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Musiktheater
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Lulu

Oper in drei Aufzügen (Fassung des 3. Aktes von Friedrich Cerha)
Libretto nach den Tragödien Erdgeist und Die Büchse der Pandora von Frank Wedekind
Musik von Alban Berg

In deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h 40' (zwei Pausen)

Premiere im Opernhaus Wuppertal am 14. Mai 2016
(rezensierte Aufführung: 26.05.2016)




Wuppertaler Bühnen
(Homepage)
Manege frei für die "Urgestalt des Weibes"


Von Thomas Molke / Fotos von Uwe Stratmann

Nachdem Toshiyuki Kamioka in den zwei Jahren seiner Intendanz am Opernhaus der Wuppertaler Bühnen bei der Programmgestaltung eher auf repertoiretaugliche Klassiker des Musiktheaters gesetzt hat, präsentiert er zum Abschied ein Schlüsselwerk der musikalischen Moderne: Alban Bergs zweite und letzte Oper Lulu. Berg selbst hatte das Werk nicht mehr vollenden können, so dass am 2. Juni 1937 in Zürich nur die ersten beiden Akte zur Uraufführung gelangten. Erst nach dem Tod seiner Witwe unternahm Friedrich Cerha einen Versuch, aufgrund der vorliegenden Skizzen den dritten und letzten Akt zu vervollständigen. Diese Fassung erlebte dann am 24. Februar 1979 an der Opéra Garnier in Paris ihre Uraufführung. Kamioka hat sich nun für die dreiaktige Fassung entschieden, und verlangt damit dem Wuppertaler Publikum mit drei Stunden und 40 Minuten Länge einiges ab. So bleiben bereits bei der dritten Vorstellung viele Plätze leer, und auch nach den beiden Pausen kehren nicht alle Zuschauer in den Saal zurück. Das überregionale Interesse, das Kamioka vielleicht mit dieser Produktion wecken will, reicht leider nicht aus, um die Platzauslastung zu erhöhen. Von daher ist es wahrscheinlich eine weise Entscheidung gewesen, die Produktion nur insgesamt viermal auf den Spielplan zu stellen.

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Lulu (Martina Welschenbach) und ihr erster Ehemann, der Medizinalrat Goll (Claus Renzelmann)

Bergs Oper basiert auf Frank Wedekinds Tragödien Erdgeist und Die Büchse der Pandora, die in mehreren Stationen die Geschichte der Lulu erzählen. Der erste Akt führt dabei über den Tod ihrer ersten beiden Ehemänner zu einer Wiedervereinigung mit dem Chefredakteur Dr. Schön, der sie als Zwölfjährige von der Straße geholt und dann über mehrere Jahre ein Verhältnis mit ihr unterhalten hat. Nachdem ihr erster Gatte, der Medizinalrat Goll an einem Herzinfarkt gestorben ist, als er Lulu in flagranti mit dem Maler ertappt hat, nimmt sich ihr zweiter Mann, der Maler, das Leben, nachdem Dr. Schön ihn über Lulus Vergangenheit aufgeklärt hat. Dr. Schön, der sich mittlerweile von Lulu getrennt hat, um eine standesgemäße Frau zu heiraten, begegnet Lulu als Tänzerin im Theater wieder, verfällt erneut ihrem Charme und trennt sich von seiner Braut. Am Ziel ihrer Träume angelangt, versammelt Lulu im zweiten Akt eine zweifelhafte Gesellschaft im Haus ihres Gatten. Dr. Schön bezichtigt sie der Untreue und will sie zwingen, sich zu erschießen. Dabei feuert sie allerdings fünf Schüsse auf ihren Gatten ab und landet wegen Mordes im Gefängnis. Von dort wird sie mit Hilfe der Gräfin Geschwitz befreit, die ebenfalls in Lulu verliebt ist. Gemeinsam mit Alwa, Dr. Schöns Sohn, flieht sie ins Ausland. Die Flucht führt dabei über Paris nach London, wo sie mit Alwa, Schigolch und der Gräfin Geschwitz in einer Dachkammer unterkommt und ihren Körper verkauft. Nachdem ein Freier Alwa getötet hat, trifft Lulu auf Jack the Ripper, der sie und die Gräfin Geschwitz ersticht.

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Wildtierjagd im Haus von Dr. Schön: von links: Schigolch (Martin Blasius), der Gymnasiast (Sandra Borgarts), Lulu (Martina Welschenbach) und der Athlet (Christian Tschelebiew)

Das Regie-Team um Beate Baron behält in der Inszenierung die Zirkuswelt, in die der Tierbändiger im Prolog das Publikum einlädt, über alle drei Akte bei, so dass immer wieder Statisten als Clowns oder in Tierkostümen auftreten und einzelne Szenen beobachten. Elisa Limberg hat dafür eine große Drehscheibe in der Mitte der Bühne entworfen, die an eine Manege erinnert und von einem begehbaren Steg umgeben wird. Darüber hängt ein weißes Tuch. Wieso sich beim Prolog der Vorhang mehrmals öffnet und schließt, wird dabei nicht ganz klar. Lulu wirkt bei ihrem ersten Auftritt weniger wie eine Schlange, als die der Tierbändiger sie einführt, sondern vielmehr mit ihren bodenlangen Haaren als ein Urwesen. Als Schlangen oder Echsen agieren eher Dr. Schön,  sein Sohn Alwa und der Maler  im ersten Bild des ersten Aktes, wenn sie Lulu umwerben, die zu Beginn als einzige in der Manege aufrecht geht, während die anderen nur über den Boden robben. Das Bild, das der Maler von Lulu gemalt hat, ist ein schwarzes Dreieck auf einer weißen Leinwand. Nach dem Tod des Medizinalrates verändert sich Lulus Aussehen, und die Haare werden kürzer. Dr. Schöns Braut wird als Madonna dargestellt, um einen Kontrast zu Lulu herzustellen. Unklar bleibt dabei nur, wieso diese keusche Madonna ein Kleid mit einer entblößten Brust trägt.

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Diskussion über Börsenkurse am Strand: von links: Journalist (Javier Zapata Vera), Fünfzehnjährige (Franziska Ringe), Alwa (Arnold Bezuyen), Lulu (Martina Welschenbach), Kunstgewerblerin (Katharina Greiß), Athlet (Christian Tschelebiew), Bankier (Michael Adair), Mutter (Banu Schult), Marquis (James Wood), Gräfin Geschwitz (Kathrin Göring) und Statisterie

Der zweite Akt spielt dann in einer Art Raubtiergehege. Auf mehreren Holzstämmen sieht man Raubkatzen, die zunächst von Lulus Gefolgschaft, der Gräfin Geschwitz, dem alten Schigolch, einem Athleten, einem Gymnasiasten und Alwa mit Gewehren und Ferngläsern gejagt werden. Später begibt sich auch Dr. Schön auf diese Jagd. Lulu trägt nun ein glitzerndes goldenes Kleid, um anzudeuten, dass sie gesellschaftlich auf dem Höhepunkt ihres Lebens angekommen ist. Doch ihr Glück währt nur kurz, und mit der Ermordung ihres Gatten beginnt der Abstieg. So ist sie bereits nach ihrer Flucht aus dem Gefängnis am Ende des zweiten Aktes eine gebrochene Frau. Der dritte Akt spielt zunächst vor dem Vorhang. Mit den zahlreichen Liegestühlen scheint man sich allerdings eher an der Côte d'Azur zu befinden als in einem Pariser Salon. Lulu hebt sich in ihrem schwarzen Anzug deutlich von der farbenfrohen restlichen Gesellschaft ab. Die Manege in der Mitte der Bühne gleicht nun einem Müllhaufen, auf dem Lulus vergangenes Leben aufgestapelt ist. Ein glitzernder Fadenvorhang symbolisiert die Halbwelt in der Dachkammer Londons, in der Lulu als Prostituierte ihre Freier empfängt. Interessant ist hierbei, dass die drei Freier in den gleichen Kostümen auftreten wie ihre drei Ehemänner. Der einzige Unterschied ist, dass sie nun Engelflügel tragen. Sind es also die Seelen der Verstorbenen, die Lulu nun heimsuchen? Ist es letztlich gar nicht Jack the Ripper, sondern Dr. Schön, der nun zurückgekehrt ist, um Lulu zu töten?

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Lulu (Martina Welschenbach, hinten) und ihre drei Freier in der Londoner Dachkammer (von links: Neger (Johannes Grau), Jack the Ripper (Ralf Lukas) und Professor (Claus Renzelmann), vorne: Gräfin Geschwitz (Kathrin Göring) mit Statistin)

Musikalisch bewegt sich die Vorstellung auf gutem Niveau. Toshiyuki Kamioka arbeitet mit dem Sinfonieorchester Wuppertal Bergs Musiksprache differenziert heraus und sorgt vor allem bei den Übergängen zwischen den einzelnen Bildern für ein beeindruckendes Hörerlebnis, so dass man ihn als Generalmusikdirektor sicherlich vermissen wird, auch wenn er als Opernintendant mit der Zerschlagung des Ensembles nicht bei jedermann in guter Erinnerung bleiben wird. Martina Welschenbach überzeugt darstellerisch und stimmlich als Lulu und punktet mit mädchenhaftem Sopran und verführerischem Spiel. Kathrin Göring hält als Gräfin Geschwitz mit einem warm timbriertem Mezzo dagegen. Ralf Lukas stattet den Dr. Schön und Jack the Ripper mit klarem Tenor aus. Gleiches gilt für Arnold Bezuyen als Dr. Schöns Sohn Alwa. Johannes Grau verfügt als Maler und Neger über einen hellen Tenor und gefällt mit sauberen Höhen. Martin Blasius verleiht dem Schigolch mit markantem Bass Autorität. Auch die kleineren Partien sind gut besetzt, so dass es nach zunächst etwas verhaltenem Applaus am Ende des Stückes doch großen Beifall für das Ensemble und den scheidenden Generalmusikdirektor gibt.

FAZIT

Toshiyuki Kamioka gelingt mit dieser letzten Produktion ein hochwertiger Abschied, auch wenn man damit in Wuppertal nicht allzu viel Publikum erreichen kann. Von daher ist es nicht unklug, die Spielzeit mit den beiden erfolgreichen Puccini-Produktionen Tosca und Madama Butterfly ausklingen zu lassen.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Toshiyuki Kamioka

Inszenierung
Beate Baron

Bühnenbild
Elisa Limberg

Kostüme
Marie Gerstenberger

Licht
Fredy Deisenroth

Film
SIEGERSBUSCHFILM

 

Sinfonieorchester Wuppertal

Statisterie


Solisten

Lulu
Martina Welschenbach

Gräfin Geschwitz
Kathrin Göring

Eine Theatergardrobiere /
Ein Gymnasiast / Ein Groom
Sandra Borgarts

Der Maler / Der Neger
Johannes Grau

Dr. Schön / Jack the Ripper
Ralf Lukas

Alwa
Arnold Bezuyen

Ein Tierbändiger / Ein Athlet
Christian Tschelebiew

Schigolch
Martin Blasius

Der Prinz / Der Kammerdiener /
Der Marquis
James Wood

Der Theaterdirektor / Der Bankier
Michael Adair

Der Medizinalrat / Der Professor /
Der Polizeibeamte
Claus Renzelmann

Eine Fünfzehnjährige
Franziska Ringe

Ihre Mutter
Banu Schult

Eine Kunstgewerblerin
Katharina Greiß

Ein Journalist
Javier Zapata Vera

Ein Diener
Oliver Picker


Weitere Informationen
erhalten Sie von den
Wuppertaler Bühnen
(Homepage)



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