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Hamlet

Ballett von Cathy Marston nach Motiven der Tragödie Hamlet, Prinz von Dänemark von William Shakespeares
Musik von Philip Feeney, Alfred Schnittke, Arvo Pärt und Henry Purcell


Aufführungsdauer: ca. 1 h 45' (eine Pause)

Premiere im Kleinen Haus im MiR am 11. Februar 2017
(rezensierte Aufführung: 18.02.2017)

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Musiktheater im Revier
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Das Leid der Königin

Von Thomas Molke / Fotos von Costin Radu


Das Ballett im Revier setzt in dieser Spielzeit im Bereich des Handlungsballetts einen Schwerpunkt auf tänzerische Umsetzungen von Shakespeare-Dramen. Nachdem die Saison mit Bridget Breiners Choreographie Prosperos Insel nach Motiven von William Shakespeares The Tempest eröffnet worden ist, einer Produktion, die bereits bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen 2016 ihre Premiere feierte (siehe auch unsere Rezension), folgt nun Hamlet. Dabei inszeniert Breiner allerdings nicht selbst, sondern hat erneut Cathy Marston als Gastchoreographin eingeladen, die in Gelsenkirchen bereits Drei Schwestern nach Motiven von Anton Tschechow (siehe auch unsere Rezension) und Orpheus in der Vertonung von Igor Strawinsky choreographiert hat (siehe auch unsere Rezension). Wie in den anderen beiden Choreographien von Marston ist Breiner auch in Hamlet als Tänzerin zu erleben. Hier schlüpft sie in die Rolle von Hamlets Mutter Gertrude und avanciert zur eigentlichen Hauptfigur des Abends.

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Gertrude (Bridget Breiner) zwischen dem König (José Urrutia, links), Claudius (Ledian Soto, Mitte) und Hamlet (Louiz Rodrigues, rechts)

Marston erzählt nämlich die Tragödie um den dänischen Prinzen Hamlet aus der Sicht seiner Mutter und versucht, ihr Handeln im Drama nachvollziehbarer zu machen. In Shakespeares Tragödie kommt Gertrude selbst kaum zu Wort und wird vielmehr durch Äußerungen der anderen Figuren charakterisiert. Ob sie dabei tatsächlich eine macht- und sexhungrige Verräterin ist, bleibt genauso offen wie die Frage, ob Hamlets Onkel Claudius wirklich den König ermordet hat. Marston interessiert vielmehr, wieso Gertrude den Bruder ihres Mannes geheiratet hat, und führt die unermessliche Liebe einer Mutter zu ihrem Sohn an. Einerseits möchte die Königin nach dem Tod ihres Mannes den Machtanspruch für ihren Sohn erhalten, erkennt aber andererseits, dass Hamlet noch nicht in der seelischen Verfassung ist, das Reich zu regieren. Damit die Herrschaft aber dennoch in der Familie bleibt und da Gertrude als Frau allein nicht regieren kann, lässt sie sich mit ihrem Schwager Claudius ein in der Hoffnung, dass nach dessen Tod die Krone auf Hamlet übergehen werde. Doch Hamlet versteht diesen Schachzug seiner Mutter nicht, und die Tragödie nimmt ihren bekannten Verlauf. Anders als bei Shakespeare beobachtet Gertrude, wie ihr Gatte Claudius Gift in den Becher mischt, den er Hamlet im Kampf gegen Laertes reicht. Nun erkennt sie, dass ihr Plan endgültig gescheitert ist. Sie ergreift den Becher, um ihren Sohn ein letztes Mal zu schützen, und leert ihn in einem Zug. Erst jetzt erkennt Hamlet die wahren Gefühle seiner Mutter.

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Problematisches Verhältnis zwischen Hamlet (Louiz Rodrigues) und Ophelia (Tessa Vanheusden)

Marston arbeitet größtenteils mit Musik von Alfred Schnittke, die in ihrer Disharmonie und Zerrissenheit die Verzweiflung der Figuren gut einfängt. Der 1954 geborene britische Komponist und Dirigent Philip Feeney hat die die einzelnen Sätze neu arrangiert und weitere Kompositionen eingefügt, um sie dem Handlungsablauf des Dramas anzupassen. Leider bilden dabei Musik und Handlung nicht immer eine nachvollziehbare Einheit. Zu Beginn des Abends erweist sich Schnittkes Musik als viel zu unruhig, um die harmonische Atmosphäre vor dem Tod des Königs zu beschreiben. Lässt sich das erste Bild noch als eine Retrospektive der Königin deuten, die mit einem Becher in der Hand kurz vor ihrem Tod auf ihr Leben zurückblickt, soll im Folgenden eigentlich eine Geschichte erzählt werden, die vor Shakespeares Drama spielt. Doch von dem angeblichen Liebesglück zwischen Gertrude und ihrem Gatten und einer glücklichen Beziehung zwischen Hamlet und Ophelia merkt man im Bewegungsvokabular der Solisten nicht viel. Ledian Soto wirkt schon direkt zu Beginn als Claudius wie eine drohende Gefahr, der sein Interesse an der Königin keineswegs zu verbergen versucht. Carlos Contreras und Valentin Juteau nehmen als Polonius und Laertes direkt von Anfang an starken Einfluss auf Tessa Vanheusden als Ophelia und lassen der Liebe zwischen Louiz Rodrigues als Hamlet und Vanheusden keinen Raum.

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Gertrude (Bridget Breiner, rechts) versucht vergeblich, Ophelia (Tessa Vanheusden) zu helfen.

Ines Alda gestaltet die Bühne als Halbkreis, der mit einem Fadenvorhang im Hintergrund eingegrenzt wird. Dies ermöglicht je nach Lichteinstellung, die Figuren hinter dem Vorhang sichtbar zu machen und als Drahtzieher der Handlung zu entlarven. Die Bühnenelemente sind ein zerlegtes schwarzes Podest und erinnern vor der Pause in den Einzelteilen an Sarkophage. Auf diesen wird auch der tote König aufgebahrt. Nach der Pause hängt ein Element von der Decke wie ein drohender Felsen herab, bevor die Einzelteile dann zum Bett der Königin zusammengeschoben werden. Hier soll die Aussprache zwischen Hamlet und seiner Mutter stattfinden, die durch den Mord an dem hinter dem Fadenvorhang versteckten Polonius eine tragische Wendung nimmt. Mit modernem Ausdruckstanz arbeiten die Tänzerinnen und Tänzer die Gefühle der einzelnen Figuren nachvollziehbar heraus. Auf Spitzentanz wird dabei weitestgehend verzichtet. Breiner und Vanheusden fungieren dabei mehr als einmal als Spielball zwischen den Männern, die mit Degen ihre Vormachtstellung untermauern. Unklar bleibt die Funktion der inneren Stimmen, die in den eingefügten Kompositionen von Feeney in langen weißen Gewändern auftreten. Stehen sie für die Königin, weil sie stellenweise ihre Bewegungen aufgreifen? Warum treten sie dann an anderer Stelle in Hosen und mit Degen auf? Agieren sie nun im Kopf Hamlets?

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Hamlet (Louiz Rodgriues) beklagt den Tod Ophelias (Tessa Vanheusden).

Am Ende fragt man sich, ob die Musikauswahl "Stille Nacht für Violine und Klavier" von Alfred Schnittke für den Gifttod Gertrudes und den finalen tödlichen Kampf zwischen Laertes und Hamlet treffend gewählt ist. Hier verbreitet die Musik bei aller Entfremdung des Weihnachtsliedes dennoch eine friedlich stimmende Atmosphäre, die das Geschehen auf der Bühne nicht widerspiegelt. Der Kampf zwischen den beiden Männern hätte zur Unterstützung der Fechtchoreographie besser durch einen aggressiveren Tonfall untermalt werden können. Aber vielleicht sollen damit auch die schwindenden Lebensgeister der Königin zum Ausdruck gebracht werden, die den Kampf nach dem Trinken des Giftes nur noch durch einen Schleier wahrnimmt. Am Ende bleibt nur Claudius am Leben und schreitet apathisch durch den Fadenvorhang.

Die Tänzerinnen und Tänzer setzen Marstons Choreographie eindrucksvoll um. Tessa Vanheusden gibt mit bewegendem Ausdruck eine junge Ophelia, die zwischen den Anforderungen ihres Vaters und der Zurückweisung durch Hamlet aufgerieben wird. Hervorzuheben ist hier ihr Versuch, Hamlet auf Befehl ihres Vaters und ihres Bruders auszuhorchen, während dieser sie mit dem Degen immer wieder barsch zurückweist. So arbeitet Vanheusden feinfühlig heraus, wie Ophelia allmählich den Verstand verliert und Frieden nur im Tod finden kann. Valentin Juteau gestaltet ihren Bruder Laertes mit gewaltigen Sprüngen als absoluten Heißsporn, der sich leicht von Ledian Soto als stets kühl kalkulierendem Claudius manipulieren lässt. Soto versprüht mit enormer Körperspannung eine Angst einflößende Autorität, der sich niemand zu widersetzen wagt. Louiz Rodrigues gestaltet den Hamlet als ständig Zweifelnden, der sich und seine Umwelt zerstört. Bridget Breiner lässt seine Mutter Gertrude mit expressivem Tanz in einem neuen Licht erscheinen und verleiht der Figur sehr sympathische Züge. Wenn sie am Ende den Giftbecher leert, geht dieser Moment unter die Haut. So spendet das Publikum am Ende begeisterten Beifall für alle Beteiligten.

FAZIT

Cathy Marston gelingt mit der Konzentration auf Hamlets Mutter ein ganz neuer Blick auf Shakespeares Drama. Die Musikauswahl passt jedoch nicht an allen Stellen zur Handlung auf der Bühne.


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Produktionsteam

Inszenierung und Choreographie
Cathy Marston

Neukomposition und Arrangement
Philip Feeney

Bühne und Kostüme
Ines Alda

Licht
Andreas Gutzmer

Fechtchoreographie
Oliver Sproll

Dramaturgie
Anna Grundmeier

 

 

Tänzerinnen und Tänzer

Hamlet, Prinz von Dänemark
Louiz Rodrigues

Gertrude, Hamlets Mutter
Bridget Breiner

König Hamlet, Hamlets Vater
José Urrutia

Claudius, Hamlets Onkel
Ledian Soto

Polonius, Oberkämmerer
Carlos Contreras

Ophelia, Tochter des Polonius
Tessa Vanheusden

Laertes, Sohn des Polonius
Valentin Juteau

Innere Stimmen
Francesca Berruto
Sarah-Lee Chapman
Hitomi Kuhara
Sara Zinna


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