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Musiktheater
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Wiener Blut

Operette in drei Akten
Text von Victor Leon und Leo Stein
Musik von Johann Strauss
zusammengestellt und bearbeitet von Adolf Müller junior


in deutscher Sprache

Aufführungsdauer: ca. 2h 15' (eine Pause)

Premiere im Theater Passsau am 12. September 2015
(rezensierte Aufführung: 30. Dezember 2015, Theater Passau)


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Landestheater Niederbayern
(Homepage)

Ein ziemlich moderner Liebesreigen

Von Stefan Schmöe / Fotos von Peter Litvai, © Landestheater Niederbayern


Die Geschichte dieser Operette begann mit einem Fiasko sondergleichen: Selbst komponieren mochte und konnte der erkrankte Johann Strauß nicht mehr, als 1899 Franz Jauner, der Direktor des Wiener Carltheater, um eine neue Operette bat. Kurzerhand verfiel man auf die Idee, aus Instrumentalstücken des Walzerkönigs eine Art Pasticcio zusammenzustellen mit dem Konzertwalzer Wiener Blut von 1873 im Zentrum. Victor Léon und Leo Stein (die kurz darauf für Lehár den Text zur Lustigen Witwe schrieben) erstellten das Libretto, der seinerzeit populäre Kapellmeister und Komponist Adolf Müller junior stellte die Musik zusammen – allesamt Theaterpraktiker ersten Ranges. Und dennoch fiel das Stück, einige Monate nach dem Tod des Komponisten uraufgeführt, bei Premierenpublikum und Presse durch, wurde verspottet und verhöhnt. Mit fatalen Folgen: Das Carltheater war finanziell am Ende, Franz Jauner erschoss sich in seinem Büro. Da mutet es irgendwie operettenhaft an, dass ausgerechnet im konkurrierenden Theater an der Wien sechs Jahre später mit einer Neuinszenierung die Erfolgsgeschichte des Werkes begann. Seitdem wird dieses best of Strauss-Medley gerne gespielt.

Szenenfoto

Franziska, Noch-Geliebte des Grafen, und Kammerdiener Josef

In seiner Inszenierung für das Landestheater Niederbayern mit Spielstätten in Landshut, Passau und Straubing zeigt Regisseur Markus Bartl mit einfachen Mitteln, wie nahe die Figurenkonstellation (die ziemlich unverhohlen das Erfolgsmodell der Fledermaus variiert) dem heutigen Boulevardtheater steht. Erotische Eskapaden der high society in einem nur rudimentär erkennbaren Wertesystem, das gerade noch den Schein von Anstand und Sitte einfordert, das unterscheidet die verblassende k.u.k.-Monarchie am Ende des 19. Jahrhunderts wenig von unserer Gegenwart. So erscheint der Karussellbesitzer Kagler (mit dessen Tochter Franziska der Provinzdiplomat Balduin Graf Zedlau ein Verhältnis hat) als ziemlich cooler Karl-Lagerfeld-Verschnitt, allerdings mit breitem wienerischen Dialekt („spricht der kein Deutsch?“ zieht sich, man befindet sich schließlich in grenznaher Region, als hübsche Pointe durch die Inszenierung).

Szenenfoto

Gescheiterte Anprobe: Franziska (links) und Probiermamsell Pepi, auf die der Graf ein Auge geworfen hat, die aber eigentlich standesgemäß mit Kammerdiener Josef verbandelt ist

