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Musiktheater
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Radamisto

Oper in zwei Teilen
Text von
Nicola Francesco Haym
Musik von Georg Friedrich Händel

in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h 15' (eine Pause)

Premiere im Bockenheimer Depot am 3. April 2016



Oper Frankfurt
(Homepage)
Konzentriertes Kammerspiel mit großartigen Stimmen

Von Thomas Molke / Fotos von Barbara Aumüller

Obwohl Radamisto heutzutage zu den eher unbekannten Werken Händels zählt, spielte die Oper im 18. Jahrhundert eine ganz besondere Bedeutung im Leben des Hallenser Komponisten. Mit ihr debütierte Händel nämlich am 27. April 1720 an der Royal Academy of Music und konnte dabei nach seinem furiosen Einstand mit Rinaldo 1711 in London nicht nur als Komponist, sondern auch als musikalischer Direktor einen riesigen Erfolg verbuchen, dem in den nächsten neun Jahren des Bestehens der Academy of Music noch dreizehn weitere Opern folgen sollten. Dabei stand ihm bei der Uraufführung der Starkastrat Senesino, den er eigentlich für die Titelpartie verpflichten wollte, gar nicht zur Verfügung, so dass die Sopranistin Margherita Durastanti den Radamisto als Hosenrolle übernahm. Als Senesino aufgrund des überwältigenden Erfolgs der Oper im Herbst des gleichen Jahres doch noch in London anreiste, überarbeitete Händel die Oper und transponierte die Titelpartie für den Starkastraten. Durastanti übernahm nun die Partie seiner Gattin Zenobia. Neben der weiteren musikalischen Anpassungen an die neue Besetzung fügte er außerdem im dritten Akt ein neu komponiertes Quartett ein, dem in seiner Einzigartigkeit ebenfalls ein besonderer Stellenwert in Händels Opernschaffen zukommt. Die Oper Frankfurt hat sich im Bockenheimer Depot nicht zuletzt wegen dieses Quartetts für die zweite Fassung entschieden und präsentiert damit nach einer szenischen Umsetzung von Händels Messiah und der Wiederaufnahme von Giulio Cesare in Egitto eine Art "Händel-Festspiele" im Frühjahr.

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Zenobia (Gaëlle Arquez) und Radamisto (Dmitry Egorov) auf der Flucht

Die Handlung der Oper basiert auf einer Episode, die sich gemäß dem 12. Buch der Annales des römischen Geschichtsschreibers Tacitus 53 n. Chr. abgespielt haben soll. Danach hat der armenische Prinz Radamisto auf der Flucht vor seinen Widersachern seine schwangere Frau Zenobia auf ihren Wunsch hin erdolcht und in den Fluss geworfen. Doch Zenobia war nicht tot, sondern wurde von Hirten gerettet und an den Hof des armenischen Königs gebracht. Georges de Scudéry formte daraus eine weitgehend frei ausgeschmückte Tragikomödie unter dem Titel L'amour tyrannique, die 1710 von Domenico Lalli zu einem Libretto verarbeitet wurde, welches Nicola Francesco Haym für Händel bearbeitete. Händels Version verzichtet dabei allerdings vollständig auf komische Untertöne. Radamistos Schwester Polissena ist mit dem armenischen König Tiridate verheiratet, der Krieg gegen den thrakischen König Farasmane führt, da er sich in Radamistos Gattin Zenobia verliebt hat. Radamisto und Zenobia gelingt die Flucht vor den Armeniern, doch Radamisto weigert sich, seine Frau zu töten, woraufhin sie selbst in den Fluss springt. Tiridates Heerführer Tigrane, der heimlich in Polissena verliebt ist, bringt Radamisto zu seiner Schwester, die ihn als Diener Ismeno verkleidet. Tiridates Bruder Fraarte rettet Zenobia aus den Fluten und bringt sie zu Tiridate. Dort kommt es zum Wiedersehen zwischen den beiden Liebenden. Gemeinsam planen sie, Tiridate zu töten, doch Polissena stellt sich schützend vor ihren Mann. Tiridate ist bereit, Radamisto das Leben zu schenken, wenn Polissena bereit ist, ihn zu heiraten. Da zetteln Tigrane und Fraarte eine Verschwörung an und stürzen den Tyrannen Tiridate. Aus Liebe zu seiner Schwester Polissena ist Radamisto bereit, Tiridate zu begnadigen, woraufhin dieser sein Fehlverhalten bereut und einem glücklichen Ende nichts mehr im Wege steht.

