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Die weiße Dame

Opéra comique in drei Akten
Libretto von Eugène Scribe, deutsche Übertragung von Dominik Wilgenbus
Musik von François-Adrien Boieldieu

in deutscher Sprache

Aufführungsdauer: ca. 2h 55' (eine Pause)

Premiere im Stadttheater Gießen am 6. Februar 2016



Stadttheater Gießen
(Homepage)

Schottische Schauerromantik trifft auf französische Oper

Von Thomas Molke / Fotos von Rolf K. Wegst

La Dame blanche von François-Adrien Boieldieu zählte im 19. Jahrhundert zu den beliebtesten Stücken der Opéra comique. Zum einen traf sie inhaltlich mit ihrer Schauerromantik genau den Geschmack des Publikums, zum anderen begeisterte sie musikalisch durch ihre leichten und beschwingten Melodien. Der musikalische Leiter Jan Hoffmann bezeichnet Boieldieu im Programmheft daher nicht zu Unrecht als den "französischen Mozart". Allein in Paris fanden an der Pariser Opéra-Comique bis 1862 1000 Aufführungen statt, und Boieldieus Stil zeigte nicht nur Auswirkungen auf Meyerbeer und Donizetti, der mit Lucia di Lammermoor ein ähnliches Sujet bediente, sondern kann auch als Vorläufer von dem durch Jacques Offenbach begründeten Operetten-Genre betrachtet werden. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts verschwand das Werk dann fast vollständig von den Spielplänen der Opernhäuser. Erst 2001 gab es eine Wiederentdeckung an der Deutschen Oper am Rhein. Das Stadttheater Gießen, das schon seit vielen Jahren mit Raritäten des 19. Jahrhunderts auch überregionales Interesse weckt, hat sich nun entschieden, diesen "Gassenhauer des 19. Jahrhunderts" in einer deutschen Übersetzung von Dominik Wilgenbus auf den Spielplan zu setzen.

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Dikson (Ralf Simon, links) und seine Frau Jenny (Katharina Göres) überreden George (Clemens Kerschbaumer, Mitte), dem Ruf der weißen Dame auf das Schloss Avenel zu folgen.

Die Handlung geht zurück auf mehrere Romane des im 19. Jahrhundert in Europa viel gelesenen schottischen Dichters und Schriftstellers Sir Walter Scott. Eugène Scribe bediente sich unterschiedlicher Werke, um Boieldieu anschließend ein Libretto unter dem Titel La Dame d'Avenel vorzulegen, das vor der Uraufführung aber den wesentlich prägnanteren Titel La Dame blanche erhielt. Die Grafen von Avenel sind aus Schottland geflohen, und der Verwalter des Schlosses, Gaveston, wirtschaftet das Schloss herunter, um es sich einerseits selbst anzueignen und andererseits das Mündel der Avenels, Anna, zu heiraten, die eigentlich dem Erben Julius Avenel versprochen war und nun noch mit der alten Dienerin Margarethe auf dem Schloss lebt. Als geheimnisvolle weiße Dame ist Anna einst dem Pächter Dikson erschienen und gab ihm einen Beutel mit Gold unter der Bedingung, ihr zu Diensten zu sein. Da Gaveston nun das Schloss ersteigern will, fordert sie bei Dikson die Einhaltung seines Versprechens ein. Mittlerweile ist George Brown, ein junger Soldat, aufgetaucht, der an Diksons Stelle zum Schloss geht, um der weißen Dame zu helfen. Anna erkennt in ihm einen jungen Mann, in den sie sich einst verliebte, als sie nach einer Schlacht seine Wunden pflegte. Als weiße Dame weist sie ihn an, jedes Gebot des Verwalters zu überbieten. So fällt das Schloss an Brown, ohne dass er die gebotene Summe aufbringen kann. Gaveston will ihn dafür verhaften lassen. Da nützt es auch nichts, dass George sich daran erinnert, selbst Julius Avenel und damit der legitime Erbe des Schlosses zu sein. Erst als Anna erneut als weiße Dame auftaucht und George / Julius als rechtmäßigem Erbe den Schatz des Schlosses überreicht, steht einer glücklichen Zukunft der beiden nichts mehr im Wege.

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Im Schloss herrscht der durchtriebene Gaveston (Tomi Wendt) als Verwalter sehr zum Missfallen der alten Margarethe (Stefanie Schäfer, Mitte) und Anna (Naroa Intxausti, links).

Dominik Wilgenbus hat für seine Inszenierung sowohl den gesungenen Text als auch die gesprochenen Dialoge ins Deutsche übertragen, um eine sprachliche Einheit zu erhalten. So erinnert die Fassung eher an eine deutsche Spieloper als an eine Opéra comique, was den Unterhaltungswert allerdings keineswegs schmälert. Lukas Noll gestaltet die Kostüme für den Chor mit riesigen Schleifen im Haar als eine Art Schotten-Karikatur, wobei nicht klar wird, wieso auch einige Herren des Chores als Frauen gekleidet sind. Auch die Kostüme der Protagonisten sind liebevoll überzeichnet, wobei Noll vor allem bei Gaveston, Anna und Margarethe besondere Farbakzente setzt. Das grelle Gelb in Gavestons Anzug mag Ausdruck seiner Missgunst und seiner Gier sein, während Annas dunkles Rot zum einen Ausdruck ihrer tiefen Gefühle ist und zum anderen einen großen Kontrast zu ihrem weißen Kleid als weiße Dame bildet. Margarethe wirkt in ihrem aufwändigen lila-farbenen Kleid wie ein Relikt aus einer vergangenen Zeit. Das Bühnenbild, für das ebenfalls Noll verantwortlich zeichnet, besteht größtenteils aus einem leicht nach hinten angeschrägten Podest, das einen Rasen mit zahlreichen Platten darstellt. Hier scheinen wohl die Gräber der verstorbenen Avenels zu sein. Der hintere Teil der Bühne ist mit einem weißen Vorhang verhängt, der erstmals beim Auftritt der weißen Dame in den Schnürboden gezogen wird und den Blick auf das Innere eines alten Schlosses freigibt, das auch auf der linken Seite als Miniatur steht. Wenn George das Schloss ersteigert, schützt er mit dem Chor die Miniatur vor dem Zugriff Gavestons.

