Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



Artaserse

Dramma per musica in drei Akten
Text von Pietro Metastasio
Musik von Leonardo Vinci

in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Kassel am 12. Dezember 2015

 



Staatstheater Kassel
(Homepage)

Verwirrung der Geschlechter

Von Thomas Molke / Fotos von N. Klinger

Seit der spektakulären Europa-Tournee, bei der Parnassus Arts Productions mit fünf namhaften Countertenören Leonardo Vincis Artaserse in einer konzertanten Fassung präsentierte, in der auch, wie bei der Uraufführung am 4. Februar 1730 in Rom die weiblichen Partien von Männern gesungen wurden (siehe auch unsere Rezension), hat Vinci, der im 18. Jahrhundert mit seinen 30 in nur elf Jahren komponierten Opern zu den bedeutendsten Komponisten zählte, zumindest bei einigen Festspielen wieder einen Platz auf den Spielplänen gefunden. So gab es in diesem Frühjahr bei den Internationalen Maifestspielen in Wiesbaden Catone in Utica mit fünf Countertenören (siehe auch unsere Rezension), und beim Winter in Schwetzingen steht in dieser Spielzeit Didone abbandonata in einer Bearbeitung von Georg Friedrich Händel für das Theatre Royal in London auf dem Programm (siehe auch unsere Rezension). Nun widmet sich auch das Staatstheater Kassel im Rahmen seiner Barockpflege diesem zu Unrecht vernachlässigten Komponisten und hat das Werk ausgewählt, mit dem das Interesse an diesem Komponisten wieder geweckt wurde: Artaserse. Dabei rühmt man sich, die deutsche szenische Erstaufführung zu präsentieren, was an sich lobenswert wäre, wenn das Regie-Team um Sonja Trebes nicht auf die Idee gekommen wäre, bei der für das Staatstheater Kassel erstellten Fassung die an sich schon verworrene Handlung ad absurdum zu führen.

Bild zum Vergrößern

Artabano (Bassem Alkhouri, vorne) lässt seinen Sohn Arbace (Lin Lin Fan, Mitte im Hintergrund) für den Mord am König verhaften.

Um zu verstehen, was Trebes sich da inhaltlich leistet, muss man erst einmal wissen, worum es in dieser Oper eigentlich geht, was sich aus dem Programmheft allein nicht richtig erschließt. Der persische König Xerxes hat zwei Söhne, Dario und Artaserse, und eine Tochter, Mandane. Artaserse und Mandane lieben Semira und Arbace, die Kinder Artabanos, des Präfekten der Leibgarde. Da Xerxes gegen diese Verbindung ist, bringt Artabano ihn um, um Arbace den Weg auf den Thron zu ebnen. Artaserse lässt er glauben, dass dessen älterer Bruder Dario den König getötet habe, so dass Artaserse den Befehl erteilt, Dario zu töten. Nach Darios Tod stellt sich allerdings heraus, dass dieser unschuldig war. Alles deutet darauf hin, dass Arbace der Mörder ist. Dieser lässt sich verhaften, um seinen Vater zu schützen. Artabano wiederum plant gemeinsam mit seinem Gefolgsmann Megabise, Artaserse bei der Krönungsfeier zu vergiften. Dafür verspricht er Megabise die Hand seiner Tochter Semira. Artaserse zweifelt an der Schuld seines Freundes Arbace und lässt ihn frei, während alle glauben, dass Arbace getötet worden sei. Megabise greift während der Krönungsfeier mit Artabanos Truppen den Palast an, wird aber von Arbace getötet. Artaserse reicht Arbace aus Dankbarkeit einen Kelch, ohne zu wissen, dass der Trank darin vergiftet ist. Daraufhin gesteht Artabano seine Schuld, um zu verhindern, dass sein Sohn aus dem Kelch trinkt. Arbace erwirkt, dass sein Vater nicht getötet sondern nur verbannt wird, und erhält Mandane zur Frau. Artaserse reicht Semira die Hand, und das Volk preist seine Gerechtigkeit und Gnade.

Bild zum Vergrößern

Megabise (Inna Kalinina) mit Gefolgsleuten (von links: Michael Hinze, Daria Filippova und Vinicius Evangelista da Silva)

Um die Oper "gendermäßig korrekt" aufzuführen, würde man drei Countertenöre benötigen. In der Praxis besetzt man diese Partien allerdings häufig mit Frauen. Welches Problem Trebes nun mit diesen so genannten Hosenrolle hat, erschließt sich nicht. Jedenfalls scheint sie der Meinung zu sein, dass, wenn Arbace und Megabise jeweils von einer Frau gesungen werden, die beiden Figuren auch weiblich sein müssen. Dass Xerxes deshalb etwas gegen eine Verbindung zwischen seiner Tochter Mandane und Artabanos "Tochter" Arbace hätte, wäre dabei sogar noch nachvollziehbar. Die enge Freundschaft zwischen Artaserse und Arbace bekäme dadurch auch eine ganz neue Nuance, aber das Konzept geht einfach nicht auf. Zum einen passt es nicht zum gesungenen Text. Wenn Artabano von "figlio" singt, muss man kein Italienisch beherrschen, um zu verstehen, dass Arbace nicht seine Tochter ist. Auch wird überhaupt nicht klar, wieso in dieser patriarchalischen Welt eine Frau den Thron besteigen soll. Wenn es darum geht, ob Arbace nun Mandane oder Artaserse liebt, verheddert sich jeglicher Logikstrang in der Inszenierung, und zwar erst recht, wenn dann im Programmheft auch noch so getan wird, als ob das die tatsächliche Handlung des Stückes sei. Noch unsinniger wird das ganze Konstrukt bei Artabanos Handlanger Megabise. Wieso sollte Artabano einer Femme fatale, die auf der Bühne mit ihren Reizen kokettiert, seine Tochter Semira versprechen? Auch der kämpferische Aspekt geht dieser intriganten Figur durch diesen Ansatz völlig ab.

Bild zum Vergrößern

Artaserse (Yuriy Mynenko, Mitte hinten) will Arbace (Lin Lin Fan, vorne links) vor der Hinrichtung retten (im Hintergrund: Statisterie).

Aber Trebes misstraut auch dem im Libretto vorgeschriebenen lieto fine und inszeniert hierbei nicht nur gegen den gesungenen Text, sondern greift auch noch in die Musik ein. Zunächst kommt es im dritten Akt zu einer innigen Szene zwischen Artaserse und der/dem zum Tode verurteilten Arbace, an dessen Ende sich Arbace ein Messer in den Bauch stößt und mit blutüberströmtem weißen Kleidchen die Bühne verlässt. Mandane schneidet sich in der anschließenden Begegnung mit Arbace die Pulsadern auf. Artabano reicht Artaserse bei der Krönungszeremonie den vergifteten Kelch, und dieser nimmt einen Schluck. Der Rest scheint dann eine Halluzination eines Sterbenden zu sein. Die Musik kommt verzerrt über Lautsprecher. Im Flüsterton werden auch die Rezitative eingespielt, wobei die Protagonisten alle auftreten - auch der bereits getötete Megabise und Artaserses ermordeter Bruder Dario. Von daher wird gar nicht klar, wer nun am Ende eigentlich der Sieger sein soll, so dass der Schlusschor mit dem Lob des neuen Königs völlig unsinnig wird. Dabei hätte die variabel gehaltene Bühne von Dirk Becker mit den verschiebbaren Wänden so viele Möglichkeiten geboten, das verworrene Stück zu einem spannenden Krimi zu formen. Da hätte auch das riesige X-Emblem, das aus dem Actionfilm Triple X mit Vin Diesel entlehnt ist und hier wohl für den verstorbenen König Xerxes stehen soll, mit den recht modern gehaltenen Kostümen von Isabel Heinke seine Wirkung nicht verfehlt.

Bild zum Vergrößern

Mandane (Maren Engelhardt, vorne) und Arbace (Lin Lin Fan, hinten)

Einzigen Trost bietet an diesem Abend die Musik. Die Produktion ist in Kassel wirklich hochkarätig besetzt, wobei bis auf die Titelpartie alle Rollen von Ensemble-Mitgliedern gesungen werden. Yuriy Mynenko, der bereits bei der Europatournee der Parnassus Arts Productions als Megabise gefeiert wurde, übernimmt in Kassel die Partie des Artaserse. Dabei begeistert er mit stupenden Höhen und sauberen Koloraturen und punktet auch in der Mittellage mit enormem Volumen. Besonders im Ohr bleiben seine große Arie im zweiten Akt, "Rendimi il caro amico", in der sich Artaserse wünscht, dass sein Freund Arbace unschuldig am Tod des Königs ist, und die Arie zu Beginn des dritten Aktes, "Nuvoletta opposta", in der er beschließt, den Freund aus dem Kerker zu befreien. Umso ärgerlicher ist es, dass Trebes ihn an dieser Stelle den Dolch halten lässt, den sich Arbace anschließend in den Bauch stößt. Ein weiterer musikalischer Glanzpunkt des Abends ist die Sopranistin Lin Lin Fan als Arbace. Mit enormer Beweglichkeit lässt sie die Koloraturen nur so sprudeln und begeistert mit absoluter Klarheit in den Spitzentönen. Hervorzuheben sind ihre Auftrittsarie "Frà cento affani e cento", in der sie mit der Tat ihres Vaters hadert, und die große Arie am Ende des ersten Aktes, "Vo solcando un mar crudele", in der Arbace sich metaphorisch mit einem Seemann auf stürmischem Meer vergleicht, der sich seinem Schicksal fügen muss.

Maren Engelhardt überzeugt als Mandane mit weichem Mezzo und großer Beweglichkeit in den Läufen. Gleiches gilt für Inna Kalinina als Megabise, die vor allem in ihrer letzten Arie "Ardito te renda", in der sie die Soldaten zum Kampf gegen Artaserse aufstachelt, mit flexiblen Koloraturen zur Höchstform aufläuft. Ani Yorentz stattet die Semira mit einem mädchenhaften Sopran aus. Bassem Alkhouri zeichnet den Bösewicht Artabano mit kräftigem Tenor absolut überzeugend. Jörg Halubek gelingt mit dem Staatsorchester Kassel, das in einem mitten in der Bühne versenkten Graben positioniert ist, ein packender Zugang zu Vincis Partitur, wobei nicht ganz klar wird, wieso der Anfang der Ouvertüre bei den Tempi etwas schräg klingt. Vielleicht ist dies ebenfalls der für das Staatstheater Kassel erstellten Fassung geschuldet, die sich dem Publikum an dieser Stelle genauso wenig erschließt wie Trebes' Regie-Konzept. Am Ende gibt es großen Beifall für die Solisten und das Orchester, der beim Regie-Team zu einem braven Applaus zurückgenommen wird. Zu Unmutsbekundungen reicht es in Kassel nicht.

FAZIT

Musikalisch ist es großartig, was im Staatstheater Kassel mit Vincis Oper an diesem Abend zu erleben ist. Für eine szenische deutsche Erstaufführung hätte man sich allerdings ein bisschen mehr Werktreue und weniger modernes Regie-Theater gewünscht, um das Stück erst einmal richtig kennen zu lernen.


Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Jörg Halubek

Inszenierung
Sonja Trebes

Bühne
Dirk Becker

Kostüme
Isabell Heinke

Licht
Albert Geisel

Dramaturgie
Dr. Ursula Benzing
Hilde Turba

 

Staatsorchester Kassel

Statisterie des
Staatstheaters Kassel


Solisten

Artaserse, König
Yuriy Mynenko

Mandane, Artaserses Schwester
Maren Engelhardt

Artabano, Vater von Arbace und Semira
Bassem Alkhouri

Arbace
Lin Lin Fan

Semira
Ani Yorentz

Megabise, im Dienste Artabanos
Inna Kalinina

Wachen und Gefolgsleute
Wiebke Färber
Daria Filippova
Natasha Pandazieva
Vinicius Evangelista da Silva
Daniel Hellwig
Michael Hinze
Jan Patrick Meister
Robin Middeke
Samuel Nerl
René Reis


Weitere
Informationen

erhalten Sie vom
Staatstheater Kassel
(Homepage)



Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum
© 2015 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -