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Musiktheater
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Eugen Onegin

Lyrische Szenen in drei Aufzügen
Dichtung von Konstantin S. Schilowskij nach dem gleichnamigen Versroman von Alexander Puschkin
Musik von Peter Iljitsch Tschaikowskij

In russischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 50' (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Wuppertal am 24. Januar 2016




Wuppertaler Bühnen
(Homepage)
Verpasste Lebenschancen


Von Thomas Molke / Fotos von Uwe Stratmann

Lange ist es her, dass man den scheidenden Opernintendanten und Generalmusikdirektor Toshiyuki Kamioka im Opernhaus am Dirigentenpult gesehen hat. Die Suche nach einem neuen GMD führte dazu, dass die letzten Opernproduktionen von Anwärtern auf den Posten geleitet wurden, was von den Musikern des Sinfonieorchestern erforderte, sich bei jeder Aufführung mit einem neuen Dirigenten zu arrangieren. Nun sind noch drei Kandidaten in der engeren Wahl, die allerdings nicht mehr im Opernhaus, sondern in der Stadthalle bei drei Sinfoniekonzerten antreten werden, bis dann endlich eine Entscheidung fallen wird, wer dem neuen Intendanten Berthold Schneider ab der nächsten Spielzeit als GMD zur Seite stehen wird. Die letzen beiden Opernproduktionen seiner Intendanz hat Kamioka dann noch einmal zur "Chefsache" erklärt, und der eine oder andere Premierenbesucher mag nach diesem Abend vielleicht doch ein bisschen bedauern, dass Kamioka Wuppertal zum Ende der Spielzeit verlässt. Musikalisch präsentierte sich das Sinfonieorchester Wuppertal unter Kamiokas Leitung nämlich von seiner besten Seite und ließ das Publikum in der emotionsgeladenen Musik Tschaikowskijs regelrecht schwelgen. Dabei zeigte sich Kamioka absolut unprätentiös und begann die Oper ohne großen Auftrittsapplaus, sondern stürzte sich, sobald das Licht im Zuschauersaal erloschen war, in die sentimentale Ouvertüre.

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Tatjana (Mirjam Tola) gesteht Eugen Onegin in einem Brief ihre Liebe.

Obwohl Tschaikowskij selbst von Puschkins Versroman Eugen Onegin emotional so bewegt war, dass er den Stoff mit der Hoffnung vertonte, zumindest einen Bruchteil der im Text enthaltenen Schönheit in seine Musik zu übertragen, ging er, wenn man seinem Briefverkehr Glauben schenken darf, nicht unbedingt davon aus, dass dieses Bühnenwerk jemals auf den Brettern der Opernbühne zu erleben sei. Vielleicht fürchtete er die Vorbehalte seiner Zeitgenossen zur Dramaturgie der Handlung, die mit Tatjana, Lenskij und Onegin in jedem Akt das Unglück einer anderen Figur in den Mittelpunkt stellt und dabei keine Tragödie im eigentlichen Sinne ist, sondern vielmehr verpasste Lebenschancen beschreibt. Daher bezeichnete Tschaikowskij seine Komposition auch als "lyrische Szenen". Vielleicht war es aber gerade die fehlende Tragik der Protagonisten und die Menschlichkeit der Figuren, in denen sich die Zuschauer besser wiederfinden konnten als in einem Siegfried oder einer Mimi, was dazu führte, dass das Werk auch heute noch zu den erfolgreichsten Stücken zählt, die Tschaikowskij für die Opernbühne komponiert hat. Ob man dabei die Geschichte als sentimentalen Kitsch empfindet oder sich auf die emotionale Achterbahn der Gefühle, die die Protagonisten durchleben, einlassen kann, hängt neben der musikalischen Gestaltung und dem Zugang des Regie-Teams von jedem selbst ab.

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Onegin (Mikolaj Zalasinski) weist Tatjana (Mirjam Tola) zurück.