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Zenobia (Gaëlle Arquez) weist Tiridate (Kihwan Sim) zurück.

Das Regie-Team verlegt die Geschichte in die Gegenwart, was sich zum einen im Bühnenbild von Karoly Risz ausdrückt, das mit einer aufsteigenden Holztreppe und einem Geländer an den beiden Bühnenseiten gewissermaßen den Zuschauerraum spiegelt und das Publikum somit direkt in die Geschichte hineinholt. Zum anderen werden aktuelle Kriegsszenarien als Videoeinspielungen von Bibi Abel auf die Holztreppe projiziert, die beispielsweise bei Radamistos und Zenobias Flucht das Gefühl entstehen lassen, dass die beiden durch eine vom Krieg verwüstete Landschaft irren, oder Tigrane und Fraarte bei ihren Kriegsplänen in ein Meer von Explosionen eintauchen lassen. Manche Bilder gelingen dabei etwas grenzwertig. Dass Tigrane und Fraarte vor dem Gefangenen Farasmane in despektierlichen Posen auftreten, mag dem einen oder anderen Zuschauer vielleicht ein bisschen zu weit gehen, zumal man diese drastischen Bilder nicht benötigt, um die Intention des Regie-Teams nachvollziehen zu können. Auch ohne die Einspielungen von blutrünstigen Manga-Videos hätte man durchaus verstanden, dass Tigrane und Fraarte zum Sturz des Tyrannen jedes Mittel recht ist. Sieht man von diesen kleinen Aufregern ab, gelingt es Köhler, die Figuren in einer ausgefeilten und gut durchdachten Personenregie kammerspielartig in Beziehung zu setzen. Dabei werden die Figurenkonstellationen differenziert herausgearbeitet und von dem spielfreudigen Ensemble hervorragend umgesetzt.

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Verworrenes Beziehungsgeflecht: Polissena (Paula Murrihy, links) liebt Tiridate (Kihwan Sim, Mitte hinten), der wiederum Zenobia (Gaëlle Arquez) begehrt, die ihrem Mann Radamisto (Dmitry Egorov, vorne) die Treue hält (rechts: Farasmane (Thomas Faulkner)).

Auch dass Köhler dem Stück das lieto fine verweigert, wird absolut nachvollziehbar. Im großen Quartett im dritten Akt macht Tiridate deutlich, dass er weder aus Liebe, noch mit Blick auf die Ehre oder den Frieden bereit ist, auf Zenobia zu verzichten und Polissena zurückzunehmen. Daher wirkt es absolut unglaubwürdig, dass es bei diesem Tyrannen am Ende eine Läuterung geben soll. Während also Zenobia und Radamisto am Schluss ihr wiedergefundenes Glück besingen, geht Tiridate zunächst scheinbar auf die Begnadigung ein und bringt nacheinander die anderen Protagonisten um, bevor sich dann alle zum jubelnden Schlussgesang noch einmal erheben, wobei während des Schlusschores das Blut in Videoprojektionen die Holzstufen hinunterläuft und die Solisten bedeckt. Dieser Ausgang dürfte wohl - leider - eher der Realität entsprechen, und das werden auch die damaligen Opernbesucher schon gewusst haben.

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Fraarte (Vince Yi, links) und Tigrane (Danae Kontora, hinten) planen einen Aufstand (auf dem Boden liegend: Farasmane (Thomas Faulkner)).

Musikalisch bewegt sich die Aufführung auf hohem Niveau. Countertenor Dmitry Egorov begeistert in der Titelpartie mit einer virilen Stimmführung und großer Flexibilität in den Koloraturen. Besonders beeindruckend gelingt ihm sein erster Auftritt als Diener Ismeno, wenn er in den Rezitativen von der Kopf- in die Bruststimme wechselt und damit auch stimmlich die Verkleidung deutlich macht. So erkennt Zenobia ihn erst, als er bei den Worten Radamistos, die er als Diener berichtet, wieder mit dessen "normaler Stimme" zu hören ist. Ein musikalischer Höhepunkt ist auch seine große Arie "Ombra cara di mia sposa" vor der Pause, in der er in einem unter die Haut gehenden Lamento den Verlust seiner Gattin beklagt, die sich kurz zuvor in die Fluten gestürzt hat und die er nun für tot hält. Einen Kontrast bildet seine Wutarie, in der er mit schnellen und sauber ausgesungenen Läufen unter Beweis stellt, dass er den Kampf um seine Gattin noch nicht aufgegeben hat. Gaëlle Arquez ist als Zenobia stimmlich und darstellerisch eine adäquate Partnerin. Auch sie singt sich geradezu spielerisch durch die halsbrecherischen Koloraturen und findet in den Duetten mit Egorov zu einer bewegenden Innigkeit. Wenn sie im dritten Akt in der Arie "Troppo sofferse" Tiridate klar macht, dass sie ihn niemals lieben und ihren Mann nie vergessen wird, changiert sie gekonnt zwischen scharfzüngigen Tönen dem Tyrannen gegenüber und liebevollem Gesang, wenn sie sich an den vermeintlichen Diener wendet. Ihr eindringliches "Son contenta di morire", das sie kurz vor ihrem Sprung in die Fluten anstimmt, gibt schon einen Vorgeschmack auf das berühmte "Ombra mai fu" aus Händels Serse.

Paula Murrihy stattet die Partie der Polissena mit großem Sopran aus und begeistert durch enorme Beweglichkeit in den Koloraturen. Auch sie changiert gekonnt zwischen den leidenden Tönen in ihrer Auftrittskavatine "Sommi dei", in der sie ihr Unglück beklagt, und Zornesausbrüchen, wenn sie nicht mehr bereit ist, die Demütigungen ihres Mannes zu ertragen. Kihwan Sim hält als böser Tyrann Tiridate mit dunklem Bass dagegen. Besonders im großen Quartett im dritten Akt, formen Egorov, Arquez und Murrihy stimmlich eine Einheit gegen Sims Bass. Aufhorchen lassen auch Danae Kontora als Tigrane und Vince Yi als Fraarte. Kontora stattet den Heerführer mit jugendlichem Sopran und weichen Höhen aus. Yi begeistert mit extremen Höhen, die kaum glauben lassen, dass es sich hierbei um einen männlichen Sänger handelt. Thomas Faulkner rundet das Solisten-Ensemble als Farasmane mit solidem Bass ab. Simone Di Felice erzeugt mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester einen wunderbar transparenten Barockklang, so dass es am Ende großen Jubel für alle Beteiligten gibt, in den sich auch das Regie-Team einreiht.

FAZIT

Die Produktion im Bockenheimer Depot macht mit einer hochkarätigen Besetzung und einem passenden Regie-Konzept deutlich, dass diese Händel-Oper den Sprung ins Repertoire verdient.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Simone Di Felice

Inszenierung
Tilmann Köhler

Bühnenbild
Karoly Risz

Kostüme
Susanne Uhl

Licht
Joachim Klein

Video
Bibi Abel

Dramaturgie
Zsolt Horpácsy

 

Frankfurter Opern- und
Museumsorchester

Cembalo
Andreas Küppers

Violoncello
Johannes Osterlee

Laute
Toshinori Ozaki


Solisten

*Premierenbesetzung

Radamisto
Dmitry Egorov

Zenobia
Gaëlle Arquez

Polissena
Paula Murrihy

Tiridate
Kihwan Sim

Tigrane
*Danae Kontora /
Kateryna Kasper

Fraarte
Vince Yi

Farasmane
Thomas Faulkner

 


Weitere Informationen
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Oper Frankfurt
(Homepage)







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