Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



Der Nussknacker

Ballett von Benjamin Millepied
Musik von
Peter Iljitsch Tschaikowsky

Aufführungsdauer: ca. 2h 15' (eine Pause)

Wiederaufnahme im Opernhaus Dortmund am 8. Dezember 2017



Theater Dortmund
(Homepage)

Zwischen Klassik und Moderne

Von Thomas Molke / Fotos: © Bettina Stöß (Stage Pictures)

Nachdem Ballettdirektor Xin Peng Wang die Spielzeit in Dortmund in diesem Jahr nicht mit einem Handlungsballett, sondern eher untypisch mit dem abstrakten Ballettabend Rachmaninow / Tschaikowsky eröffnet hat, folgt nun im Advent der Weihnachts-Klassiker Der Nussknacker, allerdings nicht in einer Choreographie des Ballettdirektors, sondern als Wiederaufnahme einer Produktion von Benjamin Millepied, die dieser ursprünglich 2005 mit dem französischen Künstler Paul Cox für das Ballett in Genf kreiert und vor zwei Jahren in Dortmund zur deutschen Erstaufführung gebracht hat (siehe auch unsere Rezension). Millepied, der seit 2013 Ballettdirektor der Pariser Oper ist, und vielen vor allem als Choreograph des Hollywoodfilms Black Swan und Ehemann der Oscar prämierten Hauptdarstellerin Natalie Portman ein Begriff sein dürfte, ist auch in Dortmund kein Unbekannter. Seit Wang hier Ballettdirektor ist, war Millepied bereits mit seinen Choreographien Sarabande in dem Ballettabend Körper. Tanzen. Formen 2011 (siehe auch unsere Rezension) und Closer in dem Ballettabend Drei Streifen: Tanz 2015 (siehe auch unsere Rezension) zu erleben, wobei Closer bereits 2009 mit der Dortmunder Compagnie im Rahmen einer Ballett-Gala präsentiert wurde.

Bild zum Vergrößern

Die Mäuse (Ensemble) greifen an.

Wer nun hofft, mit dieser Inszenierung eine passende Ergänzung zum Weihnachtsmärchen für den Besuch mit kleinen Kindern zu haben, könnte vielleicht enttäuscht werden. Die märchenhaften Momente der Geschichte um die kleine Clara, die von ihrem Onkel Drosselmeier einen Nussknacker geschenkt bekommt, der sich in ihrem nächtlichen Traum gegen den bösen Mäusekönig zur Wehr setzen muss, sich nach erfolgreichem Kampf in einen schönen Prinzen verwandelt und gemeinsam mit Clara im Reich der Zuckerfee landet, die die beiden zu einem großen Fest einlädt, werden in Millepieds Choreographie eher abstrakt gehalten und von jeglichem zuckersüßen Kitsch befreit. Zur Ouvertüre tritt Drosselmeier (Michael Samuel Blaško) in einem grauen Anzug mit einem riesigen grauen Zylinder an ein Buch und zeichnet eine abstrakte Märchenwelt, in der die folgende Geschichte spielt. Diese Welt wird zunächst in einer Projektion auf eine riesige Leinwand projiziert, die als Vorhang fungiert. Als Bindeglied dient eine Art Stromleitung, die sich als schwarzer Strich durch das Bild zieht und auch hinterher im Bühnenbild wieder aufgegriffen wird. Das Haus ist knallbunt gehalten, und die Möbelstücke, Geschenkkartons sowie der Tannenbaum wirken wie riesige Bauklötze. Die Eltern, Clara und die Gäste erinnern optisch an Figuren aus Alice im Wunderland.

Bild zum Vergrößern

Die Zuckerfee (hier: Jelena-Ana Stupar) und der Prinz (hier: Alysson da Rocha) laden Clara (im Hintergrund: Sarah Falk) und Drosselmeiers Neffen (hier: Luis Weissert) in ihr Reich ein.

Der Ausdruck des Tanzes bewegt sich zwischen Klassik und Moderne. Spitzentanz wird bei den Ensembles angedeutet, wechselt jedoch in der Regel schnell in abstrakte Bewegungen. Dabei ist die Weihnachtsfeier stellenweise realistischer, als einem lieb sein mag, wenn beispielsweise die Gäste mit steigendem Alkoholpensum immer enthemmter werden. Nicht näher definiert wird im Programmheft ein Tänzer unter den Gästen, der die Rolle übernimmt, die im Libretto Claras Bruder Fritz zukommt, und der nach einer eindrucksvollen Stepp-Einlage mit einem anderen Mädchen Claras Nussknacker auseinander nimmt. Wieso der Nussknacker ein Frosch ist, wird nicht nachvollziehbar, zumal sich der Frosch auch nicht nach dem Kampf in den Prinzen verwandelt, sondern sich als Drosselmeiers Neffe (Oliver König) entpuppt, der dann mit Clara die Reise ins Land der Zuckerfee antritt. Clara (Sarah Falk) bleibt als liebes Mädchen mit Dauerlächeln ähnlich blass wie Drosselmeiers Neffe. Sehr märchenhaft wird der Kampf zwischen dem Nussknacker und dem Mäusekönig umgesetzt. Die Möbel aus dem ersten Bild sind nun wesentlich größer und lassen Clara, den Nussknacker und die Zinnsoldaten gewissermaßen auf Mausgröße schrumpfen. So wirkt der Kampf gegen das Heer der Mäuse wesentlich realistischer. Die Zinnsoldaten bewegen sich wunderbar hölzern gegen das hektisch unter der Leitung des Mäusekönigs (Giuseppe Ragona) umherschwirrende Heer. Nachdem der Nussknacker schon beinahe vom Mäusekönig besiegt worden ist, greift Clara ein und lenkt den Mäusekönig ab, so dass der Nussknacker ihm schließlich den Todesstoß versetzen kann.

Bild zum Vergrößern

Die Lebkuchenmutter (hier: Dann Wilkinson) (im Hintergrund: Clara (Sarah Falk))

Nach dieser Geschichte greift erneut Drosselmeier ins Geschehen ein und lässt Clara und seinen Neffen in den Bühnenboden hinabsteigen. Der Übergang in eine andere Welt wird auch erneut mit der Projektion auf der Leinwand verdeutlicht. Ein weißer Strich zieht sich wie ein Labyrinth in dreieckigen Windungen über die schwarze Leinwand, so dass man das Gefühl hat in ein tiefes schwarzes Loch hineinzustürzen. Nach der Pause steht dann das ganze Bühnenbild Kopf. Das Hausdach dient dabei als Bank, auf der Clara und Drosselmeiers Neffe Platz nehmen, um die folgenden Tänze zu beobachten. Anders als im Libretto lässt Millepied jetzt nicht die Speisen und Getränke zum Leben erwecken und im folgenden Divertissement die unterschiedlichen Tänze vorführen, sondern belässt es bei Nationaltänzen. Clara und Drosselmeiers Neffe bekommen einen riesigen Globus als Fußbank und drehen ihn immer auf die Nationalität, aus der der nächste Tanz stammt. Die Kostüme von Paul Cox sind für diesen Teil sehr folkloristisch gehalten. Die einzelnen Tanzdarbietungen sind dabei von unterschiedlicher Qualität. Dustin True scheint bei den Hebefiguren im "Spanischen Tanz" bisweilen leichte Probleme zu haben, so dass Ida Kallanvaara als spanische Señora ein wenig unsicher wirkt. Beim "Chinesischen Tanz" klappt bei Diogo de Oliveira und Giacomo Altovino die Koordination mit den Holzstangen nicht genau zum Takt. Den "Tanz der Rohrflöten" als "Griechischen Tanz" zu präsentieren, entspricht überhaupt nicht dem Bild, das man von dieser als Weihnachts-Jingle häufig verwendeten Musik hat, auch wenn Sayaka Wakita mit niedlichem Spitzentanz gefällt. William Dugan und Francesco Nigro wirken mit den Holzflöten dabei etwas hilflos.

Bild zum Vergrößern

Blumenwalzer (Ensemble) (im Hintergrund: Clara (Sarah Falk) und Drosselmeiers Neffe (hier: Luis Weissert))

Manuela Souza und Amanda Vieira überzeugen beim "Arabischen Tanz" mit leicht lasziven Bewegungen ebenso wie Ester Ferrini, Erik Sosa Sánchez und Harold Quintero López mit ihrem feurigen Temperament beim "Russischen Tanz". Völlig unverständlich bleibt dagegen Mihael Belilov als Lebkuchenmutter. Millepied lässt ihn in einem weiten gelben Reifrock und weißem Unterhemd mit hervorstehenden Brüsten und Vollbart auftreten. Mit Lebkuchen hat dieses Aussehen reichlich wenig zu tun. Belilovs Tanz erinnert an eine Travestie-Show, in die dann aus unerklärlichen Gründen auch noch Drosselmeier einsteigt und mit Belilov von der Bühne tanzt. Soll das ein Traum eines pubertierenden Teenagers sein? Geschmacksache ist auch die Umsetzung des Blumenwalzers. Zwar sind die Tänzerinnen in ihren bunten Kostümen mit den Blumentöpfen auf dem Kopf und die Tänzer in blauer Gärtnermontur nett anzusehen, aber der ständige Wechsel zwischen grazilem Spitzentanz und unpassendem Wackeln mit dem Hinterteil passt nicht unbedingt zur Musik, auch wenn Denise Chiarioni und Giuseppe Ragona im Pas de deux technisch überzeugen können. Gleiches gilt für Sae Tamura als Zuckerfee. Im "Tanz der Zuckerfee" stellt sie unter Beweis, dass sie grazilen Spitzentanz beherrscht. Der Wechsel des Tanzstils mitten in der Musik nehmen der Fee jedoch ein wenig den märchenhaften Zauber. Javier Cacheiro bleibt als Prinz ein wenig blass.

Märchenhaft wird auch der Tanz der Schneeflocken umgesetzt. Während Damen des Dortmunder Opernchors von der Seite aus die Melodie summen und Schneeflocken aus dem Schnürboden herabrieseln, bewegen sich die Tänzerinnen und Tänzer in weißen Kostümen betörend schön und leichtfüßig und imitieren den Fall der Flocken in wunderbaren Bildern. Da wundert es nicht, dass das Ensemble am Ende mit großem Applaus bedacht wird, in den sich auch Ingo Martin Stadtmüller einreiht, der mit den Dortmunder Philharmonikern den märchenhaften Klang bezaubernd aus dem Orchestergraben transportiert.

FAZIT

Wer es bunt mag, kommt bei dieser Inszenierung auf seine Kosten. Als zuckersüßes Märchen für kleine Kinder eignet sich diese Produktion jedoch nur bedingt.


Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Gabriel Feltz /
*Ingo Martin Stadtmüller

Inszenierung und Choreographie
Benjamin Millepied

Bühnenbild und Kostüme
Paul Cox

Lichtdesign
Roderick Murray

Chor
Manuel Pujol

Einstudierung
Raimondo Rebeck /
Cyril Pierre

 

Dortmunder Philharmoniker

Damenchor des Theaters Dortmund

 

Tänzerinnen und Tänzer

*rezensierte Aufführung

Mutter
*Stephanine Ricciardi /
Denise Chiarioni /
Ida Kallanvaara

Vater
*Andrei Morariu /
Javier Cacheiro Alemán /
Dustin True

Zuckerfee
*Sae Tamura /
Sayaka Wakita /
Amanda Vieira

Prinz
*Javier Cacheiro Alemán /
Giacomo Altovino /
William Dugan

Clara
*Sarah Falk /
Galatea Weber /
Cosima Caesar

Drosselmeier
*Michael Samuel Bla
ško /
Giuseppe Ragona

Drosselmeiers Neffe
*Oliver König /
Mounir Taabani

Großmutter
*Ida Kallanvaara /
Jana Nenadović /
Stephanine Ricciardi

Großvater
*Giuseppe Ragona /
Harold Quintero López /
Giovanni Cusin

Zinnsoldat
*Diogo de Oliveira /
William Dugan /
Simone Dalè

Columbine
*Yume Okano /
Beatrice Rosi

Harlequin
*Matheus Vaz /
Simone Dalè /
Daniel Leger

Gäste
*Denise Chiarioni
*Ester Ferrini
Victoria Graßmugg
Ida Kallanvaara
*Jana Nenadović
Manuela Souza
Sae Tamura
*Amanda Vieira
*Mihael Belilov
Michael Samuel Blaško
Giovanni Cusin
*William Dugan
*Francesco Nigro
Giuseppe Ragona
*Erik Sosa Sánchez
Dustin True
Nikita Zdravkovic

Zinnsoldaten
Ester Ferrini
Victoria Graßmugg
Loïs Martens
Jana Nenadović
Yume Okano
Beatrice Rosi
Manuela Souza

Mäusekönig
*Giuseppe Ragona /
William Dugan /
Michael Samuel Blaško

Mäuse
*Giovanni Cusin
*Simone Dalè
*Diogo de Oliveira
Daniel Leger
Erik Sosa Sánchez
*Matheus Vaz
*Nikita Zdravkovic

Schneeflocken
*Denise Chiarioni
*Ester Ferrini
*Victoria Graßmugg
Ida Kallanvaara
*Loïs Martens
Jana Nenadović
Yume Okano
Stephanine Ricciardi
*Beatrice Rosi
*Manuela Souza
Sae Tamura
*Amanda Vieira
*Sayaka Wakita
Javier Cacheiro Alemán
*Giacomo Altovino
Mihael Belilov
Michael Samuel Blaško
*Giovanni Cusin
*Simone Dalè
Diogo de Oliveira
*William Dugan
Daniel Leger
Andrei Morariu
*Francesco Nigro
Giuseppe Ragona
*Erik Sosa Sánchez
*Dustin True
*Matheus Vaz
Nikita Zdravkovic

Spanischer Tanz
*Ida Kallanvaara /
Stephanine Ricciardi /
Manuela Souza
*Dustin True /
Francesco Nigro /
Daniel Leger

Arabischer Tanz
Stephanine Ricciardi /
*Manuela Souza /
Sae Tamura
*Amanda Vieira /
Ida Kallanvaara /
Jana Nenadović
*Giovanni Cusin /
Erik Sosa Sánchez

Chinesischer Tanz
*Diogo de Oliveira /
Matheus Vaz /
Mihael Belilov
*Giacomo Altovino /
Daniel Leger /
Giovanni Cusin

Russischer Tanz
*Ester Ferrini /
Victoria Graßmugg /
Beatrice Rosi
Nikita Zdravkovic /
Dustin True /
*Erik Sosa Sánchez
Andrei Morariu /
Giovanni Cusin /
Harold Quintero López

Griechischer Tanz
*Sayaka Wakita /
Amanda Vieira /
Yume Okano
*William Dugan /
Daniel Leger
*Francesco Nigro /
Simone Dalè

Lebkuchenmutter
*Mihael Belilov /
Michael Samuel Blaško /
Giuseppe Ragona

Blume
*Denise Chiarioni /
Ida Kallanvaara /
Loïs Martens

Gärtner
*Giuseppe Ragona /
Michael Samuel Blaško /
Harold Quintero López

Blumenwalzer
Ester Ferrini
*Victoria Graßmugg
*Loïs Martens
Jana Nenadović
*Yume Okano
*Beatrice Rosi
Manuela Souza
Sae Tamura
Amanda Vieira
*Giovanni Cusin
*Simone Dalè
Diogo de Oliveira
William Dugan
Daniel Leger
Francesco Nigro
Erik Sosa Sánchez
*Matheus Vaz
*Nikita Zdravkovic


Weitere
Informationen

erhalten Sie vom
Theater Dortmund
(Homepage)



Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum
© 2017 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -