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Les Troyens

Grand opéra in fünf Akten
nach Teilen der Aeneis von Vergil
Musik und Text von Hector Berlioz

in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 5h (zwei Pausen)

Premiere im Opernhaus Frankfurt am 19. Februar 2017
(rezensierte Aufführung: 26.02.2017)



Oper Frankfurt
(Homepage)
Grand opéra mit missglückten Balletteinlagen

Von Thomas Molke / Fotos von Barbara Aumüller

Zwischen Hector Berlioz' Les Troyens und Richard Wagners Ring des Nibelungen lassen sich zahlreiche Parallelen ziehen. In beiden Fällen handelt es sich um Monumentalwerke, in denen die Komponisten selbst als Librettisten Hand an eine große literarische Vorlage gelegt und in einem schier endlos erscheinenden Prozess jeweils ein Meisterwerk geschaffen haben, das im Falle der Troyens zwar nicht über vier Abende geht, aber von manchen Opernhäusern gern auch schon einmal auf zwei Abende verteilt wird, wie beispielsweise in Gelsenkirchen 2007. Doch während Wagner für seinen Ring sogar ein eigenes Festspielhaus erhielt, durfte Berlioz eine komplette Aufführung seiner Oper nicht mehr erleben. Bereits 1858 schickte er Kaiser Napoleon III. die vollendete Oper in der Hoffnung, dass dieser die Uraufführung ermöglichen würde. Doch der Kaiser zeigte sich genauso wenig interessiert wie die Pariser Oper, die das Werk als unspielbar ablehnte. So ließ sich Berlioz schließlich völlig frustriert darauf ein, den dritten bis fünften Akt unter dem Titel Les Troyens à Carthage unter zahlreichen entstellenden Einschnitten am Théâtre-Lyrique zur Uraufführung zu bringen. Nach 21 Vorstellungen verschwand das Werk vom Spielplan. Erst 1890 unternahm man in Karlsruhe den Versuch, die komplette Oper in einer stark gekürzten Fassung zu spielen. Bis zur ersten vollständigen Gesamtaufführung sollte es allerdings noch bis 1969 dauern. Seit dieser Zeit kann sich das Stück in der Zahl der Aufführungen zwar immer noch nicht mit Wagners Ring messen, aber an zahlreichen Opernhäusern nimmt man gerne die Herausforderung an, sich mit diesem Werk auseinanderzusetzen. An der Oper Frankfurt wendet man sich nach der legendären Inszenierung von Ruth Berghaus 1983 - damals noch in deutscher Sprache - nun ein weiteres Mal dieser wohl großartigsten französischen Oper des 19. Jahrhunderts zu.

Berlioz greift in seiner Vertonung aus Vergils Aeneis zwei Episoden heraus, die im zweiten und vierten Buch des großen römischen Epos geschildert werden: den Untergang Trojas (Akt I und II: La prise de Troie) und die unglückliche Liebesgeschichte zwischen Aeneas und Dido, der Königin von Karthago (Akt III, IV und V: Les Troyens à Carthage). Diese Beziehung mit tragischem Ausgang galt in der Antike als mythische Ursache für die Feindschaft zwischen Rom und Karthago und führte letztendlich zu den drei Punischen Kriegen. Wie in der Aeneis fungiert zwar auch bei Berlioz der trojanische Held Aeneas als Bindeglied zwischen den beiden Episoden, ins Zentrum rücken in der Oper allerdings zwei Frauengestalten: die trojanische Prophetin Kassandra, deren Warnungen von ihrem Volk nicht verstanden werden und die in Vergils Epos nur eine unbedeutende Nebenrolle spielt, und die Königin Dido, die an der Liebe zu Aeneas zerbricht und den Freitod wählt. Während Kassandra in der Mythologie nach dem Untergang Trojas als Kriegsbeute des Heerführers Agamemnon nach Mykene gebracht wird und dort gemeinsam mit Agamemnon von dessen Gattin Klytämnestra ermordet wird, entzieht sie sich in der Oper mit einigen trojanischen Frauen bei der Einnahme Trojas den plündernden griechischen Soldaten durch Selbstmord. Auch das Wirken der Götter findet in der Oper mit Ausnahme eines kurzen Auftrittes Merkurs im vierten Akt, wenn dieser Aeneas ermahnt, nach Italien aufzubrechen, nicht statt. Ansonsten erscheinen Aeneas nur die Schatten der verstorbenen Trojaner, um ihn an seine Mission zu erinnern, dass er in Italien ein neues Troja gründen soll.

