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Musiktheater
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Owen Wingrave 

Oper in zwei Akten
Text von Myfanwy Piper, nach der Kurzgeschichte von Henry James
Musik von Benjamin Britten

In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 1h 50' (ohne Pause)

Koproduktion mit der Opera Trionfo, Niederlande

Premiere im Theater am Domhof am 16. Januar 2016
(besuchte Vorstellung am 22. Januar 2016)

 

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Theater Osnabrück
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Wenn die Freiheit im Tod liegt          

Von Ursula Decker-Bönniger / Fotos von Jörg Landsberg folgen

Eines der 12 Häuser, die den „Theaterpreis des Bundes“ 2015 erhalten haben – ein Preis zur Förderung engagierter Theaterarbeit kleinerer Bühnen - ist das Theater Osnabrück. Der Jury gefiel u.a. das „ambitionierte Musiktheater“,  das selten gespielte Werke dem Publikum nahe zu bringen weiß. In dieser Spielzeit ist es Benjamin Brittens vorletzte, 1971 im Fernsehen uraufgeführte Oper Owen Wingrave, ein pazifistisches Werk, das auf dem Hintergrund des Vietnamkrieges entstand und den Konflikt eines Kriegsdienstverweigerers vor Augen führt.

Für Familie Wingrave gehört Krieg zu den nationalen Aufgaben und stellt eine strategische, intellektuelle Herausforderung dar. Owen, der letzte Spross der altenglischen Familie, soll – entsprechend den Vorstellungen und Traditionen  -  die militärische Laufbahn einschlagen. Er verweigert und die atmosphärische Musiksprache Brittens - mit Schlagwerk, Orgelpunkt, vielen Signalmotiven, umherstreifenden, sich mitunter dissonant verdichtenden melodischen Linien - macht deutlich, welcher Gewalt, welch einem psychischen Martyrium der Protagonist ausgesetzt ist.

Regisseur Floris Visser, dessen Inszenierung von Glucks Orphée et Eurydice zur besten niederländischen Operninszenierung 2015 gewählt wurde, erzählt dieses zeitlos aktuelle Thema aus der Perspektive des jungen, sich selbst erkennenden Owen Wingrave. Angesiedelt im 19.Jahrhundert hat Gary McCann die Bühne in einen geschlossenen, mit leeren, gleichfarbigen Bilderrahmen gepflasterten, hohen Raum verwandelt. Weniger die Handlung selbst als die zum Tode führende „Logik des Unterbewussten“ wie Abels es nennt, steht hier im Vordergrund.

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Neugierig wird die Unterredung zwischen Owen und seinem Großvater belauscht. (Alexandra Schoeny (Mrs. Julian), Almerija Delic (Kate Julian), Francis van Broekhuizen (Miss Wingrave), Elizabeth Magnor (Mrs. Coyle), Rhys Jenkins (Spencer Coyle), Daniel Wagner (Lechmere))

Visser versteht es meisterlich mit ironischer Distanz und personifizierter Familiengewalt zu spielen. Die ausdrucksstarken, einfühlsamen, überwiegend dialogischen Kammerspielszenen erinnern an wechselnde, sorgfältig ausgeleuchtete Genregemälde, die von vier instrumentalen Zwischenspielen bei geschlossenem Vorhang unterbrochen werden. Gesichtsausdruck, Gesten, Haltungen, Personenaufstellungen Musik, Lichtregie und Farbigkeit, das Spiel mit Kontrasten und gespenstischen Schatten an der Wand unterstreichen Pathos und Lebendigkeit der Darstellung. Mal stolziert Miss Wingrave, Owens gefürchtete Tante, selbstbewusst und erhobenen Hauptes in den Raum. Mal betreten sie, Kate und ihre Mutter zögerlich wie zwanghaft getriebene Schatten der Vergangenheit die Bühne. Sie scheinen rückwärts zu fliehen, getrieben vom Lichtschein der geöffneten Seitenwand, um in der Mitte erschreckt, Rücken an Rücken aufeinander zu stoßen. Solch wunderbar differenzierte, sorgfältig einstudierte Personenregie lässt Raum für Zerrissenheit, Brüche, Ironie und Menschlichkeit. Während Mitschüler Lechmere und das Ehepaar Coyle Mitgefühl zeigen, versteht Kate, die Haltung ihres Freundes nicht. Noch in der Todesnacht versucht sie vergeblich, ihn umzustimmen. Es kommt erneut zum Streit, in dem sie ihn wieder als Feigling demütigt und verlangt, er solle allein im geisterhaften Todeszimmer übernachten. Als sie schließlich den toten Owen in dem Armen hält, scheint sie zu bereuen.

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Die Familie bedrängt den Verweigerer Owen. (von li nach re: Mark Hamann (General Sir Philip Wingrave), Jan Friedrich Eggers (Owen Wingrave); Francis van Broekhuizen (Miss Wingrave), Alexandra Schoeny (Mrs. Julian), Almerija Delic (Kate Julian); Rhys Jenkins (Spencer Coyle), Elizabeth Magnor (Mrs. Coyle), Daniel Wagner (Lechmere))

Auch musikalisch überzeugt diese, in Koproduktion mit der niederländischen Opera Trionfo entstandene Inszenierung auf ganzer Linie. Daniel Inbal und das Osnabrücker Sinfonieorchester ergänzen atmosphärisch, fügen den Bildern rhythmisch leichtfüßige, kammermusikalisch und dynamisch differenzierte, oft solistisch besetzte Klangszenen hinzu. Die Musik wirkt oftmals weniger militärisch, vielmehr wie ein leicht ironischer, poetischer Kommentar des Geschehens. Dazu ein passend besetztes, detailliert spielendes Gesangsensemble. Bariton Jan Friedrich Eggers stellt lyrisch und klangschön den die Familie fürchtenden, sich selbst Mut zusprechenden Owen dar. Bariton Rhys Jenkins ist der Leiter der Militärakademie. Er und seine Frau, gespielt und gesungen von Elisabeth Magnor, wertschätzen den jungen Mann und begegnen ihm – trotz seiner Entscheidung – mit menschlichem Respekt. Wunderbar dramatisch schrill verkörpert Francis van Broekhuizen die Angst einflößende Tante Owens, Miss Wingrave, während Almerija Delic als Freundin Kate Julian im abschließenden Zwiegespräch mit lyrisch anrührenden Farben erweichen will. Tenor Daniel Wagner überzeugt klangschön als naiver Freund Lechmere.

FAZIT

Mit viel Liebe zum Detail zeigen Gesangsensemble, das Osnabrücker Sinfonieorchester, der musikalische Leiter Daniel Inbal sowie Floris Vissers und sein Regieteam, welch ein  Meisterwerk sich hinter Brittens Kammeroper verbirgt.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Daniel Inbal

Inszenierung
Floris Visser

Bühne und Kostüme
Gary McCann

Licht
Alex Brock

Choreinstudierung
Markus Lafleur

Dramaturgie
Ulrike Schumann

 

Kinderchor des Theater Osnabrück

Osnabrücker Symphonieorchester


Solisten

(*Besetzung der besuchten Vorstellung)

Owen Wingrave

Jan Friedrich Eggers

Spencer Coyle

Rhys Jenkins

Lechmere
Daniel Wagner

Miss Wingrave
Francis van Broekhuizen

Mrs. Coyle

Elizabeth Magnor

Mrs. Julian

Natalia Atamanchuk /
*Alexandra Schoeny
 
Kate Julian
Almerija Delic

Genral Sir Philip Wingrave
Mark Hamman

Erzähler
Mark Hamman




Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Osnabrück
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