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Musiktheater
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Siegfried

Zweiter Tag des Bühnenfestspiels Der Ring des Nibelungen
Text und Musik von Richard Wagner


in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 5h (zwei Pausen)

Premiere am 7. April 2018 im Opernhaus Düsseldorf


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Rheinoper
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Szenisch gebremst der Gegenwart entgegen

Von Stefan Schmöe / Fotos von Hans Jörg Michel


Dietrich W. Hilsdorf glaubt nicht an Drachen. Die Ungeheuer des 19. Jahrhunderts, der Entstehungszeit des Ring des Nibelungen, sind für den Regisseur vielmehr die Ausgeburten der Technik, und zur Unterstützung zitiert das Programmheft Emile Zola: "Was lag schon an den Opfern, die die Lokomotive unterwegs zermalmte! Fuhr sie nicht trotz allem der Zukunft entgegen?". Folglich hat sich der Riese Fafner nicht in einen Wurm, sondern in eine Lokomotive verwandelt, ein Modell aus den ersten Tagen der Eisenbahn, um seinen Schatz zu bewachen. Ein Relikt aus der Zeit der Frühindustrialisierung, im entsprechend altmodischen Kostüm, dass er schon im Rheingold trug (Kostüme: Renate Schmitzer).

Szenenfoto

Mime und Siegfried in der Schmiede

Hilsdorf erzählt, wie schon im Rheingold und der Walküre, keinen Mythos aus sagenhaften Vorzeiten, sondern einen Gesellschaftsroman, beginnend kurz vor der Entstehungszeit des Ring des Nibelungen. Wobei diese Geschichte längst in das 20. Jahrhundert übergegriffen hat mit dem abgeschossenen Hubschrauber aus dem letzten Akt der Walküre, in dem Brünnhilde schlafend auf ihre Wiedererweckung wartet, oder auch zwei Drehstühlen, vielleicht aus einem Frisiersalon, in Mimes Wellblechbehausung. Wotan, zum Wanderer geworden, kommt per Fahrrad (womit sich der archaische Speer leider nicht transportieren lässt, der wird dann schnell aus der Seitenbühne nachgereicht). Im (mit einem "W" bedruckten) Baumwollbeutel hat er ein Flasche mit Wein und ein Baguette fürs Picknick dabei - ein wenig französische Lebensart in diesem an sich sehr deutschen Werk, dem Hilsdorf wohl das nationale Pathos nehmen möchte (was andere Regisseure wie Frank Castorf im großen Bayreuth oder Kay Metzger im kleinen Detmold viel konsequenter getan haben).

Szenenfoto

Der Drachentöter und sein Opfer: Siegfried und Fafner

Lange hat Hilsdorf einen Bogen um Wagner gemacht und lieber Mozart oder Verdi inszeniert - wohl auch, weil Wagners Dialoge mit ihren unendlichen Längen seinem Stil der kleinen und genauen Gesten und der schnellen Wendungen entgegen steht. So liest sich diese Aufzählung von Irritationsmomenten trotz mancher hübschen kleinen Pointe am Rande aufregender, als die Inszenierung in der Summe letztendlich wirkt, denn die Brechungen betreffen weniger die großen Erzählstränge als mehr die Details, und in weiten Zügen wird die Geschichte geradlinig und ziemlich brav nacherzählt. Etwas umständlich wirkt das an Stellen, an denen Hilsdorf der Realismus des Librettos offenbar unheimlich wird, so in der Schmiedeszene (die er lieblos abspult, aber offenbar auch keine alternative Idee hatte) oder Siegfrieds verunglückten Versuchen, den Waldvogel mit Hilfe von Kupfer- und Eisenrohr nachzuahmen.

Szenenfoto

Wanderer-Wotan und Erda

Manche an sich gute und vermutlich auch wichtige Idee gerät zur Nebensache. Siegfried zerschlägt am Ende des ersten Aufzugs nicht (wie von Wagner vorgesehen) den Amboss, sondern zerreißt die Fotos, die (leider kaum erkennbar - Szenebilder aus Fritz Langs Nibelungen-Film?) an einer der Wände der Wellblech-Behausung hängen. Für eine Emanzipation von den Vor- und Selbstbildern ist das ziemlich dünn und müsste konsequenter, auch folgenreicher herausgearbeitet werden. Die Entmystifizierung des belasteten Stoffes und Verschiebung hin zum bürgerlichen Roman oder Schauspiel müsste doch sehr viel deutlicher auf die Figuren durchschlagen, aber die bleiben ziemlich konventionell. Warum es am Ende der Premiere jede Menge Bravos und Buhs für die solide, aber wenig aufregende Regie gab, ist einigermaßen rätselhaft, da werden anderswo sehr viel streitbarere Ringe gezeigt. Am nachhaltigsten in Erinnerung bleibt wohl die konsequent in tristen Grüngrautönen gehaltene Ausstattung mit ganz wenigen, sehr bewusst eingesetzten farblichen Akzenten (Bühne: Dieter Richter) in Erinnerung. Wobei man sich da fragt, warum der Hubschrauber bei Brünnhildes Erweckung im Bühnenbild des zweiten Siegfried-Akts (und nicht des letzten Walküre-Akts) steht, schließlich widerspricht dass der Idee einer Entwicklung Siegfrieds wie auch der Logik, dass er schließlich Vater Wotan überwinden muss, um den bis dato verbotenen Ort zu erreichen. Allein zeitlich erscheint das schlüssig, ist die verwahrloste Architektur doch eher im späteren 20. Jahrhundert anzusiedeln.