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Cassandre (Tanja Ariane Baumgartner) hat Visionen.

Eva-Maria Höckmayr betont die Konzentration der ersten beiden Akte auf die Figur der Kassandra, indem sie die Seherin bis zur Pause auf der Bühne omnipräsent macht. Schon bevor das Orchester einsetzt, blickt sie mit leicht anklagendem Blick in einer Videoprojektion vom Vorhang in den Zuschauerraum, und auch zwischen den beiden ersten Akten ist diese Projektion zu sehen. In einem langen Gewand lässt Höckmayr sie als Beobachterin selbst dann auf der Bühne agieren, wenn sie in der Szene gar nicht vorkommt. Als in die Zukunft Blickende pendelt sie zwischen der Gegenwart und dem bevorstehenden Untergang Trojas hin und her. Jens Kilian hat dafür einen hohen Raum mit holzfarbenen Wänden im Stil der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts entworfen, der durch Einsatz der Drehbühne den Zustand vor und nach der Zerstörung des Palastes zeigt. Auf der rechten Seite sind dabei Kassandras Familienmitglieder positioniert, einmal in farbigen langen Kleidern, während sie relativ entspannt und glücklich über den vermeintlichen Abzug der Griechen sind, dann als Tote in weißen Gewändern mit bleichen Gesichtern. Wieso die trojanischen Männer alle kurze Hosen tragen, wird nicht ganz klar, da Saskia Rettig den Damenkostümen durchaus einen antiken Touch gibt.

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Balletteinlage am Hof der kathargischen Königin Didon (Claudia Mahnke) (rechts: Narbal (Alfred Reiter))

Probleme scheint Höckmayr mit der Umsetzung der Balletteinlagen zu haben. Zwar ist es löblich, dass die Oper im Gegensatz zur grausamen Verstümmelung in Hamburg in der letzten Spielzeit (siehe auch unsere Rezension) nahezu ungekürzt mit Ballettsequenzen zu sehen ist. Wenn dem Regie-Team dazu aber nichts Passendes einfällt, wäre weniger mehr gewesen. Schon der musikalisch bewegende Auftritt Andromaches mit ihrem Sohn Astyanax im ersten Akt wird szenisch verschenkt. Nachdem das Pferd unter großem Jubel der Trojaner in die Stadt gezogen worden ist, wird die allgemeine Freude der Trojaner durch die trauernde Witwe musikalisch unterbrochen. Doch statt diesen Bruch bewegend zu inszenieren, dreht sich die Bühne vom trojanischen Volk zum Königspalast, in dem Astyanax mit seinem Großvater Priamus zu den traurigen Klängen Fangen spielt. Damit wird die Tragik der Szene ad absurdum geführt. Genauso fragwürdig ist es, die fröhlichen Tänze in Karthago im dritten Akt von Eingeborenen aufführen zu lassen, die zuvor in einer Videoprojektion die etwas besorgt wirkende Dido durch die Frankfurter Innenstadt verfolgen und in ihrer Kostümierung an den vor dem Haus stattfindenden Karneval erinnern. Ansonsten nutzt Höckmayr die Tänzerinnen und Tänzer als Verkörperung der Götter mit in Gold glänzenden Masken, die in der Oper so eigentlich gar nicht vorkommen, oder um das Liebespaar Dido und Aeneas bei der "Chasse royale" zu doppeln.

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Énée (Bryan Register, Mitte) plant mit seinen Gefährten (Chor und Daniel Miroslaw als Panthée) den Aufbruch nach Italien (auf der rechten Seite die mahnenden Schatten Hector (Thomas Faulkner), Cassandre (Tanja Ariane Baumgartner), Chorèbe (Gordon Bintner), Priam (Dietrich Volle) und Hécube (Britta Stallmeister) mit Tänzerinnen)

Was bei der szenischen Umsetzung missfällt, wird musikalisch allerdings mehr als ausgeglichen. Mit über 100 Choristen, bestehend aus Opernchor, Extrachor und Chorgästen - und dabei ist der Kinderchor noch nicht einmal mitgezählt -, gelingen stimmlich fulminante Chortableaus, die von Tilman Michael großartig einstudiert worden sind. Die Chorszenen im ersten Akt, wenn die Trojaner über den vermeintlichen Abzug der Griechen jubeln und das Pferd in die Stadt ziehen, die Entschlossenheit der trojanischen Frauen im zweiten Akt, Kassandra durch Selbstmord in den Tod zu folgen, das bombastische "Gloire à Didon" im dritten Akt zum Auftritt der karthagischen Königin Dido und die Hasstirade gegen die Römer ganz am Ende der Oper machen deutlich, dass es sich bei diesem Werk um eine grandiose Choroper handelt, die neben anspruchsvollen Solistenpartien auch dem Chor einiges abverlangt, was in der Frankfurter Inszenierung zu voller Zufriedenheit eingelöst wird. John Nelson erweist sich als Meister am Pult des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters und arbeitet die Dramatik der Musik differenziert heraus, so dass auch er am Ende des Abends zu Recht mit frenetischem Jubel überschüttet wird.

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Cassandre (Tanja Ariane Baumgartner) erkennt die Gefahr, die vom hölzernen Pferd ausgeht.

Als Cassandre begeistert Tanja Ariane Baumgartner mit dramatischem Mezzo und enormer Bühnenpräsenz. In ihrer Mimik arbeitet sie die düsteren Vorahnungen der Prophetin eindrucksvoll heraus und macht das Leid der unverstandenen Seherin spürbar. Zu einem musikalischer Höhepunkt des ersten Aktes avanciert das Duett mit ihrem Verlobten Chorèbe, den Gordon Bintner mit kräftigem Bariton ausstattet. Nur Bryan Register wirkt als Énée zu Beginn stimmlich noch nicht ganz auf der Höhe und kann bei seiner dramatischen Schilderung von Laokoons Tod keinen tenoralen Glanz versprühen. Wenn Thomas Faulkner ihm im zweiten Akt als Schatten Hectors erscheint, um ihn zu ermahnen, die Stadt zu verlassen, ist Baumgartner als Beobachterin auf der Bühne anwesend, was nicht weiter stört, da so nachvollziehbar wird, wieso sie den übrigen Trojanerinnen von Énées Fluchtplänen berichten kann. Wieso Höckmayr ihr und den anderen Trojanerinnen allerdings im Anschluss den gemeinsamen Selbstmord verweigert, bleibt unverständlich. Am Ende des zweiten Aktes wird Cassandre nämlich von griechischen Soldaten gefangen genommen und von der Bühne gezerrt, was der Musik und dem gesungenen Text eigentlich widerspricht.

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Trügerische Zweisamkeit bei "Nuit d'ivresse": Didon (Claudia Mahnke) und Énée (Bryan Register)

Claudia Mahnke steht Baumgartner als Didon im dritten bis fünften Akt stimmlich und szenisch in nichts nach. Eindrucksvoll gestaltet sie den Fall der Königin, die zwar schon im ersten Bild des dritten Aktes als vom Volk gefeierte Herrscherin leichte Unsicherheiten zeigt, aber dann doch erst von einem Mann wie Énée zu Fall gebracht werden kann. Den Hosenanzug, den sie zu Beginn trägt, tauscht sie zur "Chasse royale" gegen ein Kleid ein, das ihre weiblichen Züge unterstreicht. Wie Cassandre lässt Höckmayr auch Didon in Szenen auf der Bühne agieren, in denen die Königin eigentlich gar nicht anwesend ist. Wenn Énée von den Schatten im letzten Akt ermahnt wird, seiner Bestimmung zu folgen und Karthago und Didon zu verlassen, beobachtet sie den inneren Kampf des Trojaners in seiner großen Arie, um ihn dann voller Vorwürfe davonzujagen. Hier punktet Mahnke genauso wie in ihrer großen Schlussszene mit großem dramatischen Mezzo und intensivem Spiel. Register kann in seiner großen Arie im fünften Akt mit glänzenden Höhen nahezu ohne Forcieren überzeugen. Als weiterer musikalischer Höhepunkt kann das große Duett "Nuit d'ivresse" am Ende des vierten Aktes bezeichnet werden, in dem Mahnke und Register stimmlich und darstellerisch zu einer betörenden Innigkeit finden. Unklar ist, ob es am Ende wirklich Mercure ist, der die beiden mit seinen "Italie"-Rufen aus ihren Träumen reißt. Thomas Faulkner tritt nämlich in dem gleichen Kostüm auf, in dem er Énée auch im zweiten Akt als Schatten Hectors erschienen ist.

In den kleineren Partien sind vor allem Martin Mitterrutzner als Iopas und Michael Porter als Hylas hervorzuheben. Mitterrutzner begeistert im vierten Akt mit lyrischen Höhen bei seinem Lobgesang auf die Göttin Ceres. Porter bringt mit weichem Tenor die Sehnsucht des Hylas nach der Heimat zu Beginn des fünften Aktes wunderbar zum Ausdruck, während Brandon Cedel und Thesele Kemane als trojanische Soldaten mit markantem Bariton diesem Klagegesang eine gewisse Komik entgegensetzen, die Berlioz' Nähe zu den Shakespeare'schen Dramen deutlich macht. Judita Nagyová stattet Didons Schwester Anna mit warmem Mezzo aus, zeigt im großen Duett mit Mahnke allerdings kleinere Unsicherheiten bei den Tempi, was zu Lasten eines intensiven Spiels geht. Alfred Reiter klingt als Narbal stellenweise stimmlich angestrengt. Daniel Miroslaw und Elizabeth Reiter runden als Énées treuer Begleiter Panthée und als Ascagne den Abend stimmlich überzeugend ab, so dass es am Ende großen Beifall für alle Beteiligten gibt.

FAZIT

Musikalisch kommt man bei der Frankfurter Produktion voll auf seine Kosten. Szenisch tut sich Höckmayr vor allen Dingen bei den Balletteinlagen schwer. Hier wäre weniger mehr gewesen.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
John Nelson

Regie
Eva-Maria Höckmayr

Bühnenbild
Jens Kilian

Kostüme
Saskia Rettig

Licht
Olaf Winter

Video
Bernd Zander

Choreographie
Martin Dvo
řák

Choreinstudierung
Tilman Michael

Kinderchor
Markus Ehmann

Dramaturgie
Norbert Abels

 

Frankfurter Opern- und
Museumsorchester

Chor und Extrachor der Oper Frankfurt

Chorgäste

Kinderchor der Oper Frankfurt

Statisterie der Oper Frankfurt

Solisten

Énée
Bryan Register

Chorèbe
Gordon Bintner

Panthée
Daniel Miroslaw

Narbal
Alfred Reiter

Iopas
Martin Mitterrutzner

Ascagne
Elizabeth Reiter

Cassandre
Tanja Ariane Baumgartner

Didon
Claudia Mahnke

Anna
Judita Nagyová

Hylas / Hélénus
Michael Porter

Priam
Dietrich Volle

Ein Soldat / Der Schatten Hectors / Mercure
Thomas Faulkner

Ein griechischer Führer
Brandon Cedel

Erster trojanischer Soldat
Brandon Cedel

Zweiter trojanischer Soldat
Thesele Kemane

Polyxène
Alison King

Hécube
Britta Stallmeister

Tänzer, Tänzerinnen
Martin Dvo
řák
Irene Bauer
Gal Feffermann


Weitere Informationen
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