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The Vital Unrest

Ballettabend in zwei Teilen von Bridget Breiner
Musik von Georgs Pel
ēcis und Camille Saint-SaŽns

Aufführungsdauer: ca. 2 h 5' (eine Pause)

Premiere im Großen Haus im MiR am 25. März 2017

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Musiktheater im Revier
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Kreative Unruhe

Von Thomas Molke / Fotos von Costin Radu


Das Ballett im Revier hat sich für diese Spielzeit viel vorgenommen. Nach den beiden Handlungsballetten Das Mädchen mit den Schwefelhölzern im November 2016 und Hamlet im Februar dieses Jahres gibt es im März bereits die dritte Premiere der kleinen Ballett-Compagnie. Wenn man die Übernahme-Premiere des bei den Ruhrfestspielen 2016 uraufgeführten Ballettabends Prosperos Insel mitzählt, ist es sogar schon die vierte Neuproduktion, die in Gelsenkirchen zu erleben ist, und für Mai 2017 ist sogar mit Der Rest ist Tanz noch eine weitere Premiere angesetzt. Dabei achtet die Ballettdirektorin Bridget Breiner thematisch auf eine große Abwechslung. Nachdem die erste Hälfte der Spielzeit von Handlungsballetten mit eher moderner Musikauswahl geprägt war, folgt nun ein abstrakterer Ansatz mit Musik von Camille Saint-Saëns und dem lettischen Komponisten Georgs Pelēcis, der seine eigens für diesen Ballettabend komponierte Sinfonie Response als Antwort auf Saint-Saëns' Sinfonie Nr. 3 c-moll op. 78 "avec orgue" beisteuert.

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Bewegende Tanzsprache in Blessed Unrest: von links: Ledian Soto, José Urrutia, Valentin Juteau und Carlos Contreras

Leitthema des Abends ist ein Zitat der Tanzikone Martha Graham, die als Innovatorin des Modern Dance gilt. Indem sie den Bewegungsablauf beim Tanz nicht mehr vorgeschriebenen Normen unterordnete, sondern dem Gefühl und der Emotion den bedingungslosen Vorrang vor dem Tanz gab, revolutionierte sie das klassische Ballett und entwickelte eine neue Tanztechnik, die auf Anspannung, Entspannung und Atmung baute. In einem Gespräch, das sie 1943 mit ihrer Biographin Agnes de Mille über den Ursprung der Kunst führte, schrieb sie die Energie, die den Künstler dazu bringt, sich auszudrücken, einerseits einer "seligen Unruhe" ("blessed unrest"), die den Menschen immer weiter voranschreiten und niemals innehalten lässt, und andererseits einer "verrückten göttlichen Unzufriedenheit" ("queer divine dissatisfaction") zu, da kein Künstler jemals mit dem, was er geschaffen habe, zufrieden sein könne. Breiner fasst in ihrer neuen Choreographie die Lebenskraft, die in jedem tätigen Menschen steckt, und die Unruhe, die uns Menschen antreibt, unter dem Titel Vital Unrest zusammen und durchleuchtet das Thema in zwei Teilen. Der erste Teil trägt den Titel There is a Vitality und knüpft an den Beginn des Zitats von Martha Graham an. Der zweite Teil ist mit Blessed Unrest überschrieben und formuliert Grahams Schlussfolgerung aus dem oben genannten Gespräch.

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There is a Vitality: vorne von links: Paul Calderone, Sara Zinna, Sarah-Lee Chapman, im Hintergrund von links: Carlos Contreras und José Urrutia

Für den ersten Teil hat Breiner den 1947 in Riga geborenen Komponisten Georgs Pelēcis gewinnen können, eine fünfsätzige Sinfonie eigens für diesen Ballettabend zu komponieren. Breiner arbeitete bereits 2014 mit Pelēcis zusammen, als sie mit dem Lettischen Staatsballett Riga auf seine Komposition In Honour of Henry Purcell ihre Choreographie In Honour of kreierte. Seitdem verbindet die beiden eine enge künstlerische Freundschaft. Pelēcis, der sich als Absolvent des Moskauer Konservatoriums bei Aram Chatschaturjan der Musik der Gotik und der Renaissance widmete und seit seiner Habilitation 1990 als Professor für Kontrapunkt und Fuge an der Musikakademie Lettland tätig ist, verbindet in seinen Kompositionen Elemente barocker und romantischer Musiksprache mit modernen repetitiven Techniken des Minimalismus. Seine Sinfonie Response nimmt Bezug auf Saint-Saëns' Orgelsinfonie im zweiten Teil, so dass es eigentlich verwundert, dass der Abend mit diesem Werk eröffnet wird. Thematisch passt allerdings Pelēcis' Komposition besser zum Anfang des Abends, There's a Vitality.

