Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur Homepage Zur Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



Don Quichotte

Ballettkomödie von Ben Van Cauwenbergh nach Marius Petipa
Musik von Ludwig Minkus

Aufführungsdauer: ca. 2h 15' (eine Pause)

Premiere im Aalto-Theater Essen am 5. November 2016
(rezensierte Aufführung: 10.11.2016)




Theater Essen
(Homepage)
Eviva España in Essen

Von Thomas Molke / Fotos von Bettina Stöß

Ludwig Minkus' Handlungsballett Don Quichotte zählt eigentlich ähnlich wie Schwanensee, Der Nussknacker, Dornröschen, Romeo und Julia und Giselle zu den großen klassischen Handlungsballetten, ist allerdings im Repertoire auf deutschen Bühnen eher selten zu erleben. Das mag zum einen daran liegen, dass die Handlung weder etwas Märchenhaftes enthält, noch eine tragische Liebesgeschichte erzählt. Zum anderen ist Minkus als Komponist heutzutage nicht mehr so präsent wie beispielsweise Tschaikowsky, Prokofjew oder auch Adam. Dennoch gehört die Choreographie nach Marius Petipa bei den namhaften russischen Compagnien immer noch zum Standard des klassischen Tanzes. Essens Ballettdirektor Ben Van Cauwenbergh, der sich bereits in seiner Zeit in Wiesbaden 2005 anlässlich des Cervantes-Jahres (400 Jahre Don Quijote) mit Minkus' Vertonung auseinandergesetzt hat, nutzt ein weiteres Cervantes-Jubiläum (400. Todesjahr), um seine Choreographie für das Aalto Ballett zu überarbeiten und dem Repertoire in Essen einen weiteren Klassiker hinzuzufügen.

Bild zum Vergrößern

Don Quichotte (Tomá Ottych) trifft auf Kitri (Yanelis Rodriguez), die ihn an Dulcinea erinnert.

In Teilen greift Van Cauwenbergh auf die Uraufführungschoreographie von Petipa zurück, fügt aber vor allem weitere Gruppentänze hinzu, die das spanische Flair der Geschichte unterstreichen. Erzählt wird in leichter Abwandlung die Quitéria-Geschichte aus dem 21. Kapitel des zweiten Buches über den "Ritter von der traurigen Gestalt". Don Quichotte kommt hier mit seinem Knappen Sancho Pansa in eine spanische Stadt, in der der Wirt Lorenzo seine Tochter Kitri (bei Cervantes: Quitéria) mit dem vermögenden Gamache (bei Cervantes: Camacho) verheiraten möchte. Doch Kitri liebt den Barbier Basile (bei Cervantes: Basilio) und flieht mit ihm in ein Zigeunerlager. Dort feiern sie mit dem Torero Espada und Mercedes ein rauschendes Fest und kehren mit ihnen anlässlich des bevorstehenden Stierkampfes in die Stadt zurück. Lorenzo und Gamache finden die beiden Liebenden, und Lorenzo will seine Tochter mit Gamache zum Traualtar führen. Da ersticht sich Basile vor aller Augen und erfleht sterbend Lorenzos Segen für sich und Kitri. Don Quichotte setzt sich dafür ein, dass Lorenzo sich diesem Wunsch nicht widersetzen kann. Nachdem Lorenzo seine Tochter für Basile freigegeben hat, springt letzterer fröhlich auf und zeigt, dass sein Selbstmord nur vorgetäuscht war. Damit gehört Kitri zu Basile, und Gamache muss als gehörnter Bräutigam abziehen.

Bild zum Vergrößern

Lorenzo (Magdy El-Leisy, rechts) will seine Tochter Kitri (Yanelis Rodriguez) mit dem selbstverliebten Gamache (Liam Blair, links) verheiraten.