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In der Nacht erscheint die weiße Dame (Naroa Intxausti) dem jungen George (Clemens Kerschbaumer).

Auch wenn das Podest den Chor in der Bewegungsfreiheit ein wenig einschränkt, gelingt es Wilgenbus mit einer geschickten Personenführung die Bühne optimal zu bespielen. So weiß der Chor jederzeit, wo er zu stehen und wie er sich aufzustellen hat, um den Blick auf die Protagonisten freizugeben. Wenn Anna als weiße Dame in Erscheinung tritt, trägt sie eine weiße Maske, so dass sie nicht direkt zu erkennen ist, zumal George sie ja auch bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht gesehen hat. Diskutabel bleibt die Entscheidung, Anna bei der Auktion nicht in einem weißen Gewand auftreten zu lassen, um Georges Gebote in die Höhe zu treiben. Zwar hat sie in Wilgenbus' Fassung George zuvor versprochen, dass ihm das junge Mädchen, das ihn einst pflegte, bei der Versteigerung des Schlosses zur Seite stehen werde. Aber dass niemand von ihr, Anna, dabei Notiz nimmt, wenn sie George dazu bringt, Gaveston permanent zu überbieten, ist nicht wirklich nachvollziehbar. Dramaturgisch verwirrend bleibt auch im dritten Akt, wieso Anna gemeinsam mit Margarethe auf der Suche nach der angeblich verschwundenen Statue der weißen Dame und dem Familienschatz sein soll. Unnötig ist auch das Schild, das zum glücklichen Ende mit dem Spruch "Wir ham's gleich" heruntergelassen wird, während Anna und George gemeinsam versuchen, sich in den Thronsessel zu quetschen. Hier lässt wohl der Karneval grüßen.

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Kampf um Schloss Avenel: Gaveston (Tomi Wendt, Mitte vorne mit dem Chor und Extrachor)

Sieht man von den kleineren Ungereimtheiten ab, bietet das Stück gute Unterhaltung auf hohem musikalischen Niveau. Die Titelpartie ist mit dem Ensemble-Mitglied Naroa Intxausti gewohnt hochkarätig besetzt. Mit strahlenden Höhen gestaltet Intxausti die Anna und umgibt die weiße Dame mit einer geheimnisvollen Aura. Tomi Wendt überzeugt als durchtriebener Gaveston mit intensivem Spiel und klangschönem Bariton. Stefanie Schäfer verleiht der Margarethe darstellerisch komödiantische Züge und begeistert durch einen kräftigen Mezzo mit einer warmem Mittellage. Katharina Göres stattet die Jenny mit leuchtendem Sopran aus. Vor allem ihre Ballade im ersten Akt über die weiße Dame bleibt im Ohr. Ralf Simon verfügt als ihr Ehemann Dikson über einen leichten Spieltenor und punktet vor allem im witzigen Zusammenspiel mit seiner Gattin, wenn sie mal wieder ihre kleinen Ehekrisen austragen. Clemens Kerschbaumer gefällt als George Brown mit lyrischem Tenor, der in den Höhen bisweilen etwas stark forciert. Darstellerisch punktet er als Erbe des Schlosses mit großem Selbstbewusstsein und Spielwitz vor allem in den Auseinandersetzungen mit Wendt als seinem Widersacher. Der von Jan Hoffmann einstudierte Chor präsentiert sich mit großer Bühnenpräsenz und stimmgewaltig, auch wenn man sich an einigen Stellen Übertitel gewünscht hätte, da die Chorpassagen auch im Deutschen nicht immer ganz verständlich sind. Das Philharmonische Orchester Gießen rundet unter der Leitung von Hoffmann den Abend leicht beschwingt ab, so dass es am Ende großen Applaus für alle Beteiligten gibt.

FAZIT

Dem Stadttheater Gießen ist es einmal wieder gelungen, ein vergessenes Werk des 19. Jahrhunderts in einer szenisch überzeugenden Produktion auf die Bühne zu bringen. Die Musik ist eingängig und unterhaltsam, wird aber wohl an die damaligen Erfolge nicht mehr anknüpfen können und somit auch keinen festen Platz im Repertoire erhalten.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung und Chorleitung
Jan Hoffmann

Inszenierung
Dominik Wilgenbus

Bühne und Kostüme
Lukas Noll

Licht
Thomas Hase

Dramaturgie
Matthias Kaufmann

 

Chor und Extrachor
des Stadttheaters Gießen

Philharmonisches Orchester
Gießen

 

Solisten

Gaveston
Tomi Wendt

Anna
Naroa Intxausti

George Brown
Clemens Kerschbaumer

Dikson
Ralf Simon

Jenny
Katharina Göres

Margarethe
Stefanie Schäfer

MacIrton
Calin-Valentin Cozma

Gabriel
Sang-Kyu Han

 


Weitere
Informationen

erhalten Sie vom
Stadttheater Gießen
(Homepage)



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