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Alice

Ballett von Mauro Bigonzetti nach den Romanen Alice's Adventures in Wonderland und
Through the Looking-Glass, and What Alice Found There von Lewis Carroll
Original und Live-Musik von Antongiulio Galeandro, ASSURD und Enza Pagliari

Aufführungsdauer: ca. 2h 15' (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Dortmund am 10. Februar 2018



Theater Dortmund
(Homepage)

Surreale Traumwelt mit süditalienischer Folklore

Von Thomas Molke / Fotos: © Björn Hickmann und Bettina Stöß

Nachdem der Dortmunder Ballettdirektor Xin Peng Wang mit seiner Compagnie die Spielzeit mit zwei eher abstrakten Kreationen unter dem Titel Rachmaninow / Tschaikowsky eröffnet hat (siehe auch unsere Rezension), folgt nun ein Handlungsballett der besonderen Art, das sich von den gängigen Klassikern wie Schwanensee oder Nussknacker deutlich unterscheidet. Für die Inszenierung hat er einen Choreographen verpflichtet, der zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstlern der Ballettszene zählt und auch in Dortmund kein Unbekannter ist: Mauro Bigonzetti. Bigonzetti, der von 1997 bis 2008 als künstlerischer Leiter die Geschicke des "Aterballetto" lenkte und die Compagnie zu einer der profiliertesten Europas machte, war bereits an vier Ballettabenden in Dortmund beteiligt. In der Spielzeit 2006/2007 war hier im Rahmen eines dreiteiligen Ballettabends mit Musik von Johann Sebastian Bach seine titelgebende Choreographie Omaggio a Bach zu erleben. Ein Jahr später stand im Rahmen des Ballettabends Stars and Steps seine humorvolle Kreation Rossini Cards zur Musik von Gioachino Rossini auf dem Spielplan. 2012 präsentierte er dann seine lebensfrohe ursprünglich für das Aterballetto choreographierte Tanzkreation Cantata mit traditioneller Volksmusik der Gruppe ASSURD aus Süditalien. Rossini Cards und Cantata standen dann noch einmal 2013 in dem zweiteiligen Ballettabend Bella vita auf dem Programm (siehe auch unsere Rezension). Nun hat er mit der Dortmunder Compagnie seine Choreographie Alice erarbeitet, die er 2014 für die "Gauthier Dance Company" im Theaterhaus Stuttgart kreierte.

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Surreale Reise ins Wunderland: von links: Kleine Alice (Ida Kallanvaara), Katze (Denise Chiarioni), Kaninchen (Giacomo Altovino), Große Alice (hier: Manon Kolanowski), Kater (Giuseppe Ragona), Königin (Sae Tamura) und Hutmacher (Michael Samuel Blaško), im Hintergrund: Sängerinnen der Gruppe ASSURD (© Björn Hickmann)

Bigonzetti greift dabei auf die beiden berühmten Romane Alice's Adventures in Wonderland und Through the Looking-Glass, and What Alice Found There von Lewis Carroll zurück, folgt aber weniger den Geschichten in den Büchern, sondern greift einzelne Szenen heraus, die er neu illustriert. Parallelen zum berühmten Disney-Klassiker sucht man hier also genauso vergeblich wie einen märchenhaften Handlungsverlauf, der in Ricardo Fernandos Ballett Alice im Wunderland 2014 in Hagen und Luiz Fernando Bongiovannis Choreographie Alice in Wonderland 2015 in Gelsenkirchen zu erleben war. Stattdessen interessieren Bigonzetti vor allem die dunklen und abgründigen Seiten der Alice-Geschichte. Mit faszinierenden Videoprojektionen von Carlo Cerri und dem OOOPStudio taucht der Zuschauer in eine surreale Traumwelt ein, in der jegliche Rationalität fehlt, und begleitet Alice gewissermaßen beim Übergang vom Mädchen zur Frau. Aus diesem Grund hat Bigonzetti die Rolle der Alice gedoppelt. Zu Beginn sind die beiden Tänzerinnen wie eine Person verbunden und spalten sich erst durch den Weg ins Wunderland. Hier haben die beiden teils gemeinsam, teils einzeln skurrile, dabei aber die Persönlichkeit prägende Begegnungen mit verschiedenen Figuren aus den Romanen. Helena de Medeiros hat recht abstrakte, fantasievolle Kostüme entworfen, so dass man den Roman schon gut kennen muss, um die Tänzerinnen und Tänzer den einzelnen Figuren des Romans zuordnen zu können.

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Alice (Ida Kallanvaara und Jana Nenadović, links) im Kampf gegen die Königin (Sae Tamura, rechts) (© Bettina Stöß)

Zur Untermalung der Geschichte hat Bigonzetti volkstümliche Musik aus dem Süden Italiens ausgewählt, die der Akkordeonist und Flötist Antongiulio Galeandro gemeinsam mit der Songwriterin Enza Pagliara und dem 1993 gegründeten Trio ASSURD inspiriert von traditionellen Liedern aus dem Süden Italiens und anderen europäischen Ländern zusammengestellt hat. Gemeinsam haben sie neue Liedtexte geschrieben, in denen es um Figuren aus den Alice-Romanen geht. Da die Texte jedoch meistens in verschiedenen süditalienischen Dialekten vorgetragen werden, hat man als Zuschauer kaum die Möglichkeit, die Lieder zu verstehen. Vielleicht wäre eine Übertitelung hilfreich gewesen, um dem Handlungsablauf besser folgen oder die Figuren eindeutiger zuordnen zu können. So kann man sich nur auf die Sogkraft des Gesangs und des Tanzes stützen, was durchaus eindrucksvoll ist, jedoch einige Fragen offen lässt. Die Sängerinnen und Galeandro bewegen sich auf der Bühne mal an Rande des Geschehens und werden in anderen Szenen in den Tanz regelrecht mit einbezogen, so dass eine besondere Verbindung von Gesang, Musik und Tanz entsteht.

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Aus den Büchern auf die Bühne: Katze (Denise Chiarioni) und Kater (Giuseppe Ragona) (© Björn Hickmann)

Der moderne Ausdruckstanz der Tänzerinnen und Tänzer ist so erdverbunden wie die folkloristischen Klänge der Gruppe ASSURD und überzeugt durch kraftvolle, rhythmische Bewegungen. Giacomo Altovino begeistert als weißes Kaninchen mit expressiver Gestik und fungiert gewissermaßen als Spielleiter, der Alice durch die verschiedenen Bereiche des Wunderlandes führt. Auch die Musiker scheint er mit einer Art Zauberstab zu manipulieren. Eine besondere Verbindung geht er im Verlauf des Stückes mit der kleinen Alice ein, die von Ida Kallanvaara mit mädchenhaftem Charme interpretiert wird. Das "Kind" ist eher an dem kleinen niedlichen Tier interessiert, während die große Alice Gefallen an dem Hutmacher zu finden scheint. Wegen einer Verletzung konnte die ursprünglich für die Premiere vorgesehene Jana Nenadović die Partie an diesem Abend nicht übernehmen. Dafür ist Anna Süheyla Harms aus der "Gauthier Dance Company" eingesprungen, für die Bigonzetti die Rolle 2014 ursprünglich kreiert hat. Harms begeistert durch starken Ausdruckstanz und überzeugt auch stimmlich mit lieblichem Gesang, wenn sie auf einem Buch, das als Schaukel aus dem Schnürboden herabgelassen wird, Platz nimmt und verträumt ein französisches Lied anstimmt. Michael Samuel Blaško legt den Hutmacher sehr skurril an und überzeugt durch ausdrucksstarke Mimik. Die Faszination, die er auf die große Alice ausübt, wird in einem beeindruckenden Pas de deux von Harms und Blaško umgesetzt.

Die übrigen Figuren bleiben trotz überzeugender tänzerischer Leistung leider etwas blass. Sae Tamura gestaltet die Königin mit leicht abgehackten Bewegungen zwar Furcht einflössend, ihre Motivation für ihr Verhalten bleibt jedoch unklar. An einer Stelle hat man zwar den Eindruck, dass sie von Alice besiegt wird, wenn sie aus dem Kreis der Tänzerinnen und Tänzer gedrängt wird. Später tritt sie jedoch mit den Figuren wieder ganz normal auf. Denise Chiarioni und Giuseppe Ragona überzeugen als Katze und Kater mit geschmeidigen Bewegungen. Erik Jesús Sosa Sánchez gibt einen trägen Siebenschläfer, der eine Spieluhr zum Klingen bringt und damit für melancholische Momente an diesem Abend sorgt. Die Funktion der Zwillinge (Amanda Vieira und Manon Kolanowski) wird nicht ganz deutlich. Ihre Haare sind zusammengewachsen und werden von der Königin getrennt, was in die Projektion eines verschlungenen Astes übernommen wird, der bei der Trennung zu bluten beginnt. Die Sängerinnen der Gruppe ASSURD begeistern durch kraftvolle dunkle Stimmen. Bei der Tarantella kurz vor der Pause wird es richtig lebhaft auf der Bühne. Die Lebensfreude dieses Liedes erinnert an das Stück Cantata, zu dem die Gruppe ebenfalls die Musik beigesteuert hat. Am Ende wird die leise und ruhige Musik des Anfangs wieder aufgenommen. Das Kaninchen und die übrigen Figuren aus dem Wunderland nehmen die kleine Alice mit in den auf die Rückwand projizierten Bücherschrank, während die große Alice mit dem Hut des Hutmachers an der Rampe Platz nimmt. Alice ist erwachsen, das Kind Teil der Fantasiewelt geworden. Das Ensemble und die Musiker werden vom Publikum mit großem Jubel überschüttet.

FAZIT

Wer ein klassisches Handlungsballett zur Alice-Geschichte erwartet, wird bei diesem Ballettabend vielleicht enttäuscht werden. Wer jedoch bereit ist, sich auf einen irrationalen Tanzabend einzulassen, wird sicherlich von der Sogkraft der Musiker ergriffen und vom ausdrucksstarken Tanz bewegt werden.


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Produktionsteam

Inszenierung und Choreographie
Mauro Bigonzetti

Bühne und Lichtdesign
Carlo Cerri

Kostüme
Helena de Medeiros

Video
Carlo Cerri, OOOP Studio

 

Live-Musik
Antongiulio Galendro
Enza Pagliari
Lorella Monti (ASSURD)
Cristina Vetrone (ASSURD)
Enza Prestia (ASSURD)

 

Tänzerinnen und Tänzer

*Premierenbesetzung

Kleine Alice
*Ida Kallanvaara /
Jelena-Ana Stupar /
Sayaka Wakita

Große Alice
Jana Nenadović /
Manon Kolanowski /
Loïs Martens /
*Anna Süheyla Harms

Königin
*Sae Tamura /
Stephanine Ricciardi /
Beatrice Rosi

Katze
*Denise Chiarioni /
Sayaka Wakita /
Ester Ferrini

Kater
*Giuseppe Ragona /
Erik Jesús Sosa Sánchez /
Matheus Vaz

Hutmacher
*Michael Samuel Blaško /
Javier Cacheiro Alemán
/
Daniel Leger

Kaninchen
*Giacomo Altovino /
Francesco Nigro /
Dustin True /
Simone Dalè

Raupe
*Dustin True /
Mihael Belilov /
Andrei Morariu /
Nikita Zdravkovic

Zwillinge
*Amanda Vieira
*Manon Kolanowski /
Stephanine Ricciardi
Denise Chiarioni /
Ester Ferrini
Manuela Souza

Schildkröte
*Amanda Vieira /
Stephanine Ricciardi /
Yume Okano

Siebenschläfer
*Erik Jesús Sosa Sánchez /
William Dugan /
Giovanni Cusin

Gryphone
*Francesco Nigro /
Javier Cacheiro Alemán /
Mihael Belilov

Hofgesellschaft
*Denise Chiarioni
*Amanda Vieira
*Manon Kolanowski
*Sophie Czolij
*Stephanine Ricciardi
Sayaka Wakita
*Javier Cacheiro Alemán
*Mihael Belilov
*Giuseppe Ragona
*Erik Jesús Sosa Sánchez
*Francesco Nigro
William Dugan
*Dustin True
Andrei Morariu

 


Weitere
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Theater Dortmund
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