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Madame Butterfly

Oper in drei Akten
Text von Giuseppe Giacosa und Luigi Illica nach dem Schauspiel Madame Butterfly, A Tragedy of Japan (1900)
von David Belasco unter Mitarbeit von John Luther Long, deutsche Übertragung von Joachim Herz und Klaus Schlegel
Musik von Giacomo Puccini

Aufführungsdauer: ca. 2 h 35' (eine Pause)

Produktion des Theaters für Niedersachsen

Premiere im Großen Haus im Stadttheater Hildesheim am 31. Oktober 2015



Theater für Niedersachsen
(Homepage)

Ernstgenommen

Von Bernd Stopka / Fotos von Falk von Traubenberg

Giacomo Puccinis Madame Butterfly ist eine Oper der Missverständnisse. Die fünfzehnjährige Cio-Cio-San, genannt Butterfly, wird vom Heiratsvermittler Goro als „Braut auf Zeit“ an den Marineleutnant Pinkerton vermittelt, doch als Geisha hat sie einen viel höheren Rang als die normalerweise hierfür vorgesehenen japanischen Mädchen. Dementsprechend glaubt sie an eine echte amerikanische Ehe. Pinkerton hingegen weiß nichts von ihrer Kultur und ihrem Hintergrund, will davon auch gar nichts wissen, sondern möchte eigentlich nur nach langer Seefahrt zur – rechtlich und moralisch abgesicherten – Sache kommen. Zwei Kulturen treffen aufeinander, verbinden sich, ohne sich zu kennen. Das daraus entstehende Drama ist die Folge von Missverständnissen, nicht von böser Absicht (die könnte man allenfalls dem Heiratsvermittler unterstellen). Und letztendlich sind auch die Darstellungen auf der Bühne und die Sichtweisen des Publikums immer wieder dem Missverständnis zum Opfer gefallen, dass es sich bei dieser Oper um sentimentalen, fernöstlichen Kitsch handelt. Frank Van Laecke gelingt es, mit seiner Inszenierung für das Theater für Niedersachsen im Hildesheimer Großen Haus, dieses Vorurteil zu brechen, in dem er die Geschichte ganz realistisch in stilisierten Bühnenbildern nur mit den nötigsten Requisiten erzählt – und ernst nimmt.

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Konstantinos Klironomos (Pinkerton), Levente György (Sharpless), Jan Kristof Schliep (Goro)

Paul Gallis hat sehr stimmungsvolle, unaufdringliche, aber doch ausdrucksvolle und ästhetische Bühnenbilder geschaffen. Vielfältig beleuchtet, mit Schatten und Konturen spielend variiert, umgibt ein Rundhorizont die Szene, hinter dem sich ein zweiter, einfarbig dunkelblauer verbirgt, der den emotionalsten Momenten einen fast schon überirdisch ungeerdeten Charakter verleiht. Als Spielfläche dient ein Quadrat, das geradezu über dem Boden zu schweben scheint. Eine Ecke ist nach unten gebogen und zeigt nach vorn, die gegenüberliegende wölbt sich nach oben. Die rechte und linke Ecke sind jeweils zu kleinen Treppen geknickt, was ein bisschen an die Kunst des Origami erinnert, auch, wenn das Material der Spielfläche aus kunstvoll gelegtem Parkettholz zu bestehen scheint. Die Kostüme von Yan Tax sind eindeutig fernöstlich wie amerikanisch-westlich, zeigen sich aber ebenso ästhetisch wie die Gesamtausstattung. Besonders sinnfällig erscheint Butterflys Brautnachtgewand, in das sie sich von Susuki nach der Hochzeit kleiden lässt und das sie danach nicht mehr ablegen will, weil sie möchte (gesungenerweise erklärt), dass Pinkerton sie bei seiner Rückkehr genau so vorfindet, wie er sie verlassen hatte. Das gilt für eine zwischenzeitliche anderweitige Ehe offensichtlich ebenso wie für den Wechsel der Garderobe. Dementsprechend schmutzig ist der Saum des Kleides im zweiten Akt auch. Kein Wunder… nach drei Jahren…  Bühnenbild und Kostüme wurden in den Werkststätten der Opera Zuid in Maastricht hergestellt. Die Inszenierung war dort schon 2012 zu sehen und wurde nun für das TfN adaptiert.

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Soojin Moon (Butterfly), Konstantinos Klironomos (Pinkerton), Levente György (Sharpless)

Van Laecke verfolgt in seinem Regiekonzept zwei zusätzliche Gedanken, die sich wie optische Leitmotive durch die Inszenierung ziehen. Zum einen vervielfältigt er Cio-Cio-San, so dass, zumeist symmetrisch choreographiert, weitere acht Geishas auf der Bühne zu sehen sind, die in besonderen Momenten unaufdringlich Cio-Cio-Sans Gefühle oder Lebenssituation spiegeln oder bebildern. Das weist einerseits darauf hin, dass Butterflys  Drama geschichtlich gesehen kein Einzelschicksal ist (auch, wenn sie die einzige ist, über die es eine Oper gibt), andererseits aber auch, dass sowohl ihre Freude zu Beginn als auch ihr sich anschließendes Leid durchaus öffentlich sind, was die Schmach noch größer erscheinen lässt. Besonders intensiv wirkt der Beginn des zweiten Aktes, wenn die, im Programmheft „Alter Egos“ genannten, im Halbdunkel auf der Bühne verteilt, ebenso wie die verlassene Braut in das Hochzeitsbild starren. Dieses Halbdunkel um die beleuchtete Spielfläche zeigt hier besonders intensiv seinen Charakter einer besonderen Bedeutungsebene, in der sich eher symbolisch Gemeintes abspielt, während die eigentliche Handlung hell und deutlich sichtbar ist. Zum Summchor lassen die Geishas lautlos Reis aus den erhobenen Händen herabrieseln und machen als lebende Sanduhren das Warten auf Pinkertons Ankunft deutlich. Der Reis ist der zweite Gedanke, den der Regisseur verfolgt. Grundlebensmittel der einen Kultur und Hochzeits-Wurfmaterial der anderen. Während Goro Pinkerton das „Haus“ zeigt, sieht man neben der Spielfläche, wie in körperlich schwerer Arbeit Reis gedroschen wird, der anschließend zwei Schalen füllt, die rechts und links vorn auf der Spielfläche stehen. Mit diesem Reis bewerfen sich Pinkerton und Butterfly gegenseitig  während ihres Hochzeitsliebesduetts. Im zweiten Akt gibt es nur noch eine dürftig gefüllte Reisschale, aber Butterfly wirft trotzdem etwas davon in die Luft, um ihre Hochzeitsnacht wieder heraufzubeschwören, und im Finale stirbt sie in einem gewaltigen Regen aus Reis, der fast schon an einen Tsunami erinnert. Was ihr größtes Glück werden sollte, bringt ihr vielfach stärker den Tod.

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Soojin Moon (Butterfly), Konstantinos Klironomos (Pinkerton)

Die wohldurchdachte und dennoch natürlich wirkende Personenregie enthält viele weitere schöne und zuweilen auch humorvolle Details, wie zum Beispiel den heimlich vom Whisky trinkenden Goro, die Ungeduld Pinkertons, wenn es auf dem Weg zur Hochzeitsnacht immer wieder Unterbrechungen gibt oder auch sein vielsagendes Lächeln, wenn er erfährt, wie jung Butterfly noch ist. Butterfly hat mit dem Wechsel ihres Glaubensbekenntnisses ihren „kleinen Sachen“ auch ein weißes Holzkreuz hinzugefügt, das während des japanischen Hochzeitsrituals mit auf der Spielfläche steht und später von Onkel Bonze wütend zertreten wird. Nach der Trauung werden Hochzeitsfotos gemacht (bei denen sich der aufdringliche Goro immer in den Vordergrund drängt), von denen eines von Butterfly später wie eine Reliquie verehrt wird. Effektvoll bezaubern die stilisierten künstlichen Blütenblätter, die die Bühne geradezu überschwemmen und die kleinen Wolken, die die acht Geishas aus kleinen Blättern mit Fächerbewegungen aufwirbeln. Einer der stärksten Momente entsteht, wenn Butterfly Pinkertons amerikanische Ehefrau entdeckt, dann auf ihr Kind verzichtet und sogar noch freundliche Worte für Kate findet. Szenisch und gestisch minimalistisch, aber ausgesprochen intensiv in der Wirkung. Richtig gutes Musiktheater. Aller ihrer Hoffnungen beraubt legt Butterfly ihre Halskette mit dem Kreuzanhänger und damit die für Pinkerton angelegte Konfession ab und wendet sich mit dem Schwert ihres Vaters wieder ihrer eigentlichen Kultur mit deren Wert- und Ehrenvorstellungen zu, indem sie es ihrem Vater gleichtut und Harakiri begeht. „In Ehren sterbe, wer nicht in Ehren mehr kann leben.“ – korrekterweise in der weiblichen Form, indem sie sich in die Halsschlagader sticht. Während sich der hintere Teil der Spielfläche mit den acht Geishas in gleißendem Licht in die Höhe hebt, stirbt Butterfly im bereits beschriebenen Reisregen. Ohne Theaterblut, denn einen so billigen Effekt hat diese wunderbare Inszenierung nicht nötig.

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Soojin Moon (Butterfly), Frederik Meyer (das Kind), Nele Kramer (Suzuki), Levente György (Sharpless)

Soojin Moon ist ein stimmlich schon recht frauliches fünfzehnjähriges Mädchen, singt die Butterfly aber sehr ausdrucksvoll und intensiv. Mit ihren sehr schönen Höhen kann die Tiefe nicht ganz mithalten und ein bisschen mehr Legatokultur würde einen runderen Gesamteindruck hinterlassen. Konstantinos Klironomos' glänzende Bühnenerscheinung ist geradezu ideal für die Sicht auf einen lieben, jugendlichen Pinkerton, der kein rücksichtloser Draufgänger ist. Dazu passen sein schönes, schlankes Timbre, die geradezu ohrenschmeichelnde Mittellage und einige herrlich strahlende Spitzentöne, auch wenn der Weg zu ihnen zuweilen etwas eng und angestrengt klingt, denn stimmlich kommt die Partie für diesen jungen Sänger ein bisschen zu früh. Doch er teilt sich seine Kräfte klug ein und gestaltet die Partie szenisch wie gesanglich sehr beeindruckend, singt immer intonationssicher und, ganz sympathisch, lieber etwas vorsichtiger als übermütig. Ein kleineres Haus wie Hildesheim bietet die ideale Möglichkeit für so ein Rollendebüt und man ist gespannt auf die weitere Entwicklung dieses jungen Tenors. Nicht zuletzt mit den finalen „Butterfly!“-Rufen empfiehlt er sich bestens. Levente György ist ein gutmütig-gemütlicher Konsul Sharpless, der mit seinem Stimmmaterial nicht protzt, sondern es ausdrucksvoll einsetzt. Neele Kramer lässt einen geradlinigen und klangvollen Mezzo hören, wirkt als Suzuki aber doch recht westlich, was aber auch regielich beabsichtigt sein kann – sozusagen als Anbiederung an den amerikanischen Hausherrn. Jan Kristof Schliep singt mit hellem, klarem Tenor einen herrlichen Goro, schauspielerisch wie stimmlich höchst agil – und man versteht jedes Wort. Uwe Tobias Hieronimi ist ein stimmgewaltiger Onkel Bonze, Jesper Mikkelsen fällt als hochkultiviert und stimmschön singender Fürst Yamadori auf.  Der Chor meistert seine Aufgabe beachtlich.

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Schlussszene, Soojin Moon (Butterfly), Statisterie

Werner Seitzer ist als GMD und Operndirektor seit Jahren und Jahrzehnten nicht nur der musikalische Motor des Hildesheimer Hauses, sondern auch der höchst engagierte und vielfältig aktive Herzschlag des früheren Stadttheaters, das sich seit der Spielzeit 2007/2008 mit der Landesbühne Hannover zum Theater für Niedersachen (TfN) zusammengeschlossen hat. Mit seinem Butterfly-Dirigat trägt er die Sänger einerseits auf Händen, schafft aber auch enorm spannungsreiche und sensible, ja intime Momente, ohne dabei ins Sentimentale abzugleiten – kongenial zur Inszenierung. So gelingt es ihm beispielsweise, die Spannung nach dem Summchor so intensiv aufrechtzuerhalten, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte und der zweite Akt geht nur mit dieser längeren, aber doch metrisch gefühlten Pause spannungsreich in den dritten Akt über. Das Orchester kann natürlich ebenso wie der Chor im Gegensatz zu größeren Häusern nicht mit der entsprechenden Klangfülle aufwarten, spielt aber hochkonzentriert und folgt seinem Dirigenten engagiert und wo es gewünscht wird, auch mit leidenschaftlichen Klängen.

FAZIT

Diese Produktion geht tief unter die Haut, ohne sentimental oder gar kitschig zu sein.  Stilisierte, hochästhetische Bühnenbilder, eine realistisch wirkende Personenregie und ein höchst engagiertes Ensemble hinterlassen trotz gewisser gesanglicher Unvollkommenheiten einen wundervollen Gesamteindruck und beweisen, dass es immer wieder große Aufführungen an kleinen Häusern gibt.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Werner Seitzer

Inszenierung
Frank Van Laecke

Bühne
Paul Gallis

Kostüme
Yan Tax

Chor
Achim Falkenhausen

Dramaturgie
Ivo Zöllner

 

Opern- und Extrachor des TfN

Orchester des TfN

Statisterie des TfN

 

Solisten

*Premierenbesetzung

Cio-Cio-San, genannt Butterfly
Soojin Moon*/
Juliette Lee

Suzuki, Dienerin Cio-Cio-Sans
Neele Kramer

Kate Pinkerton
Anne Lütje

F. B. Pinkerton, Leutnant in der Marine der USA
Konstantinos Klironomos

Sharpless, Konsul der USA in Nagasaki
Levente György*/
Peter Kubik

Goro, Kuppler
Jan Kristof Schliep

Der Fürst Yamadori
Jesper Mikkelsen

Onkel Bonze, Priester
Uwe Tobias Hieronimi

Yakusidé, Onkel Cio-Cio-Sans
Daniel Chopov

Der kaiserliche Kommissar
Stephan Freiberger

Der Standesbeamte
Atsushi Okumura

Die Mutter Cio-Cio-Sans
Karin Schibli

Die Tante
Angnes Buliga-Contras

Die Cousine
Hyeh Young Baek

Das Kind
Frederik Meyer*/
Benjamin Bolitho

 


Weitere
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Theater für Niedersachsen
(Homepage)



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