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Jonny spielt auf

Oper in zwei Teilen
Text und Musik von Ernst Krenek

in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 45' (eine Pause)


Premiere im Theater Hagen am 16. Januar 2016

Logo: Theater Hagen

Theater Hagen
(Homepage)
Die Einsamkeit des Tenors im vom Foxtrott bedrohten Hochgebirge

Von Stefan Schmöe / Fotos von Klaus Lefebvre (© Theater Hagen)

Ernst Krenek war der Sensationserfolg seiner 1927 uraufgeführten Oper Jonny spielt auf alsbald suspekt. Als "Jazzoper" etikettiert (dabei nehmen die Jazz-Passagen, die viel mehr Tanzmusik als "echten" Jazz bemühen, nur einen kleinen Teil ein), traf das Werk wohl vor allem durch die raffinierte Unterwanderung der traditionell pathetischen Oper mit zeitgenössischer Gebrauchsmusik und einer trivialisierten Handlung zwischen Hotel und Bahnhof den Geist der 1920er-Jahre einschließlich der Vision vom vermeintlich besseren Amerika. So eindeutig sah der Komponist das freilich überhaupt nicht. Dass er in der Oper mit dem Komponisten Max ein Sinnbild für seine eigene Suche nach der "richtigen" Musik schuf, hebt Regisseur Roman Hovenbitzer in dieser Hagener Neuinszenierung explizit hervor: Er lässt diesen Max mit einem Bühnenbildmodell des ominösen Gletschers aus dem Stück heraustreten und versinnbildlicht so, dass es hier um Kreneks ureigenstes Ringen mit der musikalischen Tradition geht.

Vergrößerung in neuem Fenster Jugendlich-dramatisches Liebespaar im Anblick des Hochgebirges: Komponist Max und Operndiva Anita

Gleich in den ersten Takten wird dieser Gletscher von Max besungen als der "schöne Berg, der mich anzieht, der mich antreibt, zu gehn fort von der Heimat", und dieser "schöne Berg" lässt sich als kaum verklausulierte Anspielung auf den Namen des in der Komponistenszene übermächtigen Arnold Schönberg verstehen. Sinnfällig ist der Gletscher, den Ausstatter Jan Bammes sehr eindrucksvoll gebaut hat, ein Gebirge aus Partituren, über denen eine Fläche wie ein überdimensioniertes zerknülltes weißes Blatt liegt - die übermächtige europäische Musiktradition, an der Max wie sein Schöpfer Krenek zu scheitern drohen (und die Max letztendlich doch ins Leben zurück ruft). Als Gegenpol dazu fügen sich im Finale der Oper in einer großen Revue übermächtige Lettern zum Wort LIBERTY zusammen, vor denen der Jazzbandgeiger Jonny (der hier, anders als bei Krenek, kein Farbiger ist) das letzte Wort hat. Die vermeintliche Freiheit wartet hinter dem großen Meer im fernen Amerika.

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Jazzband-Musiker Jonny, im Original ein "Neger", umgeben von Tänzerinnen

Hovenbitzer zeigt die klassische Dreieckskonstellation als metaphorisches Künstlerdrama: Die Sängerin Anita zwischen zwei Männern, nämlich dem von heiligem Ernst beseelten Komponisten Max und dem zunehmend abgehalfterten und oberflächlichen Virtuosen Daniello (der im wahrsten Wortsinn unter die Räder, und zwar die der Eisenbahn kommen wird), mit dem Instinktmusiker Jonny als irritierendem Dritten. Realistische Räume, die eine zeitliche Einordnung ermöglichen, vermeidet die Regie - dass die Polizisten sehr heutig sind und nicht der Weimarer Republik (oder, die Einordnung der Oper als "entartete Musik" durch die Nazis vorweg nehmend, dem Faschismus) entstammen, kappt die historischen Bezüge, verschiebt die Inszenierung allerdings auch ein Stück weit ins Ungefähre. Wenn Max, der unschuldig Verfolgte, Hals über Kopf mit Anita nach Amerika abreist, dann nimmt das Kreneks erzwungene Emigration nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1938 vorweg, aber das wird von der Regie nicht aufgegriffen. Statt dessen interessiert sich Hovenbitzer für den Kontrast der unerschütterlich ruhigen Gletscherwelt und der schnellebigen Moderne mit ihren eigenen, von Auto- und Eisenbahnverkehr geprägten und hier durch verschwommene Videoeinblendungen visualisierte Rhythmik. Den Schwachpunkt der Oper, nämlich dass dem Jazzband-Musiker Jonny die adäquat provokative Musik fehlt, die zu neuen Ufern führen könnte, kann und will er nicht kaschieren.

