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Musiktheater
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Linie 1

Musical von Birger Heymann und der Rockband No Ticket
Texte von Volker Ludwig


in deutscher Sprache

Aufführungsdauer: ca. 1h 50' (keine Pause)

Premiere im Kleinen Haus des Musiktheater im Revier am 11. März 2017


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Musiktheater im Revier
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Wahre Freunde findet man im Untergrund

Von Stefan Schmöe / Fotos: Pedro Malinowski

Ach, die Welt war noch einfach und überschaubar in den 1980er-Jahren. Die Reichen waren ehemalige oder auch weniger ehemalige Nazis, die Vertreter der Subkultur die wahren Helden. Ausnahmen bestätigen die Regel. Volker Ludwig und Birger Heymann haben auf diesem Mythos ihr Revue-Musical Linie 1 für das Grips-Theater konzipiert, im unendlich fernen Jahr 1986 in West-Berlin. Wie soll man das unseren Kindern heute noch erklären? Dass man aus der westdeutschen Provinz nach West-Berlin floh, wo alles - manches - na ja, vielleicht das eine oder andere - besser, freier, anarchischer war? So wie das namenlose Mädchen im Stück nach Berlin kommt auf der Suche nach dem Rockmusiker Johnnie, mit dem sie eine Liebesnacht verbracht hat .

Szenenfoto kommt später

Das Mädchen aus der westdeutschen Provinz (Yvonne Forster), hinten Bambi (Benjamin Oeser )

Nein, einfach war die Welt natürlich auch damals nicht, und Ludwig und Heymann haben natürlich ein unterhaltsames, nicht allzu komplexes Stück schreiben wollen (was manche Überzeichnung mit sich brachte), aber sie haben genial ein Stück Lebensgefühl eingefangen - und auch wenn diese Gelsenkirchener Neuproduktion ihre nostalgischen Momente hat, ist es doch verblüffend, wie zeitlos frisch diese Linie 1 daher kommt. Die ehemaligen Nazi-Größen, die nach Kriegsende erneut in Amt und Würden kamen, werden allmählich Vergangenheit - wobei die Aufarbeitung dieses Kapitels immer noch arg zögerlich erfolgt (nicht zuletzt Ursula Krechels preisgekrönter Roman Landgericht hat das aufgezeigt). Verbalattacken gegen Immigranten haben leider nichts an Aktualität verloren, im Gegenteil. Vor allem aber die tiefe Sympathie für die Außenseiter, für die in den U-Bahn-Stationen Gestrandeten, berührt nach wie vor und stimmt nachdenklich.

Szenenfoto kommt später

Die Wilmersdorfer Witwen (Benjamin Oeser, Joachim Gabriel Maaß, Dirk Weiler, Edward Lee)

Carsten Kirchmeyers Inszenierung im Kleinen Haus des Musiktheater im Revier kommt mit sehr wenig Kulisse aus. Ein paar angedeutete Schienen, ein paar Metall-Gestelle - das reicht völlig aus. Kein U-Bahn-Schild, kein Hinweis auf Berlin. Das Lokalflair bleibt den maßvoll berlinernden Darstellern vorbehalten, wobei das gerade so stark ausgeprägt ist, dass es die Geschichte in Berlin verortet, und umgekehrt so schwach, dass man sich sofort eine ganz ähnliche Geschichte im Ruhrgebiet vorstellen kann. Kirchmeier möchte nicht belehren, jedenfalls nicht direkt, er erzählt geradlinig und temporeich - und die spartanische Kulisse (Bühne: Katrin Hieronimus) hat den unschätzbaren Vorteil, dass es keine Umbauten gibt und die Szenen nahtlos ineinander übergreifen. Die Kostüme (Teresa Grosser) lassen offen, ob das Stück in den 1980er-Jahren oder heute spielt, sie wollen nichts überzeichnen, aber auch keinen falschen Realismus vortäuschen. Die Regie kostet das Revuehafte aus, hat Gespür für den Raum und ist handwerklich sorgfältig durchgearbeitet. Dazu kommt eine zwar nicht übermäßig raffinierte Choreographie (Paul Kribbe), die aber mit einfachen Mitteln durchaus wirkungsvoll ist.

Szenenfoto kommt später

"Ich sitz Dir gegenüber" (Ensemble)

Yvonne Forster in der Partie des namenlosen Mädchens aus der Provinz sieht aus wie 14, zeigt überzeugend die Entwicklung vom zunächst verschüchterten, dann zunehmend selbstbewussten Teenager und singt auch noch ordentlich. Die übrigen rund 60 Rollen sind auf zehn Darsteller verteilt, die überaus wandlungsfähig agieren und auch stimmlich überzeugen - vom Quartett der Wilmersdorfer Nazi-Witwen (Benjamin Oeser, Joachim G.Maaß, Dirk Weiler, Edward Lee) bis zum hilfsbereiten Dealer Bambi (Sebastian Oeser). Die fünfköpfige Band unter Leitung von Heribert Feckler spielt solide.

Szenenfoto kommt später

Det is Berlin: Risi (Jeanette Claßen), Bisi (Annika Firley), ein exotischer Ausländer (Benjamin Oeser) und das Mädchen aus der Provinz (Yvonne Forster)

Natürlich ist das hoffnungslos pathetisch, wie sie da zusammenfinden im Untergrund, sich gegenseitig Mut zusingen, einen Gegenentwurf zur oberirdischen Leistungsgesellschaft erschaffen, wie sie einander helfen und miteinander fühlen. Und es ist ganz wunderbar, auch wenn diese Linie 1 nicht in jedem Takt große Musik, nicht in jedem Satz große Literatur ist. Denn gutes Theater, das ist es allemal.




FAZIT

Ein immer noch gutes Stück in einer überzeugenden, temporeichen Aufführung.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Heribert Feckler

Inszenierung
Carsten Kirchmeier

Bühnenbild
Katrin Hieronimus

Kostüme
Teresa Grosser

Choreographie
Paul Kribbe

Licht
Mariella von Vequel-Westernach

Dramaturgie
Anna Grundmeier



Neue Philharmonie Westfalen


Solisten

Kleister, Erich u.a.
Sebastian Schiller

Mondo, Witwe Lotto, Johnnie u.a.
Edward Lee

Bambi, Witwe Kriemhild u.a.
Benjamin Oeser

Hermann, Witwe Agathe, Mücke u.a.
Joachim G. Maaß

Junge im Mantel, Referent Zielinski u.a.
Jacoub Eisa

Lady, Rita u.a.
Gudrun Schade

Das Mädchen
Yvonne Forster

Lola, Bouletten-Trude u.a.
Christa Platzer

Maria, Risi u.a.
Jeanette Claßen

Schlucki, Witwe Martha, Dieter u.a.
Dirk Weiler

Bisi, Lumpi u.a.
Annika Firley



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