Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



Moses und Aron

Oper in zwei Akten
Text und Musik von Arnold Schönberg

in deutscher Sprache mit französischen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 1h 45' (keine Pause)

Premiere in der Opéra Bastille am 20. Oktober 2015


Homepage

Opéra national de Paris
(Homepage)
Bilderlos in der Wüste, sprachlos in Paris

Von Roberto Becker / Fotos von Bernd Uhlig

Es wurde Zeit, dass sich an der Pariser Nationaloper etwas ändert. Ist sie doch eines der traditionsreichsten und bedeutendsten Opernhäuser der Welt. Immer noch. Frankreich hat zwar keine so dichte und gut funktionierende Theater- und Opernlandschaft wie das deutschsprachige Mitteleuropa. Aber auf ihre Metropole halten die Franzosen was. Mit einem Etat von über zweihundert Millionen lässt sich schon einiges machen. Doch die Opéra Bastille und das Palais Garnier machten nach dem Ende von Gerard Mortiers auch nicht durchweg spektakulären, aber doch interessanten Jahren unter dessen Nachfolger Nicolas Joel höchstens mit einer dezidiert konservativen Programm- und Besetzungspolitik vor allem bei den Regiehandschriften von sich reden; wenn überhaupt. Von Deutschland aus geriet da schon eher Serge Dornys quicklebendige Oper in Lyon oder die Rheinoper in Strasbourg ins Visier.

Vergrößerung Moses

Mit dieser Spielzeit aber ist Paris wieder zurück. Der mittlerweile 62jährige Stéphane Lissner hat die Führung der Pariser Oper für die nächsten sieben Jahre übernommen. Was Lissner, dem im Grunde die seit Mortiers Tod vakante Stelle eines obersten europäischen Opernmanagers zuwächst, auch wenn er nicht ganz an seinen Vorvorgänger herankommt, in Sachen Sänger und Regisseure angekündigt hat, klingt vielversprechend. Zugleich ist er Franzose genug, um die besonderen Showbedürfnisse seiner Landsleute auch direkt zu bedienen.

Einen Namen hatte er sich in den Jahren von 1988-97 als Chef des städtischen Théâtre du Châtelet gemacht. Danach modernisierte er bis 2006 das Festival in Aix-en-Provence, um sich dann bis 2014 als Intendant mit den ganz besonderen Tücken der Mailänder Scala herumzuschlagen. Quasi nebenbei verantwortete er bis 2013 auch noch das Musikprogramm der Wiener Festwochen. Eine effektivere Vorbereitung für die Kommandobrücke des auch nicht einfach zu steuernden Opern-Tankers in Paris kann man kaum durchlaufen.

Für die überfällige Neujustierung des Kurses in Richtung Weltspitze, hat er von Anbeginn einen unschätzbaren Vorteil auf seiner Seite: Philippe Jordan ist der mittlerweile hochsouveräne, musikalische Chef des exzellenten Pariser Opernorchesters. In seinen Berliner Jahren von 1998 bis 2002 bei Daniel Barenboim durchgestartet, hat er in Paris seit 2009/10 musikalisch das Sagen. Mit 41 Jahren ist er immer noch jung genug, um seinen jungenhaften Charme sprühen zu lassen und Entdeckerehrgeiz zu entfalten, aber doch schon so erfahren, dass er beispielsweise einen eindrucksvollen Nibelungen-Ring (am eigenen Haus) oder einen hochsouveränen Parsifal in Bayreuth vorweisen kann. Lissner muss also nicht krampfhaft nach dem ambitionierten jungen Pultstar suchen, der mitzieht, er hat ihn schon.

Vergrößerung

Moses und Aron an der Grenze zum Unsichtbaren

Dass Jordan auch mit der eigenartig dunklen Klangschönheit von Schönbergs oratorischer Zwölfton-Choroper auf vertrautem Fuße steht, bewies er jetzt bei der Eröffnungspremiere von Moses und Aron. Er ließ die Wucht dieser Musik von der Kette, ohne dass sie die Hauptrolle, die der Chor hat, behindern würde. Es mag auch an veränderten Hörgewohnheiten liegen, aber gerade in den orchestralen Passagen war der Klang, der die riesige Bastille erfüllte, von geradezu betörender Schönheit.

Dabei geht es in diesem Werk vor allem um das Wort. Oder eigentlich um die Grenze, etwas mit solchen Worten auszudrücken, die das Ausweichen auf Bilder (sprich Götzen) überflüssig macht. Es ist ein Religionsdiskurs der grundsätzlichen Art, der hier von Schönberg zelebriert wird, ohne dass er selbst eine rechte Antwort auf die aufgeworfenen Fragen hätte. Bei ihm geht das so weit, dass er den einen der beiden Protagonisten des Diskurses, den direkt von seinem unsichtbaren, aber allumfassenden Gott instruierten Moses, als Sprechrolle konzipiert. Wenn Thomas Johannes Mayer seine wohltimbrierte Stimme für einen fast durchgängigen Sprechgesang einsetzt, ist das eine der Besonderheiten der Inszenierung von Romeo Castellucci. Gegen die autoritäre Diktion von Moses hat es der Tenor John Graham-Hall als sein singender Bruder Aron nicht immer leicht. Als Ganzes funktioniert das aber. Zumal auch die übrigen auf Stichworte beschränkten Rollen sorgfältig besetzt sind und der Chor (José Luis Basso) in seiner Hauptrolle überzeugt. Musikalisch ist das Ganze ein Fest.


Vergrößerung Die herbeigezauberte Schlange, futuristisch

Der für Regie, Bühne, Kostüme und Licht zuständige Allrounder Romeo Castellucci entzieht sich dem Dilemma, mit Bildern über Bilderlosigkeit zu verhandeln, indem er sich einem unsichtbaren Theater faszinierend weit annähert. Über weite Strecken mit einem abstrakten Bühnenraum in himmelsgleichemWeiß, in dem Menschen nur Schatten und Gesichter, nur Andeutung bleiben. Um einmal, wenn sich der Bühnenkasten für einen Spalt anhebt, ein Gewusel aus nackten Leibern zu zeigen, das assoziativ auf alles Mögliche verweisen kann. Ausprobiert hat er sich in dieser Richtung schon einmal, und zwar sinnigerweise im mittleren Parsifal-Akt in Brüssel. Auch da war weiß die Farbe der Stunde und schuf den Raum für eine autonom erzählte, besser gesagt: imaginierte Geschichte.

Vergrößerung

Ein leibhaftiger Stier als goldenes Kalb

Auch beim dramatischen Höhepunkt der Oper, dem Tanz um das während Moses Abwesenheit wieder zum Gott erhobene goldene Kalb, abstrahiert er mit einer stilisierten Choreographie von jeder Orgie. Nicht aber von einem lebendigen XL-Stier im Zentrum! Das macht gewaltigen Effekt. Wenn alle in Moses' Abwesenheit ihr Unschuldsweiß verlieren und durch schwarze Wasser wandeln oder schwarz beschmiert werden, versinkt die ganze Bühne immer mehr im Dunkel. Wenn Moses zurück kehrt, erweist sich die unwirkliche Freiheit der Gebirgsprospekte schnell als Kulisse, die von einem halben Dutzend schwindelfreien Seilkletterern auf eins, zwei, drei heruntergerissen wird. Da Schönberg (1874-1951) den eigentlich vorgesehenen dritten Akt nicht mehr komponieren konnte (oder wollte), endet das Werk mit den ziemlich verzweifelten Worten Moses' "O Wort, du Wort, das mir fehlt!". Die Umsetzung der skizzierten Szenenanweisung für den vorgesehenen dritten Akt: "Moses tritt auf; ihm folgt Aron als ein Gefangener in Fesseln" bleibt uns also erspart. In Paris hadert Moses am Ende unter dem eingestürzten Himmel mit seiner eigenen Sprachlosigkeit. Was ein ziemlich pessimistischer Schluss ist.

Am Ende braucht man eine Weile, um nach dem für französische Verhältnisse ergiebigen Jubel wieder aus dem Paralleluniversum aufzutauchen, und um in die Pariser Nacht zu entkommen. Da drängt sich plötzlich der Gedanke auf, wie dieser Regisseur wohl Tristan und Isolde und da besonders das "O sink hernieder, Nacht der Liebe" in Szene (oder auch nicht) setzten würde.


FAZIT

Überzeugender hätte der Neustart der Pariser Oper zum Auftakt der Intendanz von Stéphane Lissner nicht geraten können.


Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Philippe Jordan

Inszenierung und Ausstattung
Romeo Castellucci

Choreographie
Cindy Van Acker

Chor
José Luis Basso

Dramaturgie
Christian Longchamp
Piersandra Di Matteo



Chor der Opéra national de Paris

Maîtrise des Hauts-de-Seine /
Kinderchor der Opéra national de Paris

Orchester der
Opéra national de Paris


Solisten

Moses
Thomas Johannes Mayer

Aron
John Graham-Hall

Ein junges Mädchen
Julie Davies

Eine Kranke
Catherine Wyn-Rogers

Ein junger Mann
Nicky Spence

Der Nackte Jüngling
Michael Pflumm

Ein Mann
Chae Wook Lim

Ein anderer Mann, Ephraimit
Christopher Purves

Ein Priester
Ralf Lukas

Vier Nackte Jungfrauen
Julie Davies
Maren Favela
Valentina Kutzarova
Elena Suvorova

Drei Älteste
Shin Jae Kim
Olivier Ayault
Jian-Hong Zhao

Sechs Solostimmen
Béatrice Malleret
Isabelle Wnorowska-Pluchart
Marie-Cécile Chevassus
John Bernard
Chae Wook Lim
Julien Joguet



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Opéra national de Paris
(Homepage)



Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum
© 2015 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -