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Faust II - Erlösung!

Ballett von Xin Peng Wang
Musik von Hans Abrahamsen, Louis Andriessen, Luciano Berio, Michael Gordon, David Lang, und P
ēteris Vasks

Aufführungsdauer: ca. 2h (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Dortmund am 29. Oktober 2016
(rezensierte Aufführung: B-Premiere am 05.11.2016)



Theater Dortmund
(Homepage)

Eindrucksvolle Bilder mit Laser-Installationen

Von Thomas Molke / Fotos von Bettina Stöß (Stage Pictures)

Am Theater Dortmund ist in dieser Spielzeit spartenübergreifend eine Faust-Reihe zu erleben. Nachdem die Oper Dortmund die Saison mit Gounods Faust begonnen hat, wird Kay Voges im Schauspiel ab Februar unter dem Titel Faust. At The Crossroads eine "musikalische Beschwörung nach Johann Wolfgang von Goethe" vorstellen, und im Konzerthaus gibt es am 19. April 2017 ein Stummfilmkonzert mit den Dortmunder Philharmonikern unter der Leitung von Gabriel Feltz zu Friedrich Wilhelm Murnaus Stummfilmklassiker Faust aus dem Jahr 1926. Da darf natürlich auch die Ballettsparte nicht fehlen. Xin Peng Wang, der bereits seit mehreren Jahren mit seinem Chefdramaturgen Dr. Christian Baier Klassiker der Weltliteratur für den Tanz erschließt, hat sich bereits in der vergangenen Spielzeit mit dem Handlungsballett Faust I - Gewissen! mit dem ersten Teil von Goethes Klassiker auseinandergesetzt (siehe auch unsere Rezension). Nun geht er einen Schritt weiter und widmet sich in einem weiteren Ballettabend dem zweiten Teil. Von einem Handlungsballett im eigentlichen Sinne kann man hierbei allerdings nicht sprechen, da er nur einzelne Aspekte aus der Tragödie herausgreift und sie in einen neuen inhaltlichen Zusammenhang stellt.

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Mephisto (hier: Dann Wilkinson) ködert Faust (hier: Marlon Dino) mit einem Traumbild der schönen Helena (hier: Lucia Lacarra).

So interessiert ihn vor allem der Schluss, in dem Faust in seiner Todesstunde seinen Egoismus überwindet, der ihn einst zum Pakt mit Mephisto bewogen hat, und mit dem Deich, den er errichten lässt, dem Meer Land für die Besitzlosen abgewinnen will, um neuen Lebensraum zu schaffen. Dieser Humanitätsgedanke, der Faust gewissermaßen in letzter Sekunde aus den Fängen des Teufels befreit, ist in Zeiten der globalen Krisen und Flüchtlingsströme im Moment hochaktuell. In drei Teilen zeigt Wang die Compagnie in der Rolle von Flüchtlingen, die im ersten Teil aufbrechen, um dem Tod, der ihnen in ihrer bisherigen Heimat droht, zu entfliehen. Im nächsten Teil kämpfen die Fliehenden gegen die Gewalt des Meeres ums Überleben, und landen in einem dritten Teil an einer Küste, um hier nach etwas Besserem als dem Tod zu suchen. Wang benennt diese drei Teile Europe 1, 2 und 3 und greift dabei auch das Bild des kleinen Aylan auf, der in der Nähe des türkischen Badeortes Bodum an den Strand gespült wurde. Zwischen diese drei Teile setzt Wang drei Träume, die den Bezug zu Goethes Tragödie herstellen. Der erste Traum gehört Faust und lässt Helena als schönste Frau der Welt erscheinen. Im zweiten Traum zelebriert Mephisto die Walpurgisnacht als ewige Party, und der dritte Traum gehört Margarethe, die in Fausts Erinnerung wieder auftaucht und ihn zum Umdenken bewegt. Dazwischen taucht auch noch Homunculus als künstlich erzeugter Mensch auf.

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Ausgelassene Walpurgisnacht in der Euro-Zone mit Geldregen (Ensemble mit Dann Wilkinson als Mephisto in der Mitte)

Umrahmt wird der Abend musikalisch von Auszügen aus Hans Abrahamsens Schnee, einer Komposition für neun Instrumente in zehn Teilen. Wang wählt daraus einen Teil, der vom Soloklavier gespielt wird. Wie einzelne Schneeflocken hört man dabei die Noten gewissermaßen herabfallen, die dabei recht monoton klingen. Faust (Javier Cacheiro Alemán) liegt dabei auf dem Boden, während Mephisto (Hiroaki Ishida) triumphierend über ihm steht. Faust scheint verzweifelt, weil er Margarethe verloren hat, und Mephisto versucht, ihn wieder aufzubauen, um Fausts Seele doch noch für die Hölle gewinnen zu können. Aus dem Schnürboden hängt an einem langen Seil eine einsame Glühbirne herab, die sich als roter Faden durch die ganze Inszenierung zieht. Während Faust zunächst von dieser Birne niedergedrückt zu werden scheint, lässt Mephisto sie bald schwingen und weckt damit Fausts Neugier auf neue Taten. Im Hintergrund erscheint Helena (Haruka Sassa) als Traumbild in wunderschönem Gewand. Nun ist Faust bereit, sich mit Mephisto erneut auf den Weg zu machen. Für die Kostüme zeichnet wie bei Faust I - Erlösung! Bernd Skodzig verantwortlich, der Mephisto im gleichen Outfit mit wallenden schwarzen Rastalocken auftreten lässt. Auch die Besetzung mit Hiroaki Ishida bzw. Dann Wilkinson ist mit der im ersten Teil identisch. Ishida begeistert in der rezensierten Vorstellung als Mephisto mit diabolischem Spiel und ausdrucksstarkem Tanz.

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Bewegendes Pas de deux in Margarethes Traum: Helena (Margarethe) (hier: Lucia Lacarra) und Faust (hier: Marlon Dino)

Anstatt eines Bühnenbildes wird mit Lichtinstallationen des Künstlers Li Hui gearbeitet, und was da während des Teils Europe 2: The Voyage an Bildern entsteht, ist unbeschreiblich schön. Mit blauen Laserstrahlen und weißem Nebel werden auf der Bühne zum Rauschen des Meeres Wellenbewegungen erzeugt, in denen die Köpfe der Tänzerinnen und Tänzer mal auftauchen und dann wieder versinken. Man hat das Gefühl, den Kampf der Flüchtlinge zu erleben, die gegen die Gewalt des Meeres ankämpfen und verzweifelt versuchen, an Land zu kommen, dabei allerdings immer wieder von den Wellen verschluckt werden. Zum Cello Concerto von David Lang werden dann mit grünen Laserstrahlen zwei Käfige auf der Bühne erzeugt. In dem einen sitzt die Cellistin und spielt, während in dem anderen Käfig Giacomo Altovino als künstlich erzeugter Homunculus mit leicht abgehackten Bewegungen zum Leben erwacht. Diese grünen Käfige werden dann nach der Pause noch einmal aufgegriffen. Nun ist es die Sopranistin Maike Raschke, die zu David Langs "I'm walking" ansetzt, während sich in dem anderen Käfig Denise Chiarioni als Sonnenkind die Seele aus dem Leib tanzt.

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Eindrucksvolle Lichtinstallationen mit Laser: Faust (hier: Marlon Dino) hat Mephisto (hier: Dann Wilkinson) besiegt und steigt in den Himmel auf.

Neben den eher nachdenklichen Momenten mit den Flüchtlingen, die von der Compagnie eindringlich umgesetzt werden und von den Dortmunder Philharmonikern mit eher abstrakter Musik untermalt werden, präsentiert sich zumindest Mephistos Traum kurz vor der Pause musikalisch und tänzerisch etwas humorvoller. Die Compagnie tritt hier in Schwarz mit Masken und kleinen Teufelshörnern auf und feiert unter der Anleitung eines charismatischen Mephisto eine Walpurgisnacht vom Feinsten. Louis Andriessen hat in seiner Komposition The Nine Symphonies of Ludwig van Beethoven Beethovens Schaffen mit einem modernen Sound unterlegt und Höhepunkte aus seinen unterschiedlichen Werken beinahe in Klingeltonlänge zusammengesetzt, so dass die Compagnie zu den Melodien regelrecht abrocken kann und eine ewige Party feiern kann, die darin gipfelt, dass am Schluss Europa-Fähnchen und Geldscheine aus dem Schnürboden auf die Partygesellschaft herabregnen.

