für den heutigen Musikgeschmack aber viel zu dick aufgetragen sind.

John Tomlinson stattet die Titelpartie mit einem markanten Bass aus, der vor allem in den tiefen Passagen über eine großartige Tragfähigkeit verfügt. In den Höhen wirkt er stellenweise ein wenig heiser, was aber auch die innere Zerrissenheit der Figur unterstreicht. Besonders beeindruckend gelingt ihm der große Monolog im vierten Akt, wenn er weiß, dass seine Entscheidung, die Soldaten in die Irre zu führen, sein Todesurteil bedeuten wird. Zum Publikumsliebling avanciert Ensemble-Mitglied Katharina Magiera als Wanja. Mit warm-timbriertem Mezzo und viriler Strahlkraft begeistert sie in der Hosenrolle und lässt die große Gleichnis-Arie im vierten Akt, in der Wanja sich selbst mit einem verwaisten Vogeljungen vergleicht, das von einer liebevollen Nachtigall (in diesem Fall Sussanin) großgezogen worden ist und deshalb nun Dankbarkeit zeigen will, zu einer musikalischen Sternstunde des Abends werden. Kateryna Kasper punktet in der anspruchsvollen Partie der Antonida mit mädchenhaftem Sopran und leuchtenden Höhen. Ihre Arie im ersten Akt, in der sie sich nach der Rückkehr ihres Geliebten Sobinin sehnt, wird von Kaspar mit großer stimmlicher und darstellerischer Intensität präsentiert. Anton Rositskiy verfügt als Sobinin über einen hellen Tenor, der in den Höhen zwar ein bisschen forciert und dessen Tempo-Vorstellungen an einzelnen Stellen von denen des Orchesters leicht abzuweichen scheinen, gefällt aber ansonsten auf ganzer Linie. Chor und Extrachor der Oper Frankfurt (Leitung: Tilman Michael) überzeugen durch gewaltigen Klang und runden mit dem unter GMD Sebastian Weigle beherzt aufspielenden Orchester den Abend musikalisch überzeugend ab.

FAZIT

Für "Raritäten-Sammler" ist diese Aufführung in Frankfurt auf jeden Fall empfehlenswert. Eine Aufnahme der Oper ins Standardrepertoire empfiehlt Kupfers Inszenierung allerdings nicht.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Sebastian Weigle

Inszenierung
Harry Kupfer

Bühnenbild
Hans Schavernoch

Kostüme
Yan Tax

Licht
Joachim Klein

Video
Thomas Reimer

Chor und Extrachor
Tilman Michael

Choreographie Krakowiak
Irene Klein

Dramaturgie
Norbert Abels

 

Chor und Extrachor
der Oper Frankfurt

Frankfurter Opern- und
Museumsorchester

Statisterie der Oper Frankfurt


Solisten

Iwan Sussanin
John Tomlinson

Antonida
Kateryna Kasper

Bogdan Sobinin
Anton Rositskiy

Wanja
Katharina Magiera

Hauptmann
Thomas Faulkner

Ein Bote
Michael McCown

Chorsolo
Young Shik Kim

Tänzer Krakowiak
Jorge More Argote
Andreas Bach
Moritz Fabian
Manuel Gaubatz
Christian Meusel
Volodymyr Mykhatskyi
Evi Poaros
Madeline Ferricks-Rosevaer



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Oper Frankfurt
(Homepage)







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