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Musiktheater
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Lear

Oper in zwei Teilem
Libretto von Claus H. Henneberg
Musik von Aribert Reimann

in deutscher Sprache mit französischen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h (eine Pause)

Premiere im Palais Garnier am 23. Mai 2016


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Opéra national de Paris
(Homepage)
Durch den Bretterwald an den Rand des Abgrunds

Von Roberto Becker / Fotos © Elisa Haberer / Opéra national de Paris

Neue Opern haben es schwer. Zumindest mit dem Nachinszenieren. Die Uraufführungen gehen ja meist mit einiger Anteilnahme über die Bühne. Aber dann wird es zäh. Aribert Reimanns Lear ist eine der Ausnahmen. Die Uraufführung 1978 in München wurde durch Regisseur Jean-Pierre Ponnelle und den ersten Interpreten der Titelpartie Dietrich Fischer-Dieskau legendär. Ähnlich war es mit der Erstaufführung im Osten Deutschlands, die Harry Kupfer 1983 an der Komischen Oper in Berlin inszenierte. Das Haus brachte 2009 mit Hans Neuenfels sogar schon eine zweite Inszenierung dieses Werkes heraus. Unter den mehr als 25 Inszenierungen sind auch die von Willy Decker an der Semperoper in Dresden (1999) und zuletzt die von Karoline Gruber (2012) in Hamburg eindrucksvoll im Gedächtnis geblieben.

Vergrößerung Bo Skovhu als Lear am Ende ...dahinter die tote Goneril (Ricarda Merbeth)

Dort war, wie jetzt in Paris im Palais Garnier, Bo Skovhus der überragende Interpret der Titelpartie. Nur, dass er jetzt, vier Jahre später, noch intensiver, reifer, souveräner geworden ist. Er hat nichts Greisenhaftes an sich, wenn er verkündet, dass er beschlossen hat, sein Reich unter seine Töchter aufzuteilen, wenn die ihm nur recht deutlich sagen, wie sehr sie ihn lieben. Da ist einer höchstens seines Amtes, aber keinesfalls seines Lebens müde. Dieser König stellt sich sein Rentnerleben sogar ziemlich lustig vor - mit einer Truppe von Rittern von einer Tochter zur nächsten ziehen, um sich dort verwöhnen zu lassen. Dass ein bisschen König sein nicht geht, machen ihm seine Töchter schnell klar. Das Streichen der Mittel für seinen reisenden Rentnerhof ist da nur der Anfang. Die eigentliche Katastrophe passiert schon bei der Aufteilung des Reiches, weil seine jüngste Tochter nicht in der Lage ist, in die verlogene Lobpreisung einzustimmen und kurzerhand verstoßen wird.

Vergrößerung

Lear, von seinen Töchtern verstoßen

Der Lear von Skovhus ist das vokale Kraftzentrum der neuen Produktion im Palais Garnier. Das Orchester der Pariser Oper ist unter Leitung von Fabio Luisi das zweite im Graben. Luisi beherrscht diese Musik in ihren emotionalen Ausbrüchen und Temperaturwechseln grandios. Geradezu hinreißend sind die orchestralen Passagen, die samtigen Streicher, das warme Blech. Reimann hat immer wieder Inseln der puren Schönheit in die Wanderung durch die Abgründe der menschlichen Natur eingebaut, und die bringt Luisi zum Leuchten. Aber er beherrscht auch den emotionalen Hochdruck, der vom gesamten Ensemble beglaubigt wird, ohne die Stimmen zu überdecken. Neben Lear sind es natürlich seine Töchter, die sich profilieren. Dabei hat Ricarda Merbeth als Goneril die besten Karten, weil sie zur Furie werden darf, während Regan, die zweite böse Tochter, von Erika Sunnegardh geradezu lasziv ausgespielt wird. Annette Dasch dagegen ist die "gute" Tochter Cordelia vorbehalten, die sich zum Schluss hingebungsvoll um ihren Vater kümmert.


