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Musiktheater
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Prosperos Insel

Ballett von Bridget Breiner nach Motiven von William Shakespeares The Tempest (Der Sturm)
Musik von Frank Martin, Benjamin Rimmer, R. Murray Schafer, P
ēteris Vasks und Ralph Vaughan Williams

Aufführungsdauer: ca. 2 h 20' (eine Pause)

Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen und der Chorakademie Dortmund

Premiere im Großen Haus im MiR am 8. Oktober 2016
(rezensierte Aufführung: 28.10.2016)

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Musiktheater im Revier
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Ein Sturm in Inneren

Von Thomas Molke / Fotos von Costin Radu


Bridget Breiners Zeit als Leiterin der Ballettsparte im Musiktheater im Revier liest sich nicht nur in Gelsenkirchen als Erfolgsgeschichte. Auch überregional konnte sie innerhalb von nur vier Jahren Interesse wecken. Bereits zweimal wurde sie nämlich für ihre Choreographien mit dem deutschen FAUST-Theaterpreis ausgezeichnet, einmal für die märchenhafte Poesie in ihrem Aschenputtel-Ballett Ruß im Jahr 2013, das auch in dieser Saison wieder auf dem Spielplan im Kleinen Haus steht, und dann für die bewegenden Bilder im Ballettabend Charlotte Salomon: Der Tod und die Malerin im Jahr 2015. In diesem Jahr wurde sie dann mit ihrer Compagnie zu den Ruhrfestspielen Recklinghausen eingeladen, um einen Ballettabend zu choreographieren, der in einem Bezug zum Festival-Motto "Mittelmeer - Mare nostrum?" steht. Die Wahl fiel auf eine tänzerische Umsetzung von Shakespeares letztem Werk The Tempest (siehe auch unsere Rezension).

Dabei setzt Breiner auf eine Kombination aus Tanz und Gesang und arbeitet mit dem 2012 gegründeten Jugendkonzertchor der Chorakademie Dortmund zusammen, der den Abend nicht nur mit A-cappella-Gesang unterstützt, sondern auch in die Choreographie integriert wird, mal in langen Gewändern wie ein antiker Chor als Beobachter auf der Bühne, mal als Volk von Mailand, das aus dem Orchestergraben heraus dem Herrscher huldigt. Dabei überzeugen die von Felix Heitmann einstudierten Choristen nicht nur durch bewegenden A-cappella-Vortrag, sondern werden mit den als rhythmisches Schlagwerk genutzten Holzstöcken auch noch zu Instrumentalisten. Musikalisch eingebettet wird der Abend in die Five Songs of Ariel, die der Schweizer Frank Martin 1950 für einen A-cappella-Chor komponierte, bevor er sich sechs Jahre später einer kompletten Oper über Shaekspeares The Tempest widmete. Hinzu kommen Kompositionen für Chorgesang von Benjamin Rimmer, die dieser extra für diese Produktion kreiert hat und Three Elizabethan Songs von Ralph Vaughan Williams. Vom Band eingespielt werden Auszüge aus Streichquartetten und einer Flötensonate des estnischen Komponisten Pēteris Vasks

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Antonia (Tesse Vanheusden) und Alonzo (José Urrutia) wollen die Macht in Mailand übernehmen.

Breiner folgt Shakespeares Geschichte mit kleinen Änderungen. Alonzo ist bei ihr nicht der König von Neapel, sondern der neue Herzog von Mailand. Aus Prosperos Bruder Antonio, der bei Shakespeare Prospero unrechtmäßig aus Mailand vertrieben hat, wird Alonzos Frau Antonia, die im Charakter mit einer Lady Macbeth vergleichbar ist. Ferdinand, der sich nach dem Schiffbruch in Prosperos Tochter Miranda verliebt, ist ihr gemeinsamer Sohn. Aus dem Hofnarren Trinculo und dem stets betrunkenen Kellermeister Stephano, die Prosperos Macht auf der Insel gemeinsam mit Caliban, der sich als rechtmäßigen Herrscher der Insel betrachtet, stürzen wollen, wird das Dienerpaar Trincula und Stefano. Auch Calibans verstorbene Mutter Sycorax lässt Breiner in ihrer Erzählung auftreten. Zu Beginn sieht man Ariel mit einem weißen Papierschiff langsam die Bühnenrampe entlangschreiten. Ob es sich hierbei um eine Erinnerung Prosperos handelt, der zu dieser Zeit bereits auf der Insel weilt, oder es bereits das Schiff darstellt, mit dem Alonzo Schiffbruch erleidet, wird nicht ganz klar. Am Ende der Szene zerstört Prospero dieses Papierschiff.

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Prospero (Ledian Soto) hat sich mit seiner Tochter Miranda (Francesca Berruto) auf der Insel eine neue Existenz aufgebaut.

Dann gibt es einen Zeitsprung in die Vergangenheit. Aus dem Schnürboden werden schräg ansteigende Säulen herabgelassen. Der Jugendkonzertchor begibt sich in den Orchestergraben und huldigt Prospero (Ledian Soto), dem Herzog von Mailand, der ihnen eine Gestik vorgibt, die die Chormitglieder imitieren. Zu ihm treten Alonzo (José Urrutia), Antonia (Tessa Vanheusden), Trincula (Sara Zinna) und Stefano (Louiz Rodrigues), wobei Trincula ein kleines Bündel im Arm trägt, das wohl Miranda darstellen soll. Später übergibt sie Prospero das Baby. Alonzo findet Gefallen daran, den Chor auch seine Gesten nachahmen zu lassen. Doch diese Macht hat er nur, solange Prospero mit seiner Tochter beschäftigt ist. Als Prospero wieder als Herzog dem Chor entgegentritt, ist Alonzos Einfluss dahin. Von daher sieht er keinen anderen Ausweg, als Prospero zu stürzen. Mit seiner kleinen Tochter wird Prospero aus dem Land gejagt.

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Prospero (Ledian Soto, links) bringt mit Ariels (hier: Rita Duclos, dahinter) Hilfe das Schiff mit Ferdinand (José Contreras, Mitte), Alonzo (José Urrutia, rechts daneben) und Antonia (Tessa Vanheusden) zum Kentern.

Szenenwechsel zur Insel. Hier herrscht noch die Hexe Sycorax (Deidre Chapman als Gast) mit ihrem missgestalteten Sohn Caliban (Valentin Juteau), der ein nach außen gebogenes Stahlskelett trägt. Doch Sycorax stirbt und lässt ihren Sohn etwas hilflos zurück. Da verwundert es nicht, dass es dem gestrandeten Prospero gelingt, über Caliban Macht zu gewinnen, auch wenn er ihn von Anfang an schlecht behandelt. Ein Felsen mit einem Ring hängt in der Mitte der Bühne auf halber Höhe und deutet wohl die Insel an, auf der die Geschichte nun spielt. Zunächst wird der Felsblock herabgelassen und klemmt Ariel (Hitomi Kuhara) ein. Nachdem Prospero den Luftgeist befreit hat, schwebt Kuhara mit betörendem Spitzentanz und scheinbarer Leichtigkeit über die Bühne und ist ihrem Retter zu ewigem Dank verpflichtet. Man darf sich freuen, dass diese Tänzerin ab der kommenden Spielzeit fest zum Ensemble gehören wird. Die Jahre vergehen, indem Prospero mit dem Baby auf dem Arm den Ring umkreist und nach zwei Runden Miranda (Francesca Berruto) als herangewachsenes Mädchen auftritt. Diese sieht in Caliban einen netten Spielgefährten und nimmt auch keinen Anstoß an seiner Deformierung. Doch das sorglose Spiel, was die beiden verbindet, wird immer wieder von Prospero unsanft unterbrochen.

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Prospero (Ledian Soto) befreit sich von seinen inneren Dämonen.

Mit einem großen Segel in der Hand kommen nun Alonzo, Antonia, Ferdinand, Trincula und Stefano mit dem Schiff, das vor der Insel Schiffbruch erleiden wird. Zuerst rettet sich Ferdinand (Carlos Contreras) aus dem Orchestergraben auf die Inselbühne zurück und trifft auf Prospero und Miranda. Miranda ist sofort fasziniert von dem jungen Mann, was ihr Verhältnis zu Caliban verkompliziert. Nun ist das Spiel der beiden keineswegs mehr so ausgelassen, und Caliban wendet Gewalt an, um sich Miranda gefügig zu machen, wird allerdings von Prospero in die Schranken gewiesen. Da verwundert es nicht, dass er sich anschließend mit Trincula und Stefano gegen Prospero verschwört. Doch natürlich geht alles gut aus. Ferdinand erhält die neue Krone. Prospero und Alonzo versöhnen sich und können gemeinsam nach Mailand zurückkehren, während Ariel und Caliban allein auf der Insel zurückbleiben. Caliban hat das Stahlskelett mittlerweile abgelegt und erinnert in den Gestik und im Aussehen mittlerweile stark an Prospero, so dass er nun zum rechtmäßigen Herrscher auf der Insel aufsteigt.

In ausdrucksstarken Bewegungen setzen die Tänzerinnen und Tänzer die Gefühlsstürme, die sie durchleben anschaulich um, so dass man der Handlung auch ohne Worte sehr gut folgen kann. Soto begeistert als Prospero mit kraftvollem Ausdruck und arbeitet die innere Zerrissenheit dieser Figur in der Gestik und Mimik nachvollziehbar heraus. Juteau verleiht dem Caliban leicht dämonische Züge, macht ihn dann aber wieder durch intensives Spiel zu einer bemitleidenswerten Kreatur. Berruto überzeugt als Miranda durch mädchenhafte Leichtigkeit. Bemerkenswert ist ihr Wechsel zwischen Spitzentanz, wenn sie sich in der Welt ihres Vaters bewegt, und modernem Ausdruck im Zusammenspiel mit Juteau. Kuhara wird mit ihrem akkuraten Spitzentanz dem schwebenden Luftgeist mehr als gerecht. Contreras gefällt als Ferdinand besonders im Pas de deux mit Berruto. Störend sind lediglich die zahlreichen Hustengeräusche, die gerade beim A-cappella-Gesang den musikalischen Genuss trüben.

FAZIT

Bridget Breiners bei den Ruhrfestspielen uraufgeführter Sturm überzeugt auch in Gelsenkirchen mit teilweise neuer Besetzung das Publikum.


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Produktionsteam

Inszenierung und Choreographie
Bridget Breiner

Bühne und Kostüme
Jürgen Kirner

Licht
Mariella von Vequel-Westernach

Chorleitung
Felix Heitmann

Dramaturgie
Anna Grundmeier

 

Jugendkonzertchor Dortmund

 

Tänzerinnen und Tänzer

*Abendbesetzung

Prospero, ehemaliger Herzog von Mailand
Ledian Soto

Caliban, kreaturhafter Mensch
Valentin Juteau

Miranda, Prosperos Tochter
Francesca Berruto

Ariel, Luftgeist
Hitomi Kuhara

Sycorax, Calibans Mutter
*Deidre Chapman /
Bridget Breiner

Alonzo, Herzog von Mailand
José Urrutia

Antonia, seine Frau
Tessa Vanheusden

Ferdinand, sein Sohn
Carlos Contreras

Trincula, Dienerin
*Sara Zinna /
Sarah-Lee Chapman

Stefano, Diener
Louiz Rodrigues


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