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Auf der Suche in There is a Vitality (Ensemble)

Wenn die Zuschauer den Saal betreten, steht Bridget Breiner bereits auf der Bühne, um den ersten Teil mit einem eindringlichen Solo zu beginnen, welches die Ensemble-Mitglieder Hitomi Kuhara, Paul Calderone, Valentin Juteau und Louiz Rodrigues für sie choreographiert haben. Jean-Marc Puissant, der mit Breiner bereits in Schwanensee zusammengearbeitet hat, hat ein abstraktes Bühnenbild entworfen, das den Tänzerinnen und Tänzern viel Raum bietet und Breiner zunächst sehr verloren auf der großen Bühne wirken lässt. Auf der linken Seite befindet sich eine hohe Wand mit einem kleinen Teich, dessen Wasser ein unruhiges Farbspiel auf die Wand wirft. Auf dem Boden liegen bronzefarbene Platten, die die Tänzerinnen und Tänzer im weiteren Verlauf des Stückes umsortieren und teilweise am Ende des ersten Teils auch an der Rückwand befestigen. Im Hintergrund wird zu Beginn ein schwarzer Prospekt herabgelassen, auf dem in einer Videoprojektion Valtteri Rauhalammi am Klavier eingeblendet wird und die Sinfonie in einem Dialog mit Annette Reifig an der Orgel beginnt. Breiner setzt die Musik in filigrane Bewegungen um, bevor sie für die weiteren Sätze ihren sechs Tänzerinnen und sechs Tänzern Platz macht. In unterschiedlichen Konstellationen zeigen die Tänzerinnen und Tänzer im weiteren Verlauf, was die einmal in Bewegung gesetzte Energie alles bewirken kann. Pelēcis' Musik bietet dazu abwechslungsreiche Klangfarben, die von Valtteri Rauhalammi mit der Neuen Philharmonie Westfalen eindrucksvoll umgesetzt werden.

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Dem Himmel so nah in Blessed Unrest (José Urrutia)

Der zweite Teil unter dem Titel Blessed Unrest bildet mit der romantischen c-moll-Sinfonie Nr. 3 avec orgue von Camille Saint-Saëns das Kernstück des Abends. Während der erste Teil als eine Art Suchen beschrieben werden kann, haben die Tänzerinnen und Tänzer nun zu Saint-Saëns' Musik den passenden Weg gefunden, ihre "lebendige Unruhe" in der Kunst auszuleben. Die Platten, die im ersten Teil des Abends auf dem Boden gelegen haben, sind nun zu einem abstrakt aufragenden Gebilde geformt, das an einen Baum erinnert. Die Bühne wird von drei Wänden mit blassen Farbmustern eingerahmt. Doch alles weicht der unbändigen Kraft des Tanzes. Zunächst verschwindet der Baum im Schnürboden. Dann werden auch die Wände nach oben gezogen und geben den Blick frei auf zwei weitere Wände, die mit den Blautönen an die unendliche Weite des Himmels erinnern. Die Tänzerinnen und Tänzer tanzen sich zur betörend schönen Musik von Saint-Saëns im wahrsten Sinne des Wortes die Seele aus dem Leib. Graziler Spitzentanz wechselt hier mit modernem Ausdruck und kraftvollen Sprüngen. Auch hier folgen in loser Abfolge zahlreiche unterschiedliche Konstellationen, die die große Leistungsfähigkeit des Ensembles unter Beweis stellen. Die Neue Philharmonie Westfalen arbeitet die musikalische Vielfarbigkeit und die filigrane Orchestrierung detailliert heraus, so dass es am Ende großen Beifall für alle Beteiligten gibt. Auch Pelēcis ist zur Uraufführung seiner Sinfonie angereist und lässt sich vom begeisterten Publikum frenetisch feiern.

FAZIT

Bridget Breiner entwickelt mit ihrer Compagnie in einer abstrakten Tanzsprache bewegende Bilder, die von Saint-Saëns' wunderbarer Musik und Pelēcis' angenehmer Klangsprache eindrucksvoll getragen werden.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Valtteri Rauhalammi

Inszenierung und Choreographie
Bridget Breiner

Bühne und Kostüme
Jean-Marc Puissant

Licht
Bonnie Beecher

Dramaturgie
Stephan Steinmetz

 

Neue Philharmonie Westfalen

Orgel
Annette Reifig

 

Tänzerinnen und Tänzer

Francesca Berruto
Bridget Breiner
Sarah-Lee Chapman
Hitomi Kuhara
Tessa Vanheusden
Bridgett Zehr
Sara Zinna
Paul Calderone
Carlos Contreras
Valentin Juteau
Louiz Rodrigues
Ledian Soto
José Urrutia


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