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Le nozze di Figaro (Figaros Hochzeit)

Oper in vier Akten
Text von Lorenzo da Ponte nach Beaumarchais' Komödie La folle journée ou Le mariage de Figaro
Musik von Wolfgang A. Mozart

in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3 Stunden 30 Minuten (eine Pause)

Premiere im Opernhaus des Staatstheaters Kassel am 24. September 2016

 



Staatstheater Kassel
(Homepage)

Zickenkrieg am Bügelbrett

Von Bernd Stopka / Fotos von N. Klinger

Le nozze di Figaro von Wolfgang Amadeus Mozart und Lorenzo da Ponte gehört sicher zu den genialsten Werken der Opernwelt. Das Libretto könnte auch ohne Musik bestehen, wird durch sie aber nicht nur vergoldet, sondern zu einem Brillanten geschliffen. Inhaltlich und musikalisch haben Textdichter und Librettist hier neue Wege beschritten, unter anderem, indem sie Elemente der opera buffa und der opera seria  in einer neuen Form der Oper vereinigt haben. Mozart hat sich mit augenzwinkernder, genialer Frechheit über musikalische Regeln hinweggesetzt, die zu dieser Zeit noch sakrosankt waren und die auch heute noch Vergnügen machen, wenn man sich mit ihnen beschäftigt. Die neue Saison mit dem Figaro zu eröffnen, ist immer eine gute Wahl, die Herausforderung, mit der Produktion der Genialität des Werkes gerecht zu werden, aber keine geringe. Am Staatstheater Kassel hat sich der schwedische Gastregisseur Tobias Theorell dieser Aufgabe gestellt.

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Marc-Olivier Oetterli (Figaro) und Lin Lin Fan (Susanna)

Die Bühnenbilder von Herbert Murauer zeigen einen sparsam ausgestatteten hellen Raum, der von zwei weißen rechteckigen Ausschnitten mit abgerundeten Ecken begrenzt wird. Im ersten Akt sehen wir ein Landschaftszimmer, das schon bessere Zeiten gesehen hat und in dem Umzugskartons, Stehlampe, Bügelbrett und eine an die Wand gelehnte Matratze stehen, im zweiten Akt einen mit überdimensionalen englischen Rosen tapezierten Raum, der neben einem Sofa gut sechs Dutzend Schuhkartons beherbergt (aha, das Zimmer einer Frau).
Skurriler wird es im dritten und vierten Akt, wenn Grünpflanzen von der Decke nach unten wachsen und der Raum nur noch verschiedene Sessel enthält, die an die 50er Jahre erinnern. Die Kostüme, für die Herbert Murauer gleichermaßen verantwortlich zeichnet, führen uns in eine nicht näher bezeichnete moderne Zeit.

Regisseur Tobias Theorell bürstet die Geschichte nicht gegen den Strich, sondern erzählt sie, wie sie im Textbuch steht, hat sie aber in eine moderne Zeit übertragen, was nicht nur durch die Ausstattung deutlich wird, sondern vor allem durch eine überdeutliche Personenregie. Dabei gelingt es ihm durchaus, die Personen als wahrhaftige Menschen darzustellen (ein Element, das diese Oper in ihrer Entstehungszeit so spektakulär machte) und es gelingen ihm einige sehr intensive Momente. An erster Stelle sind da die familiäre Erkennungsszene und die sparsame, aber intensive Personenführung bei den Arien des Grafen und der Gräfin zu nennen. Vor dem Bitten um Verzeihung und der Gewährung derselben im Finale gibt es jeweils eine lange Generalpause. Zuerst lotet der Graf noch einmal aus, ob er nicht doch irgendwie unbeschadet aus der Nummer herauskommt und danach überlegt die Gräfin ebenso ausgiebig, wie lange sie ihn zappeln lässt. Wenn sich dann die Liebespaare zusammenfinden, entdecken oder zeigen auch Antonio und Basilio, die beide als Handlanger des Grafen eh aus dem gleichen Holz geschnitzt sind, ihre Zuneigung zueinander und entpuppen sich durch Händchenhalten und einen verliebten Blick als fünftes Paar, ganz dezent, nicht übertrieben oder provokativ. Als Running Gag sieht man immer wieder Feuerzeuge, die bei Grafen nicht funktionieren – bei den Bediensteten aber durchaus.

