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Musiktheater
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Alice in Wonderland

Ballett
von Luiz Fernando Bongiovanni nach Motiven des gleichnamigen Kinderbuchklassikers von Lewis Carroll
Musik von Eduardo Contrera, Alfred Schnittke u. a.

Aufführungsdauer: ca. 2h (eine Pause)

Premiere im Kleinen Haus des Musiktheaters im Revier am 31. Oktober 2015

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Musiktheater im Revier
(Homepage)

Hinter den Türen

Von Thomas Molke / Fotos von Costin Radu


Lewis Carrolls Kinderbuchklassiker Alice in Wonderland hat seit einiger Zeit auf den Theaterbühnen in NRW Hochkonjunktur, was vielleicht auch mit dem 150-jährigen Jubiläum zusammenhängt, was am 4. Juli 2015 von zahlreichen Menschen aus aller Welt in Oxfords Straßen gefeiert worden ist. An diesem Tag soll Carroll nämlich im Jahr 1865 während einer Bootsfahrt auf der Themse mit der kleinen Alice Liddell und ihren beiden Schwestern die abenteuerliche Geschichte erfunden haben, die später zu einem der rätselhaftesten und faszinierendsten Werke der Weltliteratur avancieren sollte. Während in Wuppertal in der letzten Spielzeit als Auftragskomposition eine Oper für Kinder und Erwachsene mit Musik von Andreas N. Tarkmann uraufgeführt wurde (siehe auch unsere Rezension), setzte Ballettdirektor Ricardo Fernando das Stück in Hagen in einem neuen Handlungsballett um (siehe auch unsere Rezension). Auch Gast-Choreograph Luiz Fernandon Bongiovanni nähert sich mit dem Ballett im Revier dem Stoff mit den Mitteln des Tanzes, wobei er in seiner Choreographie allerdings nicht wie Fernando auf Musik von Peter Iljitsch Tschaikowski und Joby Talbot zurückgreift, die Carl Davis für die Ballettabende des English National Ballet 1995 oder das Royal Ballet 2011 in London verwendete. Stattdessen hat Eduardo Contrera für diesen Ballettabend Musik von Alfred Schnittke, Johann Strauss und anderen Komponisten neu arrangiert und mit eigenen Kompositionen zu einer spannenden Reise durch eine skurrile Welt der Fantasie vermengt.

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Familienhölle: Alice (Francesca Berruto, Mitte) mit ihren Eltern (Ayako Kikuchi und Junior Demitre) am Küchentisch

Während es bei Fernando die Lehrer im Internat sind, die die widerspenstige Alice in eine Traumwelt entfliehen lassen, zeichnet Bongiovanni die familiäre Situation, in der Alice aufwächst, derart düster, dass das Mädchen sich zwangsläufig nach einem Wunderland sehnen muss. Zu disharmonischen Klängen sieht man Francesca Berruto als Alice zu Beginn des Abends mit ihren Eltern (Ayako Kikuchi und Junior Demitre) am Küchentisch sitzen. Die Gesichter der Eltern verlieren hinter einer Art Strumpfmaske jegliche Identität und machen deutlich, dass sie sich in einer ganz anderen Welt als ihre Tochter bewegen. Dabei ist die Kommunikation der Eltern in der Gestik von einer derartigen Aggressivität geprägt, dass man gut nachvollziehen kann, dass Alice sich hier nicht wohlfühlt. Ihr erster Ausweg führt sie in eine Art Diskothek. Auf einer Rave-Party wird sie von zahlreichen Tänzern mit bunten Haaren umringt und versucht verzweifelt, mit wildem Tanz die Erinnerungen an die erlebte Familienhölle abzuschütteln. Doch auch die Diskothek bietet keine Alternative. Aus der Masse der Tänzer kristallisiert sich Valentin Juteau als leicht unheimlicher Mann in einem schwarzen Anzug heraus, der sich später als das weiße Kaninchen entpuppen soll. Francesca Berruto begeistert in diesen Szenen mit großartiger Mimik und mädchenhaftem Spiel, während Juteau durch enorme Bühnenpräsenz und kraftvolle Sprünge überzeugt.