Szenenfoto

Siegfried erweckt Brünnhilde

Szenisch gibt es also wenig Provokantes und wenig Erhellendes. Die wichtigeren Akzente kommen eindeutig von der musikalischen Seite. Das Dirigat von Axel Kober wirkt schlüssiger (und entschlossener) als noch in der Walküre, findet die großen Bögen und treibt die Musik voran, sehr quirlig in den ersten beiden Akten, mit großer symphonischer Geste (die in der Walküre doch fehlte) in der Anfangsszene des dritten Aktes. Kober zeigt viel Gespür für die Steigerungen und Entwicklungen und auch die Beschleunigungen, die der Siegfried hier und da unbedingt braucht. Die Düsseldorfer Symphoniker sind kein Spitzenorchester, das zeigt sich zum Beispiel an den eben nicht immer ganz genauen Bläser-Einsätzen bei Brünnhildes Erwachen, und ein bisschen Zittern muss man bei den offenen Stellen wie dem Siegfried-Ruf (Horn-Solo: Uwe Schrumpf) dann auch, aber vieles gelingt sehr eindrucksvoll.

Ein formidabler Heldentenor ist Michael Weinius in der Titelbartie, strahlend und kraftvoll und nicht zu hell timbriert, klangschön phrasierend auch im Fortissimo und mit erstaunlichem Durchhaltevermögen. Nur das Piano ist seine Sache nicht, da wird die Stimme schnell stumpf. Linda Watson als Brünnhilde kann da nicht mithalten, auch wenn sie ihre große Routine ausspielt und die vertrackte Partie insgesamt ordentlich, wenn auch mit ein paar Ungenauigkeiten in der Intonation gestaltet. Sie ist keine junge Sängerin mehr, das hört man der Stimme auch an, stärker in der Mittellage als bei den gut vorbereiteten Spitzentönen. (Die Regie verschleiert nicht, dass die Frau rund 30 Jahre geschlafen haben muss und dementsprechend gealtert ist - die beinahe weißen Haare deuten darauf hin.) Simon Neal singt einen zupackenden, sehr pointierten und differenziert gestalteten Wanderer mit sicheren Höhen, der präsenter wirkt als sein Wotan in der Walküre (dem dort die tragische Komponente fehlte), immer noch im zunehmend schäbbigen Soldatenmantel und vergleichsweise sympathisch gezeichnet. Famos ist der agile Charaktertenor von Cornel Frey als Mime, der sich nach etwas ungenauem Beginn zu enormer Intensität steigert. Okka von der Damerau, kurzfristig für Susan Maclean eingesprungen, ist eine samtene, eindrucksvolle Erda, Elena Sancho Pereg ein silbrig quirliges Waldvöglein. Jürgen Linn als Alberich und Thorsten Grümbel als Fafner sind keine glanzvollen, aber solide Besetzungen.


FAZIT

Musikalisch ein (mit ein paar Einschränkungen) sehr eindrucksvoller, umjubelter Abend. Szenisch fehlt der soliden, aber überraschend konventionellen Inszenierung die zündende Idee.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Axel Kober

Regie
Dietrich Hilsdorf

Bühne
Dieter Richter

Kostüme
Renate Schmitzer

Licht
Volker Weinhart

Dramaturgie
Bernhard F. Loges



Statisterie der
Deutschen Oper am Rhein

Düsseldorfer Symphoniker


Solisten

* Besetzung der Premiere

Siegfried
* Michael Weinius /
Corby Welch

Mime
Cornel Frey

Der Wanderer
* Simon Neal /
James Rutherford

Alberich
Stefan Heidemann /
Michael Kraus /
* Jürgen Linn

Fafner
* Thorsten Grümbel /
Lukasz Konieczny

Erda
* Okka von der Damerau /
Susan Maclean /
Renée Morloc

Brünnhilde
* Linda Watson /
Heike Wessels

Waldvogel
Elena Sancho Pereg


Der Ring des Nibelungen
in Düsseldorf und Duisburg:

Das Rheingold
Premiere am 23.6.2017

Die Walküre
Premiere am 28.1.2018

Siegfried
Premiere am 7.4.2018

Götterdämmerung
Premiere am 27.10.2018




Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Rheinoper
(Homepage)



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