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Musiktheater
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Alcina

Oper in drei Akten
Libretto anonym nach Ludovico Ariostos Der rasende Roland
Musik von Georg Friedrich Händel

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Dauer: ca 3 1/2  Stunden – eine Pause

Wiederaufnahme am 5. Oktober 2016 (Premiere am 16. Mai 1998)
(Rezensierte Aufführung am 12. Oktober 2016)

 



(Homepage)

Wahre Liebe siegt über flüchtigen Genuss

Von Christoph Wurzel / Fotos: Martin Sigmund

Die Oper Stuttgart traut sich was. Sie nahm jetzt wieder eine achtzehn Jahre alte Produktion ins Programm, die - es sei gleich gesagt - allerdings alles andere als ein Ladenhüter ist. Unter anderem mit diesem Werk auf dem Spielplan hatte die württembergische Staatsoper 1998 zum zweiten Mal die Auszeichnung „Opernhaus des Jahres“ gewonnen. In diesem Jahr bekam das Haus diesen Titel nun schon zum siebten Mal verliehen und Alcina ist auch wieder dabei. Und auch das Regieteam ist wieder, bzw. immer noch da: Sergio Morabito und Jossi Wieler, deren dritte Opernproduktion Alcina seinerzeit für Stuttgart gewesen ist. Mittlerweile haben sie gemeinsam weit mehr als ein Dutzend meist höchst erfolgreicher Opernproduktionen an der Stuttgarter Oper erarbeitet und seit 2011 ist Jossi Wieler an dem Haus selbst Intendant.  All dies ist Chance genug, um erfolgreich aus einer Produktion von früher eine für heute zu machen. So genau gearbeitet wie diese seinerzeit über die Bühne ging, so frisch erscheint sie auch nach der Wiederaufnahme in dieser Spielzeit.

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Diana Haller (Ruggiero) und Agneta Eichenholz (Alcina)

Ihre Spannung bezieht diese Produktion aus präziser Personenregie. Dafür hat Anna Viebrock als Bühnenbild mitten in den Shabbylook verschlissener Tapeten einen überdimensionalen Rahmen in die Mitte der Bühne gestellt, der die Spielfläche in ein Vorne und ein Hinten teilt und rasche Szenenwechsel ermöglicht, wie sie in der barocken Dramaturgie unentbehrlich sind. Zugleich symbolisiert der Rahmen, womit die Inszenierung arbeitet: mit ausschnitthaften Perspektiven, Bespiegelungen der Situationen und die Konzentration auf  die subjektiven Zustände der Protagonisten. Denn diese stehen hier im Focus, nicht spektakuläre Bühnenaktionen, wie sie vielleicht in einer Zauberoper wie Alcina zu erwarten wären. Hier begegnet uns das Werk viel eher als eine Art Gleichnis für die Zerbrechlichkeit vordergründiger Freuden und die Verletzbarkeit daraus resultierender Gefühle. Denn das Inselreich der erotisch verzaubernden Alcina erweist sich am Schluss als ein Ort, an dem mehr gelitten als genossen wird. Frei werden die Figuren erst, als die erotische Macht der Königin durch wahre Liebe gebrochen wird. Dies  kämpft Bradamante durch, indem sie verkleidet als ihr eigener Bruder Ricciardo ihren Verlobten Ruggiero aus dem erotischen Zauberkreis Alcinas wieder zurückgewinnt - freilich mit vielen Mühen und nicht ohne Gefahr.

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Josy Santos (Oberto), Agneta Eichenholz ( Alcina), Yuko Kakuta (Morgana)

Beeindruckend korrespondiert in dieser Produktion die Psychologie der Figuren mit den musikalisch ausgedrückten Affekten, alle Rollen sind mit großer Genauigkeit modelliert. Und die Besetzung der Wiederaufnahme setzte diese Regiekonzeption großartig um. In der Titelrolle gab es krankheitsbedingt einige Umbesetzungen, so bekam eine junge Sopranistin in Stuttgart die Chance, sich mit der Gestaltung dieser Partie überaus eindrucksvoll zu profilieren. Heather Engebretson bewies trotz wohl sehr geringer Probenzeit enorme darstellerische Präsenz, mit unwiderstehlicher  erotischer Ausstrahlung bei ihrer Auftrittsarie („Sag mein Herz, wie sehr ich dich liebe“)  bis hin zum vollkommenen Zusammenbruch als enttäuschte Liebende in der großartigen Szene im dritten Akt mit der düsteren fis-Moll-Arie „Mir bleiben nur Tränen“, wenn sie zusammengesunken am Boden kauert. Mit ihrer jugendlichen Stimme bewies die Sängerin vor allem Anmut und Ausstrahlung, besonders die Liebesschwüre  wurden zu wahren Wonneschauern. Wenn sie auch in der tragischen Tiefe der emotionalen Erschütterung nicht ganz dieselbe Ausdrucksstärke erreichte, so wurde das Stuttgarter Debut von Heather Engebretson nicht auch zuletzt wegen der Brillanz ihrer vokalen Technik doch ein herausragendes Ereignis, das vom Publikum mit Begeisterung aufgenommen wurde.

