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Musiktheater
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Evita

Musical in zwei Akten
Gesangstexte von Tim Rice
Musik von Andrew Lloyd Webber

in deutscher Sprache

Aufführungsdauer: ca. 2h 30' (eine Pause)

Premiere im Bonner Opernhaus am 4. September 2016


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Theater Bonn
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Enttäuschende Neuproduktion

Von Thomas Tillmann / Fotos von Thilo Beu

Nein, da hatte ich mehr erwartet von Gil Mehmerts Evita-Neuproduktion, nachdem ich seine Inszenierung von Jesus Christ Superstar am selben Ort vor einigen Jahren gleichermaßen klug wie spannend und einfach gut gemacht fand. Nichts davon am vergangenen Sonntag: Es gelingt Mehmert diesmal einfach nicht, Figuren aus Fleisch und Blut auf die Bühne zu bringen, bei den Zuschauerinnen und Zuschauern wirklich starke Emotionen auszulösen, trotz des (vorgegebenen) hohen Tempos plätschert die Handlung einigermaßen belanglos vor sich hin anstatt zu berühren. Und trotz der klaren Vorgaben hätte man sich über ein paar eigene Ideen gefreut (die gab es sehr wohl in dem ja ähnlich strukturierten Jesus Christ Superstar), eine erkennbar neue Sicht auf das bekannte Stück, einen vielleicht auch beherzt kontroversen Kommentar zur Vorlage oder zur historischen Figur jenseits von Aufführungsklischees und nicht nur Konventionelles, Aufgewärmtes und jede Menge Bühnennebel. Symptomatisch ist die Anlage des Don't Cry For Me, Argentina (wobei das gesamte Stück in deutscher Sprache gegeben wird, auch dies bereits eine diskutable Entscheidung): Die erste Strophe singt Evita in den Bühnenhintergrund, der Zuschauer sieht den Backstage-Bereich, was durchaus spannend hätte sein können. Zum Refrain aber dreht sich der mächtige Bühnenaufbau in Richtung Zuschauerraum - ein tieferer Sinn ist nicht auszumachen, Möglichkeiten werden wie den ganzen Abend lang verschenkt.

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Evita Perón (Bettina Mönch) - Argentiniens ambivalenter Superstar

Bettina Mönch hat einige Erfahrung mit der Titelrolle, die sie bereits in Graz und Wien verkörpert hat - Ausstrahlung, Charisma und echten Glamour entwickelt sie zumindest an diesem Abend nicht (so dass ich auch darauf verzichten werde, sie in der Zarah-Leander-Partie der Gloria Mills in Axel an der Himmelstür an der Wiener Volksoper anzuschauen), sie bleibt merkwürdig steif und bemüht, sie schreit und schreit, statt erfüllt zu singen und den Text zum Leben zu erwecken, sie trägt die Kostüme der Evita, aber sie verschmilzt nicht mit der Rolle wie so viele andere, die ich in diesem Stück erlebt habe.

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Ché (David Jakobs) begleitet kritisch den Aufstieg der Schauspielerin Eva Duarte zur "Santa Evita".

Für David Jakobs kommt der Ché vielleicht ein bisschen früh in seiner Musicalkarriere, er singt die Partie an sich einwandfrei, gibt sich darstellerisch große Mühe und hat auch einige körperliche Präsenz, aber auch ihm mangelt es an echter Ausstrahlung, um den spöttischen Kritiker zum Zentrum der Aufführung machen zu können. Und auch Mark Weigel war mir als Perón zu jung, zu nett, zu blass, zu brav. Natürlich kann man die Figur so anlegen, dass er eigentlich nur die Marionette seiner ambitionierten Gattin ist - das wird besonders deutlich, wenn er gegen Ende in seiner Soloszene das berühmte Kleid überstreift -, aber das ist doch nur ein Aspekt dieses Charakters.

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Die First Lady Argentiniens (Bettina Mönch) ist am Boden, der eigene Körper spielt nicht mehr mit.

Johannes Mertes war ein vokal zuverlässiger, aber wenig schillernder Magaldi, Eva Löser eine junge, sympathische Perón-Geliebte, die ihren Song artig ablieferte. Unter den Darstellerinnen und Darstellern der übrigen Rollen war niemand, der besondere Erwähnung verdient hätte, auch die Chöre boten eher Hausmannskost als Außergewöhnliches, ebenso wie die Band, die in dieser Produktion aus welchen Gründen auch immer zweigeteilt im Bühnenhintergrund sitzt, ohne dass dadurch mehr Spannung erzeugt worden wäre. Im Gegenteil, dadurch wurde die Spielfläche noch kleiner. Hier sehe ich einen groben konzeptionellen Fehler: Warum muss sich die Mehrzahl der Szenen auf dem unvollendeten Mausoleum Evitas abspielen, einem riesigen Klotz mit mehreren Ebenen und unbequemen Stufen, auf dem die Darsteller sich kaum je richtig bewegen können? Ich wurde den Eindruck nicht los, dass hier jemand gleich die Zweitverwertung der Produktion vor irgendwelchen Domstufen oder in Konzertsälen im Blick hatte. Der Preis war, wie gesagt, eine arg begrenzte Spielfläche, die auch rasantere Tanzszenen als die von Kati Farkas ausgedachten unmöglich machten. Und auch bei den Kostümen nichts als Konvention, das berühmte große Kleid glitzerte silbern wie ein Barbie-Outfit, sah aber trotzdem langweiliger und weniger glamourös aus als in vielen anderen Produktionen (Ausstattung: Beatrice von Bomhard). Da wäre es konsequenter gewesen, einmal etwas ganz anderes auszuprobieren, aber genau diese Konsequenz, dieser Mut, diese Kreativität fehlt diesem faden Abend, der an vielen Stellen auch vom Premierenpublikum nur pflichtschuldig beklatscht wurde.

FAZIT

Nein, das war nicht der erwartete neue Blick auf einen populären Musicalklassiker, sondern ein fades Spektakel ohne Glanz und ohne sehenswerte Darsteller.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Jürgen Grimm

Inszenierung
Gil Mehmert

Ausstattung
Beatrice von Bomhard

Licht
Thomas Roscher

Choreographie
Kati Farkas

Sounddesign
Stephan Mauel

Choreinstudierung
Marco Medved

Einstudierung
Kinder- und Jugendchor
Ekaterina Klewitz

 

Chor, Kinder- und
Jugendchor des Theater Bonn

Band
Jürgen Grimm (Keyboards)
Petra Riesenweber (Keyboards)
Heinz Hox (Keyboards)
Bastian Ruppert (Gitarre)
Philipp Klahn (Drums)
Stephan Schott (Percussions)
Rainer Wind (Bass)
Martin Reuthner (Trompete)
Wolf Schenk (Posaune)


Solisten

Evita
Bettina Mönch

Ché
David Jakobs

Perón
Mark Weigel

Magaldi
Johannes Mertes

Mistress
Eva Löser

Mutter
Brigitte Jung

Offiziere, Arbeiter
Enrico Döring
Josef Michael Linnek
Johannes Marx
Christian Specht

Leibwächter
Marius Kind
Max Brase

Ensemble
Adriano Sanzo
Shaw Coleman
Hayato Yamaguchi
Lara de Toscano
Yoko El Edrisi
Judit Szoboszlay


Weitere
Informationen

erhalten Sie vom
Theater Bonn
(Homepage)



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