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10 By Ben

Jubiläumsabend zu 10 Jahren Ben Van Cauwenbergh

Aufführungsdauer: ca. 3h (eine Pause)

Premiere im Aalto-Theater Essen am 15. Juni 2018
(rezensierte Aufführung: 24.06.2018)




Theater Essen
(Homepage)
Breites Spektrum aus 10 Jahren

Von Thomas Molke / Fotos von Bettina Stöß

Wenn während eines Fußballspiels der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland eine Vorstellung im Aalto-Theater Essen bis auf den letzten Platz ausverkauft ist, muss es sich schon um etwas ganz Besonderes handeln. Selbst Ballettdirektor Ben Van Cauwenbergh gibt sich bei der Begrüßung des Publikums überrascht und fragt sogar noch scheinbar ungläubig nach, ob denn im Moment nicht gerade Deutschland spiele. Dann schiebt er auch noch einen kleinen Scherz hinterher. Er sei ja Belgier und "seine" Mannschaft habe sich ja bereits für das Achtelfinale qualifiziert. Das Essener Publikum nimmt ihm den Spruch nicht übel. Dafür liebt man in Essen "sein" Ballett zu sehr, so dass man für einen Jubiläumsabend gerne auf ein entscheidendes Qualifikationsspiel der National-Elf verzichtet. Als "kleine Entschädigung" hält Van Cauwenbergh die Zuschauer während des Abends auf dem Laufenden, meldet mit leicht besorgter Miene nach dem 1:0 für Schweden, dass es im Moment nicht so gut aussehe, und unterbricht am Ende der Vorstellung den frenetischen Applaus, um das glückliche Endergebnis (2:1 für Deutschland) zu verkünden, was dann weiteren Jubel im Publikum auslöst. Scheinbar sitzen nicht nur Fußball-Muffel im Saal.

Seit zehn Jahren ist Van Cauwenbergh in Essen als Ballettdirektor tätig und hat in dieser Zeit ein breites Spektrum des Tanzes von klassischem Handlungsballett mit Spitzentanz über Themenabende zu französischen Chansons oder Songs von Queen bis hin zum modernen Ausdruckstanz präsentiert, dabei zahlreiche renommierte Choreographen wie Jiří Kylián oder Alexander Ekman für die Essener Compagnie verpflichten können oder Mitgliedern des Ensembles die Möglichkeit gegeben, sich mit eigenen Choreographien dem Publikum vorzustellen. Nun hält Van Cauwenbergh es für angemessen, sich mit einem gemeinsamen Rückblick beim Publikum, seinem Team und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Hauses für eine erfolgreiche Zeit zu bedanken, die, wie im Gespräch nach der Pause versichert wird, noch lange nicht zu Ende sei. Dafür hat Van Cauwenbergh aus den zehn Jahren zahlreiche Höhepunkte zusammengestellt, um gemeinsam mit dem Publikum und den Tänzerinnen und Tänzern in wunderbaren Erinnerungen zu schwelgen. Da man natürlich nicht alle Produktionen in drei Stunden unterbringen kann und außerdem für die Übergänge Umbaupausen benötigt werden, damit beispielsweise bei den Handlungsballetten die Bühnenbilder zumindest angedeutet werden können, werden die restlichen Produktionen in Videoeinspielungen vor dem Vorhang gezeigt. Vor dem letzten Bild gibt es auch noch Impressionen von den zahlreichen Tourneen, die Van Cauwenbergh mit seiner Compagnie durch Europa und Asien gemacht hat.

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Deca Dance: "Echad": Ensemble

Für den Beginn des Abends ist die Bühne in einen riesigen Ballettsaal verwandelt worden. Es werden Einblicke in das Aufwärmtraining der Tänzerinnen und Tänzer gegeben, das diese vor jeder Vorstellung durchlaufen. Während das Publikum den Saal betritt, ist das Ensemble auf der Bühne mit kleinen Soli zur Klavierbegleitung von Igor Savoskin zu erleben und erntet schon jetzt für großartige Sprünge und Pirouetten Szenen-Applaus. Dabei fungiert Van Cauwenbergh als Coach wie in einer Trainingssituation. Der offizielle Abend beginnt dann mit einem Auszug aus Deca Dance, einem Tanzstück von Ohad Naharin, das einen besonderen Bezug zu diesem Abend hat. Naharin feierte mit diesem Stück im Jahr 2000 seine 10-jährige Tätigkeit als Leiter der Batsheva Dance Company. 2013 studierte er die 10 Tanzeinheiten, in die der Abend unterteilt werden kann, mit der Essener Compagnie ein und vermittelte darin die Bewegungssprache "Gaga", die er ursprünglich als Trainingsmethode eingeführt hatte, um durch Isolation einzelner Körperteile zu bewussteren Bewegungen zu gelangen. Als Auszug aus diesem Stück präsentiert das Ensemble die Sequenz "Echad", die von traditioneller hebräischer Musik begleitet wird und bei der das Ensemble auch mitsingt. In schwarzen Anzügen und mit großen schwarzen Hüten sitzen die Tänzerinnen und Tänzer zunächst in einem großen Halbkreis und verfallen zur Musik in heftige ruckartige Bewegungen. Wie bei einer La-Ola-Welle strecken sie sich von links nach rechts jeweils nach hinten, wobei nur der letzte Tänzer auf der rechten Seite bei diesem Versuch aus der Reihe ausbricht und nach vorne fällt. Dabei legen sie in jedem Durchgang ein weiteres Kleidungsstück ab, bis sie am Ende nur noch in Unterwäsche tanzen. Lediglich der Tänzer auf der rechten Seite bleibt angezogen, um seine Isolation von der Masse noch deutlicher zu machen.

