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Musiktheater
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Sacrifice

Oper in vier Akten
Text von Dirk Laucke
Musik von Sarah Nemtsov


Aufführungsdauer: ca. 2h 10' (keine Pause)

Auftragswerk der Oper Halle (gefördert von der ernst von siemens musikstiftung)
Uraufführung im Opernhaus Halle am 5. März 2017


Opernhaus Halle

Klingende Sprachlosigkeit

Von Roberto Becker / Fotos: © Theater, Oper und Orchester GmbH Halle, Falk Wenzel

Manchmal sind allein schon die Fragen das Beklemmende. Vor allem, wenn niemand eine Antwort weiß. Wie die nach dem Warum, wenn heute zwei Teenagerinnen aus Sangerhausen plötzlich nach Syrien in den Dschihad ziehen. Mitten aus ihrer kleinbürgerlich geordneten Welt heraus. Aus dem Reich der Freiheit eines hedonistischen anythings goes unter die Burka und hinein in die Todessehnsucht der Islamisten. Auch der Autor Dirk Lauke, die Komponistin Sarah Nemtsov und der Regisseur und Intendant der Oper Halle Florian Lutz finden im jetzt uraufgeführten Auftragswerk der Oper Halle Sacrifice die Antwort nicht. Aber sie rücken die Frage mit einem packenden Gesamtkunstwerk ins Bewusstsein. Vor allem auf dem Weg der Musik und ihrer Umsetzung in Bilder.


Vergrößerung Auf dem Weg von Sängerhausen nach Syrien das Orchester in der Raumbühne Heterotopia.

Der 1982 in Schkeuditz geborene und in Halle aufgewachsene Autor Dirk Laucke wurde durch die Verleihung des Kleist-Förderpreises und seine Einladung als Dramatiker zu den Salzburger Festspielen 2006 bekannt. In Halle hatte er mit einem umstrittenen Projekt zu den aggressiven Ultras Furore gemacht. Seine Stücke sind mehrfach u.a. zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen wurden, 2015 erschien sein erster Roman Mit sozialistischem Grusz. Die Kompositionen von Sarah Nemtsov (37) werden bei den renommierten Donaueschinger Musiktagen, den Internationalen Ferienkursen für Neue Musik Darmstadt, der Münchener Biennale, bei Ultraschall Berlin, MaerzMusik und Wien modern gespielt. Ihre Kammeroper Herzland wurde 2006 in Hannover uraufgeführt und 2011 an der Bayerischen Staatsoper München inszeniert. Ihre letzte Opernarbeit L'absence (2006-2008) wurde 2012 bei der Münchener Biennale uraufgeführt.

Dass dabei von Lauckes Text, der als Inspiration für die Komposition wohl unentbehrlich war, das meiste auf der Strecke bleibt, wird kompensiert durch die Wucht, die Nemtsovs Musik entfaltet. Virtuos flutet sie geradezu den Raum. Sie nutzt das gesamte, von Michael Wendeberg präzise geleitete Orchester, überschreitet dabei aber auch beherzt mit Elektronik und Fantasie dessen konventionelle Klanggrenzen. In den klassischen Klang wird Quietschen, rascheln oder das Streichen über Styropor ebenso integriert wie jede Menge elektronischer Einspielungen. Die Musiker der Staatskapelle Halle machen mit souveräner Perfektion.

Vergrößerung

Der Vater heisst Flüchtlinge willkommen, die Mutter verzweifelt.

Das über dem überbauten Orchestergraben platzierte Orchester erzeugt einen Sog, der auch jenseits der immer mal wie Blasen in der Lava hochspritzenden Worte wirkt. Und Hitze entfaltet. So wie die Scheinwerferbatterie, die gegen Ende von oben auf die Zuschauer herabfährt und erst so dicht über den Köpfen halt macht, dass man die Hitze spürt.

Für die miteinander verflochtenen Handlungsstränge und Situationen schafft die auch für Wagners Fliegenden Holländer, Elfriede Jelinecks Wut und Rolf Rossas Ballett Groovin Bodies genutzte Raumbühne "Heterotopia" von Sebastian Hannak auch hier den passenden Resonanzraum. Sacrifice ist hier sozusagen hineingeschrieben bzw. wie der Holländer von Florian Lutz hinein inszeniert worden.


Vergrößerung Die falschen Propheten marschieren am Horizont.

Die auf der Drehbühne platzierten Zuschauer sind stets von den eskalierenden, von salvenartigen Eruptionen durchlöcherten Klangflächen umtost und durch die eigene Bewegung der jeweiligen Episode in verschiedenen Welten - sprich Hausgegenden zugewandt. Also der Wohnung mit Schrankwand und der die Deutschlandfahne bügelnden Mutter (mit vokaler Emphase: Anke Bernd) und dem Vater (eloguent beflissen: Vladislav Solodyagin), der eine ganze Gruppe von Flüchtlingen bei sich daheim empfängt. Oder wo eine Gruppe junger Leute eine (harmlose) Ballermännchen-Fete abzieht und sich die Teenager Jana (Marie Friederike Schöder) und Henny (Tehlia Goldstein) mit ihren Smartphones langweilen und offensichtlich von den Rattenfängern im Netz ködern lassen. Um sich dann, auf der anderen Seite, hinter dem Orchester, in die Ferne der überbauten Ränge mit der Projektion des gelobten Landes der Möchtegerngotteskrieger aufzumachen. Dort auf der Höhe des zweiten Ranges zieht auch der Pegidafahnen-Gespensterzug vorbei, auf den die Mutter ihre Hoffnung setzt.

Von dort flieht der Syrer Azuz, dem die Angst die Sprache verschlagen hat (Gerd Vogel mit beklemmender Vokalisen-Wortlosigkeit). Er landet wie ein Gruß der Wirklichkeit auf dem Auto, mit dem die Mädchen sich aufmachen. Schließlich campieren auf der Seitenbühne drei Kriegsberichterstatter (Nils Thorben Bartling, Sybille Kress, Frank Schilcher). Wenn sie in Streit über die Moral und die Grenzen ihren Tuns geraten, hat für Momente das (gesprochene) Wort die Oberhand. An einem (mit zwei Stunden etwas zu langen) Abend, der über die Wucht der Musik und der Bilder wirkt. Und der uns aus der Frage nach dem Warum nicht entlässt.


FAZIT

Der Oper in Halle ist mit dieser Uraufführung, dem ersten Auftragswerk in der Verantwortung der neuen Opernleitung, eine hochpolitische und künstlerische ambitionierte Novität gelungen.




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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Michael Wendeberg

Inszenierung
Florian Lutz

Raumbühne
Sebastian Hannak

Kostüme
Mechthild Feuerstein

Video
Konrad Kästner

Dramaturgie
Michael von zur Mühlen


Staatskapelle Halle


Solisten

Frau
Anke Berndt

Mann
Vladislav Solodyagin

Stereo-Typ (Azuz)
Gerd Vogel

Henny
Tehila Goldstein

Jana
Marie Friederike Schöder

3 Journalisten

Holz
Frank Schilcher,

Krall
Nils Thorben Bartling ,

Beermann
Sybille Kreß


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Opernhaus Halle
(Homepage)






Da capo al Fine

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