Ansgar Haag verzichtet in seiner Inszenierung auf eine Aktualisierung des Stückes und belässt es größtenteils in der Zeit, in der die Geschichte spielt. Dabei konzentriert er sich auf die Langeweile, die das Leben der einzelnen Figuren prägt. Das Bühnenbild von Bernd-Dieter Müller und Annette Zepperitz zeichnet mit hohen kahlen Wänden, die die Spielfläche einrahmen, eine öde Gegend, in der die Natur ausgeschlossen ist. Auf Larinas Landgut sind kein Baum und kein Strauch zu sehen. Alles wirkt grau und glatt. Selbst die Lampions, die zu Tatjanas Namenstag über die Bühne gespannt werden, können keine wirkliche Lebensfreude verbreiten. Auf der rechten Bühnenseite führt eine Art Käfig in Larinas Wohnung, die mit zahlreichen Bildern und sonstigem Kleinkram an eine längst vergangene bessere Zeit erinnert. Der dritte Akt im festlichen Ballsaal in St. Petersburg verbreitet zwar mit hohen weißen Türen und zahlreichen Spiegeln, in denen man einen prunkvoll geschmückten Saal erblickt, etwas mehr Glanz, bleibt aber im Großen und Ganzen genauso leer wie die ersten beiden Akte in der russischen Provinz. Im Allgemeinen geht dieses Konzept auch gut auf. So ist es unproblematisch, dass sich der Hof im ersten Bild in Tatjanas Schlafgemach verwandelt, indem im Hintergrund eine Art Garagentor herabgefahren wird. Auch dass der gleiche Raum für die Feier im zweiten Akt genutzt wird, stört nicht weiter. Etwas unglücklich gestaltet es sich allerdings, das Duell zum Ende des zweiten Aktes ebenfalls dort stattfinden zu lassen. Schließlich fordert Larina zuvor im gesungenen Text, dass die Auseinandersetzung zwischen Onegin und Lenskij nicht in ihrem Haus ausgetragen wird. Vielleicht hätte ein Zwischenvorhang gereicht, um für das Duell einen anderen Ort anzudeuten.

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Duell mit tödlichem Ausgang: Lenskij (Mikhail Agafonov, links) und Onegin (Mikolaj Zalasinski, recht) (in der Mitte: Oliver Picker als Saretzkij)

Auch Haags Personenregie wirft bei den kleineren Rollen Fragen auf. So beschreiben Larina und Filipjewna in dem großartig komponierten Quartett am Anfang der Oper ihre Langeweile, sind dabei aber derartig geschäftig bei der Vorbereitung der Lohntüten für die Landarbeiter, dass hier von Ruhe wirklich nicht die Rede sein kann. Überhaupt verbreitet Manuela Bress permanent mit ausladenden Bewegungen und Gesten eine Hektik, die der Figur der Larina in keiner Weise entspricht. Auch die Figur der Olga wird darstellerisch im ersten Bild nicht so unbeschwert und leichtfertig getroffen, wie Tschaikowskij sie in der Musik charakterisiert. Zwar lässt Haag sie zu Beginn des Quartetts eine Leiter emporklettern, während Tatjana träumend mit einem Buch hinter einem Fenster steht. Wenn sie aber auf Lenskij trifft, wirken ihre Gefühle für den schwärmerischen jungen Mann schon beinahe zu ernst. Da ist es nicht gerade glaubwürdig, dass es durch ihr kokettes Verhalten während der Feier zur Katastrophe mit dem tödlichen Duell zwischen Onegin und Lenskij kommen soll. Dass beim festlichen Ball im Hause Gremin Vorboten der Revolution Flugblätter verteilen und den Prunk der herrschenden russischen Gesellschaft, die von Ulli Kremer mit opulenten Kostümen ausgestattet wird, kritisieren, ist szenisch zwar überflüssig, reicht allerdings auch nicht für einen Aufreger.