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Inna Kalinina (Marcellina), Yorck Felix Speer (Bartolo)

Das sind die sehr guten, eindringlichen Momente der Inszenierung. Ansonsten gibt es zwar handwerklich gut gearbeitete, aber reichlich überzogene Personenregie zu sehen, die die Übertragung in eine moderne Zeit klischeehaft so überdeutlich macht, dass man zuweilen im Boulevardtheater zu sein scheint. Dass Figaro und Susanna zu Beginn des ersten Aktes schon einen Akt hinter sich haben, der sie hinter der an der Wand lehnenden Matratze außer Atem gebracht hat, mag in die heutige Zeit passen, auch die Zigarette danach, die Susanna raucht. Gewiss, die Liebe, die Erotik, der wilde Geschlechtstrieb sind die treibenden Kräfte in dieser Oper, ob das aber eine Reduzierung auf das Sexuelle und dessen offensichtliche Darstellung notwendig macht, wie es im Laufe des Abends immer wieder zu sehen ist, halte ich für bezweifelnswert. Sicher, auch in der Zeit dieser Geschichte hat man es wild getrieben, aber doch vielleicht nicht so öffentlich wie heute. Dass auf der Bühne aber aus jedem Kuss ein Koitus, eine wilde Fummelei, eine offene Hose oder ein Blowjob wird, ist weder angemessen noch komisch, sondern irgendwann  in seiner Überdeutlichkeit einfach nur noch lästig. Und was daran komisch sein soll, wenn Männer sich einen Rock anziehen und Frauen sich einen Herrenhut aufsetzen, wird mir wohl ewig verschlossen bleiben. Wenn der Graf im Finale als Torero erscheint, mag das ein wenig geistreicher Hinweis darauf sein, dass die Geschichte in Spanien spielt. Dass der wütende Gärtner das Zimmer der Gräfin mit Gräsern und Feldblumen, die er durch das Fenster wirft, geradezu vollmüllt, zeugt von wenig Respekt vor der Obrigkeit und hinterlässt beim Zuschauer Fragezeichen. Wie witzig es ist, dass sich Cherubino einen Lampenschirm aufsetzt, um sich zu verstecken, können Partygag-Nostalgiker sicher besser nachvollziehen.

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Lin Lin Fan (Susanna), Celine Byrne (Gräfin Almaviva)

Der Zickenkrieg zwischen Susanna und Marcellina am Bügelbrett gehört ebenso zu den gewollten Modernisierungen wie die Kettensäge, die der Graf heranholt, um die Tür zum Kabinett der Gräfin zu öffnen und die natürlich, wie (fast) alles bei ihm, nicht funktioniert. Schwangere Frauen auf der Bühne zeigen hingegen, was bei ihm gut funktioniert – damit es auch jeder im Publikum versteht. Dass Susanna Cherubinos Arie auf einem Schuh der Gräfin wie auf einer Gitarre spielend begleitet, soll wohl komisch sein. Ist es aber nicht. Dass die Gräfin ihm einen BH umlegt und sich dann von ihm flachlegen lässt, auch nicht. Und dass der als Mädchen verkleidete Jüngling sich nicht in die Gruppe der Blumen überbringenden Mädchen einreiht, sondern in aufreizender Haltung einen Schritt vor den andern steht, schon gar nicht – und obendrein ein Beispiel für die holzhammertechnische Seite der Regie. Die Grenze zur fragwürdigen Peinlichkeit aber ist mit der Kostümierung des Mädchenchors als Girlies in Schuluniform mit kurzen Röckchen und Strapsen deutlich überschritten.

Der asthmatische Bartolo, der während der Rachearie seinen Achselschweiß wie eine Droge atmet, die Bürokratin im Business-Kostüm, die als verruchte Marcelline viel zu jung ist, um Figaros Mutter zu sein und die doch eigentlich in erster Linie auf ihre Altersversorgung  bedacht ist und Figaro selbst als ungepflegter, schmieriger Typ, der mehr wie ein Obdachloser und weniger wie ein Kammerdiener wirkt, gehören zu den personenregielichen Entgleisungen, deren schmerzhafteste aber die Charakterisierung der Susanna ist. Als berechnende kleine Zicke mit nicht wirklich ehrlich wirkendem Dauergrinsen fehlt der Figur genau die Natürlichkeit und Ehrlichkeit, die sie eigentlich so liebenswert macht, denn eigentlich liebt und handelt Susanna am sympathischsten von allen und verkörpert eine reine, uneigennützige Form der Liebe.

Allzu oft wird feine Komik billigen Effekten und flachen Gags geopfert, die noch nicht einmal komisch sind, weil sie entweder peinlich überzogen oder schon viel zu oft strapaziert wurden. Dass das Ganze mit Mitteln des absurden Theaters (Ende des dritten Aktes mit der Hochzeitsgesellschaft in schwarz und diversen Tiermasken) und gern bemühten Zeitparallelen (Zeitlupe und gleichzeitig Realzeit) versetzt wird, kann den Abend szenisch auch nicht retten.

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Hansung Yoo (Graf Almaviva)

Glücklicherweise kann das aber die musikalische Seite. Und hier beweist GMD Patrik Ringborg, dass leicht eben nicht flach sein muss. Das Versprechen, das er mit der Ouvertüre gibt, hält er den ganzen Abend über ein und dirigiert einen zauberhaften,  federleichten, geschmeidigen und im Tempo gern recht flotten Figaro, setzt dynamische Akzente und feine Nuancen und nimmt sich am Cembalo auch gern (wie es Tradition ist) ein paar humorvolle Freiheiten. Das Orchester folgt ihm hörbar gern, konzentriert und ohne nennenswerte Probleme.

Marc-Olivier Oetterli gestaltet die Partie des Figaro mit stimmlichen Feinheiten, klanglich aber doch etwas leichtgewichtig. Ein paar satte Töne möchte man vom Figaro denn doch hören. Lin Lin Fan singt die Susanna mit hellem, glasklarem, beweglichen Sopran, aber ohne interpretatorischen Tiefgang und bedient die Charakterisierung der Susanna wie oben beschrieben. Celine Byrne ist eine wundervolle Gräfin mit beseeltem, ausdrucksvollem Sopran, der traumhaft schön aufblühen kann und bei „Dove sono“ geradezu Gänsehaut auslöst. Hansung Yoo hat als Graf alles, was man sich wünscht und noch ein bisschen mehr: Einen hochkultivierten, angenehm timbrierten und rundklingenden Bariton mit feinen Zwischentönen und dazu eine auch schauspielerisch überzeugende Darstellungskraft. Geradezu natürlich wirken bei ihm die sotto voce-Passagen und sein „Contessa, perdono!“ könnte Steine erweichen. Als Cherubino kann Marta Hermann die Leidenschaftlichkeit und die Schrecken der Pubertät mit sinnlich klingendem, nicht zu leichtem Sopran überzeugend in Klang umsetzen. Mit markantem Bass singt Yorck Felix Speer den Bartolo, wobei er die aberwitzig schnellen Passagen eher vorsichtig angeht. Inna Kalinina ist eine klangvolle Marcellina, Natalia Perelló eine entzückende Barbarina. Johannes An hat in der Premiere neben dem Basilio auch den Don Curzio gesungen (nicht als Regieeinfall, sondern als Kranheitsvertretung, wie mir am Pressetisch versichert wurde) und hatte so an einem Abend die Gelegenheit  darstellerisch und gesanglich die Vielfalt seiner Gestaltungsmöglichkeiten zu zeigen. Und last but not least: Als Antonio dröhnt herrlich das Kasselaner Urgestein Dieter Hönig, dessen Gastauftritte aus dem Ruhestand  sich mit sympathischer Regelmäßigkeit wie ein roter Faden durch die Produktionen des Staatstheaters Kassel ziehen.

FAZIT

Eine Produktion, die von ihrem wundervollen Dirigat lebt, sängerisch helles, warmes Licht und Halbschatten bietet und szenisch zu den Inszenierungen gehört, die sich um eine Übersetzung in eine moderne Zeit bemühen, dabei aber den feinen, geistreichen Witz des Originals einer flachen, fragwürdigen Komik opfern und nur wenige Szenen zu bieten haben, die dem Werk etwas im positiven Sinne nachhaltig Eindrucksvolles geben.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Patrik Ringborg* /
Alexander Hannemann

Inszenierung
Tobias Theorell

Bühne und Kostüme
Herbert Murauer

Licht
Albert Geisel

Chor
Marco Zeiser Celesti

Kinderchor
Maria Radzikhovskiy

Dramaturgie
Jürgen Otten

 

Staatsorchester Kassel

Opernchor und Jugendchor
des Staatstheaters Kassel

Statisterie
des Staatstheaters Kassel


Solisten

*Premierenbesetzung

Graf Almaviva
Sebastian Noack /
*Hansung Yoo

Gräfin Almaviva
*Celine Byrne /
Elisabeth Bailey

Susanna
*Lin Lin Fan /
Ani Yorentz

Figaro
*Marc-Olivier Oetterli /
Hee Saup Yoon

Cherubino
Marta Herman

Marcellina
Inna Kalinina

Bartolo
Yorck Felix Speer

Basilio
Bassem Alkhouri /
*Johannes An

Don Curzio
Bassem Alkhouri /
*Johannes An

Antonio
Dieter Hönig

Barbarina
Natalia Perelló

Zwei Mädchen
Cantamus


Weitere
Informationen

erhalten Sie vom
Staatstheater Kassel
(Homepage)



Da capo al Fine

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