So konkret wird es freilich selten; vielmehr greift die Regie die revuehaften Elemente des Werkes auf. Der komplette erste Akt spielt auf der Vorderbühne, wobei der im Stil der 1890er-Jahre geflieste (eher in einem Bürgerhaus als einem Adelspalais anzutreffende) Fußboden sich an den Wänden fortsetzt. Das ergibt einen einigermaßen abstrakten Raum, der den Blick auf die (ziemlich konventionelle) Personenregie konzentriert. Diese Wände fahren im zweiten Akt ein Stück zurück und weiten den Raum geschickt zu einem kleinen Ballsaal, ohne das eher dürftige Ambiente groß zu verändern. Ausstatter Philipp Kiefer setzt mit schicken Roben gekonnt die Damen in Szene, mit feinen Abstufungen in der sozialen Stellung: Die Gräfin Gabriele (Martha O'Hara mit Eleganz und sicheren Koloraturen) im aufwändigen und raffinierten Ballkleid, die Tänzerin Franziska (Emily Fultz mit kesser Direktheit) im sachlicheren Dress und die Probiermamsell Pepi (Maria Pitsch mit enormer Präsenz und charmanter Volkstümlichkeit) leicht operettenhaft überzeichnet rüschig. Da alle drei Damen auch optisch sehr reizvoll besetzt sind, haben die Herren es schwer: Albertus Engelbrecht als Graf Zedlau (mit baritonal gefärbtem, in der Höhe nicht ganz sicheren Tenor) könnte einer Mozart-Oper entsprungen sein, da bleibt die Regie etwas unbestimmt. Peter Tilch gibt einen soliden Kammerdiener Josef, Kyung Chun Kim einen leichtgewichtigen Fürsten und Michael Kohlhäufl einen wunderbar komödiantischen Kagler.

Szenenfoto

Man findet sich auf der Toilette wieder: Der Fürst von Ypheim-Gindelbach, der eigentlich nur nach dem Rechten sehen wollte, und die Gräfin

Der nicht allzu homogene Opernchor singt engagiert und präzise, die gute Niederbayerische Philharmonie spielt unter der Leitung von Kapellmeisterin und Chordirektorin Christine Strubel sehr zuverlässig und mit leichtem, transparentem Klangbild. Wiener Operettenschmäh gibt es nur fein dosiert, die flüssigen Tempi zielen eher auf eine Konversationskomödie ab. Um die musikalische Seite ist es also mit einem gut aufeinander eingespielten Ensemble recht ordentlich bestellt. Das ergibt zunächst solides Unterhaltungstheater, eher brav beginnend, dann zunehmend absurder. Der Komtessentanz ist ein Ballett von uniformierten Damen mit Fidel-Castro-Bärten, die ihre militärische Kleidung bald abstreifen, die Bärte dagegen nicht – Conchita Wurst lässt grüßen.

Szenenfoto

Und wer gehört nun zu wem? Von links: Der Graf, Pepi, Josef, die Gräfin, der Fürst (am Boden) und Franziska

Der eigentliche Clou der Inszenierung ist freilich der dritte und letzte Akt, den der Regisseur in die Toilettenanlage verlegt. Vier Kabinen geben Raum für das finale Versteckspiel, und wer da mit wem verbändelt ist, das bleibt offen – möglich scheint so ziemlich alles. Ein Sextett der Toilettenfrauen eröffnet das Bild, und der Chor, mit Putzutensilien ausgestattet, führt jede Operettenseligkeit ad absurdum. Aber die Regie haucht den Figuren ziemlich viel und ziemlich gegenwärtiges Leben ein. Und nicht zuletzt zeigt sich hier vom Ende her, wie geschickt Bartl den Spannungsbogen aufgebaut und die Spirale des Irsinns langsam, aber unaufhaltsam in Gang gesetzt hat.


FAZIT

Kluge und witzige Regie, überzeugende Ensembleleistung – eine Operettenproduktion der besseren Sorte.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Christine Strubel

Inszenierung
Markus Bartl

Bühne und Kostüme
Philipp Kiefer

Choreographie
Björn Bugiel

Chor
Christine Strubel

Dramaturgie
Swantje Schmidt-Bundschuh


Opernchor des Landestheaters Niederbayern

Niederbayerische Philharmonie


Solisten

* Besetzung der rezensierten Aufführung

Balduin, Graf Zedlau
Albertus Engelbrecht

Josef
Peter Tilch

Fürst von Ypsheim-Gindelbach
Kyung Chun Kim

Kagler
Michael Kohlhäufl

Graf Bitowski
Oscar Imhoff /
* Hanse Gastinger

Gabriele Gräfin Zedlau
* Martha O'Hara /
Kathryn Brown

Franziska Cagliari
Emily Fultz

Pepi Pleininger
Maria Pitsch



Weitere
Informationen

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Landestheater Niederbayern
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