Natürlich dürfen auch Don Quichottes berühmter Kampf gegen die Windmühlen und Dulcinea nicht fehlen. Van Cauwenbergh lässt Yulia Tsoi als Dulcinea im Prolog einem aufgetürmtem Berg aus Büchern entsteigen. Don Quichotte ist von dieser spanischen Schönheit, die schnell aus seiner Bibliothek entschwindet, derart begeistert, dass er sich mit seinem Knappen auf die Suche nach ihr begibt. Anders als in Wiesbaden lässt Van Cauwenbergh auch Don Quichottes Pferd Rosinante auftreten, auf dem Don Quichotte (Tomá Ottych) als hagerer Ritter mit Lanze und Helm seinen Abenteuern entgegenreitet. Wenn er dann in Lorenzos Schenke ankommt, hält er Kitri zunächst für Dulcinea, da beide das gleiche feurig-rote Kleid tragen, und bringt noch mehr Verwirrung in die Liebeswirren um Kitri. Im Zigeunerlager verwandelt sich dann eine Windmühle in einer beeindruckenden Videoprojektion von Lieve Vanderschaeve in ein bedrohlich wirkendes Monster, dem Don Quichotte dann den Kampf ansagt. Der Ritter wird dann in die Videoprojektion einbezogen und schwebt an einem Flügel der Windmühle durch die Luft, bevor er anschließend vor der Projektion zu Boden sinkt.

Bild zum Vergrößern

Kitri (Yanelis Rodriguez) liebt Basile (Aidos Zakan) und flieht mit ihm in die Berge.

Dorin Gal hat ein zauberhaftes Bühnenbild entworfen, das sowohl mit Bühnenprospekten als auch mit einem pittoresken spanischen Dorfplatz arbeitet und dabei eine ähnliche vorweihnachtliche Magie ausstrahlt wie opulente Inszenierungen vom Nussknacker oder Schwanensee. Im Prolog sieht man auf einem Prospekt eine hoch aufgetürmte Bibliothek, die angefüllt mit den Büchern ist, die Don Quichotte schließlich den Sinn vernebeln und ihn zum "Ritter der traurigen Gestalt" machen. Die Kostüme, für die ebenfalls Gal verantwortlich zeichnet, unterstreichen den märchenhaften Ansatz. Der Dorfplatz ist mit liebevollen kleinen Häusern gestaltet, wobei ein riesiger Stierkopf auf dem Tor in der Mitte den bevorstehenden Stierkampf ankündigt. Das Zigeunerlager im zweiten Akt besteht dann aus vereinzelten Felsen und einem Lagerfeuer vor einem Landschaftsprospekt. Als Vorhang fungiert ein riesiger Fächer, der in unterschiedlichen Farben angestrahlt wird und wie die Kostüme spanisches Lokalkolorit versprüht.

Bild zum Vergrößern

Glückliches Finale: von links: Lorenzo (Magdy El-Leisy), Freundin (Yusleimy Herrera León), Espada (Armen Hakobyan), Kitri (Yanelis Rodriguez), Basile (Aidos Zakan), Mercedes (Mariya Tyurina), Freundin (Yurie Matsuura), Don Quichotte (Tomá Ottych), Sancho Pansa (Denis Untila) und das Ensemble

Bei aller optischen Opulenz bleibt die erzählte Geschichte allerdings ein bisschen dünn. Zwar überzeugen die Essener Philharmoniker unter der Leitung von Yannis Pouspourikas aus dem Graben mit feurigen spanischen Klängen, aber der Funke kann nicht richtig überspringen, da die Melodien allesamt schön, dabei jedoch allzu beliebig klingen und man das Gefühl hat, dass sich einiges wiederholt. Herausragend ist eigentlich nur das Dulcinea-Motiv, zu dem Tsoi in leichtem Spitzentanz im Prolog über die Bühne schwebt und Don Quichotte später im zweiten Akt noch einmal erscheint, nachdem er einen aussichtslosen Kampf gegen die Windmühle geführt hat. Denis Untila verleiht dem Knappen Sancho Pansa humoristische Züge und begeistert vor allem im Zusammenspiel mit dem etwas widerspenstigen Pferd Rosinante (Raphael Baronner und Benjamin Heil). Im dritten Akt hebt sich Untila dann bei den Hochzeitsfeierlichkeiten mit clownesken Einlagen und bodenständigem Tanz von der restlichen Gesellschaft wohltuend ab. Weitere komische Akzente setzt Liam Blair als effeminierter und selbstverliebter Gamache, der bei jedem Auftritt über seine eigenen Beine stolpert und mit seinem Gehabe gut nachvollziehbar macht, wieso Kitri ihn auf keinen Fall heiraten möchte. Am Schluss bekommt er dann eine andere Braut, die sich allerdings bald als Mann im roten Kleid entpuppt, vor dem er dann panisch Reißaus nimmt, um letztendlich vor dem Fächervorhang zu landen. Hier gelingt es Blair mit witziger Mimik die Spannung zu halten, bevor das Orchester zum Finale ansetzt.

Aidos Zakan punktet als Basile mit kräftigen Sprüngen, allerdings fehlt seiner Mimik und Gestik das letzte Quäntchen, um ihn zu einem charismatischen Liebhaber zu machen. Da versprüht Armen Hakobyan als Torero Espada wesentlich mehr Temperament und setzt mit kraftvollen Sprüngen und rasanten Drehungen Akzente. Yanelis Rodriguez überzeugt als Kitri mit sauberem Spitzentanz und zahlreichen Pirouetten. Yusleimy Herrera León und Yurie Matsuura erhalten als Kitris Freundinnen im dritten Akt ebenfalls Soloparts, in denen sie mit akkuratem Spitzentanz und leichtfüßig wirkenden Drehungen punkten. Mariya Tyurina gefällt als Espadas Freundin Mercedes. Tomá Ottych hat als Don Quichotte im Vergleich dazu nicht allzu viel zu tanzen, überzeugt allerdings optisch und in der Mimik und Gestik des Ritters der traurigen Gestalt. Bei den Gruppentänzen ist die Homogenität des Ensembles noch ein bisschen ausbaufähig. Das Publikum der besuchten zweiten Aufführung zeigt sich begeistert und belohnt alle Beteiligten mit häufigem Zwischenapplaus und frenetischem Beifall am Ende der Vorstellung.

FAZIT

Anhänger des klassischen Handlungsballetts dürften hier voll auf ihre Kosten kommen, da der Abend einiges fürs Auge bietet und auch musikalisch gute Laune verbreitet.


Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Yannis Pouspourikas

Choreographie
Ben Van Cauwenbergh

Bühne und Kostüme
Dorin Gal

Videoprojektion
Lieve Vanderschaeve

Licht
René Dreher

Dramaturgie
Christian Schröder

 

Essener Philharmoniker


Tänzerinnen und Tänzer

Kitri
Yanelis Rodriguez

Basile
Aidos Zakan

Don Quichotte
Tomá
Ottych

Sancho Pansa
Denis Untila

Dulcinea
Yulia Tsoi

Espada
Armen Hakobyan

Mercedes
Mariya Tyurina

Gamache
Liam Blair

Zwei Freundinnen
Yusleimy Herrera León
Yurie Matsuura

Lorenzo
Magdy El-Leisy

Ensemble
Paula Archangelo Çakir
Xiyuan Bai
Carla Colonna
Jelena Grjasnowa
Ekaterina Mamrenko
Isabelle Ménard
Ana Carolina Reis
Amari Saotome
Julia Schalitz
Jenny Sosa Martinez
Yulia Tikka
Marie Van Cauwenbergh
Ige Cornelis
nwarin Gad
Yehor Hordiyenko
Davit Jeyranyan
Qingbin Meng
Take Okuda
Artem Sorochan
Charalampos Skoupas
Harry Simmons

Rosinante
Raphael Baronner
Benjamin Heil

 




Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Essen
(Homepage)




Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum
© 2016 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -