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Musiktheater
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Peer Gynt

Oper in drei Akten (1938)
Libretto von Werner Egk nach dem gleichnamigen dramatischen Gedicht (1867) von Henrik Ibsen
Musik von Werner Egk


In deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 40' (eine Pause)

Premiere am 17. Februar 2016 im Theater an der Wien

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Theater an der Wien
(Homepage)

Über den Wolken

Von Roberto Becker / Fotos: © Werner Kmetitsch

Natürlich lässt sich trefflich darüber streiten, ob man nun ausgerechnet Werner Egks Oper Peer Gynt in Wien reaktivieren muss, wenn es bei Benjamin Britten oder sogar bei Leoš Janáček noch auffällige Repertoirelücken gibt. Von Korngold, Schreker und Co. ganz zu schweigen. Und das in einer so opernaffinen Stadt wie Wien, wo nicht nur in der Staatsoper jeden Tag der Vorhang hochgeht, sondern auch noch die Volksoper ihre Kundschaft bedient und das Theater an der Wien mit seinem anspruchsvollen Stagione-Spielplan für die Präsenz der Wiener Opernszene im überregionalen, internationalen Feuilleton sorgt.

Vergrößerung

Peer ist in der ausgelassenen Hochzeitsgesellschaft ein Fremder.

Anderseits ist der offene Blick auf die überlieferte Geschichte des Genres ein Wert an sich. Dass ausgerechnet Peer Gynt nach seiner Berliner Uraufführung 1938 dem Oberwagnerianer Hitler und seinem Propagandaminister gefiel, kann ja kaum ein K.O.- Kriterium in einer Welt sein, in der Richard Wagner und Richard Strauss zu den Säulenheiligen gehören. Sollte sich Hitler selbst in der Rolle des Mannes mit dem Ehrgeiz, der Kaiser der Welt zu werden, gesehen haben, wäre das genauso erhellend für dessen Psyche und deren Kurzschlüsse, wie die, die ihn zum Verehrer von Wagners Rienzi oder der Götterdämmerung machten. Aber darum und um Egks aus heutiger Sicht zumindest merkwürdig anmutenden Versuche, sich zum (inneren) Widerständler gegen seine brauen Brötchengeber zu machen (als erster Kapellmeister der Lindenoper ziemlich unwahrscheinlich), geht es Regisseur Peter Konwitschny nicht.

Vergrößerung Konsumorgie im Land der Trolle

Wie kritisch man Egk politisch auch sehen mag, seine Oper verblüfft tatsächlich mit ihren unüberhörbaren Anklängen an die Musik des erklärten und obendrein jüdischen Regimegegners Kurt Weill. Und mit ihren von den Nazis ebenfalls verpönten Anklängen an Jazz oder Charleston, überhaupt ans dezidiert Nichtdeutsche. Wo sich Strauss ins Bukolische absetzte, da öffnete sich Egk - zumindest noch im Peer Gynt - demonstrativ der Welt. Allein das rechtfertigt es, sich das Werk einmal szenisch vorzunehmen. Da bleiben all die Möglichkeiten, das Ringen des Außenseiters mit der Gesellschaft auszuloten, oder die Welt der Trolle als Diagnosespielwiese einer kapitalistischen Gesellschaft außer Rand und Band zu zeigen. Was sich unter der Hand gleich noch zu einem Bild des Triumphes des Postfaktischen gegenüber dem Erbe der Aufklärung auswächst. Der Trollkönig, der den Leuten, die in sein Reich wollen, ein Auge nimmt und das andere so manipuliert, dass sie die Welt so sehen wie er? Da muss man nur noch den Schlips auf die unnachahmlich geschmacklose Art binden wie der neue Präsidentendarsteller in Washington, und schon bleibt einem bei der schönsten Trump-Parodie das Lachen im Halse stecken.

Vergrößerung

Hier verhandelt Peer noch mit dem Potentaten in der Neue Welt.

Peter Konwitschny und Helmut Brade (der zur kleinen Gruppe der mit diesem Regisseur seit vielen Jahren vertrauten Ausstattern gehört) machen daraus aber keine Politstiere, sondern bleiben im Grundsätzlichen. Bringen die Trollwelt metaphorisch auf den Kaufhausnenner. Sie finden die Balance zwischen Zeitkritik und Charakterporträt. Das ist in dem einen so hinreichend deutlich, wie in dem anderen differenziert. Egks Musik fasziniert mit ihrem gekonnten Changieren. Bis hin zu einer offenen Huldigung an Richard Strauss im Schlussbild, bei dem er Rosenkavalier- bzw. Arabella- Ehrgeiz entwickelt.

Vergrößerung Mit seinem Schiff entschwinden Peers Hoffnungen, Kaiser der Welt zu werden.

Die Geschichte des außenseiterischen Märchenerzählers, der irgendwann gerne auch der Kaiser der Welt wäre, beginnt vorm Wolkenvorhang, der immer wieder die Umbauten verdeckt. Mit wechselnder Wetterlage, je nach Stimmung. Bei der turbulenten Landhochzeit muss ihn die Mutter mit der MP aus der Bredouille befreien, in die er sich gleich zu Beginn hineinrauft. Das Land der Trolle ist ein Konsumtempel, der in seiner mit diversen Sprüchen versehenen Fassade wie eine Visitenkarte von Ausstatter Helmut Brade wirkt. Hier kann Peer gerade noch der Vereinnahmung entkommen. Er behält lieber seinen eigenen Blick auf die Welt, so, wie er sie sieht. Bei seinem Ausflug nach Amerika assoziiert die skizzierende Ausstattung eine Bilderbuchmischung aus Wildwest und Karibik. Einschließlich Verhandlungspartner in der Badewanne unterm Palmwedel und einem kleinen Feuerwerk, wenn Peers Goldfrachter und alle seine Hoffnung auf die Weltherrschaft untergehen. Eindrucksvoll ist die Begegnung mit dem Tod, der in einer Limousine vorfährt und dann das Abdrehen mit Solveig ins Melodienland der Utopie. Konwitschny liefert das als eine Revue mit Tiefgang, aber ohne Zeigefinger und mit differenziertem Gespür fürs Unterhaltende.

Und er hat ein Ensemble zur Verfügung, das diesen lustvoll ausgespielten Ansatz überzeugend trägt. Allen voran der Däne Bo Skovhus (längst ein Quasi-Wiener und seit zehn Jahren österreichischer Kammersänger) in der Titelpartie und als vokales und darstellerisches Zentrum der Produktion. Für Konwitschny der Sympathieträger. Dieser Peer ist meistens mit den Gedanken bei der so blinden wie reinen Herzens liebenden Solveig und oft mit dem Körper bei der verführerisch lasziven Trollkönigstochter mit den roten Haaren. Dass beide in fliegendem Perückenwechsel von der hinreißenden Maria Bengtsson verkörpert werden, ist eine dialektische Pointe so recht nach der Art des Regisseurs. Leo Hussain schwelgt am Pult des ORF-Orchesters im Wechsel der Stilwelten und sorgt mit Umsicht für den Zusammenhalt der Handlung, auch wenn die in den Umbaupausen immer wieder unterbrochen wird.


FAZIT

Das Theater an der Wien wird auch mit Werner Egks Peer Gynt seinem Ruf gerecht, das spannendste Musiktheater in Wien zu sein. Altmeister Peter Konwitschny erweist sich zudem als der richtige Anwalt für diese Oper mit dem belasteten Uraufführungsjahr.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Leo Hussain

Inszenierung
Peter Konwitschny

Ausstattung
Helmut Brade
Guido Petzold

Konzeptionelle Mitarbeit
und Dramaturgie
Bettina Bartz

Chor
Erwin Ortner


Arnold Schoenberg Chor

ORF Radio-Symphonieorchester Wien


Solisten

Peer Gynt
Bo Skovhus

Solveig/ Die Rothaarige
Maria Bengtsson

Aase/ Dritter schwarzer Vogel
Natascha Petrinsky

Ingrid/ Kellnerin/ Erster schwarzer Vogel
Nazanin Ezazi

Der Alte, König der Trolle
Rainer Trost

Frau des Vogtes/ Zweiter schwarzer Vogel
Cornelia Horak

Mads/ Bedienter
Andrew Owens

Der Präsident/ Ein Unbekannter
Stefan Cerny

Erster Kaufmann/ Vogt/ Hoftroll
Michael Laurenz

Zweiter Kaufmann/ Der Schmied
Zoltán Nagy

Dritter Kaufmann/ Der Haegstadtbauer/ Zuhälter
Igor Bakan


Weitere Informationen

Theater an der Wien
(Homepage)





Da capo al Fine

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