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Katja Kabanova

Oper in drei Akten
Libretto von Leoš Janáček nach dem Schauspiel Das Gewitter von Alexandr Nikolajewitsch Ostrowski
Musik von Leoš Janáček


Aufführungsdauer: ca. 1h 40' (keine Pause)

Premiere im Theater Mönchengladbach am 11. Juni 2016

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Theater Krefeld-Mönchengladbach
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Psychogramm ohne Folklore

Von Stefan Schmöe / Fotos von Matthias Stutte

Wovon wir träumen ist Teil der Realität, in der wir leben. Dieser Satz, auf dem Vorhang eingeblendet, steht als Motto über Helen Malkowskys grandioser Neuinszenierung von Katja Kabanova. Es sind allerdings düstere Träume, die von dieser unglücklich verheirateten Katja Besitz ergreifen. Eine kurze Affäre (wenn es denn überhaupt mehr als ein paar Küsse gewesen sind), die gesellschaftliche Ächtung, schließlich der Selbstmord in der Wolga - was real geschieht und was in Katjas Phantasie abläuft, bleibt in der Schwebe.

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Auch Blümchen für die Schwiegermutter helfen Katja nicht.

Es beginnt ganz handfest realistisch. Das Bühnenbild (Kathrin-Susann Brose) und die maßvoll modernen Kostüme (Alexandra Tivig) beschwören russische Provinztristesse, Kleinbürgertum zwischen abblätternden Fassaden und vergilbten Blümchentapeten. Riesige Baustellenschilder künden in kyrillischen Buchstaben vom Bau einer neuen Wolga-Brücke - ein Fortschritt, an den man nicht so recht glauben mag. Die Bühnenelemente verbergen kaum ihre Kulissenhaftigkeit, und je weiter das Stück voran schreitet, desto stärker nimmt diese Verfremdung zu: Was zunächst noch nach einer theaterpraktischen Lösung zur Darstellung von Außen- und Innenwelten eines Dorfes aussieht, zerfällt mehr und mehr in Einzelteile, löst sich geradezu auf. Barbara und Kurdrjasch, das rebellierende Paar (sie werden nach Moskau flüchten) und der Gegenentwurf zur zögernden Katja und ihrem handlungsunfähigen Liebhaber Boris, reißen symbolisch Wände ein. Aus dem genau gezeichneten naturalistischen Sozialdrama wird immer stärker das Ideendrama um Abhängigkeit und Selbstbestimmung.

Vergrößerung in neuem Fenster Szenen einer Ehe: Tichon und Katja

Durch diese schleichende Verschiebung gelingt dem Regieteam der Kunstgriff, der in ihren sozialen Beziehungen auch musikalisch sehr genau dargestellten Geschichte eine handfeste Erdung zu geben, ohne sich in Kleinteiligkeit oder Sozialkitsch zu verlieren. Die Erzählweise ist sachlich und unpathetisch. Zu ernüchtert scheinen die Menschen, um noch große Gefühle zu zeigen. Am Ende verschwindet Katja ganz einfach; zurück bleiben Schuhe und ein Tuch. Ob der Selbstmord eine Vision, vielleicht auch eine Inszenierung Katjas ist, bleibt uneindeutig. Die Regie hakt das ähnlich nüchtern ab wie Katjas Schwiegermutter, die unberührt den Dorfbewohnern für die Anteilnahme dankt.

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Da ist die kurze Affäre auch schon wieder vorbei: Boris und Katja

Großartig in der Titelpartie spielt und singt Izabela Matula mit großer, metallischer, genau fokussierter Stimme, und das unterstreicht, dass da eine durchaus selbstbewusste Frau mit sich ringt und letztendlich auch an sich selbst und ihrer Unfähigkeit, Entscheidungen zu treffen, scheitert. Da gewinnt die Oper ein großes Maß an Modernität. Eva Maria Günschmann als Pflegetochter Barbara steht ihr kaum nach, mit jugendlich auftrumpfendem, leuchtendem Sopran (und der perfekten Figur für die Partie) ist sie die Entschlossene, die bewusst auf das Abenteuer lossteuert und schließlich die Enge des Dorfes hinter sich lässt. Satik Tumyan könnte für die Partie der bösen Schwiegermutter mehr Schärfe und Volumen gebrauchen. Kairschan Scholdybajew gibt Katjas Ehemann Tichon mit klarem, etwas verhaltenem Tenor rollendeckend als Schwächling mit wohldosierter Weinerlichkeit. Michael Siemon als Katjas Kurzzeitliebhaber Boris hat Mühe, sich stimmlich gegen das Orchester zu behaupten, und wenn er von der Hinterbühne aus singt, muss er stark forcieren. Aber sein ziemlich leichter Tenor passt hervorragend zu der sympathischen, ein wenig naiven und noch sehr jungenhaften Erscheinung - da träumt einer vom Rendezvous, ist dem, wenn es denn kommt, aber in seiner sozialen Tragweite überhaupt nicht gewachsen. Da hatte Barbara mit ihrem Kurdrjasch, ganz passabel gesungen von Markus Heinrich, mehr Glück. Im Klang etwas matt, aber pointiert in der Gestaltung ist Hayk Déinyan als Boris' Vater Dikoj.

Vergrößerung in neuem Fenster Schlussbild ohne Katja

Das Drama, das sich auf der Bühne unaufdringlich und mit vielen Zwischentönen entwickelt, findet im ungemein differenzierten Dirigat von Mihkel Kütson und dem Spiel der in allen Instrumentengruppen verblüffend guten Niederrheinischen Sinfoniker, auch im klangschönen und homogenen Chor (Einstudierung: Maria Benyumova), das musikalische Pendant. Kütson gibt dem Werk eine romantische Grundierung ohne jede Sentimentalität. Ganz plötzlich kann diese Musik Ecken und Kanten bekommen, können einzelne Instrumente mit Schärfe hervorstechen, aber immer eingebettet in einen organischen Fluss. Das trifft sehr schön den Grundton dieser vielleicht konventionellsten, am leichtesten zugänglichen Oper Janáčeks, unterstreicht auch, um was für ein Meisterwerk es sich dabei handelt. Ungeteilter Jubel beim Premierenpublikum.


FAZIT

Musikalisch wie szenisch eine tolle Produktion, auf die manches größere Haus mit Neid schauen darf. Unbedingt anschauen.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Mihkel Kütson

Inszenierung
Helen Malkowsky

Bühne
Kathrin-Susann Brose

Kostüme
Alexandra Tivig

Chor
Maria Benyumova

Dramaturgie
Ulrike Aistleitner


Statisterie und Chor des Theater
Krefeld und Mönchengladbach

Die Niederrheinischen Sinfoniker


Solisten

* Besetzung der Premiere

Sawjol Prokofjewitsch Dikoj
Hayk Dèinyan

Boris Grigorjewitsch
Michael Siemon

Marfa Ignatjewna Kaban (Kabanicha)
Satik Tumyan

Tichon Idawanytsch
Kairschan Scholdybajew

Katherina (Katja) Kabanowa
Izabela Matula

Wanja Kudrjasch
Markus Heinrich

Barbara
Eva Maria Günschmann

Kuligin
Andrew Nolen
* Shinyoung Yeo

Glascha
* Manon Blanc-Delsalle
Susanne Seefing

Fekluscha
Annelie Bolz



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