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Musiktheater
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Macbeth

Oper in vier Akten
Libretto von Francesco Maria Piave mit Ergänzungen von Andrea Marie nach William Shakespeare
Musik von Giuseppe Verdi

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Zürich am 3. April 2016
(rezensierte Aufführung: 10. April 2016)


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Opernhaus Zürich
(Homepage)
Auf dem Weg ins Nichts

Von Roberto Becker / Fotos © Monika Rittershaus


Die Bühne ist so schlicht wie effektvoll. Nachtschwarz. Ohne Mond und Sterne. Mit einer Art Notbeleuchtung führt ein Highway mitten durch das Nichts. Da, wo sich Jago und Macbeth treffen könnten.

Verdis Macbeth ist ja irgendwie immer ein dunkles Stück. Von der anderen Seite des Mondes sozusagen. Aber diesmal ist die Finsternis physisch spürbar. Weil sie nichts neben sich gelten lässt. Nicht mal die Hexen, nicht den König, auch nicht das Bankett oder den Wald von Birnam. Gar Nichts. Nur Schemen. Lärm. Einbildung. Wie in einer Geisterbahn. Und dabei führt Barrie Kosky Regie. Dem Intendanten der Komischen Oper eilt vor allem wegen der Art, wie er diesen Job ausübt, der Ruf voraus, die große Show zu lieben. Am liebsten Operette mit großer Treppe und Travestie. Doch das Klischee vom Erfolg, der dann kommt, wenn man auf die Pauke haut, ist nur die eine Seite des Australiers. Die andere ist eine große Ernsthaftigkeit des Regisseurs. Mit der er genauso auffällt. Nur nicht mit solchen Trommelwirbeln und Fanfarenstößen.

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Macduff

Sein Macbeth in Zürich, am Haus seines Berliner Amtsvorgängers Andreas Homoki, gehört zu den Regietaten, die man bei ihm ganz oben auf die Liste mit den Erfolgen setzen muss. Und die in die Rezeptionsgeschichte dieses Stückes gehören. Dabei wird er nicht mal politisch. Obwohl es ja reichlich Beispiele in der gerade laufenden Zeitgeschichte für Potentaten gibt, die im Blut waten. Kosky lässt diesen Bezug zur Wirklichkeit beiseite, und konzentriert sich voll auf die Psyche der beiden Hauptakteure. Die ja auch ein Liebespaar sind, wenn auch ein sehr spezielles, sehr finsteres. Eine Beziehung auf Augenhöhe ist das zwischen Macbeth und seiner Lady allemal. Kosky setzt die beiden nicht nur nebeneinander, in die erste Reihe gleich an der Kante zum Krater, in dem die Höllenglut brodelt. Er macht auch aus dem Brief, den er ihr nach der ersten Begegnung mit den Hexen und seiner ersten postwendend folgenden Beförderung geschrieben hat, einen intimen Dialog. Er ist bei ihr. Der Text, den sie ansonsten ohne Musik vorliest, wird über Lautsprecher im Zuschauerraum geraunt und gewispert. Frei nach Wotans: "mit mir nur rat' ich, red ich zu dir." Es ist eine perverse Form der Gleichberechtigung, bei der keiner zum Anhängsel des Anderen wird. Was hätten die beiden, ins Helle gewendet, leisten können!

Vergrößerung in neuem Fenster Macbeth im Schlaf versunken, dahinter die Hexen

Machen sie aber nicht. Sie sind besessen von der Idee, eine Dynastie zu begründen, haben aber gar keine Nachkommen. Sie meucheln die potenziellen Thronanwärter und deren Kinder gleich noch mit. Wenn die nicht entkommen. Wie Bancos Sohn. Den sieht man in der Mordnacht gleichmütig Ball spielen. Und wenn der Vater fällt und der Sohn flieht, dann kullert dieser Ball einsam nach vorn. Solche sparsamen, aber vielsagenden Bilder reichen Kosky. Er zieht auch keine große Hexenshow ab, mit einer Truppe zerlumpter Weiber, die in einem blubbernden Kessel herumrühren, wenn sie nicht gerade Hänsel und Gretel weichkochen (wie man es bei Peter Stein in Salzburg tatsächlich befürchten musste). Nein, hier wanken Zwitterwesen aus dem Alptraumreich der Untoten heran. In aller Nacktheit. Oben Frau und unten Mann oder umgekehrt. Gesungen wird von der Seite. In der Bankettszene ist das so ähnlich. Keine Festtafel für die Gäste. Dafür drücken sich gespenstische Gestalten in die Kulissen, sinken schließlich dahin.

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Kurzer Jubel über den eroberten Thron: Macbeth (hier Markus Brück, die Premierenbesetzung) und seine Lady

Heute liegt die verlängerte Reise-Rast natürlich nicht mehr an den abhanden gekommenen Pferden, sondern vielleicht doch eher am Rat des Arztes vom Anfang, aus gesundheitlichen Gründen noch nicht aufzubrechen. Warum auch immer - sie kommen nicht raus. Laufen beinahe gegen Wände, gehen lieber in den Pool. Singen sich ihre nationalen Schlüssellieder vor. Wobei Deutschland schon bei Rossini dank "Gott erhalte" (wen denn gleich mal?) ziemlich gut und melodisch für heute passend wegkommt. Doch dann wird die Bühne zum Trümmerfeld - offensichtlich ist ein Flugzeug abgeschossen worden. Wenn sie schließlich alle mit Emphase Frankreich hochleben lassen, dann wird einem ganz anders. Das ist (im doppelten Wortsinn) eine Fallhöhe, die man bei Marthaler sonst eher auf der subversiven Ebene des zelebrierten höheren Blödsinns, aber nicht so demonstrativ erwartet.

Vergrößerung in neuem Fenster Die Lady auf dem Weg in den Wahnsinn

In Zürich spielen sie die überarbeitete Fassung von 1865. Ergänzt mit der letzten Macbeth -Arie aus der Urfassung von 1847. Klingt nach gescheitertem Jago und schmeckt das sonst immer flott und hämisch dahin jubelnde Finale mit einer Prise Bitternis ab. Im Graben tobt sich Teodor Currentzis mit der Philharmonia Zürich aus. Originalklangehrgeizig und temperamentvoll lässt er es so krachen und dröhnen, dass die Hölle Beifall klatschen müsste. Vielleicht soll es ja eine Hommage an Nikolaus Harnoncourt sein. Dann käme der Beifall aus dem Dirigentenhimmel. Mitreißend, selbst wenn es ins Verderben geht. Seltsamer Verdi. In diesem musikalischen Sturm wogt auch die Lady zwischen ihrer dramatischen Prachtentfaltung und dem Gebot, das Unschöne zu wagen - für Tatjana Serjna ist das sicheres Terrain. Auch Dimitris Tiliakos als Zweitbesetzung des Macbeth (neben der allseits bejubelten Premierenbesetzung Markus Brück) zieht hier mit, wirft sich bis an seine Grenzen, gewinnt Statur im Untergang. Der Rest ist Zürcher Luxus: der profunde Wenwei Zhang als Banco oder Pavol Breslik als Macduff überzeugen.


FAZIT

In Zürich ist ein in jeder Hinsicht radikaler Macbeth zu bestaunen.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Teodor Currentzis

Inszenierung
Barrie Kosky

Bühnenbild und Lichtgestaltung
Klaus Grünberg

Mitarbeit Bühnenbild
Anne Kuhn

Kostüme
Klaus Bruns

Chor
Ernst Raffelsberger

Dramaturgie
Claus Spahn


Chor der Oper Zürich

Statistenverein am Opernhaus Zürich

Philharmonia Zürich


Solisten

Macbeth
Dimitris Tiliakos

Banco
Wenwei Zhang

Lady Macbeth
Tatiana Serjan

Kammerfrau der Lady Macbeth
Ivana Rusko

Macduff
Pavol Breslik

Malcolm
Airam Hernandez

Arzt
Dimitri Pkhaladze

Diener Macbeths, Mörder
Erik Anstine

Weitere
Informationen

erhalten Sie vom
Opernhaus Zürich
(Homepage)



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