Neben dem neuen gefeierten Solistenpaar Lucia Lacarra und Marlon Dino werden die Partien der Helena (Margarethe) und des Faust auch noch von den Ensemble-Mitgliedern Haruka Sassa und Javier Cacheiro Alemán verkörpert, die bereits in Wangs Faust I - Gewissen! als Margarethe und junger Faust zu erleben waren. Sassa und Alemán beweisen in der rezensierten B-Premiere in dem großen Pas de deux in Margarethes Traum zur Musik von Pēteris Vasks, dass sie sich keineswegs hinter dem Traumpaar Lacarra und Dino verstecken müssen. Sassa begeistert mit grazilem Spitzentanz und sauberen Pirouetten und wirkt in Alemáns Armen gewissermaßen schwerelos. Alemán punktet mit kraftvollen Sprüngen und großartigem Ausdruck. Am Ende ist er es dann, der über Mephisto den Sieg erringt. Das Bild vom Anfang wird nun wieder aufgegriffen. Doch dieses Mal liegt Mephisto auf dem Boden, und Faust hält die Glühbirne in der Hand, mit der er den Teufel zu Boden drückt. Somit bekommt die Geschichte ihr glückliches, Hoffnung spendendes Ende. Die Dortmunder Philharmoniker setzen unter Philipp Armbruster die unterschiedliche Musikauswahl differenziert um und begeistern durch filigranes Spiel, so dass es am Ende frenetischen Beifall für alle Beteiligten gibt. Rührend ist, dass Wang sich bei den drei Solisten mit einem Blumenstrauß und bei dem Kind (Anna Orlova) mit einer einzelnen Blume bedankt.

FAZIT

Auch wenn man an diesem Abend nicht allzu viel der Geschichte aus Goethes Tragödie wiedererkennt, entstehen vor allem durch die Lichtinstallation von Li Hui großartige Bilder, die diesen Ballettabend empfehlenswert machen.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Philipp Armbruster

Inszenierung und Choreographie
Xin Peng Wang

Kostüme
Bernd Skodzig

Lichtdesign
Ralph Jürgens
Tobias Ehinger

Lichtinstallation
Li Hui

Konzept, Szenario, Dramaturgie
Dr. Christian Baier

 

Dortmunder Philharmoniker

 

Tänzerinnen und Tänzer

*rezensierte Aufführung

Helena (Margarethe)
Lucia Lacarra /
*Haruka Sassa /
Stephanine Ricciardi-Rocha

Faust
Marlon Dino /
*Javier Cacheiro Alemán /
Alysson da Rocha

Mephisto
Dann Wilkinson /
*Hiroaki Ishida /

Homunculus
*Giacomo Altovino /
Giuseppe Ragona

Das Sonnenkind
*Denise Chiarioni /
Clara Sorzano Hernandez

Kind
Madita Herzog /
*Anna Orlova /
Marah Josephine Nierkens

Flüchtlinge, Spielende, Hofgesellschaft,
Partygesellschaft
*Madeline Andrews
*Denise Chiarioni
*Clara Sorzano Hernandez
*Ida Anneli Kallanvaara
*Karina Moreira
*Stephanine Ricciardi-Rocha
Haruka Sassa
*Sae Tamura
*Risa Terasawa
*Amanda Vieira
Javier Cacheiro Alemán
*Giacomo Altovino
*Michael Samuel Bla
ško
*Alysson da Rocha
*William Dugan
Hiroaki Ishida
*Andrei Morariu
*Francesco Nigro
*Harold Quintero
*Giuseppe Ragona
*Dann Wilkinson

Gesang
Maike Raschke

 


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Theater Dortmund
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