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Adeline Pastor als Edith Piaf in La vie en rose: "Non, je ne regrette rien"

Die beiden Abende, mit denen Van Cauwenbergh das Publikum in seiner ersten Spielzeit im Sturm erobert hat, dürfen natürlich nicht fehlen und rahmen das nun folgende Programm gewissermaßen ein. Den Anfang machen Auszüge aus La vie en rose, einer "Soirée française" mit choreographierten Chansons von Edith Piaf, Gilbert Bécaud und Jacques Brel, die in ihrer Zusammenstellung schon damals den Nerv des Publikums trafen und für zahlreiche ausverkaufte Vorstellungen sorgten. Ein Höhepunkt dieses Abends war sicherlich Adeline Pastor, die nicht nur zu den Liedern von Edith Piaf tanzte, sondern einzelne Chansons auch noch im Stil der Piaf großartig sang. Auch an diesem Abend interpretiert sie eine emotional aufgeladene "Hymne à l'amour", bevor sie tänzerisch zu "Non, je ne regrette rien" mit kraftvollem Ausdruckstanz und atemberaubenden Drehungen auf Spitze begeistert. Denis Untila, der sich mittlerweile in Essen auch einen Namen als Choreograph gemacht hat, schlüpft noch einmal in die Rolle des Gilbert Bécaud und macht sich zunächst in dem ironischen Chanson "Les bourgeois" von Jacques Brel in schlaksigen Bewegungen über die spießige Gesellschaft lustig, bevor er noch einmal in dem großartigen "Nathalie" Erinnerungen an die geheimnisvolle Traumfrau wach werden lässt, die ihm einst in Moskau begegnet ist und ihm nun in Gestalt von Mariya Tyurina in einen feuerroten Anzug erscheint. Nach einem kurzen Pas de deux gesellen sich Tänzer bei einer musikalischen Anspielung auf das russische "Kalinka"-Lied dazu und führen mit Tyurina athletische Höchstleistungen vor.

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Breno Bittencourt als Prinz und Yulia Tsoi als Cinderella

Nach zwei Auszügen aus Alexander Ekmans Choreographie Tuplet, die ihm Rahmen des Ballettabends 3 By Ekman in der letzten Spielzeit in Essen Premiere feierte und in der keine Musik im konventionellen Sinn, sondern eine von Mikael Karlsson erstellte Klangcollage, die Sprache, Trampeln der Füße oder Klatschen mit einbindet, verwendet wird, widmet sich der restliche Teil des Abends größtenteils dem klassischen Handlungsballett und präsentiert zahlreiche musikalische und tänzerische Höhepunkte aus diesen Produktionen. Auch Breno Bittencourt ist in diesem Teil wieder auf der Bühne zu erleben. Gemeinsam mit Yulia Tsoi begeistert er in einem betörend schönen Pas de deux aus Cinderella, wenn er als Prinz der Titelfigur die Schuhe überreicht. Die beiden Lausbuben Max und Moritz werden allerdings nicht mehr wie vor sechs Jahren von ihm und Untila interpretiert. Stattdessen schlüpfen Nwarin Gad und Davit Jeyranyan mit großartigen Sprüngen in die Rollen der beiden Jungen. Moisés León Noriega, der vor ein paar Monaten als Rotbart im Schwanensee begeisterte, schlüpft nicht nur erneut in diese Partie, wenn er Odile (Maria Tyurina) Siegfried (Artem Sorochan) entreißt, sondern setzt auch als Tybalt im berühmten "Tanz der Ritter" regelrecht diabolische Akzente. Yanelis Rodriguez und Liam Blair gestalten eine innige Balkonszene als Liebespaar Julia und Romeo. Tomáš Ottych bringt noch einmal als Coppélius seine innigen Gefühle für die von ihm erschaffene Coppélia zum Ausdruck. Aus dem Nussknacker gibt es den "Arabischen Tanz" mit Mika Yoneyama und Liam Blair und anschließend noch den berühmten "Blumenwalzer" in perfektem Spitzentanz. Für komische Momente sorgen die Auszüge aus Don Quichotte.

