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Otello

Dramma lirico in vier Akten
Libretto von Arrigo Boito nach Shakespeares The Tragedy of Othello, the Moor of Venice
Musik von Giuseppe Verdi


in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Bielefeld am 7. Oktober 2017


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Theater Bielefeld
(Homepage)

Da waren's nur noch

Von Stefan Schmöe / Fotos von Vincent Stefan


Fake News? Eine kleine Manipulation der Wahrheit bringt Otellos Welt zum Einsturz. Es sind, nennen wir es einmal: alternative Fakten, die Jago ihm auftischt, die aus der Sympathie Desdemonas für den kreuzbraven Cassio eine verbotene Liebesaffäre machen, die bekanntlich tödlich endet. Ein Schelm, wer angesichts dieses Superbösewichts, der offenbar eine Leidenschaft für den Golfsport hat (jedenfalls ist der Golfschläger sein wichtigsten Accessoire), an Parallelen zu Personen der Zeitgeschichte denkt? Wohl kaum. Für Regisseur Paul-Georg Dittrich ist das Manipulationsgenie Jago der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, und im Gegensatz dazu ist das Schicksal Otellos und Desdemonas letztendlich zweitrangig. Die Oper müsse eigentlich "Jago" heißen, haben ja schon viele bemerkt. Hier ist das ziemlich radikal umgesetzt.

Szenenfoto

Ankunft des siegreichen Feldherren Otello in faschistischem Ambiente. Der Lampenkranz hängt ihm da schon wie eine Dornenkrone über dem Haupt.

Mit dem bulgarischen Bariton Evgueniy Alexiev hat das Theater Bielefeld einen phänomenalen Jago im Ensemble. Oobwohl als indisponiert angekündigt, singt er mit metallisch strahlender, großer, gut fokussierter Stimme (bei ein paar hohen Tönen muss er mogeln, was ihm gut gelingt) einen abgründigen Strippenzieher, bei dessem von der Rampe mit ebenso böser Wucht wie zynischer Nonchalance ins Publikum geschleuderten Credo die Opernwelt erschrocken nach Ostwestfalen blicken muss. In kurzen Hosen und einer absurden Uniformjacke ist er Komiker, Mephisto, Strippenzieher; ein Conferencier wie aus dem Cabaret und ein Teufelchen, kurz: eine schillernde Figur, wie man sie selten erlebt. Ein Popstar, der mit dem allgegenwärtigen Golfschläger wie mit einem Mikrophon oder einer Gitarre herumtobt. Immer wieder setzt er sich in den Balkon des Zuschauerraums und sieht dem von ihm initiierten Spiel zu (auf diesem Balkon sitzt schon der Kinderchor des Theaters mit albernen silbernen Perücken und noch alberneren Schmollmund-Masken). Man kann ihm nicht einmal böse sein. Aber man staunt, was er aus der Welt machen kann. Alexiev spielt und singt das alles großartig, ist ungeheuer agil und besitzt eine außerordentliche Präsenz.

Szenenfoto

Der Klassenkasper? ja und nein; dieser Jago ist Witzfigur und Dämon zugleich.

Wer aber ist der Regisseur, der diese bizarre Inszenierung zu verantworten hat? "Theater, denen es nicht mehr gelingt die Frage: "Was soll das?" zu provozieren, werden mit Recht geschlossen. Ohne Konflikte kein Theater. Theater müssen Orte des Widerspruchs sein oder sie sind überflüssig." Der Satz stammt von Heiner Müller, so steht es jedenfalls ganz oben auf der Homepage von Paul-Georg Dittrich, geboren 1983, und dieser Satz ist für den Regisseur ganz offensichtlich Programm. An Widerspruch mangelte es am Premierenabend nicht (wobei immerhin bemerkenswert wenige Besucher die Aufführung zur Pause verließen). Dittrich fügt auf besagter Website auch gleich an, wie er sich das im Detail vorstellt: "Das klassische Spartendenken aufzubrechen, Erzählkontinuitäten durch überraschend hereinbrechende Ereignisse zu sprengen und Inszenierungen performativ aufzuladen. Notenmaterial nicht als ein Heiligtum anzusehen, sondern mit allen zur verfügungstehenden [sic!] ästhetischen Mitteln eine gegenwärtige Haltung zu produzieren." Man muss konstatieren: Das hat er hier ziemlich konsequent umgesetzt. Der Mann bellt nicht nur, er beißt auch.

Szenenfoto

Trinklied mit Folgen: Cassio lässt sich in Popstar-Manier zu erhöhtem Alkoholkonsum hinreißen. Jago schaut vom Gartenstuhl aus amüsiert zu.

Für die Provokation greift Dittrich tief in die Bert-Brecht-Heiner-Müller-Kiste. Er lässt die Inszenierung in den Zuschauersaal überschwappen, postiert in der Pause einen Mann mit zugenähtem Mund im Foyer (der verteilt Handzettel mit der Aufforderung, Stimme zu erheben), und es gibt ein pantomimimisches Vorspiel, bei dem Jago die Grundaufstellung vornimmt und die Figuren so postiert, wie er sie haben möchte. Dabei werden die Akteure zu Platzhaltern stilisiert - Cassio als der ewige Galan mit Rose, Rodrigo als Kapitalist, Desdemona als romantische Jungfrau im Brautkleid. Teilweise wiederholen sie wie Aufziehpuppen endlos die immergleiche Folge von Gesten. Ein an faschistische Symbole erinnerndes Emblem taucht regelmäßig auf, wird den Akteuren angeheftet und wieder abgenommen. Nach der Pause hängen Transparente im Saal, die vordergründig Otello denunzieren, aber eigentlich auf die Mechanismen solcher Denunziation aufmerksam machen. Die Stoßrichtung ist klar: Die Manipulatoren sind unter uns, und die Geschichte lehrt uns allerlei düstere Beispiele.

Verfremdungseffekte sind eine Selbstverständlichkeit. In der Trinkszene des ersten Aufzugs treten Jago, Cassio und Rodrigo an drei Mikrophone, und die Choristen heften ihnen selbstklebende Zettel mit den entsprechenden Getränken an - "Wasser" für Jago und Rodrigo, "Whiskey" und "Wein" (viele Zettel) für Cassio. Überhaupt gibt es wenig Requisiten (vieles lässt sich vom Plastik-Gartenstuhl aus abhandeln) und kein Bühnenbild, dass eine naturalistische Handlung irgendwo verorten würde. Auf der Drehbühne steht ein kreuzförmiger Laufsteg, der genug Aktionsfläche bietet, und auf diverse Leinwände werden Videos (oft Live-Bilder) projiziert. Wenn immer wieder mal Tuchbahnen herunter fahren (sie dienen als Projektionsflächen), dann erinnert das an Bilder von NS-Aufmärschen. Der uniform gekleidete Chor dagegen sieht aus wie in einem Science-Fiction-Film. Und im vierten Akt ist die Bühne bis auf ein zurückgelassenes Podest leer und man blickt in den hell ausgeleuchteten, schmucklosen Bühnenraum mit allen technischen Einrichtungen. Keine Illusion, nirgends.

Szenenfoto

Nein, das Ende ist das noch nicht, wir sind erst im dritten Aufzug: Otello demütigt Desdemona vor der Volksmenge. Jago (hinten) ist schon wieder zufrieden mit dem Lauf der Dinge.

Zu einer schlüssigen oder gar geschlossenen Deutung fügt sich die Bilderflut nicht, und das ist durchaus eine Stärke, denn die Regie rutscht vielleicht in den Irrsinn, aber jedenfalls nicht in die Banalität ab. Dittrich erzählt die Geschichte sogar ziemlich korrekt nach und arbeitet bei allen Nadelstichen sehr genau in der Personenführung. Es entsteht ein extrem ungemütlicher Otello, der erhebliches Unbehagen verursacht und einen gehörige Zeit verfolgt. Im Detail kann man die Regie sicher zerreißen, aber sie will ja gar nicht den Konventionen folgen, sie will schon gar nicht gefallen. So falsch liegt sie bei Otello damit nicht (wobei andererseits gerade diese durch und durch geniale Oper selbsttragend wäre, wenn die Regie sie nur lassen würde). Der Moor, oder politisch absolut inkorrekt: Der Neger hat seine Schuldigkeit getan und kann geh'n, so geht das. Der Kinderchor liest passend das böse Bilderbuch von den "Zehn kleinen Negerlein" (die aktuelle Auflage heißt übrigens "Zehn kleine Kinderlein"). Der große Otello (der übrigens hellhäutig ist) mal so eben abserviert? Da waren's nur noch neun. Oder gar keiner mehr.

