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Les Troyens

Große Oper in fünf Akten
Dichtung vom Komponisten
nach der Aeneis von Vergil
Strichfassung von Pascal Dusapin
Musik von Hector Berlioz


in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h 45' (eine Pause)

Premiere in der Hamburgischen Staatsoper am 19. September 2015


Homepage

Staatsoper Hamburg
(Homepage)

Desaströser Neustart an der Staatsoper

Von Thomas Tillmann / Fotos von Hans Jörg Michel


Der Untergang Trojas war ein Desaster. Der Untergang Karthagos war ein Desaster. Die Aufführungsgeschichte von Hector Berlioz' monumentalen Les Troyens, in denen beides kongenial künstlerisch rezipiert wurde, ist ein Desaster - Berlioz hat keine vollständige Aufführung erlebt, das Werk wurde zu seiner Lebenszeit und viele Jahrzehnte nur zweigeteilt und als Torso aufgeführt, eine Entwicklung, die eigentlich überwunden schien.

Die Neuproduktion der Hamburgischen Staatsoper ist indes auch nichts weniger als ein Desaster, szenisch, musikalisch und in vielerlei Hinsicht auch sängerisch, auch ein Fehlstart für Georges Delnon und Kent Nagano, die die skandalöse "Hamburger Strichfassung" ja verantworten, um die man den französischen Komponisten Pascal Dusapin gebeten hatte - davon konnte der ganze multimediale Hype von der Vorberichterstattung in den Tagesthemen bis zu dem Umstand, dass ARTE Concert die Premiere zeitversetzt streamte und die Vorstellung auf NDR Kultur übertragen und im Rahmen des Binnenalster Filmfestes auch auf einer Kino-Leinwand am Jungfernstieg gezeigt wurde (besonders voll war es dort indes nicht, wie der Rezensent auf dem Weg ins Hotel feststellen konnte), nicht ablenken. Es ist ein künstlerisches Desaster, wenn ein Leitungsteam dem Publikum ein Werk in einer zweifelhaften Strichfassung präsentiert und behauptet, das gesamte Werk sei unaufführbar - selbst die im Foyer angebotenen DVDs strafen diese skandalös falschen Behauptungen Lüge. Ich habe hervorragende, spannende, verstörende, provozierende, lange Aufführungen in Paris (Chatelêt und Bastille), Amsterdam, Berlin, Düsseldorf/Duisburg, Gelsenkirchen, Karlsruhe, Leipzig und Mannheim gesehen, die alle Stärken und Schwächen hatten, die aber alle den Zuschauern die Entscheidung überließen, ob Berlioz trotz der einen oder anderen Länge rezipierbar ist oder nicht - wie bei den Werken anderer Komponisten auch (und natürlich gab es dort auch überall wohl begründete Striche, das ausführliche Finale oder die Sinon-Szene etwa sind sicher ebenso diskutabel wie die Ballettszenen, wobei man sich schon vorstellen könnte, dass John Neumeier nicht doch etwas Geniales dazu eingefallen wäre). Die Hamburger Strichfassung zerstört massiv die Architektur des Werkes, verweigert musikalische Höhepunkte (kein einziges Mal etwa erklingt das auch dramaturgisch so wichtige "Gloire à Didon", genau diese "gloire" verliert die Königin doch, als sie sich kopflos in die Affäre mit dem Trojaner stürzt), hetzt durch ein Werk, das Ruhe braucht, um sich in seiner ganzen Komplexität entwickeln und seine Genialität entfalten zu können, lässt von mancher Arie gerade ein paar Takte stehen - ein unerhörtes Unterfangen aus meiner Sicht. Kent Nagano und Michael Thalheimer wissen es besser: "wir wissen beide, dass es zu lang ist", war in einem Blog der Berliner Staatsoper vorab zu lesen. "Aber seien wir ehrlich: In jeder Oper gibt es Passagen, da ist das Libretto hanebüchen, die Geschichte retardiert, eine Szene ist komplett überflüssig, man hat keine Lust, das zu inszenieren, aber man muss es eben machen, weil es ein Tabu ist, diese Szene zu streichen. Das ist das Gefängnis Oper. Im Schauspiel kann ich machen, was ich will. Aber die Freiheit wird ja manchmal zum Gefängnis, und das Gefängnis zur Freiheit ... Dass man überhaupt dazu kommt, etwas umstellen oder streichen oder eine Fermate ausdehnen zu wollen, das hat mit einer Auseinandersetzung inhaltlicher Art zu tun, das kommt aus einem Respekt vor dem Werk. Und nicht, weil ich mich auf Augenhöhe mit dem Komponisten oder dem Dichter stelle. Gar nicht. Das Werk bleibt das Werk. Übrigens ist das Werk auch durch mich als Regisseur unzerstörbar. Jeder kann nach der Inszenierung die Partitur oder das Textbuch wieder herausholen. Es geht nur um eine Interpretation. Ich sage: ... es gibt einen Respekt durch Respektlosigkeit. Ich kann nur respektlos sein, indem ich erstmal Respekt habe. Sonst bin ich einfach nur dumm." Si tacuisses ...

Szenenfoto Cassandre (Catherine Naglestad) hat es vorhergesehen, aber niemand wollte ihr glauben: Es wird viel Blut fließen.

Berlioz' Vorlage (Vergils Aeneis) ist ein gewaltiges Epos, und auch der von ihm verehrte Shakespeare neigt in seinen Dramen nicht zur Kürze. Und ein Opernpublikum ist ja auch nicht unerfahren, was lange Abende angeht: Es bleibt mir unbegreiflich, warum Les Troyens unaufführbarer sein soll als die drei Abende des Ring, Meistersinger oder Parsifal, die nicht kürzer sind und auch Passagen enthalten, die der eine oder die andere als Längen empfinden mag. Genau das wäre die Aufgabe eines Regisseurs, diese Stellen dem Publikum besonders ans Herz zu legen durch eine zwingende Interpretation. Beinahe ängstlich fragt man sich, welche Striche Thalheimer dort wohl vornehmen würde, wenn man ihn ließe (ein hübsches Gedankenspiel für lange Zugfahrten). Diese erratische Strichfassung schadet nicht zuletzt der Kunstform Oper an sich: Es ist ein Luxus in unserer Zeit, sich fünf Stunden auf ein Meisterwerk einzulassen und nicht nur ein sehr subjektiv zusammengestelltes "Best of" präsentiert zu bekommen, einen Querschnitt. Und ich gebe zu bedenken, dass in einem freien Land kein Regisseur einen (hochdotierten!) Vertrag für ein Stück unterschreiben muss bzw. sollte, von dem ihn weniger als die Hälfte interessiert und mit dem er in der vom Komponisten vorgesehenen Form nicht zurecht kommt. Da wäre es fairer, sich einen anderen Stoff zu suchen oder Eigenes zu schaffen, auch wenn sich damit vielleicht nicht so einfach die Miete zahlen lässt.

Szenenfoto

Auch die Trauer der Andromaque (Catrin Striebeck) kann die Trojaner nicht davon abhalten, in den eigenen Untergang zu rennen.

Szenisch passiert indes an diesem Abend erschreckend wenig, es wird unendlich viel belanglos herumgestanden, es gibt brave Auf- und Abgänge des Chores und etwas weniger geordnete der Solisten, es gibt fast keine Requisiten, fast alles spielt sich in komfortabler Nähe zu Dirigent und Publikum ab. "Hauptdarsteller" auf der fast leeren Bühne von Olaf Altmann ist ohnehin eine riesige Wand hinten, die - man höre und staune - gedreht werden kann und von der Theaterblut herablaufen darf, dies in großen Mengen, später kurzfristig abgelöst von Regen in der Chasse Royale (nicht gestrichen!). Das Fließen des Blutes, das gefällt dem Regisseur, das aber ist ein allzu simples Bild für Krieg und Flucht, zumal in einer Zeit, in der Krieg und Flucht unsere Nachrichten, ja unser tägliches Leben bestimmen. Von einer Neuinszenierung eines so bedeutenden Stoffes darf und muss man im September 2015 mehr erwarten als klägliches Blutgeplätscher - jede noch so plakative Aktualisierung hätte mehr Respekt und Sympathie verdient als diese uninspirierte, fade szenische Nullnummer. Aber auch hier sorgt der Spielleiter vor: "Wer sie (die Parallelität zu heute ist gemeint) nicht hört, nicht sieht, dem ist nicht mehr zu helfen.", merkt er im Programmheft-Interview an. Ich bin kein Freund von Zutaten zu einem Werk, aber selbst ein paar kluge montierte Sprechtexte, Vergil im Original oder immer gern zitierte Autoren wie Adorno, Herta oder Heiner Müller, Elfriede Jelinek, Videosequenzen aus aktuellen Nachrichtensendungen wären immerhin eine künstlerische Aussage gewesen. Oder einfach eine packend erzählte Geschichte, eine wirklich sich mitteilende Personenzeichnung - irgendetwas!

Die (wie alle Mitwirkenden von Michaela Barth in denkbar scheußliche oder unscheinbare Alltagskostüme gesteckten) Protagonistinnen haben jeweils eine eigene, artifizielle Körpersprache verordnet bekommen, die augenscheinlich nicht die ihre ist, die am präzisesten gezeichnete Figur ist symptomatischerweise die vom Komponisten stumm konzipierte Andromaque, Schauspielerin Catrin Striebeck erhielt mehr Applaus als mancher Sänger, vielleicht auch aus dem Grund, dass das Publikum sich gar nicht erinnern konnte, was letztgenannte überhaupt getan hatten (dies bezieht sich nicht nur auf die Mitglieder der trojanischen Königsfamilie, sondern auch auf Figuren wie Chorèbe, Narbal, Panthée, Iopas oder Hylas, die zu Randfiguren degradiert waren).

Szenenfoto Cassandre (Catherine Naglestad) versucht die Trojanerinnen zu überzeugen, dass ein kollektiver Selbstmord ruhmvoller ist als sich von den bereits eindringenden Griechen versklaven zu lassen.

Catherine Naglestad ist eine verdiente Sängerin, ich mochte ihre Sieglinde und Siegfried-Brünnhilde in Amsterdam sowie ihre Minnie in Zürich sehr - eine eindrucksvolle, ausdrucksstarke Cassandre war sie weder darstellerisch noch vokal, dazu fehlen ihr die Reserven, die ein hochdramatischer Sopran oder ein dramatischer Mezzo nun einmal haben. Nicht dass sie nicht alle Töne für die Partie hätte, aber einigen fehlte es trotz Naganos Rücksichtnahme an Durchschlagskraft und expressivem Aplomb, jedenfalls an einem so großen Haus und auf einer so leeren Bühne; ich bin fast sicher, dass ihr die Salome, die sie im nächsten Jahr an der Deutschen Oper Berlin singen wird, mit ihrer höheren Tessitura sehr viel besser liegen wird. Elena Zhidkovas Mezzo ist auch eher schlank, aber laut und durchdringend, vor allem aber sehr eindimensional, mitunter unangenehm harsch und ohne ein großes Spektrum an Farben, sieht man von einigen "Flaschentönen" ab. In den dramatischen Passagen der Didon wusste sie mit der Verve zu überzeugen, die ihre Eboli sicher demnächst zu einem Ereignis machen wird, in den lyrischen Momenten hätte man sich aber eine reichere, wärmere, farbigere Stimme gewünscht, was zu einem weiteren Problem dieses Abends führt: Man konnte nicht nachvollziehen, warum für diese französische Oper genau diese Sängerinnen und Sänger engagiert wurden, zumal sich offenkundig trotz Sprachcoachings niemand mit den besonderen Anforderungen des gesungenen französischen Wortes auseinandergesetzt hatte - darauf indes sollte ein Haus achten, das auf die erste Liga schielt und an goldene Liebermann-Jahre anknüpfen möchte, wir sind nicht in Oldenburg (wo ich inspirierendere Abende gesehen habe).

Szenenfoto

Didon (Elena Zhidkova, rechts) begrüßt Enée (Torsten Kerl) und seinen Sohn Ascagne (Christina Gansch).

Und so sangen Kartal Karagedik, Alin Anca, Petri Lindroos (die Töne des Finnen wirkte bei allem Respekt für die schiere Gewalt desselben wie ein exotisches Intermezzo aus einer russischen Version des Werks), Markus Nykänen (auch seine Arie war verstümmelt, was man angesichts des bis dahin gewonnenen Eindrucks vom Interpreten verschmerzte) und Katja Pieweck (auch keine Offenbarung, sondern eher solide Hausmannskost) wenig idiomatisch, dem Genre nicht gerecht werdend und auch sonst nicht bemerkenswert, sieht man von Julian Prégardien, der Hylas' "Vallon sonore" zu einem raren, glanzvollen Höhepunkt des Abends machte, zumal der Künstler auch die dynamische Palette ausschöpfte und wusste, wie man mit einer Voix mixte und einer weichen Tongebung besondere Effekte erzielt (er ist indes auch der einzige Sänger, der bereits ab der dritten Vorstellung von einem weiteren Nichtmuttersprachler abgelöst wird, so dass diese dann wieder unter sich sind) und der auch darstellerisch sehr involvierten, eine gesunde, junge Stimme mitbringenden Christina Gansch vom Opernstudio als Ascagne ab. Tiefpunkt der Besetzung war der auch darstellerisch völlig unbewegliche Torsten Kerl mit engem, kleinen, viel zu hellen, kein bisschen dramatischen Nachdruck verströmenden, peinigend überforderten Tenor und brökelnden Tönen; im (natürlich gekürzten) "Inutiles regrets" punktierte er nach Herzenslust, ein aufmerksamer Intendant müsste ihn wirklich für diese skandalöse Nicht-Leistung ins Dienstzimmer bitten. Die geschmacklose Fermate beim letzten "L'Italie" wirkte da fast unfreiwillig komisch, ebenso wie die Ankündigung, er werde demnächst neben Tannhäuser, Tristan und Siegmund auch die beiden Siegfriede geben. Ein paar Proben mehr hätten dem Chor nicht geschadet, gerade auch in der Kommunikation mit dem Graben, und ein paar frischere Stimmen im Sopran wären sicher ein Gewinn fürs Kollektiv.

Und Kent Nagano? In erster Linie hat er die Verstümmelung des Werkes zugelassen. Das, was Gnade gefunden hat, ertönte meistens zu flott, zu oberflächlich glitzernd und den kleinen Stimmen auf der Bühne dynamisch allzusehr angepasst, als dass man den Farbenreichtum der Partitur hätte ungetrübt bewundern und genießen können. Sicher, da gab es tolle Details im Graben, eine schöne Transparenz in vielen Momenten, aber den rechten breiten, monumentalen Berliozsound blieb das natürlich grundsätzlich hochkarätige (hätte Simone Young schlechte Arbeit geleistet, hätte man sie nicht so schnell zum Ehrenmitglied des Hauses ernannt) Philharmonische Staatsorchester unter seiner Leitung doch schuldig, auch die rhythmische Aggressivität, die die ersten beiden Akte so spannend machen können.


FAZIT

Diese Neuproduktion von Les Troyens tut nichts für Werk und Komponist und ist alles andere als ein Aushängeschild für die Staatsoper, die doch an glorreiche Tage anknüpfen möchte. Dass das Hamburger Premierenpublikum dies alles geduldig goutierte, verwundert wenig, das Stück wurde gerade sieben Mal in den achtziger Jahren gespielt (Cambreling dirigierte, Götz Friedrich inszenierte, Gattin Karan Armstrong sang Cassandre, Hanna Schwarz die Didon, Guy Chauvet war Enée), und Berliozliebhaber dürfte es auch in einer Hauptstadt nicht en masse geben. Und man freut sich schließlich über den Glanz, den Kent Nagano der Elbmetropole beschert, das war das Fazit vieler Gespräche in den Foyers, bei denen kritische Anmerkungen und Nachfragen unerwünscht waren. Für mich war das erfreulichste an diesem Abend der Blick auf rosalies kinetische Lichtskulptur Lightflow/Light Stream an der Außenfassade des Traditionshauses, ein wunderbares, 25minütiges Lichtgemälde, bei dem sich die "Grenze von Kunstraum und Realraum" tatsächlich öffnet.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Kent Nagano

Inszenierung
Michael Thalheimer

Bühnenbild
Olaf Altmann

Kostüme
Michaela Barth

Licht
Norman Plathe

Chor
Eberhard Friedrich

Spielleitung
Heiko Hentschel
Tim Jentzen

Musikalische Assistenz
und Leitung Bühnenmusik
Nathan Brock


Komparserie der
Staatsoper Hamburg

Chor und Extrachor
der Staatsoper Hamburg

Philharmonisches
Staatsorchester Hamburg


Solisten

Enée
Torsten Kerl

Chorèbe
Kartal Karagedik

Panthée
Alin Anca

Narbal
Petri Lindroos

Iopas
Markus Nykänen

Ascagne
Christina Gansch

Cassandre
Catherine Naglestad

Didon
Elena Zhidkova

Anna
Katja Pieweck

Hylas
Julian Prégardien

Priam
Stanislav Sergeev

Un chef grec
Zak Kariithi

L'ombre d'Hector/
Mercure
Bruno Vargas

Helenus
Daniel Todd

Un Soldat
Eun-Seok Jang

Deux Sentinelles
Andreas Kuppertz
Christian Bodenburg

Hécube
Marta Swiderska

Andromaque
Catrin Striebeck

Astyanax
Franz von Trotha





Weitere
Informationen

erhalten Sie von der
Staatsoper Hamburg
(Homepage)



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