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Senza Sangue
Libretto von Mari Mezei nach Alessendro Baricco
Musik von Péter Eötvös

in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Herzog Blaubarts Burg
Libretto von Béla Balázs
Musik von Béla Bartók

in ungarischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 1h 50' (keine Pause)

Premiere in der Hamburgischen Staatsoper am 6. November 2016


Homepage

Staatsoper Hamburg
(Homepage)

Hinter verschlossenen Türen

Von Roberto Becker / Fotos von Monika Rittershaus


Herzog Blaubarts Burg gibt es immer nur im Doppelpack. Mit Luigi Dallapiccolas Il Prigioniero, mit Tschaikowskys Iolantha, in jüngerer Zeit sogar mit Puccinis Gianni Schicchi oder mit Bartoks eigenem Wunderbaren Mandarin. Für sich genommen reicht Béla Bartók 1911 entstandener und 1918 uraufgeführter Einakter einfach nicht für einen Opernabend. In Hamburg gibt es diesmal eine gleichsam maßgeschneiderte Ergänzung. Gesungen wird in der zwar italienisch. Aber musikalisch gefühlt wie bei Bartók, nämlich ungarisch. Das geht natürlich nur, weil sich der erfolgreichste ungarische Komponist der Gegenwart, Peter Eötvös (72), den Ehrgeiz entfaltet hat, sich auf das Risiko eines produktiven Dialoges über die Distanz eines Jahrhunderts mit seinem berühmten Landsmann einzulassen.

Szenenfoto Senza Sangue: Begegnung im Café nach vielen Jahren

Außerdem hat er sich gleich auch noch darauf eingelassen, die erste szenische Aufführung im deutschsprachigen Raum selbst zu dirigieren. Sein fünfzigminütiger Einakter Senza Sangue zu dem von Mari Mezei nach einer Novelle von Alessandro Baricco verfassten Libretto wurde 2015 an der Kölner Philharmonie konzertant und dann im Mai vergangenen Jahres in Avignon szenisch uraufgeführt. In Hamburg hat Regisseur und Ausstatter Dmitri Tcherniakov das (analog zu den Türen in Blaubarts Burg) in sieben Bilder gegliederte Stück jetzt in der ihm zugedachten Position als ersten Teil eines pausenlos durchgespielten Doppelabends inszeniert.

Szenenfoto

Senza Sangue: Surreale Welt

Der Russe hat dabei auch die beiden Geschichten ambitioniert miteinander verschränkt. Es geht in beiden Fällen um eine Begegnung mit Vergangenheit. Oder besser: Mit den klar definierbaren oder eher befürchteten Traumatisierungen. Komplementär treffen jeweils ein Mann und eine Frau aufeinander. Dafür hat er im ersten Teil ein surrealistisches lebendiges Gemälde entworfen. Im zweiten Teil aber verzichtet er auf den Blick hinter die Türen und projiziert jeden Blick dahinter allein in das Wechselspiel des Paares. Darauf muss man sich einlassen.

In Eötvös' Senzna Sangue begegnen sich eine Frau und ein Mann nach vielen Jahren wieder. Er gehörte einst zu Rebellen, die den Vater und den Bruder der Frau ermordet hatten. Sie hatte sich versteckt und der Mann hatte das kleine Mädchen verschont und auch seinen Mordkumpanen nichts von seiner Entdeckung gesagt. Als er die jetzt erwachsene Frau wieder trifft (er verdingt sich als Losverkäufer auf der Straße), geht er davon aus, dass sie den Mord an ihrem Vater rächen will. Zumal seine Kumpanen auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen waren. Doch sie will sich nur in einem Akt der Selbsttherapie mit ihrem Retter von damals konfrontieren und fordert ihn auf, mit ihr ins nächstgelegene Hotel zu gehen und mit ihr zu schlafen.

Szenenfoto Herzog Blaubarts Burg: Blaubarts Schloss als Hotelzimmer

An diesen unerwarteten Schluss schließt sich dann Blaubarts Burg an. Der Schauplatz wechselt von der surrealen Straßenszene mit Café, einer Ampel, einer Laterne und seltsam langsam durch den Raum, aber eigentlich durch die Zeit gleitenden Passanten, über den im Video eingeblendeten Gang ins Hotel in jenes beklemmende Zimmer. Dort spielt sich hinter verschlossenen Türen jenes Drama ab, bei dem die Frau immer tiefer in die Psyche des Mannes einzudringen versucht, nach dem sie ihm vorher die selbst aufgeschnittenen Plusadern verbunden hatte. Sie bedrängt ihn, droht sogar ihn zu verlassen, als er sich weigern will, auch die letzten Geheimnisse preiszugeben, und packt schon die Koffer. Am Ende allerdings verkriecht sie sich mit ihm zusammen unter der Bettdecke. Kurz vorher tauchen noch einmal die vom Schreck geweiteten Augen des Mädchens auf, die den Mann aus der ersten Oper einst davon abhielten, auch sie umzubringen.

Szenenfoto

Herzog Blaubarts Burg: Flucht vor der Erinnerung unter die Bettdecke

An der Intensität der Wirkung dieses zwar musikalisch und szenisch verschiedenartigen, aber doch auch tatsächlich einen drängenden inneren Zusammenhang reklamierenden Abends haben im ersten Teil Angela Denoke als "La donna" und Sergei Leiferkus als "L'uomo" mit ihrer ganzen Erfahrung und Präsenz einen ebenso entscheidenden Anteil wie Claudia Mahnke und Bálint Szabó als Judith und Blaubart im zweiten Teil. Vor allem die beiden Frauen verstehen es, die Unerbittlichkeit und das Drängen auf Nähe, als Ausweg aus einer inneren Gefangenschaft glaubhaft zu vermitteln. Peter Eötvös sorgt am Pult für den sozusagen authentischen Klang, der bei seiner eigenen Kompostion gesetzt ist, aber auch im Falle von Bartok überzeugt.


FAZIT

Die Staatsoper Hamburg macht mit diesem Doppelabend ein insgesamt packendes Angebot, einen Klassiker der Moderne mit einem neuen Stück zu ergänzen.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Péter Eötvös

Inszenierung und Bühne
Dmitri Tcherniakov

Kostüme
Elena Zaytseva

Licht
Gleb Filshtinsky

Video
Tieni Burkhalter

Dramaturgie
Johannes Blum


Philharmonisches
Staatsorchester Hamburg


Solisten

La donna
Angela Denoke

L'uomo
Sergei Leiferkus

Herzog Blaubart
Bálint Szabó

Judith
Claudia Mahnke





Weitere
Informationen

erhalten Sie von der
Staatsoper Hamburg
(Homepage)



Da capo al Fine

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