Vergrößerung in neuem Fenster Der Geigenvirtuose und Frauenheld umschleicht die Diva: Daniello und Anita

Während Max (mit etwas engem, aber eindrucksvoll strapazierfähigem und höhensicherem Tenor: Hans-Georg Priese) einsam sein Partiturgebirge erklimmt, werden dem lässigen Jonny (aufreizend lässig-elegant im Auftreten, stimmlich etwas brav: Kenneth Mattice) drei sehr knapp bekleidete Tänzerinnen an die Seite gestellt. Das schafft auch optisch den Kontrast zwischen großer heroischer Oper und dem revuehaften Unterhaltungstheater. Derweil stürzt Daniello (darstellerisch wie stimmlich souverän: Andrew Finden) nach dem Verlust seiner Geige etwas abrupt vom Frauenheld zum Penner ab. Anita (mit jugendlich-dramatischem Elan: Edith Haller) bleibt trotz schneller Hingabe an die Männer die letztendlich unnahbare Diva, im Gegensatz zum koketten und sehr attraktiven Stubenmädchen Yvonne (mit viel Soubrettencharme: Maria Klier). Rainer Zaun als Manager und Kejia Xiong als Hoteldirektor sind imposante Besetzungen der kleineren Partien, und Chor und Extrachor singen und spielen sehr präsent. Chefdirigent Florian Ludwig und das sehr ordentlich aufspielende Philharmonische Orchester Hagen treffen gut den Wechsel der Stilebenen.

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Jeder eine Freiheitsstatute: Großes Revue-Finale. Vorne spielt Jonny auf.

Man kann der kurzweiligen Regie von Roman Hovenbitzer vorwerfen, dass es ihr an satirischer Zuspitzung fehlt und dass sie zu wenig Stellung bezieht, dass sie letztendlich konventionell bleibt. Das sind dann in etwa die Vorwürfe, mit denen sich alsbald nach der Uraufführung die Oper selbst ausgesetzt sah. Insofern bleibt Hovenbitzer nah am Stück und interpretiert nicht mehr hinein, als dem Komponisten lieb gewesen wäre. Für den skandalumwitterten Sensationserfolg taugt Jonny spielt auf nicht mehr (der Beifall des Premierenpublikums war dann auch eher freundlich als begeistert), die Fragen nach dem Wesen der Kunst-Musik zwischen Tradition und Unterhaltungsbranche bleibt bestehen. Damit ergänzt dieses durch und durch europäische Werk (von einer Wiederentdeckung muss man nicht reden, ist es doch in den letzten Jahren hier und da gespielt worden) sehr sinnvoll die Reihe von Opern der amerikanischen Moderne, mit der sich das Theater Hagen in den letzten Jahren immer wieder profiliert hat.


FAZIT

Hovenbitzers Regie legt manche Spur aus und führt das Werk behutsam in die Moderne, schönt aber auch die Schwächen nicht - keine überwältigende, aber eine interessante und hörens-wie sehenswerte Aufführung auf gutem musikalischem Niveau.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Florian Ludwig

Inszenierung
Roman Hovenbitzer

Ausstattung
Jan Bammes

Licht
Ulrich Schneider

Video
Achim Köster

Choreinstudierung
Wolfgang Müller-Salow

Dramaturgie
Dotothee Hannappel


Chor des Theater Hagen

Philharmonisches
Orchester Hagen


Solisten

* Besetzung der Premiere

Max, Komponist
* Hans-Georg Priese /
Mathias Schulz

Anita, Sängerin
Edith Haller

Jonny, Jazzband-Geiger
Kenneth Mattice

Daniello, Violinvirtuose
Andrew Finden

Yvonne, Stubenmädchen
Maria Klier

Manager
Rainer Zaun

Hoteldirektor
Kejia Xiong

1. Polizist
Matthew Overmeyer

2. Polizist
Tae-Hoon Jung /
* Paul Jadach

3. Polizist
Sebastian Joest /
* Egidijus Urbonas

Tänzerinnen
Alma Edelstein Feinsilber
Nathalie Gehrmann
Julia Karnysh


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Hagen
(Homepage)




Da capo al Fine

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