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Die Eroberung von Mexico

Musik-Theater nach Antonin Artaud (18961948)
Text und Musik von Wolfgang Rihm (*1952)


in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 30' (eine Pause)

Kooperation mit den Salzburger Festspielen

Premiere im Staatenhaus Köln-Deutz (Saal 1) am 5. Mai 2016


Logo: Oper Köln

Oper Köln
(Homepage)

Kommunikationszusammenbruch

Von Stefan Schmöe / Fotos © Paul Leclair

In Salzburg haben sich die Festspielgäste bereits im vorigen Jahr beschimpfen lassen. Jetzt ist das Kölner Publikum an der Reihe: "Wie Affen giert ihr nach dem Gold." Aztekenkönig Montezuma, in der keineswegs abwegigen Lesart von Regisseur Peter Konwitschny eine von Eroberer Cortez in die Ehe gedrängte Frau, läuft durch die Zuschauerreihen und faucht die sicher nicht Hunger leidenden Besucher sozialkritisch harsch an - und wie in Salzburg (wo diese in Koproduktion zwischen den dortigen Festspielen und der Kölner Oper entstandene Koproduktion im letzten Sommer gespielt wurde) verpufft diese Provokation. Wenigstens beinahe. Kurz zuvor hatte ein erboster Premierenbesucher seiner Nachbarschaft in die Musik hinein ebenso ungefragt wie ausführlich mitgeteilt, so eine "gequirlte Scheiße" habe er ja noch nie gesehen, und äußerte weiter sein Erstaunen, wie "andächtig" die anderen Zuschauer dem zuhörten. Da drehte sich sogar Dirigent Alejo Pérez irritiert um. Regisseur Peter Konwitschny wird's gefreut haben. So ganz ohne Aufregung sollte diese Inszenierung halt nicht über die Bühne gehen.

Szenenfoto

Peter Konwitschnys Mexico ist ein Apartment, das auf Wohlstandsmüll (Autowracks) gebaut ist - und zu erobern ist diese Frau, Montezuma, gesungen von Sopranistin Ausrine Stundyte (die hier wohl nicht zufällig ein bisschen aussieht wie die mexikanische Malerin Frieda Kahlo)

Die Schwierigkeiten, die Konwitschnys zwar schlüssige, aber im unbedingten Dechiffrierungswillen etwas vordergründige Regie inne wohnen, sind in unserer Rezension der Salzburger Aufführung ausführlich beschrieben. Wolfgang Rihm, dem Komponisten, gefällt die Deutung Konwitschnys ganz offensichtlich, die von der Kommunikationsunfähigkeit der Geschlechter berichtet (und sich dabei auf die Seite der Frau schlägt). Beim Wiedersehen verblüfft erneut, wie genau der Text zu Konwitschnys Konstrukt passt, aus den Widersachern Cortez, dem Bariton, und Montezuma, von einem Sopran gesungen, ein Beziehungsspiel zu machen, bei dem zwischen den in der Partitur viel besungenen Gegensätzen "männlich" und "weiblich" das "neutral" zur Chiffre für die virtuelle Welt von Smartphone und Laptop wird und endgültig zur Kommunikationskatastrophe führt. Der im Vergleich zur riesigen Salzburger Felsenreitschule recht kleine Saal 1 im Staatenhaus verschiebt dabei den Blickwinkel vom Breitwandpanorama zum Kammerspiel, bei dem vieles geschärft erscheint. Über den etwas nervigen volkserzieherischen Tonfall, den Konwitschny in manchen Szenen durch seine Ihr-Zuschauer-seid-die-eigentlich-Bösen-Attitüde anschlägt, muss man aber auch hier hinweg schauen.

Szenenfoto

Sprachlose Zweisamkeit unter einem Gemälde Frieda Kahlos: Cortez und Montezuma

An die grandiose Salzburger Besetzung mit Angela Denoke und Bo Skovhus können Ausrine Stundyte (beeindruckend in den zarten lyrischen Passagen, angestrengt und weniger tonschön im Forte) und Miljenko Turk (schneidig und sehr präsent vor allem in der Höhe, wogegen die dünnere tiefe Lage abfällt) nicht ganz heranreichen. Interessant ist die Akzentverschiebung, die sich aus dieser Neubesetzung ergibt. Im Vergleich waren Denoke und Skovhus das "bürgerlichere" Paar, während Turk (dessen Spiel gelegentlich einen Hang zur Karikatur hat) den smarten Yuppi gibt, Vertreter einer durchgeknallten "Generation iPhone", was natürlich perfekt zur Regie passt, (wogegen der seriösere Skovhus den größeren Identifikationsfaktor für das klassische Opernpublikum hatte). Insofern ist Turk der glaubwürdigere, aber auch durchschaubarere Cortez.

Szenenfoto

Allerlei Sex-Spielchen, während Cortez seinen (spanischen) Wagen pflegt

Wie in Salzburg sind Stephan Rehm und Peter Pruchniewitz großartige (und szenisch viel beschäftigte) Sprecher und Assistenten Cortez', und auch Sopranistin Susanna Andersson, überwältigend bis in höchsten Höhen, war dort schon zu hören. Kismara Pessatti als Altistin - die beiden Frauenstimmen sind Montezuma zur Seite gestellt - hat eine schöne Stimme, wird aber immer wieder vom Orchester zugedeckt. Ganz unschuldig ist der Komponist daran wohl nicht. Der Chor kommt vom Band, aufgenommen 2013 bei einer Inszenierung am Teatro Real in Madrid mit dem dortigen Opernchor, und der klingt aus den Lautsprechern erstaunlich gut.

Szenenfoto

Schwere Geburt - und was dabei entsteht, ist weder männlich noch weiblich, sondern neutral: Die Zauberdinge des digitalen Zeitalters. Fortan ist jeder allein zuhaus in seiner virtuellen Welt.

Die Partitur fordert eine Aufteilung des Orchesters in verschiedene "Klanginseln", die teilweise im Raum verteilt sind. Daraus freilich hatte Ingo Metzmacher, der in Salzburg dirigierte, mehr gemacht. In Köln will sich der Rundum-Klang nicht so recht einstellen. Dafür klingt die Musik hier viel stärker kammermusikalisch, sehr gut durchhörbar in fast allen Details, entwickelt aber im zweiten Teil auch die nötige Wucht. Das Gürzenich-Orchester spielt sehr konzentriert, vor allem in den Bläsern; das umfangreiche Schlagwerk könnte stellenweise noch rhythmisch präziser sein. Alejo Pérez (der das Werk schon in Madrid geleitet hat) dirigiert umsichtig und klar, müsste aber mitunter eben auch mehr an Präzision einfordern. Und wenn der Bewegungschor im Publikum sitzend rhythmisch stampft, dann müsste der Dirigent schon dieses Tempo übernehmen, denn ändern lässt es sich dann nicht mehr - das sind ein paar kleine musikalische Abstriche an einer ansonsten bravourösen Ensembleleistung.

Szenenfoto

Ehe ist auch keine Lösung: Montezuma versteinert. Da hilft auch die Sopranistin Susanna Andersson nicht.

Ein paar Bravos und Buhs für die Regie (und den Komponisten) hielten sich am Ende die Waage. Das ist ehrlicher und passender als der freundliche Salzburger Festspielapplaus, und überhaupt ist diese Inszenierung an einem handfesten Stadttheater besser aufgehoben als in der hochpreisigen und auf Stars fixierten, dadurch auch schnell lähmenden Festspielatmosphäre. Die Aufführung lädt ein zum Streiten, und damit passt sie programmatisch gut in den durchaus vielschichtigen Kölner Spielplan.


FAZIT

Peter Konwitschnys streitbare, schon in Salzburg gezeigte Inszenierung hat in Köln an Schärfe gewonnen und ist bei allen Einwänden sehens- und hörenswert.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Alejo Pérez

Inszenierung
Peter Konwitschny

Bühne und Kostüme
Johannes Leiacker

Video
fettFilm

Licht
Manfred Voss

Klangregie
Peter Böhm
Florian Bogner

Dramaturgie
Bettina Bartz


Gürzenich-Orchester Köln

Chor: Aufnahme aus dem
Teatro Real, Madrid (2013)


Solisten

Montezuma
Ausrine Stundyte

Cortez
Miljenko Turk

Sopran
Susanna Andersson

Mezzosopran
Kismara Pessatti

Sprecher 1
Stephan Rehm

Sprecher 2
Peter Pruchniewitz



Weitere
Informationen

erhalten Sie von der
Oper Köln
(Homepage)



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