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Musiktheater
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Macbeth

Melodramma in vier Akten
Text von Francesco Maria Piave mit Ergänzungen von Andrea Maffei
nach The Tragedy of Macbeth von William Shakespeare


In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Veranstaltungsdauer: ca. 3h (eine Pause)

Premiere an der Staatsoper Unter den Linden am 17. Juni 2018


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Staatsoper Berlin
(Homepage)
Machtkampf vor bröckelnden Fassaden

Von Roberto Becker / Fotos von Bernd Uhlig

Sie können es alle nicht lassen: Daniel Barenboim (75) ist Staatskapellen-Dirigent auf Lebenszeit. Zuverlässig, hoch geschätzt, auch wenn er manchmal sein Recht auf eigenwillige Interpretationen extensiv in Anspruch nimmt. Darf er. Soll er. Macht er. Harry Kupfer (82) - die Regielegende gehörte zu den ganz Großen in der DDR. War aber nie und in keiner Hinsicht auf deren Enge begrenzt; prägte auch nach der Wende die Opernästhetik an gleich zwei Berliner Häusern. Er installierte ein Wagner-Bündnis mit Barenboim. Und pflegt jetzt einen Altersstil, der sich freilich immer weiter von sich selbst entfernt. Bei ihm fordert das Alter künstlerischen Tribut, wenn man allein an die Tableaus denkt, mit denen er einst einen ersten Meistersingerakt oder die Wartburggesellschaft im Tannhäuser zu atemberaubenden Gesellschaftsportraits zu weiten verstand. Das gelang ihm allemal intellektuell, aber auch, indem er die dafür nötige körperliche Energie auf die Darsteller, einschließlich des letzten Choristen übertrug. Doch zwischen dem einstigen Vormachen und dem heutigen Anweisen liegen beim künstlerischen Ergebnis naturgemäß Welten. Stehempfänge wie jetzt in der Bankettszene oder dieses Klischee-Selbstzitat (Mäntel-Koffer-Elend-Flucht) bei der Klage der Schotten über die Tyrannei in ihrem Vaterland, die wären früher auf keine Bühne gekommen, über die Kupfer das Sagen hatte. Und in seinen Inszenierungen wären sie schon gleich gar nicht passiert.

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Anna Netrebko: Die First Lady träumt von der Macht

Immerhin ist auch sein langjähriger Ausstattungspartner Hans Schavernoch (72) im Modus eines Altersstils, der sich auf atmosphärische Foto- und Video-Einspieler beschränkt und mit wenigen Ausstattungsversatzstücken und dem Einsatz von Bühnentechnik auskommt und ansonsten den singenden Protagonisten das Feld überlässt. Diesmal sind es brennende Schlacht- (oder Öl-?)Felder, verwitterte Ruinen und Gewölbe - Schottenfeeling vom Feinsten. Ein Schauplatzwechsel durch die (in der frisch renovierten Lindenoper geräuschlos funktionierende) Hebebühne, ein paar weiße Ledermöbel und ein Bett. Das war's. Das Sofa kann Anna Netrebko besteigen und sich räkelnd darauf singen. Sie kann das wirklich. Und der müde und von ihr getriebene Titelheld kann sich dort ausruhen.

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Placido Domingo und Anna Netrebko: Der müde Krieger und die ehrgeizige Lady

Und damit sind wir beim spektakulärsten Beispiel von Nicht-Lassen-Können: der Ausnahmetenor Plácido Domingo arbeitet mit seinen 77 Jahren (laut Wikipedia) an seiner Sammlung von Bariton-Partien. Jetzt ist er bei Macbeth angekommen. Wie er das macht, das war dann doch ziemlich erstaunlich! Der Szenen- und dann der Schlussapplaus, den er bekam, hatte nur einen kleinen Teil von Respekt fürs Lebenswerk. Er war überwiegend durch eine verblüffend überzeugende Gestaltung mehr als gerechtfertigt. Domingo ist zwar nicht wirklich ein Bariton, sondern immer noch ein Tenor der Extraklasse, der nicht mehr in die strahlenden Höhen von einst kommt. Aber wie er diesen Macbeth auf seine eigene Art bewältigt, ohne stimmlich zu ermüden, das nötigt größten Respekt ab! Der Schottentyrann gehört zu den gelungenen Beispielen von Domingos "Fachwechsel".

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Macht um jeden Preis, auch wenn das Land in Trümmer geht

Anna Netrebko gehört natürlich nicht in diese Kategorie der rüstigen Senioren. Sie macht, was sie immer macht: sie fügt sich problemlos als Teamplayer in das Konzept ein, liefert zwar die große Netrebko-Show, singt aber trotzdem ihre Kollegen nicht an die Wand. Sie erfüllt nicht Verdis gerne zitierte Maßgabe, möglichst hässlich jenseits der Grenze zum Schönen zu singen, aber sie gestaltet die Obsessionen dieser ehrgeizigen, machtversessenen Frau ebenso überzeugend wie den Wahnsinn, in den sie dann verfällt. Zur Netrebko-Show gehörten die mühelos in den Raum geschleuderten Spitzentöne und ihr Wechsel ins stimmliche Kellergeschoss. (Für einen Moment wünscht man sich diese großartige Sängerin in die düstere Zürcher Macbeth-Inszenierung von Barrie Kosky). Aber sei's drum. Anna Netrebko und Plácido Domingo können auch beim Macbeth wieder miteinander. Vor allem die beiden machen diese Premiere an der Lindenoper zu dem Glanz- und Glamour-Event, als das es verkauft wurde. Inklusive einer Liveübertragung für tausende zusätzliche Gäste auf den August-Bebel-Platz. Es fällt zwar schwer, die von den Veranstaltern kolportierte Zahl von über 60.000 zu glauben. Aber gut gefüllt war der Platz. Außerdem hatten die Publiv- iewing Freunde, die sich gegen Fußball und für die Oper entschieden hatten, eindeutig die bessere Wahl getroffen.

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Bei Macbeth sieht Gespenster - aus gutem Grund

Das übrige Ensemble hat es natürlich bei solchen Stars nicht leicht, hält aber fast durchgängig auf Staatsopernniveau mit. Kwangschul Youn ist ein solider Banquo und Fabio Sartori schmettert seine große Macduff-Arie natürlich mit Verve über die Rampe. In den kleinen Partien des Arztes fällt Dominic Barberi ebenso angenehm auf wie Evelin Novaks Kammerfrau. Nur Florian Hoffmann wirkt als Malcolm blass. In keiner besonders guten Verfassung präsentierte sich der Staatsopernchor. Das wackelte gleich zu Beginn und wurde nicht besser. Hoffentlich erwischt der Chor bei der Liveübertragung von arte eine bessere Form. Barenboim und die Staatskapelle setzten souverän auf einen getragenen Verdi-Ton. Fürs Entfesseln von dessen jugendlicher Leidenschaft war das wohl auch nicht der angemessene Rahmen und die passende Besetzung der Titelpartie.

FAZIT

Die Berliner Staatsoper Unter den Linden versteht sich auch darauf, Oper als großes Event in Szene zu setzten. Die großen Namen wirken als Zuschauermagnet - und einige halten auch, was sie versprechen.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Daniel Barenboim

Inszenierung
Harry Kupfer

Bühne
Hans Schavernoch

Kostüme
Yan Tax

Mitarbeit Regie
Derek Gimpel

Video
Thomas Reime

Licht
Olaf Frese

Chor
Martin Wright

Dramaturgie
Detlef Giese


Staatsopernchor Berlin

Staatskapelle Berlin


Sänger

Macbeth
Plácido Domingo

Banquo
Kwangchul Youn

Lady Macbeth
Anna Netrebko

Kammerfrau
Evelin Novak

Macduff
Fabio Sartori

Malcolm
Florian Hoffmann

Mörder, Erscheinung
Jan Martiník

Erscheinungen
Raphael Küster
Niels Domdey
(Solisten des Kinderchors)

Arzt
Dominic Barberi

Diener
Insoo Hwoang



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Staatsoper Unter den Linden Berlin
(Homepage)



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