Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



Lohengrin

Romantische Oper in drei Aufzügen
Text und Musik von Richard Wagner


In deutscher Sprache mit flämischen und französischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 4h (zwei Pausen)

Koproduktion mit der Opera Australia und dem Théâtre du Capitole Toulouse
Premiere in der Opera la Monnaie Brüssel am 19. April 2018


Homepage

La Monnaie
(Homepage)
Aus dem Setzkasten der deutschen Geschichte

Von Joachim Lange / Fotos Baus - La Monnaie / de Munt

Nach 25 Jahren wurde es wieder mal Zeit für einen neuen Lohengrin in Brüssel. Schließlich gehört die Oper über den Schwanenritter zum harten Kern der Wagnerbegeisterung. Das fängt schon mit dem Vorspiel an und geht bis zur Gralserzählung. In Brabant ist der legitime Erbe des verstorbenen Herzogs verschwunden und dessen Schwester Elsa wird vom Ehepaar Telramund beschuldigt, den Knaben beseitigt zu haben, damit sie einer geheimen Liebschaft nachgehen kann. Die verklagte Elsa ihrerseits tischt der Versammlung eine haarsträubende Geschichte zu ihrer Verteidigung auf. Und ruft den Ritter "in lichter Waffen Scheine" als Retter an. Wenn der Superman tatsächlich auftaucht, wird er sofort als einer gefeiert, der "von Gott gesandt" wurde. Nur Telramund und ein paar Gefolgsleute misstrauen diesem Wunder.

Einen Haken hat die Sache: Er werde nur für Elsa streiten, so der Retter, wenn sein Inkognito gewahrt bleibt. Sie verspricht es. Und rettet ihren Ruf - als Frau und als Fürstentochter - indem sie sich später nicht daran hält. Sie fragt ihren Ritter natürlich nicht öffentlich. Als Friedrich Telramund sie in einem Staatsstreichversuch vor der Hochzeit dazu auffordert, hält sie noch stand. Unter vier Augen, im Schlafgemach, aber nicht. Hier geht der Plan der Telramunds zwar auf, aber kostet Friedrich das Leben. Lohengrin muss jetzt seinen Namen und seine Herkunft nennen und wieder Richtung Gral ziehen. Und nur weil Ortrud sich nicht beherrschen kann, triumphiert und sich öffentlich auf Wotan beruft, gibt es eine Ausnahme von den Grals-Regeln: der legitime Thronfolger (der von Ortrud zum Schwan verzaubert worden war) wird von Lohengrin den Brabantern zu guter Letzt als "Führer" (oder Schützer) präsentiert.


Foto kommt später

Bei Regisseur Oliver Py in Brüssel nennt er ihn Führer. Überfordert, mit dem was da auf ihn zukommt, ist der Knabe immer. Aber diesmal ist er tot. Dafür geisterte er vorher (ganz in schwanenweiß) dauernd durch die Geschichte.

In der Brüsseler Oper "La Monnaie" kommt die Geschichte vom Schwanenritter in einem ziemlich düsteren schicksalsschwangeren Ambiente daher. Als Bühne auf der Drehbühne. Mit einer bedrohlich imperial wirkenden, nach außen gewölbten Front aus drei Etagen mit lauter geborstenen Scheiben in den Fenstern. Auf der anderen Seite ist das Ganze ein Bühnenportal mit Blick auf Logenrängen dahinter. Mit der Nebenwirkung, dass der (fabelhaft einstudierte) dort platzierte Chor nicht groß bewegt werden muss. Zu diesem wuchtigen Bühnenbild gehört neben einer massiven (Seiten-) Mauer, die Möglichkeit, seine Elemente nach und nach zu demontieren und den Blick auf eine schwarzromantische, postapokalyptische Stadtlandschaft oder ebensolche Mondscheinromantik mit Hochgebirgsblick freizugeben. Was logisch nur dann funktioniert, wenn man sich das Panorama aus Berchtesgaden und die deutsche Geschichte dazu denkt.

Foto kommt später

Als Clou gibt es von Pys kongenialem Dauer-Ausstatter Pierre-André Weitz für die Brautgemach-Szene einen Setzkasten der deutschen (Geistes-)Geschichte. Heine, Hölderlin, Hegel und Schlegel, Grimm, Weber, Goethe und Schiller als Namensschilder in Fraktur. In den Regalfächern: Büsten von Beethoven und Goethe, dazu eine Wagnerstückecollage mit Holländer-Segelschiff, dem Eschebaumstamm aus Hundings Hütte nebst Schwert und einem Schwan. In der Mitte ein Wecker, der Fünf nach Zwölf anzeigt und dessen Zeiger beim letzten Kampf zwischen Telramund und Lohengrin zu Waffen werden. Diese Uhr steht im "Hegel"-Fach. Vielleicht ist das eine dialektische Pointe, weil es eben doch noch andere Meister aus Deutschland gibt als den Tod? Paul Celans Wort "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland" ist wie ein Motto an der Wand zu lesen.

Nun gibt's im Lohengrin" ja tatsächlich Tote. Ganz sicher trifft es Telramund. Der wird aber von Lohengrin quasi in Notwehr erschlagen, als er ins Schlafgemach des Brautpaars eindringt und ihm ans Leder will. Dabei ist Friedrich Telramund im Grunde ein biederer Ehrenmann, der von seiner machtbewussten Ehefrau Ortrud mit allen Mitteln manipuliert wurde. Nicht nur, um ihn Elsa auszuspannen, sondern letztlich sogar als Werkzeug, um das (christliche) Regime in Brabant zu stürzen und die alten Götter wieder einzusetzen. Wagners Musik zeichnet den Mann, der für den König "aller Tugend Preis" ist, so düster, wie er Lohengrin strahlen lässt. Und genau dem, was an diesen Zuschreibungen durch die Musik zu hinterfragen wäre, geht Olivier Py auf den Leim.

Ob Elsa am Ende wirklich physisch tot ist, darüber gehen die Regisseurs-Meinungen auseinander. Py entscheidet sich, der kleinen Liste mit den Toten im Stück noch den Gottfried hinzuzufügen. Darüber hinaus ist viel vom Krieg die Rede, und da gibt es immer Tote und Zerstörung. Eine Mobilmachung ist schließlich der Grund für den Besuch des Königs in Brabant. Durch die Rezeptionsgeschichte ist es zwar kräftig und aus guten Gründen übermalt, doch hat der König immerhin das Argument "Verteidigung gegen Angriffe der Ungarn" auf seiner Seite. Moralisch wäre er damit heute aus dem Schneider. Verteidigung war und ist zu allen Zeiten legitim. Selbst wenn sie ein deutscher König anführt. Das militante verbale Säbelrasseln des Königs (vom deutschen Reich und deutschen Schwert) hört sich, von Wagner aus gesehen in die Zukunft gedacht, anders an, als wenn man die Worte in die Vergangenheit projiziert, aus der sie kommen. amüsiert fortspinnt.

Foto kommt später

Py tritt im Vergleich zu etlichen Deutungen von Lohengrin als Politthriller gleichsam wieder einen Schritt zurück und macht daraus eher ein Statement zu "Wagner und die Folgen". Vor allem mit Blick auf die zwölf dunkelsten Jahre der deutschen Geschichte und ihr zerbombtes Ende. Die Optik von Pierre-André Weitz' sinnstiftend düsterem Exemplar einer XL-Bühnenarchitektur von der dunklen Seite der Macht passt dazu. Lädierte Reichsarchitektur für großes Staatstheater machen so gesehen tatsächlich Sinn.
Wenn Py die Inszenierung von Macht vorführt, baut er eine selbstironische Fußnote ein. Als Lohengrin nämlich vom Heerrufer zum strahlenden Retter ausstaffiert wird und zur Ritterrüstung, dem nachgebautem Theater-Schimmel, Engelsflügeln und Standarte auch noch eine der nun wirklich zu Tode strapazierten Requisiten-Maschinenpistolen in die Hand gedrückt wird, reicht es dem und er geht. Recht hat er, hört man sich denken.

Auch wenn Lohengrin und Friedrich beim Gottesgericht nicht kämpfen, sondern Schach spielen, hat das Witz. Oder wenn ein Athlet mit freier Brust zum "Treulich geführt" in einer perfekten Solo-Choreografie eine Kollektion von Posen vorführt, aus der Leni Riefenstahl den Vorspann ihres Olympiafilmes hätte gedreht haben können. Anders die Trümmerfrauen, die die Eimer mit Schutt und Scherben an der Rampe durchreichen. Das wirkt aufgesetzt. Die Menschen im Mantel und mit den Koffern in der Hand, mit denen man zumindest auf deutschen Bühnen Abtransporte von Juden durch die Nazis assoziiert, wirken in der nur illustrierenden Verwendung fahrlässig.