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Stine Maria Fischer (Bradamante) und Yuko Kakuta (Morgana)

Die übrigen Rollen waren mit Mitgliedern des Stuttgarter Ensembles besetzt. Den Ruggiero sang Diana Haller, die immer wieder mit bezauberndem Piano beeindruckte. Zu  Höhepunkten des Abends wurden so das Arioso „Verdi prati“, aber auch die Arie „Mi lusinga il dolce affetto“, mit der Ruggiero sich seiner Liebe zu Bradamante neu bewusst wird. Als Bradamente zeigte Stine Marie Fischer große Virtuosität in den reich verzierten Koloraturen und spielte die unbeugsam Liebende in Männerkleidern mit überzeugender Präsenz. Als das von mehrfachen Anfechtungen geplagte Paar Morgana / Oronte waren Yuko Kakuta und Sebastian Kohlhepp ebenbürtige Rollenträger und beide gesanglich in Topform. Als Überraschung darf die junge Mezzosopranistin Josy Santos, Mitglied des Stuttgarter Opernstudios, gelten. Als Oronte, dem Sohn eines der vielen verflossenen Liebhaber Alcinas, die sie, nachdem sie ihrer überdrüssig geworden ist, in wilde Tiere verwandelt hat, gestaltete sie berührend das bemitleidenswerte Opfer von Alcinas umgarnender, aber ebenso zerstörerischer Macht. Kein Wunder, dass Alcina in dieser Inszenierung nicht von ihren eigenen Furien, sondern durch einen Schuss aus den Reihen der Protagonisten zu Tode kommt. Natürlich nicht ohne am Ende als Figur doch noch wiederzukommen, denn wir sind ja in einem Spiel und zum Markenzeichen des Regieduos Wieler / Morabito gehört immer auch wieder die ironische Brechung der bühnenrealistischen Illusion.

Mit dem britischen Dirigenten Christian Curnyn stand im hochgefahrenen Graben der Staatsoper ein ausgewiesener Barockspezialist am Pult der rund zwei Dutzend Mitglieder des Stuttgarter Staatsorchesters, die nicht allein mit wunderbarer Präzision und ausgeprägter Transparenz musizierten, sondern auch mit den ergänzten Blockflöten, herrlichen Hörnern, der Laute und einem wunderbaren Cellosolo den Klang zu barocker Schönheit veredelten.

FAZIT

Zeitlos gültig bleibt diese Produktion durch ihre psychologische Wahrhaftigkeit. In musikalischer Hinsicht punktet sie durch durchweg exzellente Sängerinnen und Sänger und ein Klangbild, das mit historischer Aufführungspraxis mithalten kann.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Christian Curnyn

Regie und Dramaturgie
Jossi Wieler und
Sergio Morabito

Bühne und Kostüme

Anna Viebrock

Szenische Einstudierung
Mira Ebert

 

Statisterie der Oper Stuttgart

Staatsorchester Stuttgart

Continuo
Alan Hamilton (Cembalo)
Josep M. Martí Duran (Laute)

Jan Pas (Violoncello)

Solisten

*rezensierte Aufführung

Alcina, Zauberin
*Heather Engebertson /
Agneta Eichenholz

Ruggiero, ein durch ihren Zauber
auf ihrer Insel festgehaltener Paladin

Diana Haller

Morgana, Alcinas Schwester
Yuko Kakuta

Bradamante, Ruggieros Verlobte,
die sich in Männerkleidung für ihren

Zwillingsbruder Ricciardo ausgibt

Stine Marie Fischer

Oronte, mit Morgana verlobt
Sebastian Kohlhepp

Melisso, Bradamentes Erzieher,
der sie bei der Befreiung Ruggieros begleitet

Arnaud Richard

Oberto, Sohn des von Alcina
in einen Löwen verwandelten
Paladins Astolfo

Josy Santos

Astolfo
Yehonatan Haimovich

 


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Staatstheater Stuttgart
(Homepage)



Da capo al Fine

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