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Musiktheater
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b.29

Mozartiana

Ballett von Georges Balanchine
Musik von Peter I. Tschaikowsky (Suite Nr. 4 G-Dur op. 61 Mozartiana)

Konzert für Orchester

Ballett von Martin Schläpfer
Musik von Witold Lutoslawski (Konzert für Orchester)
- Uraufführung -

The Concert

Ballett von Jerome Robbins
Musik von Frédéric Chopin (Polonaisen, Préludes, Berceusen, Walzer, Mazurkas und Balladen in einer Orchestrierung von Clare Grundman)

Aufführungsdauer: ca. 2h 30' (zwei Pausen)

Premiere am 28. Oktober 2016 im Theater Duisburg
(rezensierte Aufführung: 11. November 2016)


Homepage

Ballett am Rhein / Rheinoper
(Homepage)
Was wir am Ballett hassen - und lieben

Von Stefan Schmöe / Fotos von Gert Weigelt

Das Stück trägt Trauerflor. Schwere schwarze, geraffte Vorhänge, nach hinten gestaffelt, rahmen die Bühne in beinahe barocker Manier ein wie eine Art Tunnel. Auch die Tänzerinnen tragen schwarz, als habe sich die Farbe über das weiße Tutu gelegt. Mozarts kurze Motette Ave verum corpus in der Bearbeitung Peter Tschaikowskys (aus der Mozartiana-Suite, wo sie allerdings nicht am Anfang steht) unterstreicht den melancholischen Charakter der Szene. George Balanchine hat Mozartiana 1981 choreographiert, zwei Jahre vor seinem Tod, und man kann das Werk lesen als einen Rückblick auf die hohe Zeit des klassischen und neoklassischen Balletts (wie auch Tschaikowsky musikalisch zurück blickt auf die Musik Mozarts). Zunächst begleiten vier junge Tänzerinnen die Solistin (es tanzen sehr hübsch vier junge Tänzerinnen der Mannheimer Akademie, Schülerinnen von Birgit Keil), später werden es vier gestandene Tänzerinnen aus Martin Schläpfers Düsseldorf-Duisburger Compagnie sein - auch darin spiegelt sich das Vergehen von Zeit und die Rückblick-Perspektive.

Vergrößerung George Balanchine: Mozartiana © The George Balanchine Trust FOTO © Gert Weigelt

Alexandre Simões, in schwarz gekleidet, setzt in der Gigue burleske Akzente, im Zentrum aber steht ein ausgedehnter pas de deux (Sonia Dvorak und Eric White) über einen Variationensatz, formal nach dem Entrée mit sieben Variationen (vier für die Dame, drei für den Herren) bis an die Auflösung der Form ausgedehnt. Der Solist trägt ein überwiegend weißes Kostüm, bei der Solistin ist die oberste Tüllschicht des Tutu schwarz, durch das die unteren weißen Schichten hindurch scheinen - auch da spielt Kostümbildner Rouben Ter-Aratunian mit den symbolträchtigen und traditionsmächtigen Farbkontrasten (man denke etwa an die "schwarzen" und "weißen" Akte in Schwanensee). Im Finale dann setzen sich die Bausteine zusammen, wenn erstmals alle elf Akteure gleichzeitig auf der Bühne sind. Das hehre Paar, der schwarz gekleidete Dritte, drumherum das corps de Ballet. Balanchine hat mit Mozartiana ein verklärtes Abschiedswerk geschaffen, das en miniature die Welt des Balletts herauf beschwört und das Genre zärtlich verklärt.

Vergrößerung

Martin Schläpfer: Konzert für Orchester; Foto © Gert Weigelt

Ob Florian Etti, Ausstatter von Martin Schläpfers hier uraufgeführter Choreographie Konzert für Orchester mit der Musik von Witold Lutoslawski, bewusst auf die schwarzen Vorhänge in Mozartiana anspielt? Jedenfalls wird auch hier die Bühne rechts und links durch schwarze Bauelemente gerahmt, allerdings mit harten Formen in diagonaler Ausrichtung, und der Hintergrund ist nicht licht und hell wie bei Balanchine, sondern zeigt eine verlaufende schwarze Figur. Zu den oft geradezu aggressiven Rhythmen hat Schläpfer eine ungeheuer dynamische Tanzsprache mit Bewegungen von oft extrem hohem Tempo entwickelt. Die glänzenden, auch bei den Herren schulterfreien Kostüme lassen an eine Jugend-Gang denken - es liegt mehr als nur ein Hauch von West Side Story in der Luft. Schläpfer lässt zwei Gruppen aufeinander treffen, und auch wenn die Tanzsprache abstrakt bleibt, ist die Atmosphäre aggressiv aufgeladen.

Vergrößerung Martin Schläpfer: Konzert für Orchester; Foto © Gert Weigelt

Zwischendurch dreht ein Tänzer eine klassische Pirouette, als wolle er ironisch Balanchine heraufbeschwören - aber Schläpfers vom Ensemble mit viel Power virtuos getanzter Kraftstrom nimmt sich nicht die Zeit dafür. Selbst da, wo die Bewegungen verlangsamen wie in der Passacaglia des Finalsatzes wirkt die Kraft nur für den Moment eingefroren. Im düsteren Licht endet das Konzert für Orchester wie eine Science-Fiction-Endzeit-Vision. Schläpfer hat ein packendes, mitreißendes Ensemblestück geschaffen, das von seiner Kraft und Dynamik lebt. Die guten Duisburger Philharmoniker unter der Leitung von Wen-Pien Chien setzen die entsprechenden musikalischen Akzente.

Vergrößerung

Jerome Robbins: The Concert © The Robbins Rights Trust FOTO © Gert Weigelt

Mit Jerome Robbins' The Concert, 1956 für das New York City Ballet entstanden, endet der Abend mit einer hinreißenden Ballettkomödie. Mit heiligem Ernst betritt der famose Pianist Matan Porat die Bühne, bläst erst einmal ziemlich viel Staub von der Tastatur seines Flügels und beginnt zu spielen - und nach und nach betreten ganz unterschiedlich typisierte Zuhörer die Bühne, alle mit Klappstuhl. Robbins nimmt zunächst das Publikum aufs Korn, das Durchwühlen der Handtaschen wie die umgehend folgenden bösen Blicke. "The perils of everybody" (etwa "jedermans Gefährdung") heißt das Stück im Untertitel. Karikaturist Saul Steinberg (1914 - 1999) hat zwei Vorhänge gezeichnet, die das Werk rahmen - zu Beginn sieht man das Theater vom Rang aus mit Blick auf die Bühne, am Ende ist die Perspektive umgekehrt - da schaut man von der Bühne in den Zuschauerraum.

Vergrößerung Jerome Robbins: The Concert © The Robbins Rights Trust FOTO © Gert Weigelt

Die Perspektive hatte zuvor schon gewechselt: Nachdem das Publikum liebevoll sein Fett weg bekommen hat, nimmt Robbins das Ballett selbst aufs Korn. Er zeigt, was alles schief gehen kann: Tänzerinnen, die nicht aufpassen und die Ensembles durcheinander bringen. Bewegungsfolgen, die ins Chaos führen. Divertissements, die hoffnungslos im Kitsch versanden. Das ist hinreißend komisch choreographiert (auch wenn Robbins den Biss der ersten Hälfte dabei nicht durchhalten kann) und gleichzeitig eine wunderbare Liebeserklärung an das Ballett mit allen Unarten. Dass Chopins Klaviermusik dazu teilweise in einer Orchestrierung von Clare Grundmann mit zusätzlichem Pathos aufgeladen wird, macht die Sache noch amüsanter. Robbins versteht es aber, mit der Parodie gleich die hohe Kunst des Balletts mitzuchoreographieren. Am Ende rafft das in Schmetterlingskostüme gewandete Ensemble die Solistin dahin. Eine solche Kunstform ist absurd. Und großartig.


FAZIT

Der Abend zeigt beeindruckend die große Bandbreite des Ballett am Rhein mit Balanchines und Robbins' sehr unterschiedlichen Blicken auf die Tanztradition und Schläpfers zupackender Uraufführung dazwischen.


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Produktionsteam

Mozartiana

Choreographie
Georges Balanchine

Kostüme
Rouben Ter-Arutunian

Licht
Franz-Xaver Schaffer

Choreographische Einstudierung
Joysanne Sidimus

Musikalische Leitung
Wen-Pin Chien

Die Duisburger Philharmoniker

Tänzerinnen und Tänzer

Principle Woman
Sonia Dvorak

Principle Man
Eric White

Gigue
Alexandre Simões

Four Ladies
Nathalie Guth
Norma Magalhães
Virginia Segarra Vidal
Irene Vaqueiro

Four Girls
Sasha Dreyer
Frances van der Hoven
Anna Pasello
Saki Tanaka


Konzert für Orchester

Choreographie
Martin Schläpfer

Bühne und Kostüme
Florian Etti

Licht
Franz-Xaver Schaffer

Musikalische Leitung
Wen-Pin Chien

Die Duisburger Philharmoniker


Tänzerinnen und Tänzer

Ann-Kathrin Adam
Marlúcia do Amaral
Camille Andriot
Dirk Becker
Wun Sze Chan
Sabrina Delafield
Feline van Dijken
Sonia Dvorak
Nathalie Guth
Alexandra Inculet
Christine Jaroszewski
Yuko Kato
So-Yeon Kim
Norma Magalhães
Asuka Morgenstern
Virginia Segarra Vidal
Elisabeta Stanculescu
Irene Vaqueiro
Rashaen Arts
Brice Asnar
Yoav Bosidan
Rubén Cabaleiro Campo
Odsuren Dagva
Michael Foster
Filipe Frederico
Philip Handschin
Vincent Hoffman
Richard Jones
Sonny Locsin
Marcos Menha
Tomoaki Nakanome
Bruno Narnhammer
Chidozie Nzerem
Marcus Pei
Alban Pinet
Friedrich Pohl
Boris Randzio
Alexandre Simões
Arthur Stashak
Eric White


The Concert

Choreographie
Jerome Robbins

Bühne
Saul Steinberg

Kostüme
Irene Sharaff

Licht
Jennifer Tipton

Lichtumsetzung
Kévin Briard

Choreographische Einstudierung
Ben Huys

Klavier
Matan Porat

Musikalische Leitung
Wen-Pin Chien

Die Duisburger Philharmoniker


Tänzerinnen und Tänzer

Ann-Kathrin Adam
Marlúcia do Amaral
Sabrina Delafield
Feline van Dijken
Sonia Dvorak
Nathalie Guth
Norma Magalhães
Virginia Segarra Vidal
Irene Vaqueiro
Brice Asnar
Rubén Cabaleiro Campo
Filipe Frederico
Michael Foster
Philip Handschin
Vincent Hoffman
Richard Jones
Sonny Locsin
Bruno Narnhammer
Alban Pinet
Friedrich Pohl



Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Ballett am Rhein
(Homepage)



Da capo al Fine

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