Py interessiert sich offensichtlich nicht für die innere Struktur des Stückes. Weder für den aus dem Nichts auftauchenden Superhelden, die manipulierten Massen, Elsas Reifeprozess oder eben auch den militärischen Hintergrund der Geschichte. Er nutzt die Vorlage, um seinen Stichwortzettel abzuarbeiten, auf dem ganz oben Paul Celans "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland" steht. Als ein gesetztes Ausrufezeichen hinter die Mitte des vorigen Jahrhunderts. Ein Satz wie ein Totschlagargument. Die dialektische Brücke von da zu dem "Setzkasten" der Geschichte, der zur ganzen Wahrheit dazu gehört, die muss man sich selbst bauen. Zweifel bleiben, ob Py das überhaupt im Sinn hatte.

Foto kommt später

Musikalisch liefert der Chef des Brüssler Sinfonieorchesters Alain Altinoglu, eine ziemlich beherzte Gangart. Flotter, lauter, zugespitzter kann man sich das kaum vorstellen. Den Gipfelpunkt von Romantik hatte er jedenfalls nicht vor Augen. Eher einen Test, ob die La Monnaie Oper auch das akustische Auftrumpfen von Wagnerscher Reichsparteitagsmusik aushalten würde. Altinoglus Deutung ist originell bis extrem, hat aber die Intention der Inszenierung auf ihrer Seite, ist also insofern stimmig. Vokal ist diese Produktion ohnehin glanzvoll. Ingela Brimberg ist eine Elsa auf Referenzniveau - lyrisch und strahlend, mit tadelloser Diktion - ein Genuss. Ihre Gegenspielerin Elena Pankratova setzt mit ihrer Ortrud ihren Siegeszug durch die Wagnerpartien ihreres Faches genauso überzeugend fort, wie sie es jüngst mit Venus in München oder Kundry in Bayreuth gemacht hat. Hinzu kommt, dass sie über ein immenses personenführungsunabhängiges Bühnencharisma verfügt. Allein wie sie - am Boden - ihre "Verführerinnenszene" mit Friedrich bewältigt, nötige Sonderrespekt ab. Eine Entdeckung ist die originelle Art und Weise, wie sich Eric Cutler den Schwanenritter anverwandelt. Auf der Grenze zwischen vital und noch lyrisch schön - ohne in Kraftmeierei oder geschlechtsloses Strahlen zu verfallen. Andrew Foster-Williams als Telramund hat es schwer, da mitzuhalten. Er verdient aber Respekt dafür, dass er bis an seine Grenzen geht. Gabor Bretz ist ein überzeugender König (immer in Uniform, meist mit Pappkrone) und Werner van Mechelen ein ebenso überzeugender Heerrufer im Look eines bürgerlichen Premierministers. Die vier Gefolgsleute Telramunds sind sorgfältig besetzt, wie auch die Edelknaben.

FAZIT

Brüssel hat einen Lohengrin von beachtlichem musikalischen Feuer und vokaler Qualität. Auch wenn die Inszenierung eher alte Fragen stellt, als zu neuen vorzudringen. Der Premierenjubel war einhellig.


Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Alain Altinoglu

Inszenierung
Olivier Py

Bühne und Kostüme
Pierre-André Weitz

Licht
Bertrand Killy

Chor
Martino Faggiani



Chor und Symphonieorchester
der
Oper La Monnaie, Brüssel


Solisten

Heinrich der Vogler
Gabor Bretz

Lohengrin
Eric Cutler

Elsa von Brabant
Ingela Brimberg

Friedrich von Telramund
Andrew Foster-Williams

Ortrud
Elena Pankratova

Heerrufer
Werner van Mechelen

Vier brabantische Edle

Zeno Popescu
Willem van der Heyden
Kurt Gysen
Bertrand Duby

Edelknaben

Raphaele Green
Isabelle Jacques
Virginie Léonard
Lisa Willems


Weitere
Informationen

erhalten Sie vom
La Monnaie
(Homepage)



Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum
© 2018 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -