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Madama Butterfly

Tragödie einer Japanerin in drei Akten
Libretto von Giuseppe Giacosa und Luigi Illica nach dem gleichnamigen Drama von David Belasco
Musik von Giacomo Puccini

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 45' (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Wuppertal am 16. Oktober 2015




Wuppertaler Bühnen
(Homepage)
Japanische Tragödie in klassischem Gewand


Von Thomas Molke / Fotos von Uwe Stratmann

Die Wuppertaler Bühnen kommen derzeit einfach nicht zur Ruhe. Zwar hat man für den zum Ende der Spielzeit scheidenden Opernintendanten Toshiyuki Kamioka mit Berthold Schneider einen viel versprechenden Nachfolger gefunden, der auch das von Kamioka unter großem Protest aufgelöste Opernensemble wieder aufbauen will. Die Suche nach einem neuen Generalmusikdirektor für die kommende Spielzeit geht allerdings noch weiter, und so geben auch bei der ersten Inszenierung in der neuen Spielzeit bei den insgesamt fünf Aufführungen im Oktober fünf potentielle Kandidaten am Pult des Sinfonieorchesters Wuppertal ihre Visitenkarte ab, was für die Erarbeitung einer neuen Produktion nicht unbedingt so förderlich ist, da jeder Dirigent eigene Vorstellungen von dem Stück haben dürfte, die er so natürlich kaum mit dem Orchester erarbeiten kann. Aber selbst wenn man auch hier guter Dinge sein kann, dass man einen für alle Beteiligten geeigneten Kandidaten finden wird, bleiben die dunklen Wolken, die über den Bühnen im Form des Sparzwangs hängen. Man fragt sich unweigerlich, wovon dieses neue Ensemble denn bezahlt werden soll, wenn den Bühnen die Mittel weiter gestrichen werden, und so wird das Premierenpublikum mit vorbereiteten Protestkarten, die auf den Sitzplätzen liegen, aufgefordert, den Oberbürgermeister und den Rat der Stadt Wuppertal mit "Brandbriefen" zu überschütten, da ohne Aufhebung der Deckelung des Etats, so die Wuppertaler Bühnen und das Sinfonieorchester, spätestens im Sommer 2019 der letzte Vorhang in Wuppertal falle. Und um die Opernbesucher in die richtige Stimmung zu versetzen, diese Karte auszufüllen, setzt die Inszenierung von Dominik Neuner alles daran, dass das Publikum auf keinen Fall will, dass dies 2019 der Fall ist.

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Cio-Cio-San (Hye-Won Nam) trifft auf ihren zukünftigen Gatten Pinkerton (Timothy Richards, rechts) (in der Mitte: Sharpless (Heiki Kilpeläinen), im Hintergrund: Opern- und Extrachor).

Dass Puccinis Madama Butterfly quasi zeitgleich im nahe gelegenen Theater Hagen seit Ende der letzten Spielzeit auf dem Programm steht, dürfte den Kartenverkauf weder in Wuppertal noch in Hagen beeinträchtigen, da dieses Werk doch heute zu den bekanntesten und beliebtesten Stücken der Opernliteratur gehört. Dabei war die Butterfly - ähnlich wie Bizets Carmen - bei der Uraufführung am 17. Februar 1904 in der Scala in Mailand ein absoluter Reinfall und führte sogar dazu, dass nicht nur die weiteren Aufführungen abgesagt wurden, sondern auch dass Puccini selbst sogar sein Honorar zurückzahlte und gemeinsam mit den Librettisten dem Theater die entstandenen Kosten erstattete. Erst die Umarbeitung der ursprünglich zweiaktigen Fassung auf drei Akte und der Verzicht auf zahlreiche politische Anspielungen mit kritischem Unterton führten dazu, dass das Stück, das sich nun recht rührselig auf die individuelle Tragödie einer jungen Frau konzentrierte, ab Mai 1904 von Brescia aus seinen Siegeszug um die ganze Welt antrat. Während Norbert Hilchenbach in Hagen versucht, in seine Inszenierung der dreiaktigen Fassung politische Anspielungen aus der ursprünglichen Version einzubauen (siehe auch unsere Rezension), verzichtet Neuner auf eine Vermischung der beiden Varianten und konzentriert sich auf einen Ansatz, der die Titelfigur nicht in eine reine Opferrolle drängt.

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Hochzeitsnacht zwischen Cio-Cio-San (Hye-Won Nam) und Pinkerton (Timothy Richards)

So trägt Cio-Cio-San hier eine Art Mitschuld am tragischen Ende. Zwar mag man die Tatsache, dass sie für Pinkerton ihre eigene Kultur und Religion aufgibt, was zum endgültigen Bruch mit der Familie führt, noch als Naivität einer jungen Frau abtun. Im weiteren Verlauf des Stückes lässt Neuner sie jedoch sehr berechnend ihre Ziele verfolgen. So wird das gemeinsame Kind mit Pinkerton von ihr schon beinahe als psychologische Waffe eingesetzt, mit der Butterfly ihren Geliebten zwingen will, zu ihr zurückzukehren. Auch der reiche Yamadori wird in Neuners Inszenierung keineswegs so abstoßend dargestellt, dass er nicht eine durchaus akzeptable Alternative für Butterfly darstellen könnte. Sämtliche Sorgen, die Suzuki ihrer Herrin gegenüber äußert, werden absolut barsch zurückgewiesen. Den schmierigen Heiratsvermittler treibt Cio-Cio-San mit dem Messer aus dem Haus, mit dem sie später Selbstmord begeht, wobei der Selbstmord vor dem Kind so inszeniert wird, dass dieses später dafür den Vater verantwortlich machen wird. Zwar gibt der gesungene Text diese Sichtweise nicht unbedingt her, aber wenn man bei der Übertitelung einfach auf eine Übersetzung der Teile verzichtet, die diesem Ansatz widersprechen, fällt es nicht weiter auf.

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"Un bel di vedremo": Butterfly (Hye-Won Nam)

Das Einheits-Bühnenbild, für das ebenfalls Neuner verantwortlich zeichnet, stellt mit seinen nach hinten angeschrägten weißen Wänden eine klinisch-sterile Terrasse dar, die hinter zwei Schiebetüren wohl ins Innere des Hauses führt, wobei dies nicht so ganz klar wird, da im dritten Akt auch Mrs. Pinkerton und ihr Mann durch diese Schiebetür eintreten. Im ersten Akt wird eigentlich der Eindruck erweckt, dass der Zugang zum Haus über eine breite weiße Treppe erfolgt, die an den angeschrägten weißen Wänden hinab auf die Bühne führt. Auf der rechten Seite befindet sich ein kahler Baum, der im Prinzip schon als Mahnmal das tragische Ende vorwegnimmt. Auch die zur Ouvertüre aus dem Schnürboden herabfallenden herbstlich gefärbten Blätter stehen im Kontrast zur feierlich begangenen Hochzeit, für die Ute Frühling schöne asiatische Kostüme entworfen hat. Beeindruckend gelingt die Videoprojektion eines riesigen Schiffes, das in Butterflys berühmter Arie "Un bel di vedremo" die ganze Bühne überschattet und für ihren starken Glauben an die Rückkehr des Geliebten steht. Wenn Butterfly sich dann am Ende des Stückes umbringt - bei Neuner setzt sie das Messer anders als beim Harakiri an der Kehle an -, tritt Pinkerton nicht erneut auf, und seine "Butterfly"-Rufe sind nur über Lautsprecher zu vernehmen, was natürlich einerseits die Deutung zulässt, dass er wirklich aus der Ferne nach ihr ruft, andererseits aber auch so interpretiert werden kann, dass nur die sterbende Butterfly den Geliebten in einer letzten Todesvision noch einmal hört.

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Cio-Cio-San (Hye-Won Nam, vorne) wartet mit ihrem Sohn (Steve Kinreich) auf Pinkertons Rückkehr (im Hintergrund: Suzuki (Viola Zimmermann)).

Die koreanische Sopranistin Hye-Won Nam stellt für die Titelpartie nicht nur optisch eine Idealbesetzung dar. Mit dramatischem Sopran kann sie es in jeder Situation mit dem unter der musikalischen Leitung von Ulrich Windfuhr beherzt aufspielenden Sinfonieorchester Wuppertal aufnehmen und wird nur in den ganz extremen Höhen ein bisschen schrill. Ihre große Arie im zweiten Akt "Un bel di vedremo" und ihren Schlussgesang "Tu, tu, piccolo iddio" intoniert sie absolut höhensicher mit intensiver Darstellung. Timothy Richards steht ihr als Pinkerton mit kräftigem Tenor in Nichts nach, auch wenn man sich die Liebesszene am Ende des ersten Aktes darstellerisch vielleicht ein wenig intensiver gewünscht hätte. Mit scheinbarer Leichtigkeit lässt Richards bei seiner Hymne auf Amerika strahlende Höhen erklingen und macht zumindest stimmlich nachvollziehbar, dass dieser menschlich absolut unsympathische Charakter über eine gewisse Anziehungskraft verfügt. Heikki Kilpeläinen gibt den Konsul Sharpless mit markantem Bariton darstellerisch recht kühl, was wohl in Neuners Personenregie so beabsichtigt ist. Das Mitleid des Konsuls für Butterfly hält sich wohl in Grenzen, da er der Meinung ist, dass ihr mit Yamadori durchaus eine Alternative zur Rettung ihrer Ehre geboten wird. Dass sie unbelehrbar an Pinkerton festhält, kann er nicht nachvollziehen. Viola Zimmermann gibt die Suzuki mit warmem und weichem Mezzo. Szenisch gut umgesetzt wird von Zimmermann Suzukis kritische Haltung gegenüber den Amerikanern und ihre Verzweiflung darüber, dass sie Butterfly nicht die Augen über Pinkerton öffnen kann. James Wood stattet den schmierigen Heiratsvermittler Goro mit leichtem Spieltenor aus. Der von Jens Bingert einstudierte Opern- und Extrachor der Wuppertaler Bühnen überzeugt ebenso wie das wuchtig aufspielende Sinfonieorchester Wuppertal unter der Leitung von Ulrich Windfuhr, so dass es für alle Beteiligten am Ende großen Jubel gibt. Die größtenteils stehenden Ovationen lassen hoffen, dass möglichst viele Besucher die Protestkarten spätestens nach der Vorstellung ausgefüllt haben, um in Wuppertal ein Zeichen für den Erhalt des Theaters zu setzen.

FAZIT

Musikalisch bewegt sich diese Produktion auf hohem Niveau und bietet dem Publikum einen klassischeren Ansatz als die Produktion in Hagen. Zum Vergleich empfiehlt es sich allerdings, beide Aufführungen zu besuchen.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Ulrich Windfuhr

Inszenierung und Bühne
Dominik Neuner

Kostüme
Ute Frühling

Licht
Fredy Deisenroth

Chorleitung
Jens Bingert

 

Opern- und Extrachor der
Wuppertaler Bühnen

Sinfonieorchester Wuppertal

Statisterie


Solisten

Cio-Cio-San, genannt Butterfly
Hye-Won Nam

Suzuki
Viola Zimmermann

Kate Pinkerton
Katharina Greiß

Benjamin Franklin Pinkerton
Timothy Richards

Sharpless
Heikki Kilpeläinen

Goro
James Wood

Onkel Bonze
Marc Kugel

Yamadori
Tomasz Kwiatkowski

Yakusidé
Andreas Heichlinger

Kaiserlicher Kommissar
Hak-Young Lee

Mutter von Cio-Cio-San
Qian Zhang

Tante
Ja-Young Park

Kusine
Hong-Ae Kim

Kind
Steve Kinreich


Weitere Informationen
erhalten Sie von den
Wuppertaler Bühnen
(Homepage)



Da capo al Fine

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