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Musiktheater
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Rusalka

Lyrisches Märchen in drei Akten (1901)
Libretto von Jaroslav Kvapil
Musik von Antonin Dvořák

in tschechischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3 Stunden 15 Minuten  (eine Pause)

Premiere in der Staatsoper Hannover am 25. September 2015

 



Staatsoper Hannover
(Homepage)

Von Wahnsinn zu Wahnsinn


Von Bernd Stopka / Fotos von Thomas M. Jauk

Antonín Dvořáks Märchenoper Rusalka erzählt die Geschichte einer Nixe, die aus ihrer kalten Welt entfliehen möchte, um ihre Liebe zum immer wieder in ihrem Teich badenden Prinzen leben zu können. Der Wassermann, ihr Vater oder Beherrscher, warnt sie eindringlich vor den Konsequenzen, schickt sie aber doch zur Hexe Ježibaba, die sie in eine Menschenfrau verzaubert. Die Bedingung ist hart: Sie verliert gegenüber den Menschen ihre Stimme und sollte der Prinz jemals aufhören sie zu lieben, kann sie nur ins Wasserreich zurück, wenn sie ihn tötet. Aber Rusalka willigt ein. Nicht nur die Intrigen einer fremden Gräfin, sondern auch die Unfähigkeit miteinander zu sprechen, lassen den Prinzen an Rusalka verzweifeln, so dass er schließlich von ihr ablässt. Nach ihrer Flucht lebt Rusalka ausgestoßen im Wasser, aber nicht wieder im Wasserreich – ebenso einsam, wie der unglücklich gewordene Prinz mit seiner verstörten Seele in der Menschenwelt. Durch einen Kuss erfüllt Rusalka die Bedingung  und tötet den von Schuldgefühlen geplagten Prinzen, der sie um den Tod bittet.

Das ist alles andere als eine herzige Märchenoper, es ist viel mehr ein Musikdrama in Märchengestalt, psychologisch fein gestaltet und durch die schreckliche Ausweglosigkeit, in die sich Rusalka begibt, auch eine grausame Geschichte. Regisseur Dietrich W. Hilsdorf hat die Handlung und die Charaktere scharf analysiert und aus dieser Märchenoper ein Psychodrama allererster Güte gemacht, mit dem die Saison im Opernhaus Hannover grandios eröffnet wird.

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1. Akt: Sara Eterno (Rusalka), Khatuna Mikaberidze (Hexe)

Zunächst verstören die Bilder des ersten Aktes, der in einem Leichenkeller spielt, in dem die Wasserleichen junger Frauen heraus- und hereingefahren werden. Es ist 5 vor zwölf, als das Vorspiel beginnt, um Mitternacht erwachen die Elfen, die wie wirre Untote durch den Keller geistern. Der Wassermann erscheint als düsterer Anatom im archaischen Taucheranzug wie aus einem Roman von Jules Verne. Eine Reihe von Totenmasken hängt an den Kellerwänden. Dezente Projektionen illusionieren eine Unterwasserwelt. Die Hexe tritt wie eine Mischung aus eng geschnürter preußischer Gouvernante und Klytämnestra an zwei Stöcken auf. Rusalka ist eine psychotisch gestörte junge Frau, die dem Wahnsinn, dem sie verfallen ist, entfliehen möchte – und sich doch nur im nächsten Wahnsinn wiederfindet. Der Prinz betritt die Unterwelt über eine Wendeltreppe, die in einem wehrhaft vergitterten Käfig die Mitte der Bühne beherrscht. Er ist von Rusalka fasziniert, auch wenn diese ihn – dann doch wieder zögernd – mit seinem Jagdgewehr bedroht. Würde sie nun abdrücken, wäre die Oper am gleichen Ende wie zwei Stunden später, doch nicht so schön und dann würde sich diese ganze Szenerie auch nicht erklären und auflösen.

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2. Akt, Chor

Der zweite Akt spielt eine Etage höher, in einem kargen, aber herrschaftlichen Saal, der schon bessere Zeiten erlebt haben dürfte. Rusalkas Totenmaske hängt rechts an der Wand. Die Geschichte wird relativ konventionell gezeigt, wobei man beim Küchenjungen auf den  Umweg der Hosenrolle verzicht und gleich ein Küchenmädchen auf die Bühne stellt. Der Heger erscheint scherzhaft mit einem Hirschgeweih, das er symbolträchtig an die linke Wand hängt und damit Hirsch und Frau gleichermaßen zu Jagdtrophäen erklärt. Die Hochzeitsgäste singen ein Gauklerpaar an, das einen Wassermann und eine Nixe darstellt. (Mit nacktem Unterkörper probiert das Mädchen vor dem Wassermann ihr Fischschwanzkostüm als Zwischenspiel zwischen dem ersten und zweiten Akt an – unnötiger- und auch irgendwie unangenehmer Weise.) Ungeheuer stark und intensiv gelingen die Szenen Rusalka/Gräfin/Prinz mit einer Personenregie, die die Spannung nur so knistern lässt. Als Folge einer ganz bewussten Entscheidung nimmt Rusalka ihre Totenmaske von der Wand und geht mit dem Wassermann zurück in die Unterwelt, nachdem der Prinz sich der Gräfin zugewandt hat, die bei ihrer Verführung ganz handgreiflich geworden ist und ihr widerliches Spiel offenlegt, indem sie ihn als Memme verlacht. Es ist zunächst ebenso schwer vorstellbar, dass der Prinz sich erst in ein irre-wirres Mädchen verliebt und dann einer feisten Matrone erliegt, die eher einen Mutterkomplex assoziieren lässt. Doch das klärt sich auf.

Mit dem dritten Akt (und einem Blick in das Programmheft) offenbart sich die ganze Geschichte. Der Regisseur hat die Handlung – zu Beginn des ersten Aktes in der Übertitelungsanlage angezeigt – nicht nur auf den 31. März des Jahres 1901 gelegt (den Tag der Uraufführung dieser Oper), er lässt sie auch im „Schloss Orloc“ spielen, das bekanntermaßen der Sitz des untoten Vampirs Nosferatu ist. Er verbindet die Handlung weiterhin mit der Geschichte der „Unbekannten aus der Seine“, der Leiche einer jungen Frau, die im Jahr 1900 aus der Seine gezogen wurde und deren (besonders für eine Wasserleiche ungewöhnlich) schönes, ja glückliches Lächeln, die Menschen ihrer Zeit so fasziniert hat, dass Kopien ihrer Totenmaske als morbide Mode in vielen Künstlerwohnungen hingen.

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Brigitte Hahn (Fürstin), Andrea Shin (Prinz), Tobias Schabel (Wassermann), Sara Eterno (Rusalka)