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Das weiße Kaninchen (Valentin Juteau) lockt Alice in ein Wunderland voller Türen.

Nach dem Erlebnis in der Diskothek folgt Alice nun dem weißen Kaninchen in eine andere Welt. Der schwarze Vorhang, der bisher den hinteren Teil der Bühne verdeckt hat, fällt und gibt den Blick auf eine von der Bühnenbildnerin Britta Tönne fantasievoll gestaltete Rückwand frei, die sich aus Türen in verschiedener Größe, Höhe und Lage zusammensetzt. Aus diesen Türen tauchen nun die unterschiedlichsten Figuren auf, die man größtenteils aus dem Buch kennt. Den Anfang macht das Ensemble als Tränensee. Mit zahlreichen Seifenblasen und Wasserrauschen, sieht man sie zunächst durch eine höher gelegene Tür auf der rechten Seite, während sie im Folgenden die Bühne regelrecht überschwemmen und damit Alices Trauer versinnbildlichen. Einzelne Sätze aus dem Buch werden zwischendurch auch immer wieder auf die Türwand in fantasievoller weißer Schrift projiziert, um den Bezug vor Vorlage zu unterstreichen. Dabei erschließt sich zwar nicht jedes einzelne Bild, was aber auch sicherlich nicht von Bongiovanni intendiert wird. Schließlich ist die literarische Vorlage selbst heute noch voller Rätsel.

Eine wichtige Funktion nehmen immer wieder Alices Eltern ein, die im Verlauf des Stückes im Wunderland immer wieder auftreten. Zunächst sieht man sie durch eine Doppeltür in einem engen Raum. Dort wirken sie allerdings noch recht harmonisch. Die Enge scheint sie hierbei noch nicht zu stören. Demitre und Kikuchi finden zu einem bewegenden Pas de deux. Noch harmonischer ist ihre Szene nach der Pause, wenn sie hinter dieser Doppeltür aus dem schwarzen Nichts hervortreten und Demitre um Kikuchi mit blauen Blumen wirbt. Die Blumen trägt Alice später bei sich, gewissermaßen als Erinnerung an eine glückliche Zeit mit der Familie. Doch die Grinsekatze (Louis Rodrigues) entwendet sie ihr mit gleitenden Bewegungen. Wenn die Eltern dann noch einmal im Wunderland durch die Doppeltür auftauchen, steht das enge Zimmer Kopf, in dem sie einst noch glücklich waren. Jetzt ist die familiäre Situation wohl gekippt.

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Die verrückte Tee-Party

Neben diesen ernsten Tönen findet Bongiovanni allerdings auch eine recht kindgerechte und fröhliche Tanzsprache. Dies äußert sich vor allem in der verrückten Tee-Party, bei der das Ensemble in fantasievollen Kostümen von Ines Alda den Bildern, die man aus der berühmten Disney-Verfilmung hat, nahe kommt. Auch der Eingangsbereich des Kleinen Hauses greift diese Bilder auf. So findet man bei den Garderoben lustige Beschilderungen, die in unterschiedliche Richtungen auf Lokalitäten im Wunderland hinweisen, und im Foyer ist eine lange Tafel mit feinem Porzellan und Büchern aufgebaut, an der die Zuschauer während der Pause und vor der Vorstellung bereits ins Wunderland eintauchen können. Wahrscheinlich ist das ein weiterer Grund dafür, dass diese Produktion im Kleinen Haus läuft. Auch im Zuschauersaal, ist das Publikum, das auf drei verschiedenen Seiten sitzt, wesentlich näher am Geschehen, was vor allem auch für die Rückwand aus Türen von großer Bedeutung sein kann.

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Die Herzkönigin (Bridget Breiner, vorne Mitte) mit ihrem Gatten (Louiz Rodrigues)

Einen weiteren Höhepunkt stellt die Konfrontation mit der Herzdame dar, die von der Ballettdirektorin Bridget Breiner höchstpersönlich mit großem Humor dargestellt wird. Die Begegnung beginnt dabei äußerst friedlich. Zunächst trifft Alice auf vier Blumenmädchen, die zu sanften Barock-Klängen in schneeweißen Kostümen, die mit roten Rosen versehen sind, eine falsche Harmonie vorgaukeln. So versuchen sie das Kaninchen und Alice regelrecht einzulullen. Doch irgendwann wird der Klang der Musik disharmonischer, und Breiner fällt mit der Tür sprichwörtlich ins Haus bzw. auf die Bühne. Mit präzisem Spitzentanz versucht sie, das Kaninchen von Alice zu trennen, und besteht darauf, dass die weißen Rosen rot eingefärbt werden. Doch Alice widersetzt sich der Königin und es kommt zur spannenden Gegenüberstellung, aus der Alice als Siegerin hervorgeht. Die Königin wird mit ihrem gesamten Hofstaat wie von einem Staubsauger hinter die Doppeltür zurückgezogen. Es kommt zu einem zarten Kuss zwischen dem Kaninchen und Alice. Juteau hat den Kaninchenkopf nun abgelegt, und kommt somit mittlerweile beinahe wie ein Märchenprinz daher.

Am Ende kehrt Alice wieder zu ihren Eltern zurück. Deren Bewegungen am Küchentisch haben sich zwar nicht geändert, allerdings tragen sie keine Masken mehr vor dem Gesicht, und Alice scheint gelernt zu haben, mit den Aggressionen der Eltern umzugehen. So deckt sie den Tisch und erträgt nun anders als zu Beginn des Stückes die kalte Atmosphäre, die in der Familie herrscht. Ob das nun ein wirklich versöhnliches Ende ist, ist diskutabel. Das Ensemble und das Regie-Team werden jedenfalls zu Recht für diese packende Umsetzung mit großem Jubel gefeiert.

FAZIT

Bongiovannis Choreographie erweist sich einerseits mit fantasievollen Bildern als familientauglich und setzt andererseits auch nachdenkliche Akzente. Das Ballett im Revier stellt erneut seine Vielseitigkeit unter Beweis.


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Produktionsteam

Choreographie
Luiz Fernando Bongiovanni

Komposition und Arrangement
Eduardo Contrera

Bühne
Britta Tönne

Kostüme
Ines Alda

Licht
Mariella von Vequel-Westernach

Dramaturgie
Anna Grundmeier

 

Tänzerinnen und Tänzer

Alice
Francesca Berruto

Das weiße Kaninchen
Valentin Juteau

Mutter
Ayako Kikuchi

Vater
Junior Demitre

Balztanz
Carlos Contreras
Junior Demitre
Louiz Rodrigues
Ledian Soto
José Urrutia

Die blaue Raupe / Guru
Ledian Soto

Guruetten
Madeline Andrews
Tessa Vanheusden

Alice Doubles
Rita Duclos
Ayako Kikuchi
Sara Zinna

Hutmacher
Louiz Rodrigues

Die verrückte Tee-Party
Rita Duclos
Ayako Kikuchi
Sara Zinna
Carlos Contreras
Junior Demitre
José Urrutia

Tweedledee und Tweedledum
Carlos Contreras
José Urrutia

Grinsekatze
Louiz Rodrigues

Die bösen Blumen
Madeline Andrews
Rita Duclos
Tessa Vanheusden
Sara Zinna

Herzkönigin
Bridget Breiner

Richter / Herzkönig
Louiz Rodrigues

Soldaten
Carlos Contreras
Ledian Soto
José Urrutia

Rave-Party / Tränensee /
Caucus-Rennen / Königshof
Madeline Andrews
Rita Duclos
Ayako Kikuchi
Tessa Vanheusden
Sara Zinna
Carlos Contreras
Junior Demitre
Louiz Rodrigues
Ledian Soto
José Urrutia


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