Vergrößerung Annette Dasch und Bo Skovhus - Lear und seine Tochter Cordelia

In Paris stimmt aber auch das gesamte übrige Ensemble. Andrew Watts wechselt souverän von der Tenorlage des Gloster-Sohnes Edgar in die Counterstimme des Tom, während Andreas Conrad seinen intriganten Bruder Edmund verkörpert. Lauri Vasar ist ein intensiv gestaltender und- nachdem ihm das Augenlicht genommen wurde, -leidender alter Gloster. Andreas Scheibner ist ein markanter Herzog von Albany. Dazwischen sorgt immer mal wieder der aufgeraut in Reimen sprechende Narr Ernst Alisch für Atempausen im emotionalen Hochdruck von Reimanns Musik.

In Paris stimmt aber auch das gesamte übrige Ensemble. Andrew Watts wechselt souverän von der Tenorlage des Gloster-Sohnes Edgar in die Counterstimme des Tom, während Andreas Conrad seinen intriganten Bruder Edmund verkörpert. Lauri Vasar ist ein intensiv gestaltender und- nachdem ihm das Augenlicht genommen wurde, -leidender alter Gloster. Andreas Scheibner ist ein markanter Herzog von Albany. Dazwischen sorgt immer mal wieder der aufgeraut in Reimen sprechende Narr Ernst Alisch für Atempausen im emotionalen Hochdruck von Reimanns Musik.

Vergrößerung

da stehen sie nun: (v.l.n.r.) Der Narr, Regan, Lear, Goneril, Albany, Gloster

Bei der Inszenierung baut Calixto Bieito (mit Erfolg) auf die Stimmung, die das Bühnenbild von Rebecca Ringst durchgängig erzeugt. Zunächst versammelt sich eine Gruppe Menschen von heute vor einer Bretterwand. Die Umgebung ist abstrakt; was konkret bleibt, sind die Beziehungen zwischen ihnen. Durch die Ritzen in der Bretterwand scheint Licht durch, dringt die Welt ein.

Den großen Effekt haben diese einfachen Mittel, wenn sich im Sturm die Bretter neigen, die Lichtregie zum Zuge kommt und so eine so unwirkliche wie unwirtliche Landschaft imaginiert wird. Mit diesem Bild vor Augen und dieser Musik in den Ohren kann man sich gut ein Unwetter auf der Heide vorstellen. Und nachvollziehen, wie sich die Ausgestoßenen da unter einer Plane zu verstecken versuchen.

Im zweiten Teil des Abends hat es diesen Bretterwald völlig umgehauen. Öde und leer ist alles. Als am Ende die Toten nur so herumliegen, sitzt Lear am Rand des Orchestergrabens. Wie ein Kind am Planschbeckens. Oder wie ein Mann am Rande des Abgrunds Mensch, über den er und wir gerade eine Lektion erteilt kommen haben. Von William Shakespeare und seinem Librettohelfer Claus Henneberg, vom angereisten (und sichtlich begeisterten) Aribert Reimann, von Calixto Bieito und Fabio Luisi und all den Geistern, die sie beschworen.


FAZIT

An der Pariser Oper rundet sich mit diesem in jeder Hinsicht grandiosen Lear eine hoffnungsvoll stimmende erste Spielzeit unter dem neuen Intendanten Stéphane Lissner.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Fabio Luisi

Inszenierung
Calixto Bieito

Bühne
Rebecca Ringst

Kostüme
Ingo Krügler

Video
Sarah Derendinger

Chor
Alessandro Di Stefano

Licht
Franck Evin

Dramaturgie
Bettina Auer



Chor der Opéra national de Paris

Orchester der
Opéra national de Paris


Solisten

König von Frankreich
Gidon Saks

Herzog von Albany
Andreas Scheibner

Herzog von Cornwall
Michael Colvin

Graf von Kent
Kor-Jan Dusseljee

Graf von Gloster
Lauri Vasar

Edgar
Andrew Watts

Edmund
Andreas Conrad

Goneril
Ricarda Merbeth

Regan
Erika Sunnegardh

Cordelia
Annette Dasch

Narr
Ernst Alisch

Bedienter
Nicolas Marie

Ritter
Lucas Prisor



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Opéra national de Paris
(Homepage)



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