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Die verkaufte Braut

Oper in drei Akten
Text von Karel Sabina
Musik von Friedrich Smetana

in deutscher Sprache

Aufführungsdauer: ca. 2 Stunden 45 Minuten (eine Pause)

Premiere im Theater für Niedersachsen im Stadttheater Hildesheim (Großes Haus) am 30. April  2016
(rezensierte Aufführung: 4. Mai 2016)



Theater für Niedersachsen
(Homepage)

Faszinierender Detailreichtum

Von Bernd Stopka / Fotos von Jochen Quast

„Warum sollten wir nicht froh sein?“ Der Eingangschor zu Friedrich Smetanas Oper Die verkaufte Braut klingt zu Beginn und auf den ersten Blick nach eitel Freude und Sonnenschein. Doch schon in den nächsten Versen trüben Beschreibungen der Wolken des Ehe- und Familienhimmels diese Heiterkeit und setzen einen Gegenakzent zur dann folgenden Liebes- und Hochzeitsgeschichte. Wer diesen Text ernst nimmt, kann dazu kein fröhliches Volk auf die Bühne stellen. Regisseur Guillermo Amaya nimmt nicht nur diesen Text, sondern das ganze Libretto ernst und stellt als Oberspielleiter des Theaters für Niedersachsen mit Smetanas tschechischer Nationaloper nach Boccaccio, Fidelio und Fra Diavolo  seine vierte (gefeierte) Inszenierung auf die Bühne des Stadttheaters Hildesheim. Ein wichtiger Aspekt seiner Handschrift ist dabei, dass er die im Libretto erzählte Geschichte ernst nimmt, sie mit geradezu natürlich wirkender, bis ins feinste Detail und die persönlichste Charakteristik ausgestatteter Personenregie lebendig werden und das Ganze in einem klassisch wirkenden Bühnenbild spielen lässt. Aber er bringt auch immer einen nachdenklichen, tiefergehenden und in Frage stellenden Moment ein, aber nicht mit dem Holzhammer, sondern in einem oft nur kurzen Augenblick, der dem Publikum etwas zu denken gibt, es aber keine gedanklichen Nüsse knacken lässt.

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Marie (Arantza Ezenarro), Hans (Konstantinos Kliromonos)

So auch in der verkauften Braut, die vor einem zweigeschossigen Gasthof mit Außenbewirtung auf zwei Etagen spielt, mit einer breiten Steintreppe verbunden. Die bemalte Kulisse wirkt ebenso volkstümlich wie die Kostüme (Ausstattung: Philippe Miesch), die nicht knallig bunt, sondern ästhetisch natürlich wirken und nicht nur die handelnden Personen, sondern auch jedes einzelne Chormitglied persönlich, auch in den Einkommensverhältnissen, charakterisieren. Eigentlich müssen man die Produktion so oft sehen, wie es handelnde Personen auf der Bühne gibt, denn jeder ist in jedem Augenblick seines Auftritts präsent und ein kleineres Haus wie Hildesheim bietet auch die Möglichkeit mit kleinsten Nuancen in Mimik und Gestik zu arbeiten, die von allen Plätzen im Haus gesehen werden können.

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Ensemble

Dabei bedient sich die Regie der ganzen breiten Palette der schauspielerischen Darstellungskraft, die das Hildesheimer Ensemble auszeichnet. Da sind die bedrückten Eltern Kruschina und Ludmilla, die aus finanzieller Not ihre Tochter Marie dem reichen Bauern Micha als Schwiegertochter sozusagen hintenrum schon einmal „verkauft“ haben und die nun bei Einforderung des Vertrages vernünftig, aber totunglücklich sind. Wenn Marie erzählt, dass sie jemanden liebt, drückt ihr ihre Mutter glücklich die Hand und freut sich ganz ehrlich mit ihr – bis sie merkt, was das bedeutet… Wenzel ist kein Trottel, sondern ein überbehüteter großer Junge, dem die Mutter erst einmal  die Kleidung zurechtrückt und ihm bei der ersten (offiziellen) Begegnung mit der gekauften Zukünftigen kräftig den Bauch einzudrücken versucht. Kein Wunder, dass der junge Mann schüchtern und verklemmt ist und das könnte auch eine Ursache für sein Stottern sein. Ob er mit seinem Ausflug zum Zirkus im archetypischen Bärenkostüm auf dem richtigen Weg ist, bleibt fraglich, aber weg von dieser Mutter ist auf jeden Fall richtig. Genauso richtig wie Hans’ Weg zurück zu seinem Vater. Bei der ersten Wiederbegegnung sieht man bei ihm eine hoffnungsvolle Skepsis, bei seinem Vater eine aufleuchtende helle Freude, die durch den giftigen, genervten Blick seiner Frau, Hansens Stiefmutter, sofort getötet wird. Während sie ihren eigenen Sohn hinter der Bühne aus dem Bärenkostüm schält, versöhnen sich Hans und Micha, geben sich zunächst schüchtern und unsicher die Hand… doch dann beginnen sich die Mienen aufzuhellen bis zu einem glücklichen, befreiten, strahlenden Lächeln.  Da läuft es einem eiskalt über den Rücken, denn das ist (weit davon entfernt, kitschig zu sein) zutiefst bewegend. Hier wird deutlich, dass es keiner brachialen Aktualisierungen bedarf, um zeitlose Gefühle unter die Haut gehend erfahrbar werden zu lassen.

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Hans (Konstantinos Kliromonos), Kezal (Levente György), Krusina (Uwe Tobias Hieronimi)

Eine besonders schöne Idee ist es, die vielfältigen Tänze als echte Volkstänze zu präsentieren, also nicht durch Tanzeinlagen eines Ballettensembles, sondern wortwörtlich vom Volk getanzt. Und das machen die Chormitglieder mit großer Leidenschaft und körperlichem Engagement. Köstlich ist dabei, wie sich die Jüngeren das Ganze zunächst nur anschauen und die älteren (und dickeren) mit voller Leidenschaft wie der Fetz am Stecken über die Bühne wirbeln. Natürlich fließt reichlich Bier und wie auf jeder klassischen Kirchweih darf auch eine Prügelei nicht fehlen, die sich hier allerdings in Grenzen hält. An jeder Ecke gibt es etwas zu beobachten – aber nur dann, wenn es angesagt ist. Die intimen Momente werden nicht durch zusätzliche Aktionen gestört. Die Präsentation der Zirkusattraktionen macht dem Publikum auf und vor der Bühne besonderen Spaß. Die einem kleinen Wanderzirkus entsprechenden, geistreich und witzig gestalteten Akrobatiknummern ebenso wie der durchschaubare Schwertschlucker oder der  Balanceakt auf einer umgedrehten Wirtshausbank. Im Finale findet schließlich zueinander, wer zueinander gehört – nur Ketzal sieht sich um sein Heiratsvermittlungshonorar und zusätzliche 300 Gulden betrogen, wobei ihn der finanzielle Verlust weniger zu schmerzen scheint als die Blamage.

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Esmeralda (Martina Nawrath), Wenzel (Jan Kristof Schliep)

Auch in den aberwitzigsten Tempi exakt und stimmvoll, quirlig und lebendig singt Levente György den Heiratsvermittler Kezal. Eine Rolle, die ihm auch schauspielerisch auf den Leib geschrieben zu sein scheint. Einfach herrlich. Jan Kristof Schliep verabschiedet sich mit der Partie des Wenzel als Ensemblemitglied des Hauses. Sein gleichmäßig geformter, stimmstarker und stimmschöner Tenor ist geradezu prädestiniert für diese Partie, die zwar im Charakterfach angesiedelt ist, aber auch lyrische Qualitäten fordert. Beide Elemente bedient der Sänger aufs Trefflichste mit unaufdringlicher Durchschlagskraft und macht den Abschied ausgesprochen schwer. Konstantinos Klironomos ist mit seiner ebenso sympathischen wie blendenden Bühnenerscheinung und großem schauspielerischen Talent eine Idealbesetzung des zärtlichen, jugendlichen Liebhabers und lässt als Hans kraftvoll strahlende Spitzentöne (z. B. im „Bier“-Chor), und wunderschöne, sanft und warm leuchtende Passagen in der Mittellage hören, klingt zuweilen aber auch angestrengt, gepresst oder leicht nasal, als ob ihm mehrere Stimmen in der Kehle säßen. Der junge Sänger erarbeitet sich in Hildesheim gerade sein Repertoire, an dem die Stimme sich weiter bilden und noch gleichmäßiger ausformen wird. Seine Entwicklung und Karriere sollte man in jedem Fall weiter beobachten. Als Marie lässt Arantza Ezenarro einen beseelten, eher dunkler timbrierten Sopran hören. Die Elternpaare sind charakteristisch ideal besetzt, Anton Kuhn gibt ein Kabinettstückchen als Zirkusdirektor und Martina Nawrath entzückt als stimmlich und akrobatisch quicklebendige Esmeralda. Die Chöre sind exakt einstudiert und klingen stimmstark und homogen, wobei der Männerchor hier besonders zu loben ist. Werner Seitzer hat den Orchestergraben, wie schon in anderen Produktionen mit großem Orchester teilweise mit einem Schalldeckel versehen lassen, was das Orchester in der Ouvertüre – mit höchst beachtlich gemeisterten Streicherfiguren in geradezu  Überschalltempo – zunächst etwas hölzern klingen lässt, im Laufe des Abends jedoch den Sängern zugute kommt und den Gesamtklang nicht weiter stört. Mit gewohnter Mischung aus Souveränität und Leidenschaft gestaltet Seitzer eine auch musikalisch quicklebendige verkaufte Braut, lässt Lyrisches schwelgen, Heiteres lächeln und spannt den ganz großen Bogen, der den Zuhörer ebenso in den Bann zieht wie den Zuschauer dieser Produktion.

FAZIT

Eine nicht einfach nur schöne, sondern auch bewegende Inszenierung, die mit ungeheurem  Detailreichtum in der Personenregie begeistert und beweist, dass es keiner optischen Aktualisierungen bedarf, um Gefühle sichtbar und erfahrbar werden zu lassen. Auch musikalisch ein beglückender Abend, dem Levente György als Kezal und Jan Kristof Schliep als Wenzel stimmlich und gestalterisch die Sahnehäubchen aufsetzen.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Werner Seitzer

Inszenierung
Guillermo Amaya

Bühne und Kostüme
Philippe Miesch

Chor
Achim Falkenhausen

Tänze
Natascha Flindt

Dramaturgie
Ivo Zöllner

 

Opern-, Extra- und
Kinderchor des TfN

Orchester des TfN

 

Solisten

Krusina, Bauer
Uwe Tobias Hieronimi

Ludmilla, seine Frau
Neele Kramer

Marie, beider Tochter
Arantza Ezenarro

Tobias Micha, reicher Bauer
Tilman Birschel

Háta, seine zweite Ehefrau
Theresa Hoffmann

Wenzel, Michas Sohn aus zweiter Ehe
Jan Kristof Schliep

Hans, Michas Sohn aus erster Ehe
Konstantinos Klironomos

Kecal, Heiratsvermittler
Levente György

Zirkusdirektor
Anton Kuhn

Esmeralda, Tänzerin
Martina Nawrath

Indianer
Daniel Chopov

 


Weitere
Informationen

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Theater für Niedersachsen
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