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Wiederbegegnung in St. Petersburg beim Fürsten Gremin (Andreas Hörl, Mitte links): Tatjana (Mirjam Tola, Mitte) und Onegin (Mikolaj Zalasinski, links)

Sieht man von diesen kleinen Einschränkungen ab, lässt sich der Abend musikalisch in vollen Zügen genießen. Für Mirjam Tola, die in Wuppertal bereits als Tosca überzeugte, ist die Tatjana eine Paraderolle. Glaubhaft vollzieht sie darstellerisch den Wandel vom träumerischen jungen Mädchen, das Onegins Zurückweisung nur schwer ertragen kann, hin zur selbstbewussten Frau an der Seite des Fürsten, die zwar Onegin immer noch liebt, sich nun aber verantwortungsbewusst seinen Avancen widersetzt. Stimmlich glänzt sie mit mädchenhaftem Sopran im ersten Akt und begeistert in der Briefarie durch sauber angesetzte Spitzentöne und voluminöse Dramatik. Im dritten Akt tritt sie Onegin mit dramatischen Höhen entgegen. Mikolaj Zalasinski gibt die Titelfigur als leichtfertigen Dandy, der erst im dritten Akt nach Jahren des Umherirrens seine verpasste Chance in Tatjana erkennt. Dabei stattet er den Onegin mit einem kräftigen Bariton und markanter Stimmführung aus. Einziges Ärgernis ist, dass er ständig rauchend über die Bühne laufen muss. Bei aller Freiheit der Kunst ist es nun wirklich nicht notwendig, die Stimme eines Sängers auf der Bühne derartig zu gefährden. Mikhail Agafonov legt die Partie des Lenskij stimmlich eher dramatisch als lyrisch an, was das empfindsame Leiden des jungen Mannes etwas unglaubwürdig macht. Viola Zimmermann verfügt als Olga in der Mittellage über ein warmes Timbre.

In den kleineren Partien begeistern vor allem Andreas Hörl als Gremin mit profundem Bass in seiner großen Arie im dritten Akt, in der er seine Liebe zu Tatjana besingt, und James Wood als manierierter Franzose Triquet mit hellem Tenor bei seinem Couplet für Tatjana und beeindruckenden Zaubertricks. Anna Maria Dur überzeugt als Amme Filipjewna mit warmem Mezzo und innigem Zusammenspiel mit Tola. Manuela Bress scheint der russische Text bei der Einhaltung der Tempi einige Probleme zu bereiten, so dass sie häufig Blickkontakt zum Dirigenten sucht. Der Opern- und Extrachor unter der Leitung von Jens Bingert präsentieren sich stimmgewaltig. Kamioka rundet mit dem glänzend aufgelegten Wuppertaler Sinfonieorchester den Abend wunderbar ab, so dass es am Ende großen Applaus für alle Beteiligten gibt, in den sich auch das Regie-Team einreiht.

FAZIT

Den Wuppertaler Bühnen gelingt mit Tschaikowskijs "lyrischen Szenen" ein musikalisch bewegender Abend, der auch szenisch relativ werktreu bleibt.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Toshiyuki Kamioka

Inszenierung
Ansgar Haag

Bühne
Bernd-Dieter Müller /
Annette Zepperitz

Kostüme
Ulli Kremer

Licht
Fredy Deisenroth

Chorleitung
Jens Bingert

Regieassistenz
Björn Reinke

 

Opern- und Extrachor der
Wuppertaler Bühnen

Sinfonieorchester Wuppertal

Statisterie


Solisten

Tatjana
Mirjam Tola

Olga
Viola Zimmermann

Larina
Manuela Bress

Filipjewna
Anna Maria Dur

Eugen Onegin
Mikolaj Zalasinski

Lenskij
Mikhail Agafonov

Gremin
Andreas Hörl

Triquet
James Wood

Saretzkij
Oliver Picker

Ein Hauptmann
Mario del Rio


Weitere Informationen
erhalten Sie von den
Wuppertaler Bühnen
(Homepage)



Da capo al Fine

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