Szenenfoto

Der große Otello, von Eifersucht zerrieben. Emilia - unten angeleint - kann die "alternativen Fakten" um das dubiose Taschentuch nicht korrigieren.

Es wird zudem großartig gesungen, nicht nur vom Jago, sondern auch von Mikhail Agafonof, der einen großformatigen, baritonal timbrierten Otello gibt, mit viel Strahlkraft und Durchhaltevermögen, aber mit den Schattierungen, die der scheiternde Kriegsheld unbedingt braucht. Nur ein schönes Piano, das hat er nicht, bestenfalls ein leises Forte (was einen Unterschied macht), und im Liebesduett mit Desdemona wünschte man sich mehr Substanz bei den wirklich leisen Tönen. Aber das Toben und Wüten, das macht er eindrucksvoll. Als indisponiert ankündigen ließ sich auch Sarah Kuffner, die Desdemona, und manche Huster wiesen auf eine heftige Erkältung hin, gesungen war die die Partie an diesem Premierenabend aber sehr ordentlich, nicht zu klein in der Stimme und mit vielen Nuancen, tragfähig auch in den leisen Passagen, wenn auch mitunter sehr auf Sicherheit bedacht. Mit nicht zu hellem, geschmeidigem Tenor ist Daniel Pataky ein eindrucksvoller Cassio, und die zierliche Hasti Molavian als Emilia (sie muss manche szenische Zumutung ertragen) dreht im Finale groß auf. Auch die weiteren Partien sind durchweg sehr ordentlich besetzt, die Chöre singen klangvoll und präzise und mit viel "Biss".

Aber stand bei Dittrich nicht etwas von "Notenmaterial nicht als Heiligtum ansehen"? Ein paar Eingriffe gibt es, wenn etwa die Mandoline elektronisch verstärkt wird und dadurch das Klangbild verändert. Ansonsten erledigt das der Dirigent Alexander Kalajdzic durch die Art der Interpretation, die alle dramatischen Stellen scharf zuspitzt und es ordentlich knallen lässt, entsprechend der Regie plötzliche Generalpausen einfügt (aber nur ganz selten), durch eine genaue Lautstärkendisposition die Klangfarben verändert (da hört sich manches anders an als gewohnt, das hat aber Hand und Fuß). Was auf der Strecke bleibt, das sind die lyrischen Passagen, an denen freilich auch der Regisseur wenig Interesse zeigt: Das Liebesduett im ersten Akt, zu schnell und zu oberflächlich gespielt, und Desdemonas große Szene im Schlussakt mit dem Lied von der Weide und dem Ave Maria (und genau in diesen Passagen erlauben sich die ansonsten sehr guten Bielefelder Philharmoniker einige Ungenauigkeiten). Und so mitreißend eben auch JagosCredo und viele dramatische Ensemble-Szenen gelingen - es bleibt auch einiges, was zum Bedeutendsten der Opernliteratur gehört, auf der Strecke.


FAZIT

Ein Abend mit sehr ambivalenten Eindrücken: Eine mitunter ausgesprochen ärgerliche, gleichzeitig in jedem Moment sehr spannende Regie, die viel Unbehagen zurücklässt; ein aufregendes und knalliges Dirigat mit Leerstellen in den lyrischen Szenen. Uneingeschränktes Lob gilt den exzellenten Sängerdarstellern.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Alexander Kalajdzic

Inszenierung
Paul-Georg Dittrich

Bühne
Lena Schmid
Monika Annabel Zimmer

Kostüme
Anna Rudolph

Video
Vincent Stefan

Chor
Hagen Enke

Dramaturgie
Anne Christine Oppermann


Bielefelder Opernchor und Extrachor

Bielefelder Philharmoniker


Solisten

Otello
Mikhail Agafonov

Desdemona
Sarah Kuffner

Jago
Evgueniy Alexiev

Cassio
Daniel Pataky

Emilia
Hasti Molavian

Rodrigo
Lianghu Gong

Lodovico
Mon Soo Park

Motano
Yoshiaki Kimura

Ein Herold
Mon Soo Park



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