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Ben Van Cauwenbergh und die Compagnie beim Finale: "The Show Must Go On" aus Tanzhommage an Queen

Eine weitere Besonderheit stellte sicherlich in der Spielzeit 2010/2011 der Ballettabend Carmen / Boléro dar, in dem Van Cauwenbergh zunächst zur Musik von Georges Bizet die bekannte Geschichte der berühmten Zigeunerin Carmen erzählte, die er dann nach ihrer Ermordung zu Maurice Ravels Boléro wieder auferstehen ließ. Für den Boléro wurde ein Bühnenpodest an vier Drahtseilen nach oben gezogen, auf dem Zuniga, José, Escamillo, Carmen, Micaëla und Lillas Pastia tanzten, während der Rest des Ensembles sich unterhalb dieses Podestes befand. Dieses Podest wird für den Jubiläumsabend wieder aufgebaut. Während Van Cauwenbergh vor dem Vorhang ein Interview gibt, in dem er sich unter anderem wünscht, mit seinem Kurs das Essener Publikum weiterhin begeistern zu können, beginnt bereits die Musik zum Boléro, so dass das Interview nahezu bruchlos in den musikalischen Höhepunkt des Stückes übergeht, zu dem dann das Podest zum Bühnenboden angeschrägt wird und alle versuchen, die in der Mitte befindliche Carmen zu erreichen, die beim Schlussakkord in einem hellen Lichtschein aufleuchtet, der von fließendem Rot umgeben wird, und die als einzige oben auf dem Podest bleibt, während alle anderen in die Tiefe rutschen. Carmen wird an diesem Abend nicht wie 2011 von Adeline Pastor präsentiert. Dafür ist diese kurz vor der Pause noch einmal als quirliger Leprechaun zu erleben, ein Naturgeist, der in dem Themenabend Irish Soul immer wieder durch die folkloristischen Gruppentänze fegte. Der Abend endet mit dem kompletten Ensemble und einem Auszug aus der Tanzhommage an Queen, der gleichzeitig auch das Motto für Van Cauwenberghs nun folgenden Jahre in Essen darstellt: "The Show Must Go On". Das Ensemble wird vom restlos begeisterten Publikum mit frenetischem Applaus und Rosen gefeiert.

FAZIT

Wenn Van Cauwenbergh auf diesem Niveau in den folgenden Jahren mit der Compagnie in Essen weiterarbeitet, ist zu hoffen, dass es spätestens in zehn Jahren die nächste Jubiläums-Gala geben könnte, vielleicht dann unter dem Titel Another 10 By Ben.


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Produktionsteam

Konzeption und Präsentation
Ben Van Cauwenbergh

Licht
Bernd Hagemeyer

Videographie
Valeria Lampadova

Fotos
Mario Perricone
Bettina Stöß

 


Tänzerinnen und Tänzer

Deca Dance

Echad
Ensemble

La vie en rose

Hymne à l'amour
Adeline Pastor

Non, je ne regrette rien
Adeline Pastor

Les bourgeois
Denis Untila

Nathalie
Mariya Tyurina
Denis Untila
Herren des Aalto Ballett Essen

3 By Ekman

Tuplet
Julia Schalitz
Mariya Tyurina
Marie Van Cauwenbergh
Liam Blair
Yehor Hordiyenko
Take Okuda
Denis Untila

Der Nussknacker

Arabischer Tanz
Mika Yoneyama
Liam Blair

Blumenwalzer
Yuki Kishimoto
Yurie Matsuura
Mariya Tyurina
Nwarin Gad
Davit Jayranyan
Artem Sorochan
Damen des Aalto Ballett Essen

Coppélia

Coppélius
Tomáš Ottych

Romeo und Julia

Tybalt
Moisés León Moriega

Lord Capulet
Artem Sorochan

Lady Capulet
Maria Lucia Segalin

Julia
Yanelis Rodriguez

Romeo
Liam Blair

Ensemble

Irish Soul

Leprechaun
Adeline Pastor

Yehor Hordiyenko
Davit Jeyranyan
Denis Untila

Ensemble

Carmen / Boléro

Yurie Matsuura
Yanelis Rodriguez
Yulia Tsoi
Liam Blair
Moisés León Noriege
Denis Untila

Ensemble

Schwanensee

Odette
Mariya Tyurina

Siegfried
Artem Sorochan

Rotbart
Moisés León Noriega

Kleine Schwäne
Yusleimy Herrera León
Yuiki Kishimoto
Yurie Matsuura
Yulia Tikka

Schwäne
Damen des Aalto Ballett Essen

Max und Moritz

Nwarin Gad
Davit Jeyranyan

Cinderella

Cinderella
Yulia Tsoi

Prinz
Breno Bittencourt

Don Quichotte

Kitri
Yusleimy Herrera León

Basil
Moisés León Noriega

Freundinnen
Yurie Matsuura
Maria Lucia Segalin

Quichotte
Tomáš Ottych

Sancho Pansa
Denis Untila

Gamache
Liam Blair

Lorenzo
Magdy El-Leisy

Rosinante
Harry Simmons
Rebaz Rachid

Ensemble

Queen - The Show Must Go On

Ensemble


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Essen
(Homepage)




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