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Der Freischütz

Romantische Oper in drei Aufzügen
Libretto von Johann Friedrich Kind
Musik von Carl Maria von Weber


In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 50' (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Zürich am 18. September 2016


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Opernhaus Zürich
(Homepage)
Auf zum Schützenfest

Von Roberto Becker / Fotos © Hans Jörg Michel


Seitdem Herbert Fritsch (65) vor ein paar Jahren die Seiten gewechselt hat, ist auf den Bühnen, die er als Regisseur entert, wieder Farbe eingezogen. Bei Andreas Homoki in Zürich heißt das: die Oper ist bunt, sinnlich, überdreht grotesk und opulent. Als polemischer Gegenentwurf zum Sperrmüll-Trash oder der seminaristischen Nüchternheit, die die Opernästhetik heute zu einem großen Teil bestimmen. Homoki hat schon immer als Intendant die Vielfalt der Handschriften an seinem jeweiligen Haus gefördert.

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Max wird von Kaspar verführt

Fritsch ist da ein Vorreiter, der sich den revoluzzernden Geist von Frank Castorfs Volksbühne, an der er als Schauspieler zur Marke des Hauses gehörte, bewahrt hat. Aber eben doch ganz anders. Er pumpt alles mit Bewegungsenergie auf, lässt seine Protagonisten künstlich übertreiben, in falschen Stimmlagen reden und die Farben explodieren. Schert sich einen Teufel um Realismus und die Realität. Macht aus dem, was er macht, etwas eigenes, sofort Wiedererkennbares: seine Theaterrealität. Dabei kommt er notfalls auch ohne Worte aus. Sein Meta-Stück ist immer noch "Murmel, Murmel", das an der Kasse zum Kult geadelt, zu der Volksbühne gehört, die jetzt auf Abwicklungsmodus läuft und ihrem Umbau zur Theater Tate Modern durch Chris Dercon entgegen bibbert.

Vergrößerung in neuem Fenster Beim Blick in Agathes Stube dreht sich alles

Fritsch jedenfalls hat die Dankesschuld, die der Schauspieler möglicherweise der Volksbühne und ihrem spiritus rector gegenüber nach seinem nicht ganz geräuschlosen Abgang aus dem Ensemble hatte, als zurückgekehrter Regisseur längst abgetragen. Und wird - wie jetzt bekannt wurde - im Westen der Hauptstadt, bei Thomas Ostermeier in der Schaubühne, für Farbe sorgen. Was die Oper betrifft, da stellt sich, ähnlich wie bei dem anderen strengen Formästhetiker Robert Wilson, eigentlich nur die Frage, ob die Stücke zu diesem Regisseur passen oder nicht. Beim Don Giovanni, den er an der Komischen Oper durch seine Komödiantenmühle drehte, behalten im Nachhinein die Zweifel die Oberhand. Beim Freischütz nicht. Und zwar vor allem deshalb, weil die Fritsch-Methode aus den Schwächen dieses unter der Bürde der deutschen Nationaloper ächzenden musikalischen Wurfes Carl Maria von Webers Vorzüge macht. Die Dialoge, die nicht die hellsten Kerzen im Kranz der deutschen Operndichtkunst zählen, funktionieren plötzlich, machen Sinn und den Protagonisten wie dem Publikum Spaß. Das ist eine der verblüffenden Erkenntnisse des Zürcher Premieren-Abends.

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Brautjungfern mit Minibeeten auf dem Kopf

Als sein eigener Bühnenbildner hat er dafür auch genau den passenden Rahmen gefunden. Was von der einen Drehbühnenseite aus eine windschiefe Kirche ist, beinhaltet von der anderen Agathes Stube. Natürlich ist die Kirche knallbunt und die Kirchturmspitze kann schweben. Und ebenso selbstverständlich ist die Stube so tapeziert, dass einem beim Reinschauen auf die verwirbelten Blumenmuster schwindlig wird. Dass Samiel bei Fritsch von der Stimme aus dem Off zum dauerpräsenten Mephisto avanciert, war zu erwarten. Und dass Florian Anderer daher kommt wie das teuflische alter ego des Regisseurs eigentlich auch. Um da noch einen drauf zu setzten, musste nur noch die Schwerkraft ausgetrickst werden. Also kann dieser Teufel in der Horizontalen auf der einen Seite den Kirchturm hinauf spazieren, sich oben am Kreuz festhalten und daran rütteln und auf der anderen Seite genauso wieder herunter gelangen. Also sozusagen dem lieben Gott am Bart zupfen. Bei so viel Teufelei braucht man weder Wald noch Waffen. Beides lässt sich (selbst beim Jägerchor) in Sprechblasen-Manier auch imaginieren. Klar, dass diesem Gesellen dann auch mal einer auf dem Teufels-Schwanz tritt und so der running gag immer als verhindertes Rennen daher kommt. Und wenn er dann mal rennt, dann möglichst immer auch gegen eine Wand.

Natürlich wird hier auch der Jungfernkranz zu einer finsteren Lachnummer, die den musikalischen Hit der Oper (also einen davon) kräftig unterläuft. Altjüngferlich geht's da zu. Mit Hüten, die kleinen Blumenbeeten gleichen. Und Mienen, die grün vor Neid sind. Beim Happyend zieht sich Fritsch mit einem ziemlich vertrottelten Ottokar aus der Affäre.

Vergrößerung in neuem Fenster Agathe ahnt den Teufel in ihrem Rücken

Am Ende macht sich der Teufel unter Agathes Brautkleid so zu schaffen, dass es qualmt. Diese Agathe ist die vokale Überraschung des Abends. Noch keine 30 - aber mit Format in jeder Hinsicht. Lise Davidsen heißt sie, aus Norwegen kommt sie und wie ihre große Landsfrau Kirsten Flagstad wird man sie sicher in nicht allzu ferner Zeit im deutschen Wagner-Eichwald wieder finden. Ihre obendrein mit Selbstironie servierte Agathe jedenfalls macht Eindruck. Christopher Ventris als Max an ihrer Seite macht sein Abstecher in die deutsche Romantik sichtbar Freude. Christof Fischesser liefert zu seinem eindrucksvollen Kaspar zudem noch ein gesprochenes Kabinettstück. Mélissa Petit ist ein herziges Ännchen. Der Chor in Hochform. Und Marc Albrecht rundet dieses deftige Opernvergnügen mit Verve im Graben ab. Zupackend und frisch auf Augenhöhe mit der Szene.


FAZIT

Herbert Fritsch macht Webers Freischütz in Zürich zu einem teuflischen Vergnüngen



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Marc Albrecht

Inszenierung, Bühne und Video
Herbert Fritsch

Kostüme
Victoria Behr

Licht
Torsten König

Chor
Jürg Hämmerli

Dramaturgie
Claus Spahn


Chor der Oper Zürich

Philharmonia Zürich


Solisten

Fürst Ottokar
Oliver Widmer

Kuno
Pavel Daniluk

Agathe
Lise Davidsen

Ännchen
Mélissa Petit

Kaspar
Christof Fischesser

Max
Christopher Ventris

Ein Eremit
Wenwei Zhang

Kilian
Yuriy Tsiple

Samiel
Florian Anderer

Erster Jäger
Benjamin Mathis

Zweiter Jäger
Sebastian Zuber

Weitere
Informationen

erhalten Sie vom
Opernhaus Zürich
(Homepage)



Da capo al Fine

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