In der Unterwelt werden die Wasserleichen junger Frauen gesammelt, die der fetischistische Anatom (Wassermann) als Taucher aus dem Wasser holt. Es sind Frauen, die aus Angst vor der Schande einer „unehrenhaften“ Mutterschaft ins Wasser gegangen sind. Ihnen werden Totenmasken abgenommen und die Leichen ihrer Föten in Formalin eingelegt. Sie sind aufgrund ihrer Selbsttötung Untote, die keinen Frieden und keine Ruhe finden können. Bleichgesichtig geistern sie in ihren Leichenhemden durch den schauerlich-gruseligen Saal. Auch Rusalka und ihr Prinz haben eine Vorgeschichte. Mit einer dicken Kerze empfängt sie ihn in der Unterwelt - wie ein Irrlicht, aber nun ganz ruhig, entschieden und klar, ohne irren  Blick und wirre Handlungen. Er war der Vater ihres Kindes und damit der Grund dafür, dass sie sich getötet hat. Sie reicht ihm die Leiche ihres Fötus’, die er schützend unter seinen Mantel nimmt. Seine Schwermut resultiert aus seinen doppelten Schuldgefühlen: Erst hat er Rusalka durch das uneheliche Kind in den Tod getrieben, dann hat er sie, als er sie aus der Unterwelt erlösen wollte, ein zweites Mal fallengelassen. Nicht ihre Schönheit war der Grund sie heiraten zu wollen, sondern seine Schuldgefühle. In dem Zusammenhang erklärt sich auch seine mutterkomplexartige Hingebung zur fremden Fürstin in dieser Darstellung: In höchster Not schreien noch ganz andere Helden auf der Opernbühne nach ihrer Mutter... Mit ihrer Totenmaske erstickt Rusalka symbolträchtig den Prinzen, der sich, um seinen Tod als Sühne bettelnd, selbst auf die Totenbahre gelegt hat. Fraglich bleibt, ob er durch den Tod tatsächlich  erlöst wird oder nicht selbst ein Teil der Welt wird, in der die schuldig Gewordenen keine Ruhe finden. Rusalka setzt sich ganz ruhig auf einen Stuhl und drückt ihr totes Kind an die Schulter, während der Wassermann mit ruhiger, aber still triumphierender Bösartigkeit die Irrlichtkerze löscht.

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Tobias Schabel (Wassermann), Julie-Marie Sundal, Hanna Larissa Naujoks, Athanasia Zöhrer (Elfen)

Es ist oft problematisch, wenn ein Werk mit einer anderen Geschichte verbunden oder ihm  eine andere Sichtweise aufgedrückt wird. Hier ist das aber ganz erfolgreich gelungen und fügt dieser Oper eine Dimension und Tiefe hinzu, die mit der bedeutungsvollen Musik großartig harmoniert – sieht man einmal davon ab, dass der neckische Gesang der Elfen nur schwer mit dämonischen Untoten vereinbar ist und dass die heitere Musik des Hexenzaubers hier beim Zauberritual fremd wirkt. Aber damit erschöpfen sich auch die offensichtlichen Diskrepanzen. Für (fast) alles findet sich im Libretto die Erklärung: „Du bist bleich wie der Mond…“ , „…bei uns im Wald spukt es“, „seltsame Gestalten um Mitternacht…“, „…du hast mich verführt…“ „…meine Sünde…“, …wirst du ein todbringend Irrlicht dann sein!“ um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Auch die psychoanalytisch zu betrachtenden Bilder, wie das immer wiederkehrende Bad des Prinzen, das Rusalka nicht nur als Bad in ihrem Teich, sonders als ein Baden und Umschlungensein von ihr als Nixe beschreibt, findet seine Erklärung in dieser Lesart der Geschichte. Und die inzestuösen Verführungsgesänge der Elfen, die den Wassermann „Väterchen“ nennen, erscheinen in diesem Zusammenhang auch alles andere als harmlos. Die ungemein stimmungsvollen, wunderbar ausgeleuchteten (Licht: Elana Siberski), starken Bühnenbilder von Dieter Richter und die Kostüme von Renate Schmitzer tragen einen wesentlichen Teil zu dem unglaublich tiefen Eindruck bei und schaffen eine dichte Atmosphäre von Grausen, aber keinesfalls billigem Gruseln. Besonders eindrucksvoll wirkt im dritten Akt das Hoch- und wieder Hinunterfahren der Bühne, wenn der Heger und das Küchenmädchen auf dem Weg zur Hexe sind, um ein Heilmittel gegen die Schwermut des Prinzen zu erbitten. Das Oben und Unten und die Verbindung durch die Wendeltreppe werden höchst eindrucksvoll deutlich.

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Stefan Adam (Heger), Mareike Morr (Küchenmädchen), Khatuna Mikaberidze (Hexe)

Höchst eindrucksvoll ist auch die szenische Gestaltung der Rusalka durch Sara Eterno, die als eine begnadete Schauspielerin das Psychogramm dieses unglücklichen, wahnsinnigen, zerrissenen, gestörten, gefangenen und unerlösbaren Menschen-Nixen-Wesens so überzeugend darstellt, dass einem Schauer über Schauer über den Rücken laufen. Wie gern hätte man in der Premiere auch ihre gesangliche Interpretation erlebt, doch ein Infekt hatte ihr die Stimme geraubt, was aber trotz der Parallelen zu dieser Figur nicht im Zusammenhang mit dieser Partie steht. Das soll aber die rein musikalische Darstellung durch Rebecca Davis nicht schmälern, die der auf der Bühne agierenden Kollegin vom Proszenium aus ihre Stimme lieh und mit substanzreichem und doch mädchenhaftem, seelenvollem Sopran beeindruckte und berührte. Andrea Shin ist ein stimmschöner Prinz mit strahlenden und glänzenden Zwischentönen und hochkultiviertem, gleichmäßig durchgeformtem Tenor. Tobias Schabel beeindruckt mit sparsamen aber ausdrucksvollen Gesten und lässt auch mit seiner gesanglichen Darstellung der unheimlichen Figur des Wassermannes keine Wünsche offen. Khatuna Mikaberidze ist als Hexe eine Luxusbesetzung mit szenisch und stimmlich eindrucksvoller Bühnenpräsenz. Brigitte Hahn gelingt die Darstellung der fremden Fürstin in der Interpretation dieser Produktion absolut überzeugend. Stefan Adam lässt als Heger seinen gewohnt wunderbaren Bariton hören und macht seine kurzen Auftritte zu Kabinettstückchen, beispielsweise, wenn er sich als gestandener Mann wie ein kleiner Junge vor der Hexe fürchtet. Mareike Morr fürchtet sich da als Küchenmädchen mit ihm und singt ihre Partie mit angemessener Leidenschaft. Athanasia Zöhrer, Hanna Larissa Naujoks und Julie-Marie Sundal gelingt es, als untote Elfen über die Bühne zu geistern, ohne lächerlich zu wirken und sie bilden dabei auch gesanglich ein harmonisches Terzett, das auch jeder Rheintöchterbesetzung Ehre machen würde. Mit Matthias Winckhler ist der Jäger adäquat besetzt und das ebenso eindrucksvolle, wie harmonische Ensemble komplett.

Dirigentin Anja Bihlmaier wurde beim Schlussapplaus mit Jubel überschüttet und das zu Recht. Sie versteht es, Leidenschaftlichkeit und feinste Differenzierung gleichermaßen zu bedienen und in großen Bögen die Spannung, ja den Sog der Musik mitreißend und  beeindruckend im Gesamtkonzept ihres Dirigates zu verbinden, das gänzlich überzeugt. Das Staatsorchester ist bestens disponiert und der kurze Auftritt des Chors gut einstudiert.

FAZIT

Ganz starkes Musiktheater, das ganz tief unter die Haut geht, wenn man sich auf diese szenische Lesart einlässt. Die musikalische Seite dieser Produktion ist geradezu traumhaft.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Anja Bihlmauer

Inszenierung
Dietrich W. Hilsdorf

Bühne
Dieter Richter

Kostüme
Renate Schmitzer

Licht
Elana Siberski

Chor
Dan Ratiu

Dramaturgie
Klaus Angermann

 

Niedersächsisches
Staatsorchester Hannover

Chor der
Staatsoper Hannover

Statisterie der
Staatsoper Hannover

Solisten

Rusalka
Sara Eterno (spielt)
Rebecca Davis (singt)

Der Prinz
Andrea Shin

Die fremde Fürstin
Brigitte Hahn

Der Wassermann
Tobias Schabel

Ježibaba (Hexe)
Khatuna Mikaberidze

Der Heger
Stefan Adam

Das Küchenmädchen
Mareike Morr

Erste Elfe
Athanasia Zöhrer

Zweite Elfe
Hanna Larissa Naujoks

Dritte Elfe
Julie-Marie Sundal

Ein Jäger
Matthias Winckhler




Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Staatsoper